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3. April 2023

Horten

Vor einiger Zeit habe ich im Deutschlandfunk einen Beitrag über das Aufräumen gehört, in dem auch Marie Kondo eine prominente Rolle spielte.
Ich erinnere mich nur noch dunkel, dass neben den geläufigen Strategien auch ein Psychotherapeut zu Wort kam, der darin kurz auf die Gründe für das übermäßige Ansammeln von Dingen zu sprechen kam. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir seine Einschätzung, dass eine lieblose Kindheit oft mit dem späteren Anhäufen und Festhalten von unnötigem Besitz einhergeht — im Gegensatz zur Ansammlung von Statussymbolen der sozialen Aufwertung. Horten als eine Art emotionaler Hyperkompensation der Zukurzgekommenen. 
Als das Kind einer exzessiv hortenden Mutter mit einem Kleiderschrank, von dem mein Vater meint, dass er wegen seiner stattlichen Größe und seines immensen Gewichts jederzeit durch die Decke in die darunterliegende Wohnung zu stürzen droht, wurde ich sofort hellhörig.
Wie sie leide ich an einer manischen Obsession des Anhäufens, einer übertriebenen Akkumulation jenseits produktiver Sammelleidenschaft. Wie sie kapriziere ich mich seit Jahren auf den Konsum von Kleidung und Kosmetik. Dabei geht es nie um Hochpreisiges oder gar Exquisites aus Designerhand. Es ist die schiere Masse, die zählt. Auf fünf parallelen Webseiten überquellende Warenkörbe, digitalisierte Listen mit angestrebten Konsumwünschen, wiederkehrende Verzweiflung beim Umstellen der Garderobe von Sommer auf Winter, von Winter auf Sommer, zwischenzeitlich: Befreiungsschläge und spontanes Loslassen von einer Kofferraumladung Kleidung, dann erneute Jagd und spätere Anbetung der Beute.
Es ist absurd. Ein großer Teil meines Lebens besteht aus einer absoluten Verausgabung im/an den Konsum, einer Dauerbeschäftigung mit der Beschaffung von Dingen, an denen man sich kurz festhalten kann, die man dann festhält und verteidigt.
Dabei kann niemand all das jemals anziehen. Auch in zehn Leben nicht…

19. März 2023

δαίμων

Schon seit Wochen fliegen die Sprachnachrichten zwischen V. und mir zwischen Sylt und Berlin wild hin und her. Wir sind im Flow, blicken uns gegenseitig in die Seelen. Finden viele Gemeinsamkeiten. Im Mittelpunkt unserer Mixtur aus Text- und Sprachnachrichten steht zuletzt die Beschäftigung mit dem inneren Kritiker, wie es in der marketingaffinen Awareness-und Selfcare-Psychologie heute so heißt.

Ich funke also präzisierend auf die Insel:
Irmela (aus einer traumatischen Erfahrung Anfang 20 an der Uni hervorgegangen), hart und wenig herzlich, leistungsorientiert, traditionalistisch, erfolgshungrig, ehrgeizig, belastbar, perfektionistisch, immer fordernd, ganz und gar ungnädig, die mir in variierender Stärke und Frequenz mit folgenden Tiraden ihre vergifteten Stachel ins Fleisch bohrt:

"Mit fünf Prädikatsexamina hätte wirklich mehr aus dir werden können und sollen!"
"Du wirst es nie schaffen, dir eine bürgerliche Existenz aufzubauen!"
"Du hattest einfach nicht den Mut und das Format für eine wissenschaftliche Karriere!"
"Dein Lebensstil ist nicht wild, sondern einfach nur altersunangemessen und peinlich!"
"Gib nicht dauernd Geld aus!"
"Spare 1500€ im Monat!"
"Deine Leidenschaften werden sich nie befriedigen lassen und du wirst immer weitersuchen, jedoch nichts finden!"
"Du bist eine selbstverliebte Narzisstin!"
"Dein Unterricht könnte noch viel innovativer sein!"
"Du musst die Arschbacken zusammenkneifen und durchhalten!"
"Langsam sind alle Züge in deinem Leben abgefahren!"
"Du solltest den nächsten Karriereschritt erwägen! Einfach nur Lehrerin sein, kann jede Loserin!"
To be continued...

Mein Daimon rät niemals ab, sondern immer nur zu. Es ist kein Sokratischer Daimon der Apologie, des Phaidros oder Euthydemos. Vielmehr scheint sein Wesen dem letzten Höllenkreis aus Dantes Inferno zu entstammen.

12. März 2023

Die Leere fetischisieren

Pläne, die per se zum Scheitern verurteilt sind: den Schreibtisch vollständig leeren, i. e. ihn im umfassenden Sinne vom Ballast der Arbeit befreien. Und damit meine ich nicht etwa, ein wenig Ordnung schaffen, den ein oder anderen Zettel oder Stift in wohlsortierten Schubladen wie von Zauberhand verschwinden lassen, sondern die Herstellung einer Leere im absoluteren Sinne. Das resultative Bewältigthaben von Korrekturbedürftigem, materialisierten Ansprüchen, papiernen Massen. Kurz: Abstinenz, Negation, Freiheit.

In meinem Alltag tobt ein steter Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Es grenzt an Donquichotterie, die Stapel bezwingen zu wollen, statt ihrer Präsenz mit radikaler Akzeptanz zu begegnen und sich gelassen und gelöst wie ein Zenmönch den diktierten Arbeitsrhythmen hinzugeben. 

