30. Juli 2011

Feels like end of summer

Draußen

*Dauerregen und eine novembereske Gräue
*eine kurze Regenpause genutzt und mit Robert Ullrey im Ohr (Danke an Caro!) ein paar Runden im Weinbergspark gedreht. Für den ernsthaften Wiedereinstieg nach einem halben Jahr Abstinenz größenwahnsinnig gleich mit Podcast Week 9 angefangen, eine halbe Stunde relativ zügig durchgerannt, nichts bereut, sogar erstaunt gewesen, dass es sich hier direkt vor der Tür so gut rennen lässt und beschlossen selbiges jetzt auch mal ganz früh vor der Arbeit auszuprobieren.
*nur ein paar Kids in quietschbunten Gummistiefeln und ein paar Hundebesitzer im Park gesichtet, sonst nur beimitleidenswerte Touristen, denen man während ihres Aufenthalts in der Hauptstadt besseres Wetter gegönnt hatte

Drinnen

*heiße Zitrone, Kaffee und literweise Pfefferminztee, Honig-Ingwer-Möhrensuppe und Naturjoghurt mit Erdbeeren und Haferflocken
*eine warme Dusche nach dem Lauf
*seit dem frühen Morgen dann konzentrierte Lektüre des Benjamin und Verwunderung über die eigensinnige und äußerst unorthodoxe Kulturanalyse, mit der der beharrliche Leser, hat er die behäbige Einleitung, von einem historisch-dialektischen Materialismus triefend, erst überstanden, im Folgendem reich belohnt wird

Innendrin

*kreatives Gedankenchaos und wieder ein bißchen Zuversicht, dass das alles doch noch irgendwie zu schaffen ist
*sehnsuchtsvolle Erinnerung an einen herrlichen Sommerabend am Pfingstwochenende

29. Juli 2011

Wet sand

Plötzlich Stadium Arcadium Disk 1, Track No. 13 bei der Auswahl des Klingeltons. Für einen kurzen Moment lang bin ich in Deinen Hausflur zurückversetzt, an dem Tag als Du amtlich besiegelt starbst. Wie mir schwarz vor Augen wurde und ich dann ohne Halt die Stufen bei Dir im Haus hinunter wankte ohne Dich nochmal anzusehen. Nach einer halben Minute ist alles wieder normal, alles gut. Tony singt immer noch.

I shall be too late!

Das muss mindestens 15 Jahre her sein, dass ich zuletzt eine Armbanduhr besaß; fast mein halbes Leben lang. Ihr beständiges Ticken in der Nacht fühlt sich gegenwärtig ganz und gar irritierend an nach den Jahren. Diese durchbohrende Präsenz, die zwischen finsteren Träumen eine anhaltende Absicherung der Realität bietet. 
Durch die neuartige Erfahrung bin ich im morgendlichen Dämmerschlaf sofort zurückversetzt in das Schlafzimmer meiner Großeltern. Zur Rechten ihres Ehebettes aufgebarrt, lag ich, vor dem Einschlafen mit offenen Augen einer absoluten Dunkelheit ausgesetzt, da auf einer aufklappbaren Liege, während der kleine Plastikwecker auf dem Nachtisch meines Opas mit seiner klanglichen Präzision ausdauernd Zeichen der Persistenz und Zuverlässigkeit meiner kindlichen Welt lieferte. Diese vergängliche Vorstellung vor Augen bin ich von dieser beim Aufwachen an einem grauen Morgen behaglich eingelullt und traurig berührt gleichermaßen.


28. Juli 2011

Aus dem Takt

Dass ich nach langer, anhaltender Anstrengung und immensem Arbeitsaufwand immer wieder aus dem Tritt komme auf der zähen Zielgerade des Studiums. Zurückfalle hinter das, was längst überwunden schien, das bißchen Erkenntnis, hart errungen. Wie er mir in geistigen Umnachtungszuständen immer wieder aus der Hand fällt, der Faden, beinahe vorsätzlich fallen gelassen. Immer wieder aus der Bahn geworfen und alle Pläne selbstbetrügerisch nach hinten korrigiert. Und dass ich dabei stetig das mit Füßen trete und anfange zu verachten, für das ich seinerzeit alle Zukunftchancen hab sausen lassen, und stattdessen schlaflose Nächte gebrannt. In der momentanen Ohnmacht, der Stagnation im Angesicht des Endes fast wertlos, das alles. 

"Du hast keinen Biss" hat mir der Mensch, dessen Wort mir alles bedeutet, heute im Wortgefecht entgegen geschleudert und damit alles gesagt. Und nichts ausgelassen, was mich in meinem Selbstbild hätte härter treffen können. Ich trete von Schattenhaftem gelähmt längst wieder auf der Stelle, hartnäckig.

27. Juli 2011

De superbia

superbia, superbiae, femininum - schüchternes Kopfnicken, geräuschloses Hinsetzen, Durchatmen. Nicht ohne perfiden Genuss erinnere ich mich an meine strahlende Ära als discipula linguae Latinae zurück. Inmitten von AcI, Gerundivum, Hortativ und Abl. abs. den Blick unbeirrt und äußerst strebsam auf das große Latinum geheftet, bestand ich dieses dank der sechs Jahre eisernen Vorlaufs, ein martialischer Trimm-Dich-Pfad, über den uns die bereits damals pensionierte Magistra Schneppelina mit Gouvernantendutt peitschte, durch einen unerwarteten Lehrerwechsel in der Oberprima mit Bravour (s.c.l.). Die harte stilistische Schule schärfte mein jugendliches Gefühl für Wesen und Struktur der Sprache. Doch damit nicht genug: Seit jener Zeit des unnachgiebigen Unterrichts nämlich gehe ich der Welt antiker Geschichte und Philosophie so unbefangen und selbstverständlich spazieren und kann noch immer alle römischen Kaiser (früher sogar mit Regierungszeiten) der Reihe nach aufzählen, dass ich ob dieser Reliquien meiner Schulzeit manchmal sehr verwundert bin. Caesar, Cicero - freilich mit k gesprochen - und auch Sallust lese ich als Zeichen meiner rückblickenden Anerkennung und in geheimer Komplizenschaft noch heute im Original. Bei den Ovidschen Metamorphosen hingegen schleichen sich vor allem durch mangelnde Gelegenheit der Erprobung und da ich mich seinerzeit nicht für ein Studium der klassischen Philologie erwärmen konnte, Jahr für Jahr ernsthafte Probleme beim Transfer des rhythmisierten Lateins ins Deutsche ein. Hier erschließe ich entgegen meines Gebots, Eleganz und Perfektion bei der Übersetzung eines solchen Autors müssen universal und ohne Ausnahme walten,  mittlerweile nur noch aus dem Kontext der mir bekannten Mythen. Ganz und gar gräßlich, die Talente von einst einfach vor die Hunde gehen zu sehen.

26. Juli 2011

Freie Tage, vol. 1

Voilà, der schikanöseste Abwasch der letzten Wochen wäre geschafft, die wolkenkratzerhohen Tellerberge mühsam bewältigt. Und ganz nebenbei klingelt DHL an der Haustür und bringt den gradiosesten, sündhaft teuersten Wintermantel, den ich je besessen habe. Schon beim Bestellvorgang: Schwindelerregende  Benommenheit als der Preis schwarz auf weiß nochmals zu sehen war, doch tapfer weitergeklickt. Aus dem unterbewussten Off folgen auf dem Fuße Gewissensqualen im altbekannten Kaufsuchtsblues-Modus. 
Jetzt noch hurtig durch zwei, drei Artikel der ZEIT gefegt, sonst wäre diese auch umsonst gekauft, dann höchst konzentrierte und messerscharfe Walter-Benjamin-Lektüre, kurze Laufrunde durch den Park bei vorhergesagtem Sonnenschein - schon allein, weil die verehrte Kaltmamsell meinen Bewegungshunger durch ihre sehnsuchtsvolle Illustration eines Parkläuferinnenidylls heute morgen so richtig angefeuert hat, quel pittoresque! Danach Kuchen backen für H., schließlich, wenn sich die Dämmerung über die Straßen von Mitte legt, Stammkneipe. 
Die Tagesbegleitung: Bedrohlich starker Kaffee, Apfelmus und Erdbeerkompott für den motivarischen Aspekt.

25. Juli 2011

retrospektiv I

Wie wir fröhlich angeschwipst um die Tischtennisplatte gerannt sind, die die X-berger WG bei jeder Party in M.s Zimmer aufgebaut hatte. Ich im Rüschenkleid mit Punkten, ein Budweiser in der Linken, die Jungs in ausgewaschenen Jeans und Cord. Später dann nicht mehr Mann gegen Mann, sondern ungestümer Wettlauf im Kreis. Die alten Kellen lässig in der Rechten, nur kein kostbares Bier auf die Holzdielen verschütten. Und wie ihr euch über meine Schlagtechnik und die zeitliche Verzögerung lustig gemacht habt damals. Laut ausgelacht habt ihr mich. Spätestens um eins war der Raum von hunderten gerauchten Kippen dann so verqualmt, der Ball derart schwer auszumachen in der Luft, dass wir uns entschlossen, nur noch chinesisch zu spielen. Schön war das. Nah fühlt es sich an, lebendig der Eindruck und doch kommen die Bilder aus einer Zeit, die unwiderruflich vorbei gegangen ist.

Get in touch again

Betörend-intensive Leibeserfahrung überkommt mich dieser Tage wie schon lang nicht mehr. Ein vor allem körperlich ausgelöster Hauch von Selbstpräsenz. Wie anders sich die Beine beim Gehen, Laufen, Springen heute angefühlt haben. Sonderbar gelöst das alles.
Beim Erfinden schriftrollenartiger To-DoBuy-Listen dreht die Traumtänzerei emsige Pirouetten. In der nächsten Zeit werde ich also unbedingt anschaffen müssen:

*endlich Kontaktlinsen (für professionalisiertes Squashen)
*einen pinken Lenkdrachen (damit ich Herrn S. im Herbst beim Abheben auf dem Tempfelhofer Flugfeld tapfer meinen Beistand leiste)
*eine Gymnastikmatte (es wird Zeit an meiner Dehnung zu arbeiten)
*ein Aufpiekser für Rechnungen, Quittungen etc. (Steuererklärung lässt grüßen)
*ein Paar veritable Laufschuhe für ungebremstes Gerenne
*lang und heiß ersehnte Cioran-Gesamtausgabe
*Tickets für Jupiter Jones am 18.11. im Astra (wo doch auf dem Hurricane keine Zeit dafür blieb)

In jene Planungseuphorie mischt sich auch ein ganz klein wenig Melancholie ob des zwar vorhersehbaren, doch nicht derart rasch erwarteten Todes von Amy W. Auch, weil das immer Selbsterlebtes auf den Plan ruft. Unfassbar, dreißig wärst Du dieses Jahr geworden.
In Hinblick auf das Ereignis und seine durchlebten Schatten bleibt mir daher - freilich mit etwas Galgenhumor - nur zu sagen: Club 27, f**k you! Unverbesserlich, gebrochen und verloren, ihr alle!

They tried to make me go to rehab, I said: 'No, no, no!'


24. Juli 2011

What's (y)our age again?

