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17. November 2013

Über Verantwortung

"Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt."
Große Aufgaben und das beständige Nachsinnen, wie man diese bewältigen könnte. Dazwischen: immer wieder Fünkchen eines längst verloren geglaubten Idealismus, dass die Möglichkeit zu gestalten vielleicht doch keine bloße Fiktion bliebe. Zudem: ein Schmulzen darüber, an dieser Stelle meines Lebens erneut mit einem Lehrer eines früheren Lebens konfrontiert zu werden, bevor dieser sich nach der Annagelung seiner letzten Thesen an die FU-Bürotüre für immer in schöngeistige(re) Sphären zurückzog. Einführung in die Epistemologie diese Initialzündung meines ersten akademischen Lebens als Philosophin. Und jene bis heute andauernde Neugierde.

1. April 2013

Dreißig Winter

Dass wir, die wir ganz und gar begrenzt sind, etwas geschafft haben, das uns übersteigt. Das uns, wie M. sagt, wenn alles gut geht, überdauert, das haut mich immer wieder um. Dreißig Winter habe ich hinter mich bringen müssen, um etwas derartiges zu fühlen. Möge immer alles gut gehen dies ist ab jetzt meine größte Hoffnung.

5. Dezember 2012

"Es ist das Nutzloseste auf der Welt"


Sternstunden im deutschen TV. Kurz nach Mitternacht. Reinhold Messner beim bundesrepublikanischen Traumschwiegersohn zu Gast. Ich überlege kurz wegzuschalten. Von minutiöser philologischer Arbeit gänzlich ermattet, beugen sich prompt alle inneren Widerstände dem Versprechen vermeintlich seichtester Unterhaltung. Jene, die mich lange kennen, wissen zudem von meiner Schwäche für Extremsportler (Huber-Brüder, Baumgartner, McNamara), schrullige Intellektuelle und traumwandlerische Musiker, Komponisten, Kunstschaffende im Allgemeinen.
Aller Anfangsskepsis zum Trotz schreitet das Gespräch fruchtbar fort, beginnt vor dem Hintergrund der luziden Schilderungen physischer und psychischer Grenzerfahrungen des 68-jährigen Bergsteigers, der mich schon als Kind, vermutlich wegen seiner Frisur, an eine ältere Version meines eigenen Vater erinnerte, um die großen existentiellen Fragen zu kreisen: Balanceakte über Abgründen und das Genie des Wegsuchens, Haben und Sein, Sinnhaftigkeit und Zweck, Abenteuer, Herausforderung und Überwindung, Intensität und Selbsterhaltung. 
Mein Zuschreibungsapparat funktioniert trotz der fortgeschrittenen Tageszeit noch ausgezeichnet, das beweisen jene wilden Assoziationsketten, die mein Hirn Messners Antworten kommentierend angedeihen lässt. Immer wieder rumort es im Hinterstübchen: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche (Und wer über sich hinaus schaffen will, der hat mir den reinsten Willen, Za II, KSA 4, S. 157)...und ein wenig Bataille natürlich. Bergsteigen als riskantes Aussetzen des Lebens "an den Rand der Möglichkeiten", um es mit gesteigerter Empfindung wiederzuerlangen. Das bewusste Sich-Begeben in das nicht länger Kalkulierbare verstehe nicht nur ich, so wird es im Laufe von Messners Ausführungen immer deutlicher, als Affront gegen bürgerlichen Mäßigungswahn und Optimierungslogiken sondern als (ästhetisches) Konzept der Verausgabung und Selbstüberschreitung, auch wenn er die gedankliche Essenz auf eine andere Sprache stützt als ich, andere Worte für dasjenige findet, das auch ich zu meinen glaube: "Ich will, dass sich junge Menschen ausdrücken...die Arbeit ist sekundär, sich ausdrücken ist viel wichtiger. Seinen Weg finden ist die Kunst...Und diese Fähigkeit, etwas ganz zu machen, bis zur letzten Konsequenz zu machen, habe ich auch beim Bergsteigen gelernt und nicht in der Schule.“
Als ich nach dem einstündigen Interview angeregt, inzwischen aber mit einer gewissen Bettschwere ausgestattet, ins Schlafzimmer wanke, bin ich innerlich von den mitgeteilten Erfahrungen noch derart bewegt, dass ich M., der mal wieder Nachtschicht schiebt, noch schnell eine SMS schreibe: "Gerade ein äußerst beeindruckendes Interview von Reinhold Messner gesehen und seitdem überlegt, ob Nietzsche sich seinen Übermenschen in etwa so vorgestellt haben könnte..." Eine morgendliche Lektüre des Zarathustra bestätigt meinen Eindruck: 
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, — ein Seil über einem Abgrunde.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.

