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3. September 2014

Amor fati

Viel zu viel Lebenszeit verschwendet an vergebliche Wünsche, irgendwie anders zu sein. Ausgeglichen (statt andauernd aufbrausend), zierlich (statt athletisch), ein wenig kleiner (statt in selten getragenen Heels fast 1,90m groß), durchorganisiert (statt chaotisch und impulsiv), mit geschmeidig glattem Haar (statt mit wilder, widerspenstiger Mähne), auch karriereorientierter (statt verliebt und versunken in unzählige Wissensgebiete, die immer nur weiter ausufern). Und doch an dieser Stelle meines Lebens auf eine seltsam ungewohnte Weise ins Reine gekommen, sehr zufrieden mit allem, den früheren Weichenstellung und Entscheidungen, die mich an diesen Punkt führten. Längst verlassen die Sphären des rein Hypothetischen des "Was wäre wenn?". Den theoretischen Erwägungen eine Haltung an die Seite gestellt, die ganz im Handeln verwurzelt ist und das Gegebene nicht nur annimmt, sondern tatkräftig gestalten will. Auf dem Weg jedenfalls.

Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen — aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen —, sondern es lieben
Nietzsche: Ecce Homo – Warum ich so klug bin, § 10

11. Januar 2014

Dauerstrom ( I ♥ it, but it's killing me...)


Ab Oktober dann neigt sich der intellektuelle Leerlauf, den die Elternzeit mit sich brachte und wie ich im rückblickendem Vergleich inzwischen guten Gewissens behaupten kann: endlich dem Ende zu und die Kleine geht, mancherorts kritisch beäugt, mit zarten neun Monaten in die Kita. Zuerst weint sie dort viel, schläft erst nach zweieinhalb Wochen das erste Mal dort zu Mittag, davor nur halbe Tage Aufenthalt. An jenen Tagen quält mich meine gewohnte Ungeduld, erwäge ich Szenarien des Scheiterns dieser Eingewöhnungsnummer, um sie kurz danach wieder zu verwerfen. Das muss klappen, es gibt keine Alternative beschwöre ich mich. Indes studiere ich exklusive nächtlicher Vokabellernsessions in Altgriechisch und Latein, wenn die Kleine schläft, wieder Vollzeit; arbeite insgesamt konstant über der 50-Stunden-Marke, während M. eine 12-Stunden-Nachtschicht nach der anderen abreißt, damit die Staffelstabübergabe täglich glückt. Auch mit Omis und Opis stehen wir im engen organisatorischen Bunde; allesamt ostdeutsch sozialisiert, daher keinerlei Irritation über den Wunsch, wieder mit anderen Dingen betraut zu sein als der Kindesversorgung, ihnen ging es da vor drei Jahrzehnten auch nicht anders. Einziger Wermutstropfen: sie selbst haben alle noch mindestens 10 Jahre Berufsleben vor sich, sonst lägen die Dinge wahrlich noch unkomplizierter.
Antiproportional zu meinen Augenringen wächst wöchentlich die Begeisterung, dass das Hirn endlich wieder Fahrt aufnehmen darf. Am Anfang sind meine Hypotaxen zwar wie üblich philosophisch angereichert, aber irgendwie holprig, fragmentarisch, breiig. Von Woche zu Woche und mit steigendem (Arbeits-)Pensum werde ich produktiver, werden Gedankengänge luzider, Argumentationen sicherer und zunehmend subtiler. Ich mache Fortschritte bei der Lektüre altsprachlicher Originaltexte, lerne 600 Vokabeln seit Mitte Oktober, verinnerliche Phänomene lateinischer Syntax und Stilistik. Die Welt der Antike öffnet sich meinem ungestillten Wissensdurst.  Es ist ein Zustand aufmerksamer Spannung. Wie ein römisches Heer in Schlachtordnung agmen et stare paratum et sequi, nec turba, nec sarcinis praegrave, intentum ad ducis non signum modo, sed etiam nutum... Ein Zustand gesteigerter Wachheit ganz gleich wie kurz die Nächte sind. So fit habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Was meine Universalthese stützt, dass mehr Bewegung im Alltagsleben mit quasi-kausaler Zwangsläufigkeit auch eine Steigerung von Kraft, Konzentration und Ausdauer impliziert. Trainingseffekte des (sich) regen(den) Geistes, auf den Körper konnte ich mich da schon immer besser verlassen. In meinen Vorstellungen wechseln sich Bilder von mir vor einer 30-köpfigen Klasse über den Unterschied von Gerundivum und Gerundium, den Gebrauch von Irrealis, Potentiales, Hortativ und Prohibitiv fabulierend mit jenen ab, die mich vor dem Hintergrund eines Lehrergehaltes durch die Welt reisend zeichnen: Island, Kanada, Südafrika, Réunion, Neuseeland; Rocky Mountains, Anden, Himalaya (jeweils nach Sehnsucht geordnet).