Samstagnacht, kurz vor halb eins. Eigentlich sollten wir irgendwo einen Drink zu uns nehmen, ein kleines bißchen die Kontrolle verlieren, später irgendwo wild tanzen. Wir müssten dazu nur vor die Tür gehen, gar nicht weit fahren. Stattdessen laufen wir wie von LSD-Taranteln gestochen um den heimischen Couchtisch und spielen Fangen, mal in Slowmo, mal mit richtig Tempo. Damit könnten wir uns wahrscheinlich noch stundenlang beschäftigen, bis die Sonne über Berlin aufgeht. Dass M. dieses Jahr noch dreißig wird und ich ihm schneller folgen werde als mir lieb ist - so wie die Jahre momentan rasen -, bleibt äußerst fragwürdig bei genauerer Analyse unserer Abendgestaltung.

23. Juli 2011

Weg vom Nikotin: Me, running

Ein Jahr ist es nun her, seit ich dem blauen Dunst - bei meiner Suchtaffinität bleibt zu hoffen endgültig - abgeschworen habe. Dass den Freunden die neue Lebensweise zunächst und teilweise bis heute nicht aufgefallen ist, beleuchtet die gesellschaftliche Belanglosigkeit jener Selbstdisziplinierung, die bei mir keineswegs in Gestalt einer langen Leidenserfahrung daherkam. Seitdem jedenfalls strafe ich stinkende Kippen mit überheblicher Mißachtung, setze den Fuß nicht mehr gleicher Leidenschaft in Raucherkneipen, wasche und bürste mich zumindest vom Scheitel bis zur Sohle, wenn mich eben jene Etablissments nächtens, mit Penetranz aus den Poren miefend, wieder ausspucken. Mit dem bissigen Geruch, der von Haut und Haar her strömt, kann ich nämlich heutzutage nicht mehr einschlafen.
Insgesamt ein Jahr, das sich viel weniger als Zerreißprobe darbot, so wie ich es in meinen kühnsten Horrorphantasien angenommen hatte. Ein Jahr, in dem ich mich außerordentlich tüchtig bewegt habe. Am intensivsten natürlich nach der unmittelbaren Entledigung des Lasters, also im (Spät-)sommer und Herbst 2010. Ja, einen Heidenschiss hatte ich vor dem Zunehmen, das die meisten Abstinenzler heimsucht! In meiner Vorstellungswelt führt 'dick sein' nämlich konsequent hinter 'dumm sein' die Liste der unerträglichen Lebensplagen an. Und so lief ich mit den denkbar schlechtesten Billiglaufschuhen an den Füßen, da ich meine extreme Flatterhaftigkeit zunächst auf eine Probe der Kontinuität stellen musste, bei Wind und Wetter durch den Park bis der schneereiche Dezember vor der Tür stand. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich die 10 km schon deutlich unter 50 Minuten laufen. Dann kam der Winter und die stressige Vorbereitung der Magisterabschlussprüfungen forderte, auch wenn ich die Bewegung nie gänzlich aufgab - ich schwamm weiterhin, spielte einmal die Woche Squash und fuhr den täglichen Arbeitsweg (Strecke: 16 km) mit dem Rad - ihren Tribut. Das Laufen habe ich trotz Halbmarathonplanung leider seitdem nicht nur vernachlässigt, sondern gänzlich aus den Augen verloren. Ich befürchte gar, die 10 km würden mich momentan ganz bestimmt mehr als eine ganze Stunde kosten, denn leider ist mir das Laufen von jeher, ganz im Gegensatz zum Schwimmen und Radfahren etwa, am Anfang stets eine richtige Herausforderung gewesen. Wahrlich, ein beständiges Malträtieren meinerselbst, fühlt es sich in der Eingewöhnungsphase doch ganz und gar unnatürlich an und erweist sich von außen in diesen ersten Wochen ganz bestimmt nicht als sportive Augenweide. Mein Liebster läuft übrigens ohne sichtliche Kraftanstrengung auch nach längster Abstinenz wie ein junger Gott, während ich wie ein brodelnder Dampfkessel hinterherkriechen müsste, würden wir zusammen unsere Runden drehen. Dabei ist das zeitliche Durchhalten weniger ein Problem. Selbst untrainiert kann ich dank guter Grundkondition locker mindestens 30 Minuten am Stück laufen ohne zwischendurch verschnaufen zu müssen. Doch die eigentümliche Selbsterfahrung, das Keuchen, das gelegentliche Stolpern, das Vorankriechen. Das kann doch nicht im Ernst alles an schlechten Laufschuhen liegen?! Allen Unwägbarkeiten zum Trotz, ist es nun an der Zeit, erneut zu beginnen, finde ich. Diesmal mit guten Schuhen und einer Laufbandanalyse und ohne Ipod, der lenkt mich mit seiner Taktvorgabe nur ab. Jahr 2 verlangt nach neuen, ernstzunehmenden Ritualen und außerdem sehen nach ein paar Wochen regelmäßigen Laufens meine Beine in Pumps und Stiefeln einfach exzellent athletisch aus.

22. Juli 2011

Das archivierte Ich

Beständiger Verlust der Überbleibsel eines Selbst, wenn es das überhaupt gibt. Fragmente innerer Erfahrungen, all dies direkt empfundene Intensität und unwiederholbare Singularitäten. Und immer noch sind mir Stift und Papier selbstverständlicher zuhanden als behäbige Tasten. Um das aufzufangen, was sich unmittelbar erlebt da drinnen. Dasjenige nämlich, das bereits verschwindet, wenn die Worte in die stumme Erfahrungswelt einbrechen. Wie Fotos, die an den Rändern langsam verblassen, kann auch meine Hand den Impressionen nur unzureichend folgen, hinkt in ausladenden Bögen hinterher. Doch gehe ich mir, auf solche Art papierern festgehalten, immer wieder verloren zwischen Altpapier und Rechnungen, schmeiße ich wöchentlich missglückte Identitätstiftung in die blaue Tonne. Daher der verwegene Versuch, viel mehr noch hier, genau an dieser Stelle, zum Zwecke späterer Verfügbarkeit festzuhalten. Sprachlich auch noch das abbilden, was der unruhige Verstand als umnachtete Phantasmen gebiert. Verkettete Idiosynkrasien,  Exkremente eines manchmal aus dem Ruder der Normalität gelaufenen, ganz und gar ungeordneten unstofflichen Metabolismus. Oft aber ziemlich profan das Ganze. Innehalten bei dem, was ich mir im Nachhinein nicht mehr zuschreiben kann, abschütteln will, und konfrontatives Atemholen, im Benjaminschen Sinne als Daseinsform der Komtemplation, ist vielleicht dies, was ich lernen will. Zulassen, was sich so mitteilen will und nicht immer gleich alles externalisieren, für das theoretische Besitzergreifen handhabbar gemacht. Und dann stoße ich heute peinlich berührt auf diesen Satz meines 19-jährigen Ichs und muss bei aller Distanzierung unverzüglich schmunzeln: kann keine klaren gedanken mehr formulieren, es fließt einfach alles runter, über, raus, ach keine ahnung. morgen revidiere ich, relativiere, nehme zurück, bereue, verstehe nicht mehr. Als ob es doch möglich wäre, das überzeitliche Zusammenbringen dieser Fäden. Als ob es jenseits aller philosophischer Revisionen einen unverrückbaren Teiler beider Selbst gibt bei allen Diskrepanzen.

21. Juli 2011

Vom Verlust der Fähigkeit zusammenhängend zu denken

Die Gesichtsfeldstudien noch nicht ganz ad acta gelegt, begleitet von Müdigkeit, die sich ins Gesicht frisst, bin ich in den letzten Wochen ganz und gar umschlugen von Gedanken. Jeglicher Versuch, sie zu ordnen, per se zum Scheitern verurteilt. Vollends entrückt, Arcade Fire immer wieder und in einer hypnotischen Dauerschleife. Etwas Zusammenhängendes schreiben? Reiner Utopismus dies. Bevor ich den Dingen Bedeutung anheften kann, sind sie auch schon vorbeigeschwirrt und ich inspiriert und wankend zugleich zurückgelassen: Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich...

8. Juni 2011

Tägliche Exerzitien

Nach Montaignes Dafürhalten, könnten wir, stürzten wir auf einen Schlag ins Greisenalter, einen solchen Wechsel nicht ertragen. Seine kecken Beteuerungen, die Natur hätte es daher prophylaktisch eingerichtet - uns an ihrer Hand einen sanften Hang zu ihm hinunterführend - mit milder Allmählichkeit doch zugleich mit hartnäckiger Beständigkeit uns Stufe um Stufe, fast unmerklich, mühelos in diesen erbärmlichen Zustand gleiten und uns an ihn gewöhnen zu lassen, verheißen nur unzureihende metaphysische Tröstungen des vom einsetzenden Alter geschlagenen Endzwanzigerseelchens. Seit dem 26sten dann: Der morgendliche Blick in den Spiegel, noch milde verquollen, der abendliche hingegen eine kritische Detailbeobachtung, fast schon eine affektierte Langzeitstudie der sich verändernden Augenpartie. Befürchte, bald drehe ich Videos und lasse sie im Zeitraffer laufen, um mich noch mehr vor Prozessen zu fürchten, derer ich nicht habhaft werde. Die Gesamtkörperfleischmusterung fällt hingegen weniger kritisch aus. Die regelmäßige Bewegung, die jede  Rastlosigkeit mit sich bringt, trägt maßgeblich dazu bei, vermute ich. Alles durch und durch sportiv! Da kann man die argwöhnischen Beobachtungen in Entstehung befindlicher Lachfalten auch mal auf Eis legen und sich drängenderen Problemen widmen, dem Verkauf von im Rausche erstandener Kleidung bei Ebay bespielsweise, um entweder die Urlaubskasse geringfügig aufzubessern oder endlich das heiß ersehnte Specialized-Rad in lang ersehntes Eigentum zu verwandeln.

25. Mai 2011

Somnambules Bilanzieren

Überbleibsel eines Abends. Von den Scheinen meist nur ein paar Münzen übrig. Durch ein paar Hampeleien sonderbar erfrischt. Wenige Stunden verzauberten Dämmerns später dann dunkle Ränder unter den Augen, frühmorgendliches Gedankenchaos, die Hosentaschen voller Kronkorken und immer noch ein Ass im Ärmel.

22. Mai 2011

Semipermeable Wände

Unzählige Tage in dumpfer Intensität zugebracht, die sich in aufwühlenden Nachtträumen zuspitzt. Manchmal unsicher, ob sich nicht schon erste Zeichen von Wahnsinn an mir ausmachen lassen. Überhaupt dort drinnen endlose Verwirrung, pausenlos rastlose Überlegungen, die beim gedanklichen Zugriff sofort wieder zerfallen. Körperliche Unruhe gesellt sich dazu, unruhige Hände, die sich beständig rückversichern, ob es all das auch wirklich gibt, das Außen, die tasten und verloren in der Luft wedeln, die greifen wollen und sich bewegen. Hartnäckige Rückzugsphantasien, während das Lesepensum exponentiell in die Höhe schießt. Dennoch realisiertes Flüchten vor die Tür. Verlangsamt und merkwürdig entschleunigt als das. Beim Radfahren durch die ersten milden Nächte: Studenten auf dem blanken Bordstein vor der Weinerei sitzend, Schulter an Schulter, lachend aneinander angelehnt. Überall ein Flüstern und Raunen, Duft von längst schon verblühenden Kastanienblüten und bereits ein Hauch von Herbst in all dem. Und dann plötzlich spontane Ergriffenheit heute morgen im Morgenlicht auf dem Alex oder allabendlich auf dem Weg heimwärts. Stimmenfragmente aus den Cafés, die unwiderstehlich säuselnd an mein Ohr gelangen und die ich doch vorbeifahrend immer nur Sekunden mit mir trage, die dann schließlich abfallen von mir. So als betrifft mich immer nur ein Teil von dem allem, trifft nur ein kleiner Ausschnitt meinen Wahrnehmungshorizont und durchstößt die Wand der inneren Erfahrungswelt. Selten so deutlich gespürt, das. Diese eigene Opazität. Seltsam in diesem Zusammenhang wie vieles wortlos und unbedacht von mir abfällt, wie gleichzeitig weniges mich derart tief trifft, dass ich vergesse Luft zu holen.

