9. April 2012

Was bleibt

ist ein Hauch von innerlicher Erschütterung. Wenn ich an die Worte meiner letzten Mail an Dich denke, die ich nie wieder fand, auch als das erste, das schlimmste, Jahr vorüber und der Boden wieder spürbar  unter meinen Füßen war. Du seist nicht der Mittelpunkt meiner Welt und dass ich nicht immer um Dich kreisen kann oder so ähnlich hatte ich geschrieben. Eine Ahnung Deines Allein(gelassen)seins als Du den entscheidenden Schritt wagtest, der Dich auslöschte. Und meine Worte der Hauch der Dich, verlassen und balancierend auf dem Tightrope, vielleicht ins Wanken brachte, schließlich umwarf und stürzen ließ. Zwei Wochen zuvor, es war bereits zu kalt, um draußen zu sitzen, hatte ich Dich an einer Kreuzberger Bar an einen alten Songtext eines Liedes einer Band erinnert, die damals wie keine andere im Stande war, unserem jugendlichen Weltschmerz Ausdruck zu verleihen: My words are weapons, in which I murder you with/Please don't be scared, please do not turn your head. Damals, bei Erscheinen von Infest, bist Du 17 und ich 16 gewesen.
April 2012: Ich jetzt hier und Du irgendwo in der Ferne, während die Sonnen glühend über den einsamen Feldern untergeht. Es ist der inständige Wunsch, ich hätte, wenn ich doch die Zeit nicht mehr zurückdrehen kann, diese Worte nie zu Dir gesagt oder hätte sie revidieren können, das einzige, was mir bleibt.

5. April 2012

Grass oder: Wen kümmert's, wer spricht?

Wenngleich die Vorherrschaft des Autors immer noch ungebrochen ist
- auch die neue Kritik hat sie oft genug bestätigt -, 
so wird sie doch seit längerem von einzelnen Schriftstellern attackiert.
Roland Barthes zur Situation der Literaturkritik anno 1968