5. August 2012

Alles nach Plan

Die Nachricht ist inzwischen in alle Lebensbereiche, Freundes- und Familienkreise gesickert und schon lange halten sich die Anflüge von Panik (bis auf den anstehenden Geburtsakt) in Grenzen. Der weihnachtliche Geburtstermin ist inzwischen ebenso verdaut wie die Angst vorm Fett- und vor allem Unsportlichwerden. Keine der angedrohten Szenarien bewahrheitet sich: Keine Wassereinlagerungen, keine Fettpolster, stattdessen immer wieder von außen an mich herangetragene Verwunderung: "Was bitte? Ende fünfter Monat soll das sein? Willst Du mich verarschen, so sieht mein Bauch nicht mal unschwanger aus". Selbst die Aufschläge und Hetzjagden beim Speedminton noch keine größere Hürde, wenig Kurzatmigkeit, Joggen funktioniert ausgezeichnet, Schwimmen sowieso. Manchen Rennradfahrer muss ich trotz innerer Widerstände zwar ziehen lassen, aber die schwerfälligen Prenzl'-Bergerinnen stecke ich locker noch in die Tasche. Dass mir nie schlecht war und jegliche Nahrung weiterhin schmeckt, ein Geschenk des gnädigen Gottes in der besten aller möglichen Umstandswelten. Überhaupt, durch die regelmäßigen Spaziergänge durch den Kiez im Angesicht der vielen Väter mit kreisrundem Haarausfall und ältlicher Mütter (by the way: Ob unsere Mamas wohl für die Mutter unseres Kindes gehalten werden, sobald sie den Wagen alleine durch die Straßen schieben, wenn es dann soweit ist? Diese Frage amüsiert M. und mich nachhaltig und seit Wochen), die die besten Zeiten bereits hinter sich haben, bestätigt, steht eines immer deutlicher vor Augen: 29 scheint ein gutes Alter, nicht nur in Bezug auf Rückbildung, berufliche Flexibilität und zu erwartendem, gemeinsamen Zeithorizont mit dem Kinde, sondern vor allem, weil wir kraft unseres Alters (zu Zeiten meiner Eltern wären wir schräg beäugte Spätgebärende gewesen) vielleicht die Klippen der nervigsten Debatten, die sich um allerhand Materielles drehen (Eigentumswohnung hier im Kiez, Erbschaft, Familienkutsche, Ehevertrag, Lebensversicherung und der ganze Kram, der uns nicht allzu viel bedeutet), galant umschiffen könnten, da man uns als Gesprächspartner schlichtweg nicht auf eigener Augenhöhe wahrnimmt, hoffentlich!
Der Facharzt für Pränataldiagnostik dann sichtlich amüsiert über unser Auftreten. Drei Spätgebärende wären vor uns im Sprechzimmer gewesen, weit über vierzig, etwas verkrampft, auf jeden Fall mit hypochondrischen Tendenzen. Niemand Anfang dreißig, geschweige denn in den Zwanzigern, manchmal eine ganze Woche lang! Einfach deprimierend sei dies, diese immergleichen Pärchen mit den immergleichen Fragen. Das Panorama des Wartezimmers bestätigt die Aussage: Zwischen fleißigen Verwaltungsbeamten und Unternehmesberatern, Juristen und Wirtschaftsprüfern in schlecht sitzenden, aber mit Verlaub teuren Anzügen, schwitzend und mit Bauchansatz neben ihren früh ergrauten etwas aus der Form gegangenen Partnerinnen in Stefanel, Strenesse und Feinstrumpf M. und ich. Er in knielangen Cargos und Punk-Shirt, ich im gepunkteten Sommermini mit Keilwedges. Beide sommerlich ungekämmt, mit Mückenstichen an den Beinen und zwischen schlechter, aber großformatiger Kunst herrlich deplaziert. So wird einem zumindest nicht langweilig in dem ganzen Schwangerschaftskosmos mit seinen eisernen Regeln, seiner Deutungshermetik, seinen Vorschriften, Vorsichtsmaßnahmen und dem ganzen Schabernack, so bleibt immer noch ein wenig Lästerwertes übrig, denke ich mir und kaufe mir im Späti eine Club Mate, dieses Koffein-Teufelszeug, das weisen Müttern zufolge (wie Haarefärben, Kaffee und zuviel Sport und Stress natürlich)  Fehl- wenigstens aber Frühgeburten auslösen soll. Das Kind schlägt in meinen Bauch ausgelassene Purzelbäume und freut sich.