Wäre da nicht mein obsessives Verhältnis zur Ordnung, dem austarierten Verhältnis der Teile zu einem Ganzen. Ich brauche die freie Fläche, das tadellose Weiß, die geräumte Ebene. Klarheit. Obsiegen der Kontrolle über das Chaos.

1. September 2014

Erster Schultag

Mein erster Schultag ist übervoll von Eindrücken. Das Setting: jahrgangsübergreifendes Lernen von Klasse 1–3. Während sich für mich als Außenstehende sofort erkennbar ost-westdeutsche Gräben durch das Lehrerzimmer ziehen, warten auf dem Hof unter einem grauen Herbsthimmel seit halb acht Erstklässler in gespannter Erwartung auf ihren ersten Schultag, ihre ungeduldigen Eltern zugleich auf eine möglichst baldige reibungslose und vor allem glückende Integration in unser Bildungssystem – der Garant für den späteren beruflichen Erfolg ihrer Schützlinge! Einige von ihnen werden erst in wenigen Monaten sechs Jahre alt, manche sind von derart zarter Statur, das man glauben könnte, sie würden unter ihrem tonnenschweren Tornister noch auf der Stelle zusammenbrechen, wenn der Small-Talk mit ihren engagierten Eltern nur noch wenige Minuten länger andauerte. Viele der insgesamt 27 Kindergesichter sind mir als Mutter einer Anderthalbjährigen von den umliegenden Spielplätzen her bekannt und auch ihre Eltern, so meine ich zu vernehmen, blinzeln mir bei ihrer Übergabe verschwörerisch zu.
Im Hintergrund des Unterrichtsgeschehens liegt, trotz der tatkräftigsten Bemühungen ihrer passionierten Lehrerin, die ich in den kommenden Wochen beobachten und unterstützen darf, eine spürbare Anspannung in der Luft. Ein diffuser Leistungsdruck, der manche nicht so robuste (fast) Sechsjährige, die noch keine adäquate Strategie entwickelt haben, diesen Spannungsgefühlen standzuhalten, am Ende ihres ersten Tages in sich zusammensinken und verzweifelte Tränen weinen lässt. Der von einer quasihomogenen gutbürgerlich-akademischen, ortansässigen Arkonaplatz-Klientel der Ende der 1960er / Anfang der 1970er Geborenen (diesen „Oma-und-Opa-Eltern“, wie meine Schwiegermutter, als junge Mittfünfziger-Omi, etwas despektierlich zu sagen pflegt), mit ökologisch-alternativ orientierter Lebensweise, finanziellen Spielräumen und Montessori-Einschlag, nach Vorbild der eigenen Eltern, denen man früh in ein aufregendes Nach-Wende-Berlin entfloh, in die bereitwilligen Kinder frühzeitig eingesät worden ist, um die eigene  Furcht vor einem unwiderruflichen Scheitern am Leben wenigstens ein bisschen zu betäuben. Machen wir uns nichts vor: Dass alle Formen staatlich institutionalisierter Erziehung und Bildung, um Individuen gesellschaftsfähig zu machen,  zwangsläufig auch mit Zu-(Ab-)richtung verbunden sind, dazu muss man wahrlich nicht Foucault gelesen haben, dass Disziplinartechniken jedoch auf noch viel perfidere Art und Weise – ein angesehener Chirurgenvater züchtigt seine 8-jährige Tochter  bei Lernverweigerungshaltung, indem er sie im Bedarfsfalle kalt abduscht  – schon in den Herkunftsfamilien zum Standard erzieherischer Praxis gehören und die Kinder in der Schule erstmals Freiräume verspüren, die sie von zu Hause nicht kannten, das macht mir schon irgendwie ein wenig Bauchschmerzen. Gerade, wenn ich mir vorstellen muss, dass ich diese Kinder-Eltern-Paare in den nächsten Jahren in meinem unmittelbaren Nahbereich öfter zu sehen bekomme, und, was ebenfalls nicht auszuschließen ist, in höheren Klassenstufen bald selbst in meinem Latein-, Deutsch- oder Philosophieunterricht begrüßen dürfte.

15. August 2014

Nonum prematur in annum (ma querelle des Anciens et des Moderne)

Die Sinne zu stimulieren und zu sensibilisieren für die Erhabenheit der antiken Literatur, eine ästhetische Differenzerfahrung spürbar zu machen, auch dies Kerngeschäft des altsprachlichen Unterrichts. Und mal ehrlich, wie viele Welten liegen zwischen der geschmeidigen Eleganz eines Ciceros oder eines Vergilianischen Einbruches der Nacht – nox ruit et fuscis tellurem amplectitur alis (unsauber: Nacht stürzt herein und umfasst die Erde mit ihren dunklen Schwingen) – und den zahlreichen Belanglosigkeiten, die von der gegenwärtigen Literatur, zumal ohne Kenntnis, ohne (souveränes) Beherrschen eines Handwerkes, einer Technik, eines Stils, aufgefahren werden (besonders gruselt mich die Digital-Bohémiens-produzieren-große-Literatur-Sparte). Die in ihrer Beiläufigkeit, während sie sich nebenbei noch schnell eine Wurstbemme geschmiert hat und nun pausbäckig-schmatzend vor sich hin fabuliert, eines Gespürs für die Höhe des Gegenstandes oder seiner sprachlichen Vermittlung ermangelt. Nur am Rande zuständig fühlt sie sich für die Erbauung, gar Erhöhung, ihres Lesers (na gut: Kalauerei und Klamauk mal ausgenommen!), nicht dem minutiösen Dokumentieren, der Konfrontation mit dem Unerhörten, des Zelebrierens der Existenz noch einem wie auch immer gearteten (ästhetischen) Programm sich verpflichtet.