17. November 2013

Über Verantwortung

"Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt."
Große Aufgaben und das beständige Nachsinnen, wie man diese bewältigen könnte. Dazwischen: immer wieder Fünkchen eines längst verloren geglaubten Idealismus, dass die Möglichkeit zu gestalten vielleicht doch keine bloße Fiktion bliebe. Zudem: ein Schmulzen darüber, an dieser Stelle meines Lebens erneut mit einem Lehrer eines früheren Lebens konfrontiert zu werden, bevor dieser sich nach der Annagelung seiner letzten Thesen an die FU-Bürotüre für immer in schöngeistige(re) Sphären zurückzog. Einführung in die Epistemologie diese Initialzündung meines ersten akademischen Lebens als Philosophin. Und jene bis heute andauernde Neugierde.

27. August 2013

Brief an die Mutter



...Wenn ich da ganz ehrlich bin, wird die Philosophie bei den engagiertesten Lehrerplänen insgeheim immer meine heimliche Passion bleiben, sonst hätte ich wohl nicht auf derart abenteuerlichen Umwegen zu ihr gefunden. Bis heute wirkt ihr verführerischer Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Dennoch bin ich inzwischen immer mehr der Überzeugung, dass ihre akademische Institutionalisierung, der unbedingte Publikationszwang und die damit verbundene Verflachung von Inhalten, ihre Ausrichtung nach intellektuellen Moden und ihre unbeholfenen Anbiederungsversuche mit den faktischen Wissenschaften (Logik, Neurobiologie, Informatik, Linguistik) meine Kreativität dauerhaft abgetötet und mich als wissenschaftliche Mitarbeiterin sehr unglücklich gemacht hätten. Ganz zu schweigen von den prekären Zukunftsaussichten unserer Gattung der "Vollblut-Intellektuellen" (Hartz IV, Befristungen, unbezahlter Lehrzwang) und der Versklavung im Zeichen renommierter Forschungsvorhaben mittels Knebelverträgen, welche die täglichen Frondienste den zweifellos wohl alimentierten Lehrstuhlinhabern gegenüber arbeitsrechtlich rechtfertigen und zementieren. Freie Wissenschaft unter diesen Umständen? Ich geb' mich da keinen Illusionen mehr hin.
Das Fach Ethik (Klasse 7-10) bzw. Philosophie (Klasse 11-12) werde ich wohl im Übrigen (weil es auch hier berlin- und bundesweit an ausgebildetem Personal mangelt) zusätzlich zu den Fächern Deutsch und Latein unterrichten können. Und was spricht, hat sich das ganze Lebensmodell erst einmal eingespielt, bei 76 Urlaubstagen eigentlich gegen das eine oder andere Blockseminar, was man zusätzlich an der Universität anbieten könnte? Ohne den beständigen Druck, den eigenen Lebensunterhalt dadurch bestreiten zu können/müssen. Aus einer derart abgesicherten, ja, privilegierten Position, finanziell von dem System Universität unabhängig zu sein, ließe sich dann ggf. nochmal neu über den Erwerb eines Doktortitels und etwaige Veröffentlichungen nachdenken. Die müssten dann aber unbedingt in die Tiefe gehen und Philosophie als jene Tätigkeit zu profilieren suchen, die sich keinem anderen Interesse als dem aufrührerischen, grenzüberschreitenden und experimentellen Denken selbst verpflichtet sieht.
Du siehst, die Dinge kommen nach einer langen und unerträglichen Phase der Lähmung auf wundersame Weise wieder in Bewegung. Resignation und Stagnation weichen Zuversicht und ungeheurem Tatendrang und dahinter erkenne ich mich selbst endlich wieder und habe allmählich eine Idee davon, wie ich mein Leben von nun an gestalten möchte. Der Grundstein jedenfalls ist längst gelegt. Und dies alles? – Steht es vielleicht in einem geheimen Bund mit der 30, der man schon so manch' magische Kraft nachgesagt hat? Who knows?