3. April 2012

Unerreichbar

Dass ich ausgerechnet durch SPON in die Hände von Tina Solimann falle und wie ich dieses Buch, das verborgene Psychogramme freilegt, erst jetzt entdecken konnte. Ich, hinter einer Mauer aus Schweigen, die Meisterin des Verschwindens und des Abbruchs, das sich wie eine Konstante durch mein Leben zieht:
"Der Begriff Funkstille kommt aus der Schifffahrt. Er beschreibt die Einstellung des Funkverkehrs, damit Notsignale durchdringen können. Und nichts anderes bedeutet es auch in den Beziehungen von Menschen: Jemand schweigt, damit der andere hört, was er nicht sagt. Wie etwa: Lass mir Ruhe, Zeit zum Nachdenken. In unserer Beziehung stimmt etwas nicht. Vielleicht brauche ich auch für immer Ruhe, das weiß ich aber jetzt noch nicht. Ich muss erstmal zu mir kommen und gib mir bitte die Zeit."
'Treffend!', denkt sie sich und löste sich in Luft auf.

23. Februar 2012

Über Helme und Haare

Ich könnte nicht mal annähernd sagen, wie oft ich in meinem Leben den immergleichen Spruch in Bezug auf meine flachshaarige Mähne gehört habe. Immer und immer wieder wurde da (meist etwas schadenfreudig, was ich bei Glatzen viel eher verstanden hätte) konstatiert, dass die Miss stets einen keratinen Helm mit sich führe. Manchmal bin ich, aus mir unerfindlichen Gründen, sogar gefragt worden, ob ich gar Perücke trüge. Schienen mir die Fragenden ihrem Wesen nach grundsätzlich angenehm, durften sie sich durch einen packenden Griff an meinem Schopfe von der Tatsache überzeugen, dass das störrische Gewusel aus den körpereigenen Papillen gesprossen kam. Die immer gleiche Leier also. Unaufgefordert konnte ich sie da aus allen Windrichtungen heransäuselnd vernehmen, die Tipps und Tricks, nach denen ich an keiner Stelle verlangt hatte: Von A wie Ausdünnung über G wie den richtigen Gebrauch von Glätteisen bis hin zu Z wie angemessene Zopfbändigungen. Und immer blieb ich, um ehrlich zu sein, etwas ratlos zurück, weil mir selbst stets die Damen besonders leid getan hatten, deren flaumartiger Haarwuchs, die Kopfhaut durchschimmern ließ, oder deren Haar wie strähnige Spaghetti am Kopf festzukleben schien. Ich war mir also keines äußeren Makels bewusst, daher immer sehr erstaunt und auch etwas belustigt im Angesicht des entgegenschlagenden Haarhohns. Doch seit Amy Winehouse das endlose Auftoupieren zur olympischen Disziplin auserkor (und Unzählige ihr nacheilten), Extensions zum Standardprogramm eines jeden Friseurs gehören und selbst die Models in den Katalogen sich zu bardotartigen Helmen bekannten, für die ihr feines Haar zuvor bestimmt stundenlange Torturen litt, während ich nur aus dem Bett steige und auf das Kämmen verzichte, atme ich auf und fühle mich, wenn selbst Kulturzeit im Abspann ein solch prächtiges Musikvideo der bezaubernden The Kills und der noch bezaubernderen Alison Mosshart zeigt, auf das Beste bestätigt. Derangement (bei aller Äquivokation!) is very attractive. Indeed it is. 
Schon erstaunlich (bei aller Hyperprojektion), die subtile Ähnlichkeit der Fotos mit uns, dem Gefährten und mir.