25. April 2011

Halley

Als Kind habe ich mich sehr für Astronomie interessiert. Meinem drängenden Wissensdurst verschafften die unzähligen Sachbücher und Bildbände, Mondkarten und Kalendarien Linderung, die meine Eltern für mich besorgten. Als der Halleysche Komet das letzte Mal am mitteleuropäischen Firmament bestaunt werden konnte, wurde ich noch im selben Jahr drei Jahre alt. Klar, dass ich davon nichts bewusst mitbekam. An den schnell vergangenen frühlingshaften Feiertagen rief mein Vater mir die Leidenschaft nicht nur ins Gedächtnis zurück, sondern konstatierte nüchtern nahezu beiläufig gar, durch meinen in die Sterne guckenden Opa dazu angeregt, dass der Schwiegervater und er selbst den nächsten Besuch des Lichtstarken sicher nicht mehr erleben würden, bis dato sowieso längst verstorben seien, ich hingegen bei guter Lebensführung noch eine gute, wenngleich unsichere Chance hätte, das Spektakel mitzuerleben. 2061- unvorstellbar schon beim Schreiben. Und bis dahin, wenn es gelänge, alle aus denen ich hervorgegangen bin, die mich aufwachsen sahen und mich dabei viele Jahre unterstützt haben, bereits lange verloren zu haben und dennoch vielleicht, hoffentlich, selbst auf jene Kommenden zu blicken, die einen dann selbst bald verlieren werden, in denen das Gewesene lebendige Spuren zeitigt. Jene Kaskade der Gefühle,  jene traurigen Gedanken an das bevorstehende Sterben geliebter Menschen einerseits und an den unwiederruflichen, dadurch unberührten Kreislauf der Natur, von der wir ein Teil sind, andererseits, jene zarte Melancholie, von einer starken, schönen Aprilsonne beschienen, die mein Vater nicht voraussehen konnte, als er das Gespräch zu astronomischen Betrachtungen lenkte, nehme ich vom Land mit nach Hause in die Stadt. Nachdenklich stimmt sie mich, diese meine persönliche Ostergeschichte: Das stete Ineinandergreifen von Leben und Tod, die Gewissheit des Streben als Basis der Lebens, die Existenz und das Dasein jener Menschen genau beobachten, die einen umgeben, und bis in den kleinsten Lebensausdruck hinein studieren, damit eine Erinnerung bleibt, die man dem Tod trotzig entgegensetzen kann: Schau her, alles nimmst Du und doch bleibt immer etwas zurück, das Du nicht an Dich reißen kannst! All dessen eingedenk sein und sich ungeachtet der unvostellbaren Verluste, die mir bevorstehen, oder gerade deswegen freuen über viele noch ungelebte, jedoch bevorstehende Momente. Ab jetzt jeden Tag, jede Stunde nutzen wollen, denkt man sich von der Tatkraft der Frühlings angestachelt: Ja, ich möchte öfter anrufen, Karten schreiben und euch besuchen. Und sollte ich 2061 noch am Leben sein, werde ich vielleicht mit Kindern und Enkeln, in den Ort meiner frühen Kindheit, bevor meine Eltern nach Berlin zogen, zurückkehren, mit Teleskop und Karte. Den Blick an den dann kurzzeitig um eine Erscheinung reicheren Himmel geheftet, werde ich erzählen von Ostern 2011; wie wir alle in die Sterne guckten und schwiegen, nachdem mein Vater das mit dem Halleyschen Kometen erzählt hatte und wir die stillen Minuten in verschiedenen Körpern zwar, von denen nur noch meiner bis dann vielleicht am Leben sein wird, jedoch von ähnlicher Melancholie getragen, so bewusst erlebten. 2061: Antizipativ annehmen, was bis dahin geschehen ist, sich aber nichts davon jetzt, 2011, vorstellen zu können, das ist der Trost, den das Leben bereithält. Alles andere wäre ehrlich gesagt auch unerträglich nüchtern und unromantisch. 2061, das sind nicht nur ich und die Himmelserscheinung, das wäre auch lebendige Erinnerung. Vielleicht und hoffentlich sogar gelebte Erinnerung.

20. April 2011

753

Was wäre, wenn die Zitzen der Kapitolinischen Wölfin anstatt mit schnöder Milch mit saftig-herber Club Mate prall gefüllt gewesen wären damals? schießt es mir - mit 30 km/h durch den dichten Straßenverkehr radelnd - durch die hintersten Hirnwindungen. Hach, wie sie sich wohl entwickelt  hätte, diese verflixte Weltgeschichte, wären die glorreichen R.R.-Twins in diesen Genuss gekommen...

19. April 2011

Ballaststoffe

Von den Jahren des existenzgefährenden Konsums, der Gier, des degenerierten Begehrens nach Objekten, die man unüberlegt und manisch beständig gegen Geld eintauscht, das man selbst nie besessen hat, von dieser Zeit der Entfesselung des Verstandes legen drei, ab dem point of no return gut gefüllte und sorgsam geführte Leitz-Ringordner ein stilles doch umso deutlicheres Zeugnis ab. Darin: hunderte Mahnschreiben, Zahlungsaufforderungen, Gerichtsbeschlüsse, Aufforderungen zu Offenbarungseiden, Ankündigungen von Gerichtsvollziehern und all das in regenbogenfarbenen Briefumschlägen übermittelt . Nun, nachdem ich die letzten Euros mühsam abgestottert habe und im Freundeskreis wohl die einzige bin, die jetzt am Ende eines auch manchmal aus der finanziellen Not heraus, aber zum Glück hauptsächlich aus Interesse in die Länge gezogenen Studiums, von sich behaupten kann, die Untiefen des Schuldensumpfes erstmal hinter mir zu haben. Ein populärer Auserkorener des Unterschichtenfernsehens wäre stolz auf mich.
Was bleibt: Die feste Gewissheit, dass aller Konsum, so ereignisreich und beglückend er sich anfänglich anfühlt, weder gute Freunde noch das Gefühl von Anerkennung ersetzen kann, dass die Beziehung zu den Eltern (nicht nur räumlichen) Abstands und gleichzeitig mutiger Konfrontationen bedarf, um danach umso befriedigender und ehrlicher zu sein, dass die Auseinandersetzung mit der existentiellen Bedrohung, die jede Sucht mit sich bringt und der man sich anfangs noch wehrlos ausgeliefert sah, einen schneller erwachsen werden lässt als andere Mitzwanziger. Von den angehäuften Massen an inzwischen immer bedeutungslos werdenen Objekten ganz zu schweigen. Der monatliche Verkauf dieser Kleidungsstücke und Accessoires (die inzwischen durch Flohmärkte reduzierte Masse schockt immer noch die meisten meiner Freunde) über Ebay spült im Austausch gegen fast immer Ungetragenes mit Etikett zumindest den einen oder anderen Euro in die marodierte Kasse zurück. Aber das Gefühl dies alles, den ganzen Ballast, nun endlich loslassen zu können, ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. 21 000 € verprasst, verschenkt, verloren. Was ich davon hätte reisen können mit Mitte zwanzig. Aber denken wir nicht weiter drüber nach.

16. April 2011

Leben=Sehnsucht, die im Körper brennt

Mach Dir bitte keine Sorgen, es geht gut ohne Dich! Entweder heute oder morgen wird's besser und an sich...Hat's schon schlimmer weh getan, hat's schon dunkler ausgesehen...Von dieser Stimme ganz durchdrungen ist mein beständiges Ringen um die Fassung. Unwiederbringliche Rückwärtsdeutung eines Ereignisses und ich durch dieses, was außer meiner Macht stand, für immer getroffen. Doch der Schmerz wandelt sich. Wird heller irgendwie. Haben mich vor einem Jahr noch Stricknadeln durchbohrt, treffen mich jetzt die kleineren Stiche, wenn ich auf der Suche nach ein bißchen von Dir Deine Stimme nicht mehr finden kann. Mich nicht mehr erinnere, wie Du das eine oder andere gesagt hast. Und dann manchmal, ganz unerwartet, sehe ich Dich haargenau vor mir, mit spöttischem Mundwinkelzucken und Filou-Augenzwickern. Dann bin ich von Überraschung, Entzückung und Traurigkeit immer gleichermaßen durchbohrt.

10. April 2011

Abheben

Seit Mittwoch schon: diffus drängender Kaufimpuls, der sich an stündlich wechselnde Objekte der Begierde heftet. Mal Ballerinas von Zalando, mal Foucaults Dits et ecrits. Seither äußerst tapfer widerstanden und nun doch schwach geworden. In ein paar Tagen schon nenne ich die fabulöse Discraft Ultra-Star mein eigen. Möge diese offizielle Ultimate Wettkampfscheibe des Weltverbandes mich mit nackten Füßen im feuchten Gras also oft gen wolkenlosen Frühlingshimmel abheben lassen.

28. März 2011

Hinauf

Der Wanderer im Gebirge zu sich selber. — Es giebt sichere Anzeichen dafür, dass du vorwärts und höher hinauf gekommen bist: es ist jetzt freier und aussichtsreicher um dich als vordem, die Luft weht dich kühler, aber auch milder an, — du hast ja die Thorheit verlernt, Milde und Wärme zu verwechseln —, dein Gang ist lebhafter und fester geworden, Muth und Besonnenheit sind zusammen gewachsen: — aus allen diesen Gründen wird dein Weg jetzt einsamer sein dürfen und jedenfalls gefährlicher sein als dein früherer, wenn auch gewiss nicht in dem Maasse, als Die glauben, welche dich Wanderer vom dunstigen Thale aus auf dem Gebirge schreiten sehen.

Endlich, Urlaub!

27. März 2011

"Selig sind die, die mit ihren Nächsten die Bürde des Lebens tragen."

so Nobody im Italo-Western Il mio nome è Nessuno. Als größste Freundin des Genres schlägt mein Herz anlässlich des 3Sat-24h-Sonderprogramm Wilde Western Purzelbäume. Ich schwing mich dann mit Cowboystiefeln und Revolver bewaffnet mal in den heimischen Saloon.

26. März 2011

Mein obelixer Sturz in den Zaubertrank

Nach 200 Brotserwerbs- und Schöngeisteleifinanzierungsstunden, die ich neben der Dichtung der vorletztern Strophen meines Studienabschlussliedes diesen Monat hinter mich gebracht habe, waren die letzten Kraftreserven aufgebraucht. Alle Akkus endgültig leer, dachte ich als ich nach einem gewohnt langen Tag gestern die Haustür hinter mir schloss. Doch weit gefehlt. Auf dem Weg zur Bar nach einer kurzen Entspannungsrast daheim hatte ich meinem treuen Begleiter M. noch mein geballtes Leid geklagt, Hasstiraden hinsichtlich aller Abendverpflichtungen dargeboten, schlichtweg gequengelt wie ein kleines Kind. Kaum hatten wir die Bar betreten, waren die Freunde in Sicht, war ich verwandelt wie immer, kehrte alle Energie allmählich in Kopf, Glieder und Sinne zurück. Das Feuer loderte noch bis halb sechs und als es schon hell draußen geworden war, fiel ich müde und abgetanzt heimgekehrt, überglücklich in mein Bett.