30. März 2012

Über Disziplin

Wenn ich all die fliehenden, freien und radikalen Kräfte, oft wegen dieser bestaunt worden, - wie zähflüssige Lava im feurigen Kessel, glühend und bis unter den Rand des Kegels gefüllt - endlich in eine Richtung lenken lernen würde; im Dreischritt: kanalisieren, bündeln, konzentrieren, dann wäre mein Leben derart um Sinn bereichert, wäre längst eine Diss geschrieben, drei Seminare geschmissen, ein Marathon absolviert, wäre endlich die Angst abgestellt, dass unkontrollierte Intensitäten, die mich vereinnahmen, mich auf ewig wegschwemmen und zurücktreiben ließen. Stattdessen könnte ich ihnen ernsthaft etwas entgegenstellen. Unter der Feinkörnigkeit des Schlicks würde ein solider Grund freigelegt, der meinen Ankern standhält. Lethargie, fehlende Inspiration oder mangelnde Struktur waren nie ein Problem gewesen, meine Endlosbaustelle: Diszplinlosigkeit bei stets aufgedrehtem Regler. Meine persönliche A 100: vielbefahren, insgesamt marode. Kaum sind die gröbsten Reparaturen an einer unbefahrbar gewordenen Spur halbherzig ausgebessert, reißt das nächste Schlagloch an anderer Stelle auf. Alles ein einziges Flickwerk, unter dem Druck von Schnelligkeit und Dringlichkeit notdürftig verarztet, in Ermangelung eines Gesamtkonzepts ewig unsaniert das Ganze.

16. März 2012

season's opening

Des Frühlings blaues Band flattert draußen fröhlich durch die Lüfte und zieht selbst den hartnäckigsten Stubenhocker aus dem Prenzl' Berger Haushalt in die übervollen Straßencafés, in denen die Kreativarbeiter, das Macbook lässig auf dem Schoß plaziert, ihr saisonales Sonnenplatz- und Milchkaffeeabonnement angetreten haben und beschaulich über dies uns das plaudern, während dem Bourgeois nach regulärer Arbeitszeit im Büro wie immer nur ein Platz im Schatten oder auf der Wiese bleibt. Er seufzt tief und arbeitsmüde angesichts dieser Ungerechtigkeit, mit der man ihn, diesen Leistungsträger der Gesellschaft, straft: die Verdrängung durch den Bohémien, ist aber zu müde für Konfrontationen und kehrt, gegengentrifiziert und traurig über die mangelnde Anerkennung, wie schon letztes Jahr und die Jahre davor auf der heimischen Terrasse hoch über dem Zionskirch-, Helmholtz- oder Kollwitzplatz zum Espresso ein. 'Merkwürdig', grübele ich und wundere mich nicht zum ersten Mal über die plötzliche Masse an spazierenden Menschen auf den Straßen. Im Sonntag im August vernehme ich keine Berliner Stimme auf den Außenplätzen, die Touristen sind hierher zurückgekehrt, durchstreifen den Mauerpark, sitzen dicht an dicht auf ihren Vintage-Lederjacken am Weinbergshang und linsen hinter überdimensionalen Brillengläsern zwischen ihren geklonten Berliner Geschwistern in die lang ersehnte Sonne. Zum Glück ist die Jack-Wolfskin- und The-North-Face-Synthetik endlich eingemottet, jubele ich innerlich und mit tiefer Befriedigung. Mein Auge hat nun Zeit sich bis zum nächsten Winter zu erholen, gönnt sich eine Pause bevor es in vermutlich sehr naher Zukunft, von Frühlingsluft und Spreeflimmern dann ganz und gar eingelullt und milde gestimmt, schon bald wieder unförmige Pumphosen im Pyjamastil aus alten Lappen zusammengenäht, taillierte Hotpants und die schrecklichen Oversize-Hemden zu sehen bekommt. Schauerlich! Kaum ist die Ortsgrenze zu Pankow überschritten, wandelt sich der Stil von Bohème zu Bodenständigkeit. Nur die Radfahrer sind es, seit wenigen warmen Tagen in Massen ausschwärmend, die das Bild beider Bezirke - vermutlich aller Innenstadtbezirke - eint. Rennräder und Fixies soweit das Auge reicht. Darauf anämische, manchmal etwas feiste, in jedem Fall blasse, im Restalltag oft wenig sportive Hipster oder ihre modischen Mitläufer mit dünnen Beinchen in Slim Cuts auf den zierlichsten Pedalchen. Die Saison ist eröffnet!