16. Februar 2012

Bataille

Ich gehe von einer elementaren Tatsache aus: der lebende Organismus erhält, dank dem Kräftespiel auf der Erdoberfläche, grundsätzlich mehr Energie als zur Erhaltung des Lebens notwendig ist. Die überschüssige Energie (der Reichtum) kann zum Wachstum eines Systems (zum Beispiel eines Organismus) verwendet werden. Wenn aber das System nicht mehr wachsen und der Überschuß nicht gänzlich vom Wachstum absorbiert werden kann, muß er notwendig ohne Gewinn verloren gehen und verschwendet werden, willentlich oder nicht, in glorioser oder katastrophischer Form.

Wie konnte ich nur so lange Zeit derart unachtsam an Dir vorbeischauen, während mein (philosophisches) Nachdenken doch beständig um Überschreitung, Verausgabung, Rausch und Exzess zu kreisen gewohnt war? Wie Dich ignorieren, bei meinem Hang zum Nicht-Identischen, höchstens noch als verstiegenen Spinner Dich abtun?
Und das, obwohl Dein Name in ein Verb verwandelt batailler, zu deutsch also kämpfen, heißt und Du den Mut hattest, in die Nachkommenschaft von Nietzsche und Artaud Dich einzureihen ohne von ihrem übermächtigen Schatten verschluckt zu werden. Ich habe nun viel vor mit Dir und greife begierig nach jeder Zeile, die das Blut, mit dem sie geschrieben, sichtbar macht, denn hierin bin ich gewiss kein Müßiggänger. (Zarathustra: Vom Lesen und Schreiben)

13. Februar 2012

Verschleudern von Vermögenswerten (Art. 165, Schweiz. StGB)

Dieses raumgreifende Misswirtschaften als Dauersymptom! Geld, Zeit, Konzentration. Alles rauscht einfach so ziel- und steuerlos dahin. Die Nächte werden gerade überlang. Morgens dann liege ich ab halb sieben hellwach, gleichzeitig bleischwer, untätig manchmal bis elf unter der Bettdecke und starre Schlaglöcher in die eintönige Decke. Dabei konnte ich noch nie so unbeschwert (und das war wirklich harte Arbeit) dem nachgehen, was ich nun, da es machbar wäre, täglich schmähe. Grausames Paradoxon. Und weil ich mich selbst darin beständig allzu wichtig nehme, zieht sich alles Angefangene bei mir immer bis ins Endlose und wird nur mit viel Anstrengung gegen innere Widerstände - wie die Ansprüche bis zur Decke aufgestapelt - zum Abschluss gebracht. Durchhalten, das gehörte wahrlich noch nie meinen Generaltugenden an. Demgegenüber die Omnipotenz des Erfindungsgeistes, während er täglich allerlei Vermeidungsstrategien ersinnt.

