Wenngleich die Vorherrschaft des Autors immer noch ungebrochen ist
- auch die neue Kritik hat sie oft genug bestätigt -,
so wird sie doch seit längerem von einzelnen Schriftstellern attackiert.
Roland Barthes zur Situation der Literaturkritik anno 1968
Was Barthes unter dem Titel La mort de l'auteur literaturtheoretisch und scharfzüngig auseinanderlegt, richtet sich in demonstrativer Weise gegen eine methodisch verkürzte explication du texte, deren erklärtes Ziel die Erzeugung einer identifikatorischen Korrespondenz zwischen Autobiographie und Werkbedeutung ist. Die vom aufkommenden Strukturalismus geforderte Überwindung des Autors - eine moderne Figur, die unsere Gesellschaft hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im französischen Rationalismus und im persönlichen Glauben der Reformation den Wert des Individuums entdeckte - oder wie man würdevoll sagt, der "menschlichen Person" - und seine (daraus resultierende) Abwesenheit macht es daher ganz überflüssig einen Text "entziffern" [dechiffrer] zu wollen.
Erstes Gebot im Umgang mit Schöpfungen ästhetischer Provenienz: Der Autor wird unter keinen Umständen mit dem Werk identifiziert! Nie! Ferner, da es sich bei einem Gedicht unzweifelbar um ein künstlerisches Gebilde handelt, so politisch die vernommene Äußerung auch immer sein mag, wird unter gar keinen Umständen das lyrische/epische (Erzähler-) Ich mit seinem Urheber gleichgesetzt. Alles andere à la "Was wollte der Autor uns hiermit nur sagen?" spielt sich, entschuldigen Sie vielmals meine Indiskretion, auf dem Niveau ‚8. Klasse Hauptschule‘ ab, ist daher gänzlich indiskutabel. Es wäre sonst schlimm um die Kunst bestellt, da würden Sie mir sicherlich eifrig beipflichten, wenn sie jeden ihr entwichenen Flatus ausgiebig rechtfertigen müsste.
Grass gehörte, dies liegt zu meinen Gunsten vor, niemals zu meinen Lieblingsautoren, soviel ist auch zu meiner Verteidigung zu sagen. Überhaupt sind mir die Nachkriegsösterreicher und -schweizer immer lieber gewesen. Grass' Erzählgestus finde ich schlichtweg grässlich, es mangelt an gebührender Eleganz oder wenigstens an explosivem Potenzial. Wirklichen Humor sucht man fast überall vergebens, findet eine Prise davon vielleicht höchstens als verstreute Sentenzen in der Blechtrommel: Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext „Es werde Licht und es ward Licht“ wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor. Bis auf den obligaten Dammriß verlief meine Geburt glatt. Mühelos befreite ich mich aus der von Müttern, Embryonen und Hebammen gleichviel geschätzten Kopflage. Formidabelst! Und dann diese unerträglichen Längen, wahrlich eine abscheuliche Tortur! Demgegenüber war mir sogar die mit fortschreitendem Alter stetig sich steigernde, ubiquitär sabbernde Geilheit eines Walsers bekömmlicher als jene narrative Zumutungen.
Sie erblicken erlesen mich verwirrt. Worüber nur spricht die apostrophiert mediale Öffentlichkeit da momentan nur? Woher nur bezieht sie ihre voreiligen Schlüsse? Und warum zum Teufel melden sich Menschen in dieser Debatte zu Wort, verzeihen Sie die Ausdrucksweise, die außerstande sind, den Terminus Autonomieästhetik überhaupt zu buchstabieren.
Jawohl, machen wir eine Kunst, die das Provozieren lässt, eine Kunst, bitteschön, die politisch korrekt ist bis in ihre Metaphern, eine Kunst, die zäh an ihrem Autor haftet wie unerwünschter Kaugummi unter der Schuhsohle. Ziehen wir vor allen Dingen jene Künstler aus dem Verkehr, die sich anschicken, in Gebiete vorzudringen, die der globalpolitisch-militärischen Strategieplanung vorbehalten sind.
Ich jedenfalls könnte auf einen Konflikt im nahen Osten gut und gerne verzichten, auch deswegen schätze ich die Benennung unausgesprochener Wahrheiten. Benannt durch etwas, das man vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem Ort, von wo aus gesprochen wird, um Lyrik handelt, landläufig auch das lyrische Ich nennt. Der seichteste Biographismus, auf dem der einseitige Fokus der Medienberichterstattung derzeit liegt, verschleiert, fast möchte ich sagen mit einem berechnenden Kalkül, indem er verhindert, zudem auch die Zeilen zu vernehmen, auf die sich mein Auge richtet:
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Nein, Günter, gewiss hast Du Deine Tinte nicht ganz umsonst verschwendet, aber bitte, so flehe ich inständig, höre doch nun endlich auf damit, Dich literarisch öffentlichkeitswirksam weiter zu enthäuten! Der Autor soll doch wenigstens nicht ganz umsonst gestorben sein.