23. Februar 2012

Über Helme und Haare

Ich könnte nicht mal annähernd sagen, wie oft ich in meinem Leben den immergleichen Spruch in Bezug auf meine flachshaarige Mähne gehört habe. Immer und immer wieder wurde da (meist etwas schadenfreudig, was ich bei Glatzen viel eher verstanden hätte) konstatiert, dass die Miss stets einen keratinen Helm mit sich führe. Manchmal bin ich, aus mir unerfindlichen Gründen, sogar gefragt worden, ob ich gar Perücke trüge. Schienen mir die Fragenden ihrem Wesen nach grundsätzlich angenehm, durften sie sich durch einen packenden Griff an meinem Schopfe von der Tatsache überzeugen, dass das störrische Gewusel aus den körpereigenen Papillen gesprossen kam. Die immer gleiche Leier also. Unaufgefordert konnte ich sie da aus allen Windrichtungen heransäuselnd vernehmen, die Tipps und Tricks, nach denen ich an keiner Stelle verlangt hatte: Von A wie Ausdünnung über G wie den richtigen Gebrauch von Glätteisen bis hin zu Z wie angemessene Zopfbändigungen. Und immer blieb ich, um ehrlich zu sein, etwas ratlos zurück, weil mir selbst stets die Damen besonders leid getan hatten, deren flaumartiger Haarwuchs, die Kopfhaut durchschimmern ließ, oder deren Haar wie strähnige Spaghetti am Kopf festzukleben schien. Ich war mir also keines äußeren Makels bewusst, daher immer sehr erstaunt und auch etwas belustigt im Angesicht des entgegenschlagenden Haarhohns. Doch seit Amy Winehouse das endlose Auftoupieren zur olympischen Disziplin auserkor (und Unzählige ihr nacheilten), Extensions zum Standardprogramm eines jeden Friseurs gehören und selbst die Models in den Katalogen sich zu bardotartigen Helmen bekannten, für die ihr feines Haar zuvor bestimmt stundenlange Torturen litt, während ich nur aus dem Bett steige und auf das Kämmen verzichte, atme ich auf und fühle mich, wenn selbst Kulturzeit im Abspann ein solch prächtiges Musikvideo der bezaubernden The Kills und der noch bezaubernderen Alison Mosshart zeigt, auf das Beste bestätigt. Derangement (bei aller Äquivokation!) is very attractive. Indeed it is. 
Schon erstaunlich (bei aller Hyperprojektion), die subtile Ähnlichkeit der Fotos mit uns, dem Gefährten und mir.





13. Februar 2012

Verschleudern von Vermögenswerten (Art. 165, Schweiz. StGB)

Dieses raumgreifende Misswirtschaften als Dauersymptom! Geld, Zeit, Konzentration. Alles rauscht einfach so ziel- und steuerlos dahin. Die Nächte werden gerade überlang. Morgens dann liege ich ab halb sieben hellwach, gleichzeitig bleischwer, untätig manchmal bis elf unter der Bettdecke und starre Schlaglöcher in die eintönige Decke. Dabei konnte ich noch nie so unbeschwert (und das war wirklich harte Arbeit) dem nachgehen, was ich nun, da es machbar wäre, täglich schmähe. Grausames Paradoxon. Und weil ich mich selbst darin beständig allzu wichtig nehme, zieht sich alles Angefangene bei mir immer bis ins Endlose und wird nur mit viel Anstrengung gegen innere Widerstände - wie die Ansprüche bis zur Decke aufgestapelt - zum Abschluss gebracht. Durchhalten, das gehörte wahrlich noch nie meinen Generaltugenden an. Demgegenüber die Omnipotenz des Erfindungsgeistes, während er täglich allerlei Vermeidungsstrategien ersinnt.

17. Januar 2012

Vorboten

Keine, wirklich keine einzige der mir auf der Torstraße entgegen kommenden Frauen meines Alters und ohne Kinderwagen, stelle ich entsetzt fest, hat annähernd so dicke trainierte Beine wie ich. Neben diesen grazilen Elfen, deren kranichhafte Stelzen auf zehn Zentimeter Absatz über das holprige Kopfsteinpflaster nur so dahinschweben, fühle ich mich in meinen flachen Westernstiefeln und einem schnell auf dem Handy errechnetem BMI von 20 (65:1,8²) wie eine weißrussische Kugelstoßerin zwischen Schwanensee probenden Ballerinen des Bolschoi. Ja, die gute alte Fashion Week lässt mich ernsthaft zweifeln, ob es sie hier tatsächlich noch gibt, jene Normalgewichtigen oder vielleicht sogar ein paar Dicke hinter den Fassaden und in den Hinterhöfen von Mitte.