20. März 2011

Amseln zählen

Der Frühling bringt mich in Bewegung - gedanklich und körperlich. Im Vorübergehen glitzert die Welt wie von feinstem Feenstaub bepudert: Überall Regung, Rascheln, Flüstern. Überall um mich herum ein fragiles Glitzern: Pulverisierte Welt aus tausenden Partikeln Zauberstaub errichtet. Es scheint fast so, als könnte ich mich wieder ein Stück greifen. Von Dir allein gelassen und doch immer begleitet. Deine Ferne mit jedem weiteren Schritt zu spüren und dennoch jetzt sicher zu sein, dass Dein Name und Dein Gesicht, Deine Worte und Deine Wärme mir so tief unter die Haut gingen, dass ich bis an mein eigenes Ende gezeichnet bin. All dies unzweifelbar.
Und wenn beim Laufen durch den Park die Amseln ihr verheißungsvolles Lied im Unterholz anstimmen, wenn M. sich nachts wie ein Katzenjunges an mich schmiegt, wenn ich mich, mit Kopfhörern in den Ohren und ganz in meine Welt versunken, schließlich daran erinnere, wie Deine Stimme bei manchen Liedern geklungen hat damals, dann weiß ich Dich in diesen kleinen Momenten des Glücks immer bei mir. Dann weiß ich, dass keine Minute hier umsonst gewesen ist.

18. März 2011

Vom Gesetz des Vitalen

Als gäbe es in meinem Kopf einen Kausalzusammenhang zwischen der Form sich zu gebärden und dem Grad der Vitaliät einer Person. Schon als Kind konnte ich diese ganz Stillen, Schüchternen und Ängstlichen nie ganz ernst nehmen. Ihre Art, sich vor Autoritäten zu verstecken, sich im schlimmsten Fall devot vor ihnen zu beugen. Das betraf vor allem ihre weitentwickelten Strategien, sich bei Referaten aus der Affäre zu ziehen, bei Parties glotzend und begutachtend, aber nahezu immer schweigend in der Ecke zu sitzen. Später, ihr ungeheurer Mut vom Prof. vor 60 Kommilitonen wiederholt dazu aufgefordert zu werden, endlich lauter zu sprechen, ist mir bis heute ein dunkles Rätsel geblieben. Manchmal paart sich diese ihre Rehkitzhaftigkeit mit gesundheitlicher Schwäche, minderer Entscheidungsfähigkeit und Hypersensibilität. Manchmal kommen diese Mädchenhaften mir vor wie kleine Veilchen am Wegesrand, die wie Silesius sagt blühen, weil sie blühen. Auch die Langsamen, die oft ebenso von zurückhaltender Natur sind, bieten mir offene Fragen. Ihre Bequemlichkeit, die sie ständig dazu veranlasst fernzusehen, lieber auf Taxi/Auto/Bahn zu setzen, statt zu laufen oder Fahrrad zu fahren, ihr Hang zum Fressen und Saufen, ihre intellektuelle Derbheit, ihr Bedürfnis, dass man nicht so schnell läuft, weniger schnell spricht und vor allem leiser. Wie sie im Schwimmbad darauf bedacht sind, mich wenigstens einmal einzuholen, nach vollbrachter Anstrengung aber erstmal am Beckenrand ausruhen, während ich ohne Pause weiterschwimme. Die Langsamen sind oft weder körperlich noch intellektuell wendig, sie schwimmen in den Fahrrinnen des Populären dahin. Gedanklich etwas wagen, das ist ihnen nichts, das spielt in ihrem Leben keine Rolle. Manchmal, wenn einer von ihnen, seine gedanklichen Gänge vor mir entwicklelt, dann ertappe ich mich dabei, wie ich beständig mit den Händen kurbele, in der Hoffnung er würde schneller sprechen oder endlich zum Punkt kommen. Mit einem Gefühl überkommender Ungeduld falle ich ihnen schließlich ins Wort, beende den Gedanken und übernehme die Sprecherrolle. Alles dies also: Diese aus meiner Perspektive in ihrer Vitalität irgendwie Gehemmten und Degenerierten bleiben mir zeitlebens unverständlich. Jene Vorstellung, wenngleich gedanklich verworrenen, demgemäß Aktivität als der Ausdruck und Gradmesser eines Lebens verstanden wird, verleitet mich beständig dazu, mir die immer gleiche Frage zu stellen: Wie (viel) Leben, wenn diese sich lieber verstecken oder ausruhen möchten?

17. März 2011

Falte

im Trockenen angekommen und inzwischen mit Tee versorgt, Papierhüte, weil bisher keine Ratsuchenden den Weg zu mir finden und denke darüber nach, während Herr G. hier mit Perücke vor meiner Nase herumtänzelt, wie gut mir doch eine Allonge barock-leibnizscher Provenienz stehen würde. Bin höchst angetan von dieser Vorstellung.

Winter, verpiss Dich, Du Spast!

Ich bins wirklich leid, echt. Kälte, Feuchte, Gräue, ihr KOTZT mich an! Aber sowas von! Den Leuten in der Bahn kann man inzwischen ansehen wie dünn ihnen die Haut schon geworden ist. Abgeschliffen von winterlicher Mühsal. Von Dunkelheit, Wind und Schnee. Wie Esspapier, das ich als Kind so mochte, sieht die meinige beim Blick in den Spiegel morgens aus. Irgendwie fragil, durchscheinend und anämisch.

16. März 2011

Nerven wie von Seidenraupen gemacht

Nervenstärke, Impulsivität und Kraft bieten den festen Unterbau meines Tugendkatalogs. Als aber gestern bei der Rückfahrt erneut starker Regen einsetzt und ich das Fahrrad mühsam durch die Pfützen nach vorne peitsche, derweil unachtsame Brummi- und Taxifahrer mir die durch ihr beherztes Gasgeben aufgewirbelten Fontänen Straßenschmutz nur so ins Gesicht rauschen lassen, und gerade weil diese Situation wie bei Täglich grüßt das Murmeltier sich ganz genau mit dem am Morgen bereits Durchlittenen deckt, schießen mir spätestens auf der von Berufsverkehr geradezu verstopften Leipziger Straße die Wuttränen in die Augen und ich schluchze und zittere hoch zu Drahtross am ganzen geschundenen Leib , fahre dennoch weiter. Wirklich lang her, dass mich dieses Gefühl zuletzt überkam, denke ich später zu Hause, nachdem ich durchnässte Kleidung und Schuhe endlich losgeworden bin.

26. Februar 2011

Sorrow found me

Lange Zeit waren meine Nächte traumlos, mein Schlaf tief, dumpf und ohne Unterbrechung. Seit einigen Wochen träume ich intensiv und äußerst bizarr. Bisweilen sind die vorbeirauschenden Szenen derart aufwühlend, dass ich schweißgebadet aufwache und mir die nächtlich geschauten Bilder noch den ganzen Tag über anhaften. Eineindeutige Versatzstücke stehen in diesen Träumen unvermittelt neben und zwischen rätselhaften Passagen, die durchsetzt sind von einer kryptischen Symbolik. Und wie alles, was ich intellektuell nicht fassen kann, strahlen sie gerade deswegen eine diffuse Bedrohung aus. Soviel subtiler Trennungsschmerz und offensichtliche Verlustangst, Nacht für Nacht vor wechseldem Hintergründen erfahren, gegen die ich machtlos bin.

24. Februar 2011

Die Linderungen der Phantasie

Da schreibt der berühmte Verfechter der virtù (Tatendrang des Menschen garniert mit allerhand Listenreichtum, perfider Manipulation und anderen Skrupellosigkeiten), dessen Name in heutiger Geschichtswissenschaft und politischer Theorie vor allem mit rücksichtslosern Machtstrategien unter Ausnutzung aller Mittel verbunden ist, also ausgerechnet jener in einem mathematisch-kühlen Satzbau kalkulierende Kopf, dabei zeitlebens an einer immanenten Kosten-und Nutzenrechnung orientiert, in einem Brief an seinen Freund Francesco Vettori die ergreifenden Zeilen: 
Wenn der Abend kommt, kehre ich nach Hause zurück und gehe in meine Schreibstube. Bevor ich hineingehe, ziehe ich mein Tageskleid aus, das voll Schmutz und Staub ist, und hülle mich in königliche Gewänder. Angemessen gekleidet, besuche ich die antiken Höfe der Alten, wo ich liebevoll aufgenommen werde, und weide mich an der Nahrung, die einzig mein ist und für die ich lebe. Dort schäme ich mich nicht, mit ihnen zu reden und sie nach dem Grund ihrer Taten zu fragen, und jene antworten...Vier Stunden lang  fühle ich keinerlei Langeweile: ich vergesse jeden Kummer, fürchte nicht die Armut, es schreckt mich nicht der Tod. Ganz versenke ich mich in sie.
Fühle mich an mich erinnert...

16. Februar 2011

Obsoleszenz

Nicht ohne Grund sind arte und 3Sat die mir verträglichsten Sender der deutschen TV-Landschaft, auch wenn ich wirklich sehr wenig in die Röhre schaue und Bücher bei mir stets den Vorzug genießen. Weil die dort aufgeworfenen Fragen noch lange nach dem Abschalten in meinem Kopf weiter rumoren und gedankliche Kreise ziehen und viele Sendungen den Verstand nicht mit billigem Fast-Food abspeisen, ihm hingegen ein mit intellektuellen Balaststoffen und außerordentlichem Nährwert angereichertes Buffet schwer verdaulicher Kost darreichen. Gestern beleuchtete ein Themenabend die künstlich herbeigeführte Veralterung eines Produktes innerhalb wirtschaftlicher Wertschöpfungsketten. Die Dokumentation Kaufen für die Müllhalde der Regisseurin Cosima Dannoritzer sucht dabei zu beleuchten, wie der kritische Konsument bei der geplanten Obsoleszenz zwangsläufig auf eine ökonomische Strategie im Produktionsprozess stößt, die mit dem Ziel des Erhalts der Konsumentennachfrage auf die gezielte Manipulation der Lebensdauer von Produkten - etwa durch Planung bewusster Schwachstellen oder Einsatz von Rohstoffen schlechter Qualität - setzt. Damit wachstumsschwächenden Marktsättigungserscheinungen ein strategischer Riegel vorgeschoben werde, gehen Unternehmen getreu der Devise "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft" über Leichen und vergeuden im Sinne des unlimitierten Konsums einer Wegwerfgesellschaft, langfristige und irreparable Umweltschäden dabei billigend in Kauf nehmend, derart leichtsinnig wertvolle Ressourcen. Jenseits der Ausbeutung von Umwelt und Mensch findet Dannoritzer alternative Modelle zur vorherrschenden Unternehmenspolitik, die durch die Annäherung und Imitierung der Herstellungsprozesse an die Zyklen der Natur - "Die Natur kennt keine Abfälle, sondern nur Nährstoffe" - auf Schonung und Erhalt von Rohstoffen setzt und dabei jenseits eines  radikalen Konsumasketismus dennoch eine gewisse Sexyness zu Markte trägt. Abgerundet werden die drastischen Bilder durch die eingestreuten Statements von Designern, Umweltaktivisten und Unternehmern. Besonders beeindruckt hat mich die Stimme des entschiedenen Konsumkritikers Serge Latouch, der einen  kompromisslosen Paradigmenwechsel hin zu einer Wachstumsrücknahme fordert. Insbesondere die geltend gemachten kulturtheoretischen Befunde sowie die Implikationen einer Décroissance wirken in mir bis jetzt nach. Jenes Schlagwort
soll den ein wenig euphorischen Diskurs über ein mögliches, vertretbares und unendliches Wachstum stören und unterstreicht die Notwendigkeit eines Umdenkens, eines Ausstieges aus dieser Logik der Maßlosigkeit. Das Programm lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Reduzieren. Reduzieren wir die Umweltschäden, die Verschwendung, die Überproduktion, den übermäßigen Konsum. Wenn wir den Konsum und die Produktion reduzieren, dann wird Zeit frei, in der wir andere Formen des Reichtums entwicklen können, die so unerschöpflich sind, wie Freundschaft und Wissen.