Mit Haut und Haar in die lateinische Satz- und Formenlehre vertieft und voller Vorfreude!
C.

8. Oktober 2012

Maieutik

Daß man, wenn es einem im Wahrheit gelingen soll, einen Menschen an einen bestimmten Ort zu führen, vor allen Dingen darauf achten muß, ihn dort zu finden, wo er ist, und allda zu beginnen hat.
Kierkegaard, 1859

...und vielleicht zeichnen sich darüberhinaus - und vor dem Hintergrund sich überstürzender Ereignisse der Frage und Entscheidung neu überantwortet, welchen Weg die nächsten Jahre beschreiten - immer stärkere Konturen einer Fiktion ab, wie ich mich ausgehend von dem Glauben an eine wirkliche Berufung jenseits geisteswissenschaftlicher Sklavendienste (Lektorat, PR, Redaktion und Presse, Projektarbeit in Medien und Kultur im weitesten Sinne) beruflich entwickeln könnte. Erst halb ausgegoren und doch ganz erhebend die Vorstellung, es könnte dort einen Platz geben, der mir vorbehalten ist und von dem aus mein Wunsch nach Vermittlung von nicht bloß faktischen Sinngehalten und (existentiell verstandener) Betroffenheit wirken kann.

26. August 2012

Wie das wohl werden wird,

überlege ich. Im nächsten Jahr und in den vielen darauf folgenden Jahren. Wie die Fragen und die Gedanken  beständig um Dich kreisen und mit dem Bäuchlein allmählich heranwachsen. Vor allem: Wie Du wohl sein wirst, wenn Du erst auf der Welt bist? Von impulsiver Wesensart, doch gleichzeitig der Melancholie so nah wie ich, oder eher tiefenentspannt und unkompliziert wie Dein Papa? Unsere innere Ausgeglichenheit steht im Bündnis mit ganz viel Neugier und dem anhaltenden Erstaunen, dass wir in absehbarer Zeit Eltern sein werden. Eine Familie. Unfassbar. Langsam bekommt auch der Bauch eine unübersehbare Gestalt, auch wenn er sich noch in außergewöhnlicher Zurückhaltung (selbst die Ärztin war im Angesicht der fortgeschrittenen Zeit verwundert) nach außen wölbt. Innerlich schließe ich indes täglich Wetten mit mir ab, ob ich die Kurve der Vermeidung scheußlicher Maxi-(Brust/Bauch/Po)-Umstandsmode, die mich nach Betreten eines einschlägigen Geschäfts neulich derart schockiert hat, dass sie, die unerträgliche Geschmacklosigkeit, mich panikartig in die Flucht schlug, doch noch kriegen werde. Noch jedenfalls bin ich optimistisch.

3. Juni 2012

Große Veränderungen

Die letzten Wochen haben mich schlagartig aller Worte beraubt, um die ich sonst beständig ringe. Sprachlos bin ich seitdem gewesen. Und doch innerlich derart bewegt, aufgeregt, angsterfüllt und neugierig. Alle Regungen zappeln zur gleichen Zeit in mir, während M. mir schon seit Wochen komplizenhaft zuzwinkert. Keinerlei Befürchtung liegt in seinem Grinsen, bloß strahlende Zuversicht, die aus seinen Augen blinzelt. Noch in diesem Jahr also, noch bevor die furchterregende 30 Mitte 2013 mein Alter zieren wird. Nicht übel, denke ich, wenigstens etwas. Mein kleines, bescheidenes Sedativum.