9. Januar 2012

Über die nahezu universelle Geschmacklosigkeit von Sportbekleidung

Die in mir lodernde Abneigung gegen Winterbekleidung einschlägiger Marken (Jack Wolfskin, The North Face und Vaude) - wie sie gerade in meinem Heimatbezirk in Berlin allerorts getragen wird -  ist all jenen, die mich (lange) kennen, altbekannt. Warum jene Bekleidungssünden derart verabscheuungswürdig sind, darüber hat die folgende Stilkritik unter dem vielversprechenden und zustimmungswürdigen Titel Outdoorkleidung gehört nicht in die Innenstadt im Berliner Tagesspiegel bereits alles gesagt, was ich ebenfalls vorbringen würde:  Dem ist absolut nichts hinzuzufügen!
Seien Sie daher versichert, was neben Outdoorkleidung die rechte Klamotte beim Sport betrifft, so würde ich wirklich nie-, nie-, niemals in pellwurstartige Tights gepresst meine wöchentlichen Läufe absolvieren, ganz egal mit welcher penetranten Begeisterung sportive Freunde und Bekannte ihre Praktikabilität (bequem, pflegeleicht, atmungsaktiv) anpreisen - und das obwohl ich jede Woche in aller Regelmäßigkeit mindestens 3x5km, oft etwas mehr, hinter mich bringe. Selbiges gilt im Übrigen für meine Fahrradfahrten zur Arbeit (einfache Fahrt: ca. 16 km). Diese widerlichen Radlerhosen und dazu abgestimmten Funktionsjacken im Polyester-Neon-Chic, wahrlich eine Beleidigung für jedes halbwegs an ästhetischen Maßstäben orientierte Empfinden. Glauben Sie mir, keine zehn Pferde würden mich indes in jene einteiligen Swim-Suits mit Ringerrücken befördern können, in denen sogar zierliche 1,60m-Damen mit 40 Kilogramm Lebendgewicht wie kleine Seekühe aussehen. Von ihren Schwimmbrillen ganz zu schweigen, zumal die meisten unter ihnen in aller Regel weder richtig kraulen noch beherzt brustschwimmen können, derart zappelig, kurzatmig und affektiert nämlich, als gingen diese jungen Welpeninnen gleich unter. 
Widerlich, ganz und gar abscheulich, die gestalterischen Auswüchse von Sportbekleidung. Außer bei Yoga, Aerobic (in meinen Augen quasi fast Nicht-Sportarten) und Tanz (mit voller Anerkennung!) vielleicht, welche ich selbst nicht betreibe/nie betrieben habe.
Warum, frage ich mich daher immer wieder, ist das Sportgerät zwar nach für mich nachvollziehbaren Prinzipien gefertigt - meine Rackets für Squash und Badminton beim genaueren Hinsehen durch und durch gestaltet, mit (spiel-)spezifischen Eigenschaften ausgestattet in Hinblick auf Geschwindigkeit, Gewicht, Funktion und Führung - und Sportkleidung dagegen in der Regel ästhetisch derart schmachvoll anzusehen: Kleine, teure synthetische Würdelosigkeiten, die sich meist einer reißenden Nachfrage erfreuen.
Meine Totalverweigerung daher: Ich laufe und squashe meist in alten ausgewaschenen Konzertshirts oder Tops aus Baumwolle, die nicht nach der dritten Wäsche schon so sehr nach Schweiß riechen wie die vergleichsweise teure Garderobe von M.: Nike, Asics, Adidas und Co. - alles in Neon und mit Rennstreifen selbstverständlich. Ich schwimme meine schnellen Runden übrigens immer im Bikini und kann keine Geschwindigkeitseinbußen gegenüber den Mitschwimmern feststellen. Ach, so ist das mit den Versprechen der Industrie: Höher, schneller, weiter, aber den Augen darum leider nicht erträglicher.

5. Januar 2012

Vom Gejagtwerden

Ja, ich bin ein halbwegs politischer Mensch. Ich engagiere mich in einer Partei, verfolge die aktuellen Diskurse, Debatten, Sachargumentationen (wenn vorhanden) und kann eine Handvoll Regionalpolitiker aufzählen. Ich kenne die Senatoren Berlins, viele der gewählten Abgeordneten, ihre Zuständigkeiten und die Ausschüsse, Gremien, Verwaltungen, für und in denen sie tätig sind. Ich besorge mir/konsumiere Informationen eher auf klassisch-konservativen Weg (habe keine Anarcho-Antikapitalista-Transgender-Queer-Feeds abonniert). Ich lese den Politikteil der Süddeutschen, des Tagesspiegels, der taz (manchmal mit Ärgernis über soviel Mit-dem-Fuß-Aufgestampfe und zu wenig Sachlichkeit) und der ZEIT oft zuerst, außer ein interessanterer Artikel aus dem Ressort Wissen oder Feuilleton macht diesem Automatismus einen schönen, geistreichen Strich durch die Rechnung. Ich sehe sehr wenig fern und wenn einmal, dann am liebsten 3Sat wegen der schönen Bergsteigerdokumentationen, manchmal arte und ARD (für den sonntäglichen Tatort). Doch die inzwischen auch dort eingestreuten, mir täglich zugemuteten Diskussionen um Kredit und Urlaub, Diekmann-Bedrohung und Sühnertum werden allmählich unzumutbar. Und obwohl ich nie CDU gewählt habe, mein ganzes Leben nie daran denken würde, dies zu tun, Joachim Gauk im Hinblick auf seine Vergangenheit als Bürgerrechtler in der DDR und auch was seine Geisteshaltung angeht, für mich der weitaus geeignetere Kandidat für das Bundespräsidialamt gewesen wäre, finde ich die momentane Hetz- und Hasskampagne von Medien und Politik - qua Selbstverständnis zu selbsternannten Kontrolleuren des politischen Prozesses auserkoren, freilich - einfach nur widerlich. Verabscheuenswürdig jene Destruktion, Entwürdigung und Verachtung von Amt und Person und für mich ganz und gar unangemessen, hier beständig die Kategorien von Privatheit und Öffentlichkeit durcheinanderzuwirbeln. Wundert sich denn im Ernst keiner über diese maßlose Überspitzung der Vorfälle oder halte nur ich das zu günstigen Konditionen kreditfinazierte Eigenheim für eine Lapalie wie sie in den entsprechenden gesellschaftlichen Kreisen gang und gäbe, also als geschäftliches Muster fest etabliert ist. Warum fühlt sich mein Gerechtigkeitsbewusstsein angesichts der erhobenen Vorwürfe gegen Wulff nicht um einen Hauch erschüttert? Warum erwarte ich weder Rücktritt noch sehe ich Anlass zu Sühne, Selbstgeißelung oder gar publikumswirksamer Kreuzigung?
Ich kann mir nicht helfen, all das Vorgebrachte, die Vorwürfe, die Hetze, die Anklagen, das Strickmuster der Kampagne ruft Erinnerungen an meinen Deutschunterricht in der zehnten Klasse wach. Damals lasen wir gerade Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Böll. Ein Buch, das mich derart betroffen zurückließ, dass ich meinen gesamten Hass, die gefühlte Verzweiflung, ausgelöst durch die in der Erzählung von Presse und Öffentlichkeit an den Tag gelegte Menschenverachtung, nur durch bittere Kraftanstrengung herunter schlucken konnte. Der Film gab mir in dieser Hinsicht schließlich den Rest.
Und dieser umstrittene Anruf bei Kai Diekmann, ich bitte Sie! Hätte dieser die Liste meiner 67 Gläubiger, die Männer, mit denen ich schlief, eine Liste meiner Freunde, bei denen ich je übernachten habe, ohne mich finanziell dafür erkenntlich zu zeigen, veröffentlichen wollen, hätte ich es nicht dabei bewenden lassen, ihn auf seinem Band nicht nur infamer Lügen zu zeihen, vielmehr hätte ich  ihm im Springer-Haus vor sein Büro gekackt. Einen richtig stinkenden Dreckshaufen hätte ich dagelassen. Aber das Scheißen ähm die  Defäkation in der Öffentlichkeit, das steht einem bald scheidenden (?) Bundespräsidenten freilich nicht zu.