14. Februar 2011

Mondays

Werde von einem melancholisch-soften Makes me wanna lose myself auf einer nicht in meinem Besitz geglaubten Platte in die Woche gespült. Lese, atme tief durch und strahle seit langem mal wieder...

13. Februar 2011

und metaphysische Tröstungen

Latente $$$

Signifikante Häufung von Nachtträumen, die den wirtschaftlichen Erfolg meiner Ex-Kommilitoninnen der Wirtschaftswissenschaften, wie sie ungeachtet irgendwelcher Quoten brav die Karriereleiter erklimmmen, zum Thema haben. Dazu die bittere Begleiterkenntnis, dass sich der Wechsel auf die schöngeistige Seite der Macht  trotz allen Wissenszugewinn zwangsläufig auf die eigene Prosperität niederschlagen wird. Was der Freud wohl dazu sagen würde?

11. Februar 2011

Lustige Lautung

***
Ich kann seit einigen Stunden die Vorstellung, wie Hegel in seinen Vorlesungen in seinem behäbigen Schwäbisch immerzu "Absoluter Geischt" sagt, nicht mehr abschütteln und lache dabei Tränen.
***
Jene Hegelianische Vorstellung überkreuzt sich dabei beständig mit meiner Entdeckung des Morgens: Eine Mogelkarte wies JFK bei seiner berühmten Westberliner Rede am 26. Juni 1963 den Weg durch das Aussprachedickicht des Deutschen und Lateinischen ans Licht der wohlgeformten Vokale.
In persönlicher Lautschrift der Reihe nach:

Ich bin ein Berliner!
Civis Romanus sum
Lasst sie nach Berlin kommen!



***
Surplus: 
Die Moderne Sage der phantasiebegabten Amerikaner  bietet für mich jedoch das Sahnehäubchen. Demnach sei Kennedys Wendung von den Berlinern als „Ich bin ein Berliner (Pfannkuchen)" verstanden worden, worauf großes Gelächter ausbrach. Seitdem wird der monumentale Satz von diesen wie folgt persifliert: „I am a jelly[-filled] doughnut“

9. Februar 2011

sentimental stories

An gewissen Punkten meines Lebens werde ich immer wieder Opfer meiner Larmoyanz. Insbesondere Filme, die sich einer überbordenen Leidenschaft für Wissen und Forschen widmen und die menschliche Neugier an den Mannigfaltigkeiten des Kosmos zu beleuchten suchen, treffen bei mir ins Schwarze - und zwar directement. Ob amerikanische Kassenschlager wie  Good Will Hunting oder deutsche Variationen des Themas à la Die Päpstin, ob konservativ in Szene gesetzt (A beautiful mind) oder experimentell (Pi), ob pathetisch (Dead poets society) oder verstiegen (Das Parfum): Ich bin jenseits qualitativer Kriterien unwiderruflich gefesselt.

7. Februar 2011

So, so, fresh, fresh, so, so, fresh, fresh (touche)

Bei bestem Laufwetter und kurz vor Sonnenuntergang gerade meine Standardrunde gedreht und mal wieder festgestellt, dass alte Missy-Elliot-Platten wahre Wunder wirken. Wie eine fünffache Portion Adenosintriphosphat.
Ah, get back, aw, we about to, we about to hurt somethin'
Then you hear about how we keep the club jumpin'
We gon' tear the roof off this mother sucker
(jump, jump, jump, jump, jump)
 

Vive le Marketingcalcul!

Was wir dank Grebe längst wissen: Auch Anarchisten kämmen nachts heimlich ihr Haar. Was mich hingegen sonderbar erstaunt: Ein nicht unerheblicher Teil der Liebig14-Sympathisantenschaft greift  trotz linkshegelianischer Konsumkritik auf diverse beäpfelte Produkte zurück, säuft literweise Club Mate, trägt Converse und postet jene Konsumgewohnheiten an prominentester Stelle. Fast so als gäbe es hier eine geheime Überschneidungsmenge mit den Abkömmlingen der Feindeskaste; jenen young urban professionals schwäbischer oder skandinavischer Provenienz, die ihnen, den von Gentrifizierungsprozessen  (Mit-)Betroffenen, die Spielzimmer ihres (Non-)konfirmismus unter dem Arsch wegkaufen. Hinter jeder Ideologie, jedem alternativen Lebensentwurf  kommt, wie außerordentlich beruhigend, auch immer eine lebensweltliche Seite zum Vorschein.

6. Februar 2011

Im Zeitalter der Ähnlichkeit

Während draußen die dicken Tropfen beständig gegen die Fenster schlagen, ziehe ich mit staunendem Blick durch das Zeitalter von aemulatio, convenientia, Analogie und Sympathie. Stolpere dabei erstaunt über Sätze von  Bacon, Crollius, Campanella und vor allem Paracelsus, in einer mir weit entfernten Zaubersprache verfasst: zu gleicher weis als einer, der ein schaz eingrebt, in auch nicht unbezeichnet laßt mit auswendigen zeichen, damit er in selbs wider finden könne.

5. Februar 2011

Geheimnisvolles Saitenspiel

Schaurig-schöne Kilometer, die ich beim Joggen heute hinter mir ließ. Da der Ipod vorzeitig den Geist aufgab, wurde ich Zeugin eines akustischen Schauspiels: Im Humboldthain brachte Aeol nämlich die knöcherigen Ast-und Strauchsaiten derart fulminant zum Erklingen, dass ich, von den Klängen seiner Baumharfe verführt, abgetrieben den steinernen Weg unter den Füßen kurzzeitig verlor und über schlammige Wiesen lief, den Blick dabei fest an den wankenden Bäumen festgenagelt. Als ich nach Hause kam, war der Matsch an der Laufhose  kniehoch hinaufgewandert und wurde von schwäbischen Mitte-Aristokratinnen äußerst kritisch gemustert.

(Ver)sehen

Eine längere Kontroverse mit F. stieß mich auf meine Neigung zur Theoretisierung selbst des harmlosesten Wahrnehmungsaktes. Als ob mein Blick beim bloßen Schauen immer schon um die Ecke denkt und ihm dabei spontane Perspektiven entgehen. Vielleicht um nicht vorschnell einem blinden Absolutismus auf den Leim zu gehen, der statt vermeintlich kritischer Potentiale des Begriffes permanent auf phänomenologische Evidenzer-lebnisse der Sache selbst setzt? Daher merkwürdig und folgerichtig zugleich, dass mir gerade die pragmatischste aller Lesarten von Las Meninas, demnach Velázquez sich und seine Modelle im Spiegel malt (sog. Spiegelbildthese), anfänglich am weitesten entfernt erschien. Ebenso seltsam hat ausgerechnet diese These, die nahezu ohne verbissenes Nachrechnen, wilde Konstruktionen und argumentative Belegketten auskommt und die mir nach den Erläuterungen F.'s -  immerhin selbst in der künstlerischen Praxis erprobt - immer einleuchtender schien, in der Kunstwissenschaft eine Außenseiterposition inne. 
Oh, Du zweifelhafter Verstand mit Deinen Chimären!

4. Februar 2011

L'Archéologie du savoir

***
Würde ich, erfolgreich habiliert, an das renommierte Collège de France berufen, würde ich den Lehrstuhl D’Histoire des systèmes de pensée wählen. Doch scheinbar gibt es den gar nicht mehr. Quel dommage! Nein, mal ernsthaft: jammerschade!
***
Am Ende einer Diskussion mit dem von mir hoch geschätzten K., nach eigenen Angaben Vetreter eines kritisch-aufgeklärten Kemalismus, über das Lebensgefühl innerhalb linker Bildungseliten (in) der Türkei, brachte er, von meiner spröden Polemik angestachelt, auch ein für ihn überzeugendes Argument hinsichtlich der Attraktivität eines Lebens in Deutschland auf den Tisch. In seiner Anfangszeit hier, so berichtete K. offenherzig, war er sehr erstaunt darüber, wie flächendeckend im öffentlichen Nahverkehr Berlins und  Kölns gelesen wird. Und auch wenn ich spitzbübisch hätte einwenden wollen, dass vor allem das Boulevardblatt mit vier Buchstaben (und seine nichtsnutzigen Brüder und Schwestern) darunter oft eine Mehrheit stellt, Recht hat er! Seitdem erwische ich mich regelmäßig dabei wie ich, wann immer ich die S-Bahn betrete, klammheimlich Leserquoten berechne.
***
Der beste Satz, den ich seit langem gelesen habe: Zweiunddreißig Jahre bin ich als Erloschener durchs Leben gegangen und habe mich dabei wohlgefüht. Photos beweisen, ich war bereits ein erloschenes Kind.

3. Februar 2011

Was sind wir menschen doch? ein wohnhaus grimmer schmertzen.

Ein baall des falschen glücks/ ein irrlicht dieser zeit.
Ein schawplatz herber angst/ vnd wiederwertikeit/
Ein bald verschmelzter schnee vnd abgebrannte kertzen.

Heute morgen in der S1, vor Wind und Wetter in wohliger Wärme geborgen, einen Sitzplatz ergattert, da scheinbar alle Berliner Eltern daheim geblieben, ich also durch ihre unerwartete Absenz mit einer erstaunlichen Auswahl konfrontiert, zählte ich 10 Todesfälle im engeren Familenkreis Andreae Gryphii. Wem in den ersten zwölf Lebensjahren Vater und Mutter hinweggestorben und darüber hinaus von sieben Sprösslingen nur zwei geblieben waren, davon eine Tochter, die "in ihrem fünften Jahre aus unbekannten Gründen plötzlich auf[hörte] zu wachsen, [...] das Gehör und das Gedächtnis [verlor] [...] [und] im 44. Lebensjahr im Hospital zu den Elftausend Jungfrauen in Breslau [starb], dem sei, was derartige Erwägungen hinsichtlich des menschlichen Kosmos' betrifft, entschieden beigepflichtet.

2. Februar 2011

In corpore sano

Wie sehr mein Körper es mir dankt, dieses tägliche Maß an Bewegung. Mit Endorphinausschüttung und intellektueller Power bis in die Nächte hinein. Und auch wenn M. und ich - in den aschfahl-lichtlosen Morgenstunden wie ruhende Tiere Haut an Haut unter Daunen eng  aneinander gerückt, ineinander verschlungen - unsere Unfähigkeit, Winterschlaf zu halten, mit einer unvergleichlichen Intensität betrauern, so verblüfft mich andererseits der beglückende Rausch nach jeglicher körperlicher Belastung. Ob rennend, schwimmend, radelnd oder squashend, unmittelbar nach der sportiven Ertüchtigung befragt, würde mein Körper derzeit zu Protokoll geben, dass der Winter ruhig noch eine Weile andauern kann. Nur das Frisbeewerfen und das Barfuß-über-Wiesen-laufen fehlt ihm. Muss er sich wohl noch eine ganze Weile gedulden, der Arme!