Was Barthes unter dem Titel La mort de l'auteur literaturtheoretisch und scharfzüngig auseinanderlegt, richtet sich in demonstrativer Weise gegen eine methodisch verkürzte explication du texte, deren erklärtes Ziel die Erzeugung einer identifikatorischen Korrespondenz zwischen Autobiographie und Werkbedeutung ist. Die vom aufkommenden Strukturalismus geforderte Überwindung des Autors - eine moderne Figur, die unsere Gesellschaft hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im französischen Rationalismus und im persönlichen Glauben der Reformation den Wert des Individuums entdeckte - oder wie man würdevoll sagt, der "menschlichen Person" - und seine (daraus resultierende) Abwesenheit macht es daher ganz überflüssig einen Text "entziffern" [dechiffrer] zu wollen
Erstes Gebot im Umgang mit Schöpfungen ästhetischer Provenienz: Der Autor wird unter keinen Umständen mit dem Werk identifiziert! Nie! Ferner, da es sich bei einem Gedicht unzweifelbar um ein künstlerisches Gebilde handelt, so politisch die vernommene Äußerung auch immer sein mag, wird unter gar keinen Umständen das lyrische/epische (Erzähler-) Ich mit seinem Urheber gleichgesetzt. Alles andere à la "Was wollte der Autor uns hiermit nur sagen?" spielt sich, entschuldigen Sie vielmals meine Indiskretion, auf dem Niveau ‚8. Klasse Hauptschule‘ ab, ist daher gänzlich indiskutabel. Es wäre sonst schlimm um die Kunst bestellt, da würden Sie mir sicherlich eifrig beipflichten, wenn sie jeden ihr entwichenen Flatus ausgiebig rechtfertigen müsste.
Grass gehörte, dies liegt zu meinen Gunsten vor, niemals zu meinen Lieblingsautoren, soviel ist auch zu meiner Verteidigung zu sagen. Überhaupt sind mir die Nachkriegsösterreicher  und -schweizer immer lieber gewesen. Grass' Erzählgestus finde ich schlichtweg grässlich, es mangelt an gebührender Eleganz oder wenigstens an explosivem Potenzial. Wirklichen Humor sucht man fast überall vergebens, findet eine Prise davon vielleicht höchstens als verstreute Sentenzen in der Blechtrommel: Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen. Noch heute kommt mir deshalb der Bibeltext „Es werde Licht und es ward Licht“ wie der gelungenste Werbeslogan der Firma Osram vor. Bis auf den obligaten Dammriß verlief meine Geburt glatt. Mühelos befreite ich mich aus der von Müttern, Embryonen und Hebammen gleichviel geschätzten Kopflage. Formidabelst! Und dann diese unerträglichen Längen, wahrlich eine abscheuliche Tortur! Demgegenüber war mir sogar die mit fortschreitendem Alter stetig sich steigernde, ubiquitär sabbernde Geilheit eines Walsers bekömmlicher als jene narrative Zumutungen. 
Sie erblicken erlesen mich verwirrt. Worüber nur spricht die apostrophiert mediale Öffentlichkeit da momentan nur? Woher nur bezieht sie ihre voreiligen Schlüsse? Und warum zum Teufel melden sich Menschen in dieser Debatte zu Wort, verzeihen Sie die Ausdrucksweise, die außerstande sind, den Terminus Autonomieästhetik überhaupt zu buchstabieren.
Jawohl, machen wir eine Kunst, die das Provozieren lässt, eine Kunst, bitteschön, die politisch korrekt ist bis in ihre Metaphern, eine Kunst, die zäh an ihrem Autor haftet wie unerwünschter Kaugummi unter der Schuhsohle. Ziehen wir vor allen Dingen jene Künstler aus dem Verkehr, die sich anschicken, in Gebiete vorzudringen, die der globalpolitisch-militärischen Strategieplanung vorbehalten sind.
Ich jedenfalls könnte auf einen Konflikt im nahen Osten gut und gerne verzichten, auch deswegen schätze ich die Benennung unausgesprochener Wahrheiten. Benannt durch etwas, das man vor dem Hintergrund, dass es sich bei dem Ort, von wo aus gesprochen wird, um Lyrik handelt, landläufig auch das lyrische Ich nennt. Der seichteste Biographismus, auf dem der einseitige Fokus der Medienberichterstattung derzeit liegt, verschleiert, fast möchte ich sagen mit einem berechnenden Kalkül, indem er verhindert, zudem auch die Zeilen zu vernehmen, auf die sich mein Auge richtet: 

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit
flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe

dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß. 


Nein, Günter, gewiss hast Du Deine Tinte nicht ganz umsonst verschwendet, aber bitte, so flehe ich inständig, höre doch nun endlich auf damit, Dich literarisch öffentlichkeitswirksam weiter zu enthäuten! Der Autor soll doch wenigstens nicht ganz umsonst gestorben sein.

3. April 2012

Unerreichbar

Dass ich ausgerechnet durch SPON in die Hände von Tina Solimann falle und wie ich dieses Buch, das verborgene Psychogramme freilegt, erst jetzt entdecken konnte. Ich, hinter einer Mauer aus Schweigen, die Meisterin des Verschwindens und des Abbruchs, das sich wie eine Konstante durch mein Leben zieht:
"Der Begriff Funkstille kommt aus der Schifffahrt. Er beschreibt die Einstellung des Funkverkehrs, damit Notsignale durchdringen können. Und nichts anderes bedeutet es auch in den Beziehungen von Menschen: Jemand schweigt, damit der andere hört, was er nicht sagt. Wie etwa: Lass mir Ruhe, Zeit zum Nachdenken. In unserer Beziehung stimmt etwas nicht. Vielleicht brauche ich auch für immer Ruhe, das weiß ich aber jetzt noch nicht. Ich muss erstmal zu mir kommen und gib mir bitte die Zeit."
'Treffend!', denkt sie sich und löste sich in Luft auf.