14. Dezember 2011

Facebook-Müdigkeit

Während ich noch über die Korrektheit der Schreibweise sinniere, jubelt eine Stimme in mir lauthals. Deutschlandradio Wissen, vom Moderator Konstantin Zurawski kokettierend "Klugscheißerradio" genannt, beschäftigt sich mit einer von Bloggern wie Richard Gutjahr und Michael Umlandt konstatieren Facebook Fatigue (wunderschöner alliterativer Neologismus), mit einem gar generellen Überdruss, mit Schwachsinnspostings von nervenden Mitmenschen rund um die Uhr traktiert zu werden. Zitat: „Es nervt, 70 bis 80 Prozent, von dem, was meine ‚Freunde’ dort posten, ist mehr oder weniger sinnbefreit. Das will ich nicht mehr lesen.“ Musste auch nicht, denke ich mir, hat Dich ja keiner gezwungen!
Schön, dass man über die Frage eines Danachs nicht nachdenken muss, wenn es ein Dabei nie gegeben hat. So ist das mit Lieblingsthemen. Der Absolutheitsanspruch meiner Intoleranz - wir wollen ja den Untergang des Abendlandes noch etwas verzögern - ist sowieso das Bestgelungenste an mir. Kinder, wenn ihr ohne Facebook nichts mehr zu tun habt, lest mehr Cicero und Cioran, baut den Kölner Dom aus Streichhölzern oder lauft den Ironman! Könnte eurem Teint guttun.

10. November 2011

Inventur des Verlustes

10.11.2011. 7:32 Uhr.
Sie: 'Juten Morjen, Stadtbad Mitte.'
Ich (räuspernd): 'Guten Morgen, ich war gestern bei Ihnen schwimmen und vermisse seitdem meine EC-Karte und dachte vielleicht...'
Sie (unterbricht feixend): 'Zinntja, wa?' Nee, hab ick hier, liecht hier, hat mir eene Kundin jestern jebracht.'
Ich (erleichtert): 'Ein Glück! Wissen'Se jestern war echt so'n Tach, da hab ick überall wat liejen lassen.'
Sie: lacht
Als ich die verloren geglaubte Karte abhole, muss ich kurz Bericht erstatten, was seit gestern noch alles vermisst wird und sich seitdem nicht mehr angefunden hat und danach feierlich vor den Bademeistern schwören, dass ich ab heute besser auf meinen Kram aufpasse:
10er-Schwimmkarte
USB-Stick
Handcreme
Kopfhörerapplikationen
Franzens Korrekturen

14. Oktober 2011

Bis auf den letzten Euro

Erstaunlich wie sehr sich die eigene Einstellung zum Geld verändert. Habe ich vor noch drei, vier Jahren die Augen umso fester verschlossen, desto bunter (und damit gefährlicher) die Briefumschläge gestaltet waren, die ich, ihren Inhalt ignorierend, nachlässig aus dem Postkasten zog, um sie oben angekommen in irgendeine dunkle Ecke zu schmettern, von der ich hoffte, sie würde den Haufen Altpapier wie ein schwarzes Loch verschlingen, führe ich auf dem eisernen Fundament akribischster Ordnerführung und Zahlungsüberwachung inzwischen einen unerbittlichen Kampf mit schlipstragenden Herren und kostümierten Damen, die wahrscheinlich nicht nur äußerst mittelmäßige juristische Examina vorweisen, sondern weder mündlich noch schriftlich einen ordentlichen Satz geradeaus formulieren können, um die wirklich letzten Schuldeneuros - minimale Kleinstbeträge, Forderungen überdies, die meines Erachtens inklusive Inkassoaufschlag und Zinseszins längst abgegolten sind - und fühle mich dabei manchmal wie das marode Griechenland.