1. Februar 2011

Le monde c'est moi

Mein Anthropomorphismus: Im Mauerpark tänzelt  unter einem schweren, bleigrauen Himmel kopfnickend eine Gruppe Nebelkrähen zwischen vereisten Grashalmen rhythmisch zu No Cars Go von Arcade Fire, während ich auf meinem Fahrrad behutsam vorbeischleiche.

31. Januar 2011

Rauhe Reife

















 ***
Wie diese kinderbewagten Spätdreißigerinnen einem gaffend ins Gesicht kriechen, während man den schnellen Zehnkilometerlauf, aus der Gegenrichtung kommend, mit einem ambitionierten Schlusssprint hinter sich bringt, ist mir ganz und gar unheimlich.
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Eine wichtige Person zieht nach Berlin zurück, während ein anderer Lebensbegleiter der Stadt vorfreudig den Rücken kehrt. Vor meinem inneren Auge schreibe ich mit beängstigendem Nachdruck beständig Willkommens- und Abschiedskarten. Von außen ist mir nichts als ein Augenzwinkern anzumerken.
 ***
Nachdem am Sonnabend die edelsten Tropfen Gaumen und Kehle benetzt, steht der herannahende Februar ganz im Zeichen der Absenz von jeglichen Rauschmittel. Möge sich diese Askese fruchtbar auf die intellektuelle Umtriebigkeit auswirken!
 ***
Der Nachschlaf liefert mir statt matter Erholung momentan einen permanenten Exzess von Bildern, die in Mordsgeschwindigkeit vorbeirauschen. Subtile Bedrängnisse, die mich noch bis zur Mitte des Tages in hellsten Aufruhr versetzen.
***
Bedrohlich erscheinen mir schon jetzt die kommenden Wochen. Mit Aufgaben bestückt, die meine ganze Hingabe und mehr als einen Funken Disziplin verlangen. Ach Jänner, sanft brachtest Du mich in dieses Jahr, nahmst mir Spannung und Balast. Bohrende Fragen: Nach den Strapazen zu lange ausgeruht? Jetzt, wo Du zu Ende gehst, sehe ich überall nur noch gefährliche Stricke, die mich zu Fall bringen können.

30. Januar 2011

Sworn to secrecy

Von einer zarten Traurigkeit werde ich in den Schlaf gewogen...

So let me go out there
I can breathe fresh air
Stay with you all night
Just let me love you
Just for a while want to
Be with you all night
Be with you all night

Until I fall asleep

Just let me be here
I won't tell anyone
Don't want to wake up

28. Januar 2011

III. Song of the Day

Macht jede S-Bahnfahrt durch die traurig-graue Regenlandschaft zu einem inneren Erlebnis...

 

II. Lieblingsstilkritik der Woche

Scheck mit Schalk im Nacken über Mini Shopaholic: "Angeblich ein moderner Unterhaltungsroman über eine modebewusste Markenfetischistin mit Kind. Tatsächlich aber eine Dressuranleitung mittels derer junge Frauen zu geistfeindlichen, gebärfreudigen Schnäppchenjägerinnen abgerichtet werden. Menschen, die von allem den Preis, aber von nichts den Wert kennen."

I. Consummatum est

Im Inneren zitterte die messianische Vervollkommnungsbegierde, gab Leuchtkraft ab und wirkte Wunder. Ein solcher Körper wird natürlich nie krank und schlaff, er schläft kaum, ißt und trinkt wie ein Rotkelchen, läuft und schwebt und sinnt und spricht, bis alle Fingerzeige gegeben, alle Gleichnisse kommuniziert sind. Und wird dabei dünner und dünner, bis zur Generalprobe, da Muskeln und Sehnen in extremis hervortreten und der Geist brennt.

Wer solche Sätze schreibt, der wandelt somnambul unter den Sternen. Lewitscharoffs Consummatus brachte nicht nur delikateste Unterhaltung - schon allein aufgrund des Stimmengewirrs des Großen Totenohrs - sondern stimmte mich zuversichtlich, dass der deutschen Literatur wieder etwas zuzutrauen ist. Auf dass sie jenseits des verbreiteten Plaudertons - für mich Gipfel der Langeweile - im Reich des Experimentellen ihre neue Spielwiese findet.
Überaus beglückt schreite ich nun in Richtung Josef Martin Bauer So weit die Füße tragen, das mein ansonsten dem Buche wenig zugeneigter Vater mir empfahl. Von der Gestaltung des Buchdeckels zunächst derart verschreckt, besorgte mein treuer M., da ich mich einfach nicht überwinden konnte, mir das Bastei-Lübbesche Taschenbuch, das ich nun am liebsten in Brotpapier einschlagen möchte, so häßlich ist es. Da ich jedoch bisher der Devise Don't judge a book by its cover (fast) immer treu geblieben bin, werde ich wohl meine hart erarbeiteten Wochenendstunden jener Lektüre widmen. Und weil ich schon immer eine große Liebhaberin von Expeditions- und Reiseberichten war - ob fiktiv oder real, ob ästhetisch verstiegen oder von wissenschaftlichem Interesse geleitet - und meine Phantasie im Marschgepäck von Defoe, Verne, Humboldt, Forster, Conrad neugierig Platz nahm, während mein daheim gebliebenen Finger auf der Landkarte eifrig den zurückgelegten Schritten folgte, arbeite ich, aufgeregt wie ein Kind, das die ersten Bücher verschlingt, seit heute morgen im  intellektuellen Akkord. Und das nur, damit meine Phantasie schnellstmöglich neues Futter bekommt. I ♥ Fridays.

26. Januar 2011

"eine Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen"

Dass ich plötzlich diese ganz kleinen Dinge sehen kann. Wie die kristallinen Tropfen an den mageren Ästen hängen und wie ich dort hinsehen muss, gar nicht mehr wegschauen kann. Dass ich dabei Gefühlen ausgesetzt bin, innerlich getroffen, berührt - fast chandosartig - von der Anziehung des Sichtbarwerdens auch das hat Dein Tod mir gebracht.

14. Januar 2011

Von der Theatralität subtiler Arrangements

Die Inszenierung der eigenen Wohnräume. Ein affektiertes Spiel, in dem ich eiferhaft stets nach der höchsten Vollendung strebte! An unzähligen Bücherregalen, Schreibtischen und Kommoden bin ich seitdem vorbeigelaufen. Meist bot sich dem voyeuristischen Auge das immer gleiche Panorama: Wenig Buch. Und auch wenn ich den Asketismus anderer, zu dem ich selbst ganz und gar unfähig bin, schätze, handelte es sich bei diesem Wenig  nicht etwa  um eine ausgeklügelte Auswahl auf der Grundlage ästhetischer Empfindsamkeit oder geistiger Agilität, sondern verwies die minimalistische Faktenlage allzu oft auf den langweilgsten, der Welt  entbehrlichsten, Leistungskursunterricht im Fach Deutsch. Immer wieder Faust, Gregor Samsa und Effi Briest. Fast nie oder wirklich selten anderes außer aufgezwungenen Lektüren. Als fragmentarische Spuren des jeweiligen Bewohnerlebens verstanden, was mehr, als der bedauerlichste Ausdruck unterjochten Intellekts?


13. Januar 2011

Schwacher Moment

Eine Weihnachtskarte hätte nicht kitschiger ausfallen können als diese. Auf Masse produziert und im Fünferpack für 99 Cent in jedem Discounter feilgeboten, finden sich ihre Artgenossen tausendfach unter heimischen Tannenbäumen. Ich gehe jede Wette ein, dass die Großeltern jedes Familienmitglied entsprechend bedacht hatten. Bei einer Aufräumaktion diese Woche fiel sie mir, die achtlos in die Ecke Geworfene, wieder in die Hände zurück. Das Motiv (begeigter Putte mit Goldüberzug nebst gräßlichstem Kerzengesteck) nur ein wenig mit dem Auge gestriffen, fand sich darin, den Schnörkelspruch der Vorderseite fortsetzend, der saubere Schriftzug meines Opas: "wünschen Dir Oma und Opa". Nachdem ich sie später längst in den Müll geworfen hatte, sorgte ein spontaner Anfall der Rührung für die nachträgliche Wiederbeschaffung. Da es mir in der nächsten Zeit wohl nicht mehr gelingen wird, mich dieser kleinen Geschmacklosigkeit aus Weichkarton zu entledigen, trohnt sie nun, lässig an die Wand gelehnt, umso triumphierender in meiner Blickweite. Und wieder einmal muss ich mich meinen eigensinnigen Sentimentalitäten geschlagen geben.

11. Januar 2011

It's only words...

Dass ein paar beschwipst dahergesagte Sätze dies anrichten können, hätte ich niemals auch nur im Traum geahnt. Plötzlich war sie da, diese Angst. Seitdem steht sie unentwegt hinter mir, verfolgt mich, unabschüttelbar, auf Schritt und Tritt, guckt mir bei allen Gedanken über die Schulter. Wie ein schmarotzender Parasit hat sie sich fest in alle Gedanken eingenistet. Vor allem dort, wo der Glaube an die Freiheit beheimatet ist, hat sich seither die Skepsis niedergelassen. Zumindest die frostige Kälte, die sich morgentlich über müde Lider legt , lindert den Schmerz ein bißchen.

8. Januar 2011

Keep on rolling

Zehntausend Überlegungen später, die Feste vorbeigerauscht, der Schnee geschmolzen. Alles grau und schwarz da draußen. Moskaus westlichster Vorort zeigt sich von seiner häßlichsten Seite und die Plusgrade machen Kopfschmerzen. Die Autos sind leider auch wieder voll auf Kurs. Es regnet permanent kleine Fädchen, die einem feucht-modrig unter die Haut kriechen wollen.
Das neue Jahr ist nun eine Woche alt, milder und heller als das alte. Ein Monat Leben fehlt hier.
Meine Datenbanken sind inzwischen gelöscht, die eigenen URLs stillgelegt. Durch ein fachkundiges Wort aus dem Taumel meiner Naivität geweckt, stand sie auf einmal vor mir: die ganze Tragweite jener Spuren, die ich digital hinterlassen habe. Weder die Universität, an der ich akademisch reifte, noch mein klarer Name sollen von nun an unters Volk. Zumindest nicht mehr derart offensiv. Doch da mir, nach einem Monat Bedenkzeit, das Schreiben ungebrochen innerliches Bedürfnis ist, werde ich an dieser Stelle weitermachen und fühle mich so zumindest halbwegs von der DENIC abgeschottet.

Das Geheimnis ist für die Glücklichen; das Unglück braucht, das hoffnungslose, keinen Schleier mehr.

30. November 2010

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden

Sollte irgendwann in ersehnter Zunkunft der Dr. phil. meinem jetzt schon pompösen Namen alle Ehre machen, sich zum Buchstabenwust hinzugesellen, und, weil M. ihn freundlicherweise dort appliziert hat, an meinem Briefkastenschildchen prangen, ist die Zeit herangebrochen, in der es alte Missionen abzuschließen gilt. Akademisch bestätigt und zur Teilnahme am Wissenschaftsdiskurs legitimiert, im besten Fall nach wie vor dazu berufen, ist genau dann der richtige Augenblick gekommen, dem vergessenen Lyriker Hesse, vorschnell von denen, die keine Augen haben zu sehen, dem Kitsch zugeschlagen, die verdiente und längst überflüssige Rehabiltation, den lang verschmähten Dichterpreis zukommen zu lassen. Ihm endlich einen Schrein inmitten krittelnder Literaturwissenschaft zu errichten. Mit postmodernglänzendem Lorbeer bekränzt, so wahr ich hier stehe schreibe! Dafür bündele und mobilisiere ich mein gesamtes epistemologisches, ästhetisches und (post-)strukturalistisches Expertentum, um auch den letzten Naserümpfenden zu überzeugen! Jawoll!

