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9. März 2023

Epistulae ex Ponto: Geistige Heimat

Was ich insgeheim betrauere, ist nicht die Entscheidung selbst. Den Weg in eine andere Richtung eingeschlagen zu sein damals. In eine weniger akademische, lebensweltlichere, pragmatische. 

Es geht mir alles recht leicht von der Hand. Ich habe Zauberkräfte, wird gesagt. Man hängt an mir und braucht mich. Ich kann begeistern. Ich bin überzeugt: Niemand merkt etwas. Ich habe eine zweite Familie gefunden. Einen Beruf, eine neue Berufung.

Nur manchmal, im Schein der Schreibtischlampe am Abend, über die Abikorrekturen gebeugt, beim Aufschlagen der Essais, wenn der SWR Reiner Niehoffs Versuche über den Schatten ausstrahlt, Melanie Möller in der NZZ wortreich über die Metamorphosen und die Heroen der Aeneis fabuliert, mir eine vor Jahren verfasste Notiz zu Batailles Begriff des Verfemten in die Hände fällt oder zu Nietzsches Fatalismen, dann sticht es kurz. Dann wiegt der Verlust der alten Heimat kurz schwer, dann erheben sich Tristia in mir.

Noch lange nach der Zweiten Staatsprüfung, längst im Beruf angekommen, täglich im Klassenzimmer, mit einigen Funktionen betraut, ein stets voller Schreibtisch daheim und fest eingespannt in das schulische Hamsterrad, war mir die Vorstellung ganz und gar unheimlich, nicht gleichzeitig, parallel zur Vollzeitexistenz, an einer Berliner Hochschule immatrikuliert zu sein. Der akademischen Welt von nun an nicht mehr zuzugehören, von meiner alma mater entbunden worden zu sein...


hic ego, finitimis quamvis circumsoner armis,

tristia, quo possum, carmine fata levo.

quod, quamvis nemo est, cuius referatur ad aures,

sic tamen absumo decipioque diem.

4. September 2014

Sentimentalitäten

"Weil ich schon keinen Papa mehr habe", flüstert die 8-jährige A., während ich mit den Korrekturen ihrer Deutschaufgaben beschäftigt bin, halb zu mir, halb zu ihrem Tischnachbarn, dem O., "werde ich ganz allein sein, wenn die Mama mal stirbt. Nur die Zwillinge werden dann noch bei mir sein." Es trifft mich mitten ins Herz. Vier Tage erst her, seit ich das erste Mal ihre Klasse betrat. Vier Tage und schon fängt man an, die so gern zu haben, dass man sich jetzt schon wappnet für den Moment, wenn man sie in naher Zukunft schon wieder verlässt. Welche Stille dann einkehren, wenn der Winter ganz den Büchern vorbehalten sein wird, verglichen mit dem quirligen Kichern, Murmeln, Flüstern, Necken, dem permanenten Bewegtsein von 29 Grundschülern. Bereits die K. und die J. hatten mir in einem gruppentherapeutischen Seminar für angehende Lehrer in weiser Voraussicht prophezeit, dass ich bei jedem Abijahrgang, jeder Klasse, die ich verabschieden muss, weinen würde und ich glaube immer mehr, sie könnten rechtgehabt haben.

1. September 2014

Erster Schultag

Mein erster Schultag ist übervoll von Eindrücken. Das Setting: jahrgangsübergreifendes Lernen von Klasse 1–3. Während sich für mich als Außenstehende sofort erkennbar ost-westdeutsche Gräben durch das Lehrerzimmer ziehen, warten auf dem Hof unter einem grauen Herbsthimmel seit halb acht Erstklässler in gespannter Erwartung auf ihren ersten Schultag, ihre ungeduldigen Eltern zugleich auf eine möglichst baldige reibungslose und vor allem glückende Integration in unser Bildungssystem – der Garant für den späteren beruflichen Erfolg ihrer Schützlinge! Einige von ihnen werden erst in wenigen Monaten sechs Jahre alt, manche sind von derart zarter Statur, das man glauben könnte, sie würden unter ihrem tonnenschweren Tornister noch auf der Stelle zusammenbrechen, wenn der Small-Talk mit ihren engagierten Eltern nur noch wenige Minuten länger andauerte. Viele der insgesamt 27 Kindergesichter sind mir als Mutter einer Anderthalbjährigen von den umliegenden Spielplätzen her bekannt und auch ihre Eltern, so meine ich zu vernehmen, blinzeln mir bei ihrer Übergabe verschwörerisch zu.
Im Hintergrund des Unterrichtsgeschehens liegt, trotz der tatkräftigsten Bemühungen ihrer passionierten Lehrerin, die ich in den kommenden Wochen beobachten und unterstützen darf, eine spürbare Anspannung in der Luft. Ein diffuser Leistungsdruck, der manche nicht so robuste (fast) Sechsjährige, die noch keine adäquate Strategie entwickelt haben, diesen Spannungsgefühlen standzuhalten, am Ende ihres ersten Tages in sich zusammensinken und verzweifelte Tränen weinen lässt. Der von einer quasihomogenen gutbürgerlich-akademischen, ortansässigen Arkonaplatz-Klientel der Ende der 1960er / Anfang der 1970er Geborenen (diesen „Oma-und-Opa-Eltern“, wie meine Schwiegermutter, als junge Mittfünfziger-Omi, etwas despektierlich zu sagen pflegt), mit ökologisch-alternativ orientierter Lebensweise, finanziellen Spielräumen und Montessori-Einschlag, nach Vorbild der eigenen Eltern, denen man früh in ein aufregendes Nach-Wende-Berlin entfloh, in die bereitwilligen Kinder frühzeitig eingesät worden ist, um die eigene  Furcht vor einem unwiderruflichen Scheitern am Leben wenigstens ein bisschen zu betäuben. Machen wir uns nichts vor: Dass alle Formen staatlich institutionalisierter Erziehung und Bildung, um Individuen gesellschaftsfähig zu machen,  zwangsläufig auch mit Zu-(Ab-)richtung verbunden sind, dazu muss man wahrlich nicht Foucault gelesen haben, dass Disziplinartechniken jedoch auf noch viel perfidere Art und Weise – ein angesehener Chirurgenvater züchtigt seine 8-jährige Tochter  bei Lernverweigerungshaltung, indem er sie im Bedarfsfalle kalt abduscht  – schon in den Herkunftsfamilien zum Standard erzieherischer Praxis gehören und die Kinder in der Schule erstmals Freiräume verspüren, die sie von zu Hause nicht kannten, das macht mir schon irgendwie ein wenig Bauchschmerzen. Gerade, wenn ich mir vorstellen muss, dass ich diese Kinder-Eltern-Paare in den nächsten Jahren in meinem unmittelbaren Nahbereich öfter zu sehen bekomme, und, was ebenfalls nicht auszuschließen ist, in höheren Klassenstufen bald selbst in meinem Latein-, Deutsch- oder Philosophieunterricht begrüßen dürfte.