15. September 2011

Ästhetisierung der Armut

***
Statt das Unvermögen großer Bevölkerungsanteile an gesellschaftlichen und ökonomischen Prozessen teilzuhaben endlich mal auf den Tisch zu bringen, wird Berliner Armut im Wahlkampf ständig ästhetisiert, verharmlost und veralternativisiert. So viel Sexyness, die sich bald nur noch ein Bruchteil zu leisten vermag.
***
Heute dann dem Sommer endgültig Goodbye gesagt. Dies trotz prognostizierter 23° C am Wochenende durchgezogen. Kein Pardon. Dazu massenhaft Miniröcke, Babydolls, Hotpants, Wedges, Römersandalen und Fesselriemchen in Kisten gehievt, verstaut und jedes Mal tief melancholisch geseufzt beim Verschließen. Früheste anzunehmende Öffnung: April 2012.
***
Heute morgen im Bett im SPON-Forum und parallel im Tagesspiegel fast zwei Stunden hitzige Debatten zwischen Autofahrern und Radlern verfolgt. Erstaunt über die Militanz der Streithähne. Kräftig genickt bei den folgenden Ausführungen

Das Grundproblem in den Großstädten ist sicher das Auto. Neben dem unglaublichen Dreck, Lärm und Gestank verursacht es vor allem einen gigantischen Flächenfraß, so dass für alle anderen Verkehrsteilnehmer nur noch ein kleiner Rest übrig bleibt, um den sie sich dann prügeln – weil er viel zu klein ist. Ein wenig rotes Pflaster, auf den Gehweg gezwängt, meistens zudem von Autos zugeparkt – so ist es in deutschen Großsstädten üblich – soll ein "Fahrradweg" sein... lachhaft. Da bleibt als Fahrradfahrer nur eins: man weicht auf die Straße aus. Wer ein wenig schneller als Schrittempo fährt, bringt auf diesen "Fahrradwegen" nur Fußgänger und sich selbst in Gefahr.


Autofahrer hingegen... oh je. Zunächst kann man im Berufsverkehr schön beobachten, dass in fast allen Autos nur eine Person sitzt, die sich darüber wundert / ärgert, dass die Straße zu voll ist – weil andere dasselbe tun. Dementsprechend hilflos und aggressiv wird auf die Fahrradfahrer losgegangen, die an den endlosen Blechlawinen vorbeiradeln: man wird rausgedrängt, geschnitten, ausgebremst, angehupt, angepöbelt. Dass man als Fahrradfahrer dabei nicht selten in Lebensgefahr gebracht wird, weil man kein schützendes Blech um sich herum hat, scheint den durchschnittlichen Autofahrer nicht zu interessieren.


Die Verkehrspolitik in Deutschland ist immer noch von vorgestern, in erster Linie auf Autos ausgerichtet. Fast schon traumhaft kommen einem da Städte wir Amsterdam mit ihren weitaus fortschrittlicheren Verkehrskonzepten vor. In Berlin oder Hamburg oder München hingegen: eine einzige Katastrophe.


und dann doch in leise Zweifel verstrickt. Was wäre, wenn sich bei unveränderter Verkehrspolitik und städtebaulichen Gegebenheiten noch mehr Personen entscheiden, morgens das Rad für den Arbeitsweg zu nutzen? Schon in diesem Sommer war mir das ständige Rumgeeiere der Vordermänner/-frauen - besonders bei mittelalten Prenz'l Bergerinnen gern gesehen - wirklich unerträglich. Verlangsamte es nicht nur meine Fahrt erheblich, sondern schlug mir auch überaus heftig aufs Gemüt.
***
Zu allem Überfluss hat sich irgendein Witzbold meiner Laufschuhe bemächtigt, die ich zum Auslüften vor der Haustür parkte. Seitdem schmiede ich perfide Mordpläne.