4. Februar 2012

guttenborgen oder: Von der Erfindung neuer Verben

Nie werde ich jene Mitmenschen verstehen, die sich anschicken, pausenlos gegen die momentane Wetterlage zu protestieren. Für mich bietet das Berlinische Sibirien, das täglich im nicht enden wollenden Sonnenschein versinkt, ein Traum von einem Winter! Wer, zum Henker, frage ich mich insgeheim, sehnt sich unter diesen blendenden Voraussetzungen bloß nach minimalen Plusgraden und Fitzelniesel, der in die kleinste Pore kriecht? Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den Prenzl' Berg nach Pankow (und froh, die letzten Wochen keinen Schirm benötigt zu haben), weil das Hirn von philosophischer Lektüre bereits rauchte, die feinen Neuronennetze unter Dauerfeuer fast explodierten, mit Lolli im Mundwinkel, schaffte ich begleitet von frischem Minztee mehr als die halbe ZEIT und fand, um ein besonderes Fundstück reicher, nicht mehr zu meiner eigentlichen Arbeit zurück (Ach, Samstage!).


22. Januar 2012

Soulmate

...dazu besingt Perry O'Parson, dieser wunderschöne Mann, über den Dächern von Dublin eingängig und in epischen Wendungen das Leben - eine Nacht könnte indes schöner kaum sein.
 

31. Dezember 2011

M. und ich diskutieren beim Frühstück mit Prosecco-Kopfschmerz (bei mir) und Augenringen (bei uns beiden) über das ins Land gegangene Jahr, um das meine Gedanken in den letzten Tagen kreisen. M. legt mit seinem naturgegebenen Pragmatismus mal wieder den Finger exakt in die Wunde (hat nun schließlich auch schon 5 Jahre Übung). Mein ständiges Zerstreutsein - buchstäblich - diese meine absolute Unfähigkeit, den Geist über lange Strecken auf dieselbe Stelle zu fokussieren. Dabei gleichzeitig der quälende Eindruck, beständig hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben. Voilà, das maßgebliche Spannungsfeld, in dem mein Leben so seine Bahnen zieht.
Wie ein Gelangweiltsein vom Tapetenmuster, während das Zimmer endlich wieder einen Boden hat, auf dem ich stehe, finally. Auch das für 2012: ein wenig mehr Demut vielleicht.

29. Dezember 2011

Kleine Abschiede

Einem neunjährigen Mädchen und ein fünfjährigen Jungen werde ich diesen Schatz aus Plastik, Pseudostrass und lackiertem Metall morgen darreichen. Gestern beim Aussortieren etwas Wehmut im Angesicht der vielen temps perdu, ihrer in Neonfarben materialisierten Reliquien. Und ich erinnere mich, wie ich damals, vor über einer halben Dekade, mit jenen kolossalen Metallsternen in den Ohrläppchen immer donnerstags in den Sage Club radelte, während diese die Ohren im Gegenwind zum Flattern brachten. Vorher hatte ich Psalmi et orationes gelesen - ich habe viel Petrarca gelesen seinerzeit, auch Dante, Montaigne und Erasmus von Rotterdam und kam für gewöhnlich zu spät zu jeglichen Verabredungen, weil ich zuhause immer noch lange Zeit herumtrödelte, Musik hörte oder las. Daher galt die stillschweigende Abmachung, Freunde direkt auf der Tanzfläche zu treffen, damit sie sich schon mal warm machten. Später dann, draußen dämmerte schon der graue Morgen herauf, kam ich auf dem Dragon Floor bei Industrial und Hardcore richtg in Fahrt und manchmal blieb in meiner Entfesselung ein armer, unbeteiligter, in sich selbst versunkener Tänzer an riesigen Sternen, Kugeln, Creolen hängen oder wurde unsanft daran aufgespießt. Einmal, in der Erinnerung inzwischen umdunkelt, war die Tanzfläche derart überfüllt und ich, wegen irgendeiner Kleinigkeit verärgert, daher innerlich auf 180 und bereit zu allem, verlor bei Take a look around (musikalisch leichteste Crossover-Kost) irgendwie die Fassung und schlug einem hinter mir Tanzendem eine blutige Nase, ein anderer riss mir kräftig am Ohrläppchenschmuck und verpasste mir fast ein Schlitzohr. Seit diesem Ereignis trage ich im Übrigen keine überdimensionale Ohrringe mehr, die schwer, spitz und metallisch sind und verschenke sie inzwischen an Mädchen, die meine Töchter sein könnten. Crossover-Platten lege ich auch nur noch dann auf, wenn ein immenser Alkoholgenuss mich dazu nötigt. Die Tasche mit den Rockabella-Accessoires, dem Schmuck, den Sonnenbrillen, Buttons und Tüchern, ist mit dem Klimperkram derart schwer beladen, dass ich sie wohl kaum mit dem Fahrrad zu den Kindern transportieren werde. Jedenfalls habe ich jetzt derart viel Platz, dass ich mich jedes Mal erschrecke, wenn ich betreffendes Zimmer betrete.