Dunkelste Stunden

Das sind die Stunden, die wir nicht begreifen!
Sie beugen uns in Todestiefen nieder
Und löschen aus, was wir von Trost gewußt,
Sie reißen uns geheimgehaltene Lieder
Mit blutend wunden Wurzeln aus der Brust.

Und doch sind das die Stunden, deren Last
Uns Stille lehrt und innerlichste Rast
Und die zu Weisen uns und Dichtern reifen.
...und ganz viel Erinnerung an F.- in melancholichen Portiönchen, die ich gerade noch tragen kann.

29. November 2010

Pendalum mobile

Der Montag hat mir stets nur wehes Klagen eingebracht, schon weil ich an einem solch' bitteren Tage das Licht der Welt erblickte. Von geburtstäglichem Rückenwind seither nichts zu spüren, my dear. Statt nämlich frisch und munter in die Woche zu starten, ausgerechnet dies! "Froilein, ick weeß ja nich, ob et Ihnen schon uffjefallen is, aber wo is'n Ihre Pedale jeblieben?" Scherzkekse! NEIN, natürlich ist es mir noch NICHT aufgefallen, dass ich auf einem Metallstumpf - das, was von dem guten Stücke übrig blieb - balancierend den Scheißdrahtesel hurtig weiter nach vorn bewege und dabei aussehe wie, pardon, eine Teilnehmerin der Paralympics...Nein, natürlich NICHT. Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben. Ich wäre sonst, ohne es zu merken, weiter wie ein Idiot durch die Straßen getrullert, weils SO ERSTAUNLICH VIEL Spaß macht.

Gipfelstürmer in Pantolette

C. hatte das mal wieder glasklar erkannt. Der Gipfel der Biederkeit kulminiert im Prenzl' Berger Pantoffelhort. Rückzugsort bürgerlicher Gemütlichkeit aus ökologisch zertifiziertem Walkfilz.

28. November 2010

Les mots et les choses

Würde eine hymnische Lob- oder Grabrede minuziös über mich verfasst und feierlich auf mich gehalten, müsste, so hab ich mir überlegt, meiner ausgeprägten Graphemophilie (reminiszenz-)artig Ausdruck verliehen werden.
Notabene: Alle meine Freunde und Verehrer wären demnach genötigt, folgende meiner Lieblingsworte aus unterschiedlichen Sprachen darin unterzubringen: martialisch, Hagestolz, anheim fallen, mondsüchtig, Verblendungszusammenhang, Hinterlist, luzide, sonor, appropinquare, Fräuleinwunder, Zeitlichkeit, entbergen, disentangle, Chuzpe, Obdachlosigkeit, prästabilierte Harmonie, Wegbier, possierlich, hanebüchen, Kinkerlitzchen, stibitzen, Schibboleth, Tannenzapfen, Paradigma, Wankelmut, Agonie, ungestüm, Inselbegabung, konspirativ, Schlingel, prosaisch, Skandalon, Aventüre, Bildersturm, Verve, withdrawal, Flausen, Levithen lesen, riot, Schlingel, mirakulös, Trutzburg, Fisimatenten - to be continued...
Nichts passt zusammen und alles zerbirst. Wär das ein Spaß :)

24. November 2010

παρένθεσις

Beim Anblick meines gegenwärtigen Kontostands wird eine Erinnerungsmaschinerie unwillkürlich in Gang gesetzt, die vom Langzeitgedächtnis artig memorierte Fragmente an die zahlreich besuchten und darunter am wertvollsten empfundenen Seminare meiner sich zum Ende neigenden Studienzeit wachruft. Demnach sei das Geld am besten beschrieben als inkorporierte Arbeit in Parenthese.

Diese messerscharfe begriffliche Präzision im Jammertal der Geisteswissenschaften ist nicht nur höchst erstaunlich, sondern schlichtweg bewunderswert.

23. November 2010

Des Fräuleins Grillen

Et voilà: Heute ein Ausschnitt aus dem Kapitel "Wie bekomme ich meine spontanen Anfälle infantiler Provinienz, sprich: zickenhafte Rachegelüste, besser unter Kontrolle?". Die Miss, Hauptprotagonistin dieser Miniatur, auf dem Weg zur Arbeit. Der Kaffee war kaum durchgelaufen, da musste sie auch schon den Turbo einlegen, schnell in die Fellstiefel und aufs Rad geschwungen. Der Kaffeetassenrand blieb derweilen von ihren anschmiegsam-gierigen Lippen unberührt.

Angesichts der fortgeschrittenen Stunde ad hoc (um)entschieden, geriet der neueste fräuleinsche Plan, die S-Bahn zu nehmen, zu einem unvorhergesehenen Desaster. Wann immer die Miss im Stress ist, schafft sie sich mit Musik Abhilfe. Während die sidoesken Handyspeakerattacken einer sitzbenachbarten viereinhalbköpfigen Mädchenmannschaft durch ihre penetrante Stetigkeit den Stein der Geduld - trotz wohltemperiertem Eagles of Death Metal-Soundteppich - allmählich zu höhlen begannen, war der teuflische Plan längst geschmiedet. Bei der Ansage "Nächste Station Potsdamer Platz: Übergang zu den S-Bahn-Linien S2 und S25 und zur U-Bahn-Linie U2" funkelten Fräuleins Augen tückisch und voller Vorfreude. Bevor die Pubertierenden die Tür erreicht hatten, war eine, die lindsaylohanhafteste unter ihnen, bereits über das subtil ausgestreckte Bein des Fräuleins gefallen, die im Angesicht des Sturzes innerlich tausend Sektkorken gleichzeitig zum Knallen brachte.

Bleibt bloß zu hoffen, dass das Opfer den Pimkie-Shop in den Potsdamer-Platz-Arkaden noch rechtzeitig erreicht hat, but who knows?

Und die Miss: Statt Reuegefühle zu hegen, erfreut sie sich übrigens noch immer an ihrer praeadoleszenten Grillenhaftigkeit.
Ein Blick ins Wörterbuch hilft dem aufmerksamen Leser auf die Sprünge (Eingeweihte bitte überspringen):
Grille, f. , heimchen; laune.
...
2) närrisches gebahren, faxen, possen, dann auch abstracter: närrische, lustige einfälle (auch im mnl. reich entwickelt Verwijs-Verdam 2, 2140): grille possenreiszung, gestus, gesticulatio Henisch 1743; grillen treiben, possen treiben gesticulari, gestire 1744; grillen gesticulationes et gestus ridiculi Stieler 702; im 16. jh. sehr häufig, im 17. allmählich erlöschend; nur im plur. gebräuchlich:
...
das ist ein alte lumperey,
possen, grillen, esels gschrey
Spangenberg-Fröreisen griech. dr. 2, 213 lit. ver.;
3) hauptbedeutung: seltsame, wunderliche einfälle. auch hier tritt in älterer zeit, bis ins 17. jh., gelegentlich concreterer gebrauch auf: seltsame geschichten:
a) das phantastische, unwirkliche wird stärker betont: hirngespinst, einbildung, erfindung, täuschung; oft, aber nicht nothwendig, mit dem nebenbegriff des schrulligen; in älterer sprache gern religiös gewendet: dass noch ein jeder phantast seine närrische einfäll und thorechte grillen mit h. schrift behaupten will Grimmelshausen vogelnest 2, 388 Keller; hinweg mit allen fleischlichen, irrdischen, mahometischen
b) das unbegründete, willkürliche, launische wird stärker betont: marotte, schrulle, bizarrer einfall; bisweilen mit dem nebenbegriff des eigensinnigen oder mehr durativ: fixe idee.
Frei nach dem Motto Vergnügen auch für Nicht-Philologen oder die Existenzberechtigung geisteswissenschaftlicher Forschung sei allen Freunden etymologischer Ausführungen, die darüber hinaus Liebhaber der deutschen Sprache sind, der digitale Grimm übrigens wärmstens zu empfohlen.
Confessio of the day: Sie bekennt sich mit einem Hauch von Stolz schuldig in allen Anklagepunkten.

22. November 2010

Vertigo

Streuselbeschneckt und mit transportabler Koffeinquelle bewaffnet, führt der Weg M. und mich an die Grenzen der Stadt. Während draußen die knöcherige Tristesse vorbeizieht, sich Sturzbäche über Tonnen von Spritzbeton und verfallene Bahnanlagen ergießen, steht M.s Welt Kopf – wankt und dreht sich schon seit Tagen. Wackelig und schwach auf den Beinen, stapft er voraus und ich, im Falle weiterer Schwindelattacken zur kaum brauchbaren Stütze auserkoren, hinterher. Als das sparsame  Tageslicht sich in einer flüchtigen Regenpause unerwartet auf den Wasserlöchern der Vorstadt zu spiegeln beginnt, pocht mir die Angst – wie seit langer Zeit nicht mehr -  bis zum Hals. Als M., aufgerufen, sich taumelnd vom Platz neben mir erhebt, aus dem Wartezimmer in das Sprechzimmer verschwindet, kann ich dem Druck, den ich schon eine halbe Stunde tapfer unterdrückt habe, nicht länger standhalten. Ein gegenübersitzender Patient im Alter meines Opas reicht mir liebevoll ein Tempo und als M. zurückkehrt, habe ich die Fassung längst wiedererlangt.

21. November 2010

Und täglich grüßt das Murmeltier :)

Das kleinteilige Relaunchen kann einen echt wahnsinnig machen, jedoch bedarf die Entäußerung in die digitale Welt da draußen einer gewissen Stilistik. Palimpsestartig wird nun eine Sinnschicht über die andere gelagert, der Raum zwischen den Zeilen textuell und bildlich angereichert. Gleichzeitig steigt das Risiko eines cholerischen Anfalls proportional zum größten winzigsten Fortschritt. Indes besänftigt mich der weise Sinnspruch des Weimarschen Wappentiers:
"Hammer zu sein scheint jedem rühmlicher und wünschenswerter als Amboß, und doch - was gehört nicht dazu, diese unendlichen, immer wiederkehrenden Schläge auszuhalten!"

18. November 2010

Chase the Devil

Welch ein Morgen! Jesse „The Devil“ Hughes bringt mich auf Hochtouren und statt neben Bombenrucksäcken S-Bahn zu fahren, schwing ich mich bei Niesel aufs Rad. Und siehe da: Die Fettärsche sind endlich zu Hause geblieben oder bieten ihr lahmes, hängendes und vergammeltes Fleisch den anderen ÖPNV-Nutznießer als Pufferzone für den Ernstfall dar, wenn das TNT zündet. Vielleicht werden ja auf diesem Weg zivile Opfer vermieden? Für mich heißt das erst einmal: Volle Kraft, voraus! Unter nackten zitterig-mageren Baumgreisen entlang, fühlt sich das hingerotzte Gonna chase the devil tonight. They chase the devil tonight. wie Kalaschnikow und kugelsichere Weste gleichzeitig an. I love it ♥

16. November 2010

Wann kommt der Sandmann mit dem Sand und fährt mein Boot an die Wand?