3. September 2011

Beyond facebook

Bisher lief die Kommunikation zwischen mir und den vielen Menschen in meinem Leben immer reibungslos. Ich besitze ein Mobiltelefon aus der Belle Époque (kein Smartphone), eine private und vier dienstliche Mailadressen und ein Festnetztelefon, auf dem man mich zwar nienienie erreicht, auf dem aber ein Band alle Beteuerungen und Rügen artig aufnimmt und für den späteren Konsum bereitstellt. Auch ohne facebook glückten Kontaktaufnahmen, Einladungen und kurze Grüße bisher. Zugegeben, manchmal musste der Adressant in Hinblick auf meine facebook-Totalverweigerung minimalen Mehraufwand betreiben, musste den Mail-Client öffnen, meine Adresse eintippen und einen kurzen Text erzeugen bzw. per Strg+C-Strg+V aus dem Gesichterverzeichnis transferieren. Das klappte ohne größere Reibungen. Zwar wurde die Namensfülle des Adressfeldes (sofern nicht BCC) in jenen Mails über die Monate und Jahre immer stärker dezimiert, da alle Skeptiker freilich aus pragmatischen Erwägungen (Kontakte schnell und einfach halten, besonders aus dem Ausland und man kann alles auch anonym stellen, blablabla) inzwischen in den Antlitzverein übergetreten waren, ich, jene von den kostbarsten Plapper-Strömen Abgeschnittene, erhielt ohne viel Federlesens dennoch immer Kunde, welche Events unbedingt anzusteuern waren und welches Paar heiratete oder Kinder bekam. Manchmal per Mail, oft jedoch durch einen Anruf oder eine SMS. Das Leben der übrigen Klassenkameraden, langweiligen Kollegen oder einstigen Affären interessiert mich ehrlich gesagt nicht, ich will mich mit diesen weder vernetzen, noch austauschen, weder auf deren Hochzeiten erscheinen, weil sie keine anderen Freunde haben, noch mit ihnen 30 werden. Das ist mir irgendwie zu doof. Mit den geliebten Mitstreitern in meinem Leben gestaltet sich die regelmäßige, aber wirklich interessierte Kontaktaufnahme eh schon schwierig genug. Und wie mein Leben beweist, hatten mehr als 15 Freunde (nicht Bekannte) gleichzeitig nie wirklich Platz darin. Auch bei dieser übersichtlichen Zahl fühlte sich immer schon einer unter ihnen zu kurz gekommen und forderte Aufmerksamkeiten ein, die ich nicht bereit war zusätzlich aufzubringen. Alles darüber, bei dem Pensum an Sport, Akademie und Broterwerb, eine Entäußerung von Kräften, reine Selbstausbeutung und dies alles bei meinem dringenden Bedürfnis in den Atempausen auch mal den schweren Gedanken nachzuhängen, ohne dass ständig einer stört.
Doch gestern abend schlichen sich kleinste Zweifel in das holde Abstinenzlerglück als ein guter und alter Freund von M. und mir seinen Geburtstag im Kreuzbergischen begoss und wir abends durch die anwesenden, freilich vernetzten Freunde unseres Fehlens gescholten, erst Wind von der Sache bekamen, die uns facebook vorenthielt. Da weder M. noch ich dieses Opfer der Anmeldung zum Zwecke künftiger Vernetzung unverzüglich auf sich nehmen wollten und weil uns die Arbeitswoche dermaßen gefickt hatte (Berliner Idiom), nahmen wir rentnergleich vorlieb mit Süßem und Bett.

28. Juli 2011

Aus dem Takt

Dass ich nach langer, anhaltender Anstrengung und immensem Arbeitsaufwand immer wieder aus dem Tritt komme auf der zähen Zielgerade des Studiums. Zurückfalle hinter das, was längst überwunden schien, das bißchen Erkenntnis, hart errungen. Wie er mir in geistigen Umnachtungszuständen immer wieder aus der Hand fällt, der Faden, beinahe vorsätzlich fallen gelassen. Immer wieder aus der Bahn geworfen und alle Pläne selbstbetrügerisch nach hinten korrigiert. Und dass ich dabei stetig das mit Füßen trete und anfange zu verachten, für das ich seinerzeit alle Zukunftchancen hab sausen lassen, und stattdessen schlaflose Nächte gebrannt. In der momentanen Ohnmacht, der Stagnation im Angesicht des Endes fast wertlos, das alles. 

"Du hast keinen Biss" hat mir der Mensch, dessen Wort mir alles bedeutet, heute im Wortgefecht entgegen geschleudert und damit alles gesagt. Und nichts ausgelassen, was mich in meinem Selbstbild hätte härter treffen können. Ich trete von Schattenhaftem gelähmt längst wieder auf der Stelle, hartnäckig.

8. Juni 2011

Tägliche Exerzitien

Nach Montaignes Dafürhalten, könnten wir, stürzten wir auf einen Schlag ins Greisenalter, einen solchen Wechsel nicht ertragen. Seine kecken Beteuerungen, die Natur hätte es daher prophylaktisch eingerichtet - uns an ihrer Hand einen sanften Hang zu ihm hinunterführend - mit milder Allmählichkeit doch zugleich mit hartnäckiger Beständigkeit uns Stufe um Stufe, fast unmerklich, mühelos in diesen erbärmlichen Zustand gleiten und uns an ihn gewöhnen zu lassen, verheißen nur unzureihende metaphysische Tröstungen des vom einsetzenden Alter geschlagenen Endzwanzigerseelchens. Seit dem 26sten dann: Der morgendliche Blick in den Spiegel, noch milde verquollen, der abendliche hingegen eine kritische Detailbeobachtung, fast schon eine affektierte Langzeitstudie der sich verändernden Augenpartie. Befürchte, bald drehe ich Videos und lasse sie im Zeitraffer laufen, um mich noch mehr vor Prozessen zu fürchten, derer ich nicht habhaft werde. Die Gesamtkörperfleischmusterung fällt hingegen weniger kritisch aus. Die regelmäßige Bewegung, die jede  Rastlosigkeit mit sich bringt, trägt maßgeblich dazu bei, vermute ich. Alles durch und durch sportiv! Da kann man die argwöhnischen Beobachtungen in Entstehung befindlicher Lachfalten auch mal auf Eis legen und sich drängenderen Problemen widmen, dem Verkauf von im Rausche erstandener Kleidung bei Ebay bespielsweise, um entweder die Urlaubskasse geringfügig aufzubessern oder endlich das heiß ersehnte Specialized-Rad in lang ersehntes Eigentum zu verwandeln.

17. März 2011

Winter, verpiss Dich, Du Spast!

Ich bins wirklich leid, echt. Kälte, Feuchte, Gräue, ihr KOTZT mich an! Aber sowas von! Den Leuten in der Bahn kann man inzwischen ansehen wie dünn ihnen die Haut schon geworden ist. Abgeschliffen von winterlicher Mühsal. Von Dunkelheit, Wind und Schnee. Wie Esspapier, das ich als Kind so mochte, sieht die meinige beim Blick in den Spiegel morgens aus. Irgendwie fragil, durchscheinend und anämisch.