2. Februar 2012

Datenträgernostalgiker

Es ist Weihnachten 1996. Ich werde, gerade dreizehnjährig und freilich hochgradig pubertierend, von meinem Opa für ein festliches Foto auf die großelterliche Eckcouch dirigiert, zu Mutter, Vater, der Oma, Tante und Onkel, die dort bereits sitzen. Eilig arrangiert und akurat drapiert wird das Motiv, die kleine Familie. Schließlich wird dreimalig der Auslöser des Apparats im Plastikgehäuse betätigt. Ein seitdem nahezu deterministisches Ritual, weihnachtsstrukturierend.
Und, da, wie Christian Stöcker in seinem höchst unterhaltsamen Buch Nerd-Attack!, das die Kaltmamsell ob seines spritzigen Faktenreichtums kürzlich nebenan anpries, konstatiert, dass die Fähigkeit zur "Nostalgie eine der Eigenschaften [ist], die den Menschen vom Tier unterscheidet, weil er ein Bewusstsein seiner selbst und seiner Geschichte besitzt", bietet die Erinnerung an den ratternden Kasten auch meinem Leben einen unermesslichen, oft allzu unterschätzen Halt im Getose des 21. Jahrhunderts. In einem Zeitalter nämlich, das vom beständigen "Verschwinden des Analogen" gekennzeichnet ist, ertönt mit dem knirschend knatternden Mechanismus gleichzeitig der Schwanengesang einer längst überholten Technik. Da meine überstarke Datenträgernostalgie, (insbesondere das Medium Buch betreffend) jedoch meist ohne die monierten "agressiven Züge" auskommt, sondern sich eher mit der Melancholie zu paaren gesellt, frage ich mich jedes Jahr auf's Neue, ob mein armer Opa im Jahre 2012 für die Abzüge erst mühsam in das Auto oder den Bus steigen muss, in die nächste größere Stadt zu gelangen, um die paar geknipsten Weihnachtsbildchen zu entwickeln, weil ja alle Fotogeschäfte in der Kleinstadt bereits seit Jahren geschlossen sind. Der alljährlichen Betätigung des alten Kastens tun jene Unwägbarkeiten jedoch bisher keinen Abbruch.

31. Dezember 2011

M. und ich diskutieren beim Frühstück mit Prosecco-Kopfschmerz (bei mir) und Augenringen (bei uns beiden) über das ins Land gegangene Jahr, um das meine Gedanken in den letzten Tagen kreisen. M. legt mit seinem naturgegebenen Pragmatismus mal wieder den Finger exakt in die Wunde (hat nun schließlich auch schon 5 Jahre Übung). Mein ständiges Zerstreutsein - buchstäblich - diese meine absolute Unfähigkeit, den Geist über lange Strecken auf dieselbe Stelle zu fokussieren. Dabei gleichzeitig der quälende Eindruck, beständig hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben. Voilà, das maßgebliche Spannungsfeld, in dem mein Leben so seine Bahnen zieht.
Wie ein Gelangweiltsein vom Tapetenmuster, während das Zimmer endlich wieder einen Boden hat, auf dem ich stehe, finally. Auch das für 2012: ein wenig mehr Demut vielleicht.

2011 - over...

Wäre dieses Jahr der Entwurf eines Roman gewesen, gehörte er geradewegs zerknüllt, in Stücke gerissen oder gar in den Müll geworfen. Bar jeder Vision, ein hochfunktionabler Mechanismus aneinandergereihter Automatismen zwar, aber alles in allem nur wenig mehr als dies (bis auf die wunderbaren Bücher, die ich las und die Landschaften, die an mir vorbeizogen, an denen ich vorbeizog). Mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber der Symbolkraft von Jahreswechseln wünsche ich mir insgeheim, das würde endlich anders werden, bei aller Melancholie würde die Unmittelbarkeit des Leben wieder Oberhand gewinnen über die Gedanken an Vergänglichkeit und Tod. Der passionierte Zug ist es, der mir irgendwie abhanden kam, an dessen Stelle ein stagnatives Element trat, das mich seitdem lähmt. Auch hierin bietet dieses Jahr eine fade Spiegelung von 2010 ergänzt um wenige luzide Momente der Selbsterkenntnis und die Absicht, zurückzufinden zu einem Modus der Entschlossenheit, einer Tiefe der Überzeugung. Vita activa et contemplativa.