14. Dezember 2011

Facebook-Müdigkeit

Während ich noch über die Korrektheit der Schreibweise sinniere, jubelt eine Stimme in mir lauthals. Deutschlandradio Wissen, vom Moderator Konstantin Zurawski kokettierend "Klugscheißerradio" genannt, beschäftigt sich mit einer von Bloggern wie Richard Gutjahr und Michael Umlandt konstatieren Facebook Fatigue (wunderschöner alliterativer Neologismus), mit einem gar generellen Überdruss, mit Schwachsinnspostings von nervenden Mitmenschen rund um die Uhr traktiert zu werden. Zitat: „Es nervt, 70 bis 80 Prozent, von dem, was meine ‚Freunde’ dort posten, ist mehr oder weniger sinnbefreit. Das will ich nicht mehr lesen.“ Musste auch nicht, denke ich mir, hat Dich ja keiner gezwungen!
Schön, dass man über die Frage eines Danachs nicht nachdenken muss, wenn es ein Dabei nie gegeben hat. So ist das mit Lieblingsthemen. Der Absolutheitsanspruch meiner Intoleranz - wir wollen ja den Untergang des Abendlandes noch etwas verzögern - ist sowieso das Bestgelungenste an mir. Kinder, wenn ihr ohne Facebook nichts mehr zu tun habt, lest mehr Cicero und Cioran, baut den Kölner Dom aus Streichhölzern oder lauft den Ironman! Könnte eurem Teint guttun.

15. November 2011

Man ist ja immer auch ein Anderer (vielleicht schon jede Zehntel Sekunde)

Ich habe zum Beispiel ein Mädchen sehr lange geliebt. Wir waren sieben Jahre zusammen. Die hat mich auch erfunden, da komm ich auch her. Die Bücher, die die gelesen hat, waren mir vorher fremd. Wie die so Eierkuchen gemacht hat, das habe ich noch nie gesehen. Was die so für Musik gehört hat, wie sie sich bewegt, wie die riecht, das sind so Dinge, das macht ja auch was mit einem, das verändert einen ja auch. [...]. Wenn man sieben Jahre lang nicht nur Körperflüssigkeiten, sondern alles Mögliche austauscht, in einem Alter, wo man schon reif, aber vielleicht noch nicht ganz reif ist, dann ist das vielleicht auch meine Herkunft.
Als ich Dich, 90 Minuten nach Pollesch allein auf der Bühne agierend, vor einem Jahr im Großen Haus der Berliner Volksbühne zum ersten Mal bewusst wahrnahm, fühlte das sich fast wie eine Erleuchtung an.

13. November 2011

in circles


All that lives must die,
Passing through nature to eternity. 
Hamlet, I.2.72f.






















