27. August 2014

Tragische Heiterkeit

Nach langer Abstinenz: Neuerliche Lektüre von Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen III (Schopenhauer als Erzieher). Die erste Leseerfahrung inzwischen in unendliche Ferne gerückt, immerhin fast 10 Jahre her, kaum noch erinnerlich daher in ihren Einzelheiten. Trotz vermeintlicher Abgeklärtheit noch immer begeistert von der ihnen zugrundeliegenden Konzeption (dem metaphysischen Überbau), der in Szene gesetzten Dialektik von Heiterkeit und Schwermut. Im Subtext läuft freilich meine ganz eigene, triviale Lesart: die vermessene Applikation der philosophischen Begriffe auf das eigene Leben: Aliis laetus, sibi sapiens.

26. August 2014

Nach Art der Bärin

Cum Georgica scriberet, traditur cotidie meditatos mane plurimos versus dictare solitus ac per totum diem retractando ad paucissimos redigere, non absurde carmen se ursae more parere dicens et lambendo demum effingere.
Vitae Vergilianae, 22

Meine vergilianische Arbeitsweise: Von einem blinden Aktionismus geleitet, produziere ich in immensen Kraftanstrengungen beständig irgendwelchen Output, den ich Tags darauf verwerfe, selten auf wenige Wörter und Gedankensplitter zusammenstreiche. Auf diese Weise landete damals eine 180-seitige Magisterarbeit (inkl. diverser Anhänge) – ein drei Jahre währendes Mammutwerk auf dem Scheiterhaufen der Geschichte und binnen postnataler Mutterschutzzeit musste geschwind eine neue her, was nur in einem Zustand des schreibenden Wahns gelang; letztlich aber zu einem unverhofft glücklichen Ende führte. Lange dreh(t)e ich mich dabei im Kreis um die immer gleichen Argumente, wälz(t)e Buch um Buch, Gedanke um Gedanke, bis ich, des belastenden Gros materialisierten Nachdenkens in einer kamikazeartigen Übersprungshandlung mich entledigend, mit einem äußerst eingedampften  Kleinklein zu leben lerne.

23. August 2014

Auf der Kippe

Dieser Tage, während ein kurzer, zuletzt immer kühlerer Sommer sogleich fast unmerklich in den Herbst hinübergleitet und mir morgens, wenn ich kurz nach sieben das Haus verlasse, auf dem Weg zur Kita, auf dem Rad von Mitte nach Schöneberg oder nach Dahlem ein frischer Gegenwind als Vorbote kürzerer Tage entgegenweht, schlägt die Melancholie, meine janusköpfige Begleiterin, mit voller Breitseite zu. Vieles, denke ich so bei mir, schon längst vorüber, die rauschendsten Feste gefeiert, allzu wenig noch übrig von den einmaligen Erlebnissen, die eine (späte) Jugend so bietet. Inzwischen nämlich nahezu alle Jungfernfahrten erlebt und abgehakt: leidenschaftliche Lieben, (nächtliche) Exzesse, Tiefpunkte, Krisen, Bildungsabschlüsse, Berufstätigkeit, Familiengründung: alles bereits zum ersten Mal (meist zur Genüge) getan und gehörig Pulver dabei verschossen. Permanente Abwechslung, Haltlosigkeit, ebenso das Gefühl, stets auf dem Sprung zu sein, nun täglichen Routinen gewichen, die alles auch dann noch funktionsfähig zusammenhalten, wenn es innen drin heftig zu wanken beginnt und der alte Schlund sich öffnet.
Auch die tägliche Gewissheit eines allmählichen Verfalls des Äußeren beim spitzfindigen Blick in den Spiegel momentan eher schwer zu ertragen. Besonders beim Gedanken, den Zenit der eigenen Attraktivität – wie überhaupt: den Höhepunkt des Erlebbaren – schon überschritten zu haben und mich gefragt, was neben der passionierten Ausübung eines Berufs jenseits des 30. Lebensjahres an deren Stelle treten könnte. Der Genuss am mit den Jahren sicher größer werdenden finanziellen Spielraum in Hinblick auf den Verlust der Spontaneität und Intensität der früheren Jahre hingegen schon immer ein eher schwacher Trost. Dabei eine immer tiefer wuchernde Zornesfalte zwischen den Augenbrauen neu entdeckt und seitdem immer wieder verflucht und inbrünstig hassen gelernt, dieses Kainsmahl mimischer Ausschweifung.
Demgegenüber wird das aufkeimende Hadern mit dem Lauf der Dinge einzig durch die hinzugewonnene Solidität des eigenen Standpunkts mit ihrer Unangewiesenheit auf allerhand Vorgelebtes, an dem man sich zu orientieren hätte, durch eine wachsende Souveränität durchkreuzt, an die noch in den kürzlich verabschiedeten Zwanzigern nicht zu denken war. Im gleichen Atemzug die Fähigkeit angeeignet, die gefühlt immer schneller davonlaufende Lebenszeit – das