Wenn die Müdigkeit einen fast erschlägt, die Mattigkeit  bereits benommen macht, alle Sinnkategorien unfreiwillig durcheinander wirbelt, man seinen Namen beinahe minütlich vergisst, geschweige denn weiß, wo die letzte Stunde eigentlich geblieben ist, ist es Zeit nach diesem heldenhaften Tätigsein, endlich schlafen zu gehen. Auch, wenn die Stunde noch nicht mal Mitternacht geschlagen hat.

15. November 2010

Mit der Tür ins Haus

Beinahe so, als hätten die paar Sonnenstrahlen heute morgen alles wieder gut gemacht...


gehört Kings of Leon- Come Around Sundown rauf und runter, alte Blur und Nirvana-Platten, Info-Radion rbb
gesehen einen ultraschlechten Boxkampf im Zeitrafferformat, zum Glück! War nämlich schon sehr schläfrig...
gelesen Friederike Mayröcker, Bob-Dylan-Biographie, Dr. Erich Kästners lyrische Hausapotheke
getan Bewegung, Bewegung, Bewegung und viel Schlaf
getrunken Non-alcoholics
gegessen Käsekuchen, Choco-Cookies und viel Fisch, natürlich nicht zusammen ^-^
geärgert über diesen Scheißregen...grrrr!
gedacht so langsam wird um mich herum nicht nur am laufenden Band Nachwuchs produziert, sondern auch geheiratet wie verrückt. Pah! Von wegen Rebellentum! Scheinbar alles wie seinerseits bei Mutti und Vati. Die Heiratszulage ist in einschlägigen Berufsfeldern jedoch auch nicht zu verachten, da scheißt man scheinbar auf die lang gepflegte Hippie-Attitüde!
M. hat mit seinen Hasstiraden auf die Wegwerfgesellschaft sowas von recht...
geplant daher möchte in Zukunft ein wenig umsichtiger und nachhaltiger konsumieren, ohne gleich in Sozialutopien und Marxismussermon zu zerfließen...
gewünscht über die konstante Fähigkeit zu verfügen, den kleinen Dingen größeren Raum zu geben.
gekauft Endlich! Ich nenne seit gestern Abend ein neues BILLY mein eigen. Leider stellte sich bei der Umräumaktion bisher obdachloser Lektüre heute heraus: Zwei wären vielleicht besser gewesen. Wer zum Teufel hätte denn gedacht, dass alle auf dem Schreibtisch versammelten und hochgestapelten Bücher ein ganzes Regal beanspruchen? Hmm, vielleicht ein paar Aufsätze zu Weihnachten?
geklickt ebay und Wikipedia: Ich weiß jetzt einfach alles über die Entwicklungsgeschichte und Tradition des Karnevals. Hat mich eh schon immer gewundert, was die am Rhein da alljährlich so treiben.
gehofft dass die Antifaltencreme die Furche unterm Auge nicht nur "optimal mit Q10 versorgt" und die Haut "revitalisiert", sondern mit ein bißchen Hokuspokus auch ein bißchen glättet...

13. November 2010

Schwindende Lichter


Erloschen ist alles Gold. Alle Farben gänzlich zu Boden gefallen. Die bunten Herbstsplitter von so manch kräftiger Böe einfach weggeweht, von blassen Passanten achtlos platt getreten. Regentropfen schlagen im halbstündlichen Turnus an die Fenster. Sogar den Berg hinunter muss ich treten, damit ich auf dem Fahrrad vorwärts komme. Wind fegt mir durch die Haare und meine Augen tränen vom Blinzeln in den Gegenwind. Im Angesicht der schwindenden Stunden Tageslicht steigt beklommenes Gefühl in mir auf. Während Herr Mond fahl-milchig und sichelhaft durch mein Fenster scheint, wird mir klar, dass der schönste Teil des Herbstes bereits hinter mir liegt. Und wie schnell das doch gegangen ist. Vor knapp einer Woche hielt der Baum vor meinem Fenster noch standhaft an seinen Blättern fest, nun zähle ich kein einziges mehr an seinen Ästen. Irgendwie alles ganz und gar lebensfeindlich da draußen, denke ich. Das diffus-verwackelte Licht der Kerzen legt sich wie ein dämpfender Film über das Fürchten vor der winterlichen Dunkelheit und ich denke daran, wie still die Natur  jetzt da liegt und alles Leben sich zurückgezogen hat, in Dunkelheit und Erstarrung zusammengefercht. Es hilft alles nichts, kann ich mich doch nur zeitweilig selbst zusammenkrümmen. Einigeln bis der Körper durch das Liegen ganz und gar matt wäre, schmerzte von der Winterschlafpose...Es bringt nichts, muss ich doch hinaus in die unwirtliche Kälte, mich Tag für Tag dem ungemütlichen Durchzug zwischen Plattenbauten aussetzen, beim Vorbeigehen Massen blasser Gesichter mit leeren Blicken registrieren, während die klamme Kälte in jede meiner Poren dringt. Ein Meer urbaner Trostlosigkeit, da hilft auch all das nächtliche Spiel auf Pfützen sich spiegelnder Taxilichter und Straßenlaternen nichts, die erleuchteten Wohnungen machen nichts besser. Ich glaube, langsam steigt mir das alles hier zu Kopf. Ich geh mir also mal schnell einen Tee machen.

11. November 2010

Danke, Jungs!

Ungeachtet vorschneller Kritikerstimmen, die die angeblich mangelnde musikalische Experimentierfreude mit einem halb aufstampfenden Fuß monieren: Besonders in kalten Spätherbstnächten ist dies mein Balsam für die Seele! Für mich ein Album, das genau jene Lieder versammelt, die gaaanz viel sommerliche Wärme verströmen. Ohne die der lange und von den Meteorologen bisher als "DER KÄLTESTE" angepriesene Winter kaum zu überstehen sein wird ♥
If you give up New York, I'll give you Tennessee,
the only place to be.






Adoleszente Entbehrungen

Gerade noch dort gewesen. Und auf einmal stehe ich am Bahnhof Wannsee, hat mich plötzlich der Alltag wieder. Vom einfahrenden Zug ausgespuckt, kommt die Realität schnurstracks in mein Leben zurück, in dem Rechnungen bezahlt, Wäsche gewaschen und Essen gekocht werden müssen, in dem das Meeting um Punkt 17 Uhr beginnt, zwei neue Korrekturfassungen warten,  ich mein Studium nun endlich abschließen und der ganze Ebay-Kram schleunigst verschickt werden muss. Vorbei die kurze Zeit familärer Geborgenheit, in der ich mich um nichts kümmern musste, einfach alles da war, nichts fehlte. Welcome back im Hamsterrad meines Lebens! Die Vorstellung vom entspannt schnurrenden Samtpfötchen erleichtert das wehmütige Herz und macht den Beinchen das Laufen zumindest etwas erträglicher.

9. November 2010

Ein Stück Zuhause

Trotz nasskalter Witterung hat das frühwinterliche Draußen einiges für mich zu bieten. Staunend bin ich um Prinzessinnenschlösser und  durch verwunschene Zauberwäldchen gelaufen, während sich die Rabenvögel zum gemeinsamen Schläfchen auf den Dächern der Fachwerkstadt krächzend versammelten. Traumhaft schön!









8. November 2010

Das Kindsein verlängern


gehört ganz viel Hot Chip, Bob Dylan, Last.fm-Rockradio
gesehen Natur statt Fernsehen
gelesen Jacques Rancière - Das Unvernehmen, Simons Katze, im Sinne der Magisterprüfung: einmal quer durch die Kleist-Forschung
getan erste Wochenhälfte: Broterwerb und Bibliothek, gegen Wochenende: Der Metropole zugunsten der Provinz den Rücken gekehrt, dabei 1. die morbide schaurig-schöne Spätherbstnatur bestaunt, 2. ordentlich Randale gemacht als der Kleinstadtclub um halb vier das Licht anmachte, 3. braun gebrannten BWLern eine astreine Luftgitarre vorgeführt (Mann, waren die neidisch!), schließlich 4. Cocktails im Mund zubereitet und in Actionpose serviert und 5. nach der Schlaflosigkeit und den nicht enden wollenden Bewegungsorgien endlich ausgeschlafen und zum Abschluss 6. nach langer, langer Zeit eine ganz alte Freundin aus Kindertagen wiedergetroffen: Hach, wie schön!
getrunken Teechen, Bierchen, Wässerchen
gegessen Unmengen an leckeren Speisen: Soljanka, Kartoffensalat und Würstchen, Backcamembert und ganz viel leckeren und selbstgebackenen Kuchen
geärgert über das mangelnde Profil meiner Asics: ein einziges Gerutsche im Schlamm!
gedacht 1. es liegt noch eine Menge Arbeit vor mir 2. diese nächtliche Stille, die nur vom Läuten der Kirchturmglocke unterbrochen wird, ist einfach phänomenal!
geplant die nächste Walpurgisnacht auf dem Hexentanzplatz in Thale zuzubringen
gewünscht öfter hier zu sein: bei den Großeltern und bei Cousin, Tante und Onkel, also öfter an den Ort zurückzukehren, mit dem mich zwar nur wenige Kindheitserinnerung verbinden, der jedoch immer ein Stück Heimatgefühl versprüht
gekauft Simons Katze und einen wunderschönen Kurzmantel mit Riesenkragen (Juchu, der Winter kann jetzt kommen!)
geklickt wikipedia, Last.fm
gehofft dass mir noch viele Stunden mit der Familie bleiben, dass es meiner Mom bald besser geht

6. November 2010

Grau, grau, grau sind alle meine Kleider

Leaving the city...das bedeutet auch: die Ansammlung urbaner Gräue hinter sich lassen. Zur Ruhe kommen, der permanenten Rastlosigkeit mit Naturbildern und Spaziergängen Abhilfe leisten, ausschlafen und den Gedanken freien Lauf lassen. Bedeutet loslassen, sich treiben lassen, dem äußeren Grau eine innere Buntheit entgegen zu setzen.


2. November 2010

Am Schreibtisch kann ich ein kleines bißchen fliegen (Jurek Becker)

... und ich bekomme vom vielen Sitzen regelmäßig Desktop-Koller und greife dann rein prokrastinatorisch sozusagen zu meinen fast ausgetrockneten Filzern aus Kindertagen und produziere bunte, recht unproportionierte Bildchen.

Fuzziness

"Fuzzylogik (engl. fuzzy ‚verschwommen‘, fuzzy logic, fuzzy theory ‚verschwommene Logik‘ bzw. ‚verschwommene Theorie‘) ist eine Theorie, welche vor allem für die Modellierung von Unsicherheiten und Unschärfen von umgangssprachlichen Beschreibungen entwickelt wurde. Sie ist eine Verallgemeinerung der zweiwertigen Booleschen Logik. Beispielsweise kann damit die sogenannte "Fuzziness" von Angaben wie "ein bisschen", "ziemlich" oder "stark" mathematisch in Modellen erfasst werden. Die Fuzzylogik basiert auf den Fuzzy-Mengen (Fuzzy-Sets) und sogenannten Zugehörigkeitsfunktionen, die Objekte auf Fuzzy-Mengen abbilden, sowie passenden logischen Operationen auf diesen Mengen und ihrer Inferenz. Bei technischen Anwendungen müssen außerdem Methoden zur Fuzzyfizierung und Defuzzyfizierung betrachtet werden, das heißt Methoden zur Umwandlung von Angaben und Zusammenhängen in Fuzzylogik und wieder zurück, zum Beispiel als Stellwert für eine Heizung als Resultat."
Alles klar? Ich liebe Mathe! Am innigsten und heißesten, wenn der glorreiche Grant-Lee Phillips im Hintergrund trällert ♥
Vive les Fuzziens!