9. November 2011

Mutmaßungen eines Insassen

Diese Mauer umstellte uns mit Vergeblichkeit. Abgesperrt hat sie uns von allem Möglichen, vor allem aber von uns selbst. Die Normalität hinter der Mauer war ein von sich selbst abgesperrtes Leben, abgesperrt von menschlichen Strebungen, die so essenziell waren, dass man dafür alles, was man dort hatte, im Stich zu lassen bereit war. Dass man dafür sogar das Leben riskierte. Ebenso mächtig wie diese Strebungen musste das Stauwerk sein.
Martin Ahrends: "Die Mauer schweigt." Großartiger Artikel anlässlich des Gedenkens 50 Jahre Mauerbau (Zeit Online). Das berührte und bejahende Nicken meiner Eltern, als ich Ihnen den Artikel im Sommer vorlas, ist mir noch überaus lebendig in Erinnerung.

5. November 2011

Formidable Zeitgeistanalysen, Vol. I: Cowboy sein


ich mein ich bin sehr gern allein
denn es ist so schön, so schön, so schön
ein cowboy zu sein, ein cowboy zu sein
ich will ein cowboy sein
so richtig mit pferd und lasso
und cowboystiefeln und allem drum und dran

11. Oktober 2011

Wissensdurst

Durch herbstliche Dunkelheit laufen. Das erste Laub unter den Schuhen und ab und zu eine einsame Kastanie. Dort auf der stillen Straße, schon tausendmal in meinem Leben entlang gegangen und von hohen Bäumen gesäumt, zieht im schnellen Gang auf meiner Rechten das Institut für Philosophie vorbei. Wärmendes Licht fällt von innen durch die riesige Fensterfront sich pfützenspiegelnd auf die dampfende Straße und die ordentlich aufgereihten Stühle im Foyer, auf denen gerade noch Erstsemesterstudierende Platz nahmen, bedeuten mir, dass schon wieder Oktober ist, das Semester bald anfängt. Wie auch ich auf diesen Stühlen dort drinnen gesessen habe vor einer gefühlt langen Zeit und wie sehr ich gebrannt habe für die Themen und Bücher, die Paradoxien des Denkens und die Fragen. Innerlich gänzlich zerwühlt bin manchmal hier herausgefahren aus der lauten Stadt, aber gebrannt habe ich immer für diese abstrakten Dinge. Beim Einschlafen zu Hause dann, als der Regen nachts stürmisch auf den Asphalt im Hof niederprasselt, bete ich es mir nochmals selbstvergewissernd vor: Ich habe gebrannt. Im Vollzug meiner Liturgie, die Augen schon zugefallen und nur noch hörend auf das monotone Prasseln, weiß ich wieder, ich brenne immer noch.

18. August 2011

1993

Beim Immatrikulieren der neuen FU-Studierenden zum Wintersemester steigt beim Geburtsjahrgang 1993 in mir permanent ein Gefühl der Beklommenheit hoch, das M., als wir nach getaner Arbeit im Weinbergspark liegen von mir zaghaft erwähnt, mit einem süffisanten "Wir sind halt alt geworden" kommentiert. 1993, unvorstellbar das! Zehn Jahre nach meiner eigenen Geburt. 10 Jahre, mein Gott! Da konnte ich bereits schreiben, rechnen und alle 16 Bundesländer inklusive ihrer Hauptstädte auswendig. Da entwickelte ich langsam einen gesunden Skeptizismus den Erzählungen der Erwachsenen gegenüber, während die da, die jungen Nachfolger, noch in die Windel schissen. Die Pubertät lag zu diesem Zeitpunkt zwar noch lange vor mir, dennoch war ich der Volljährigkeit schon um Jahre näher als insgesamt noch vor jenen lagen bis sie selbst so alt würden wie ich es damals war. 1993 lässt mich seitdem den ganzen Tag nicht mehr richtig los, macht mich irgendwie wehmütig. In den Gedankenpausen dazwischen muss ich immer wieder auch ein bißchen selbstironisch über mich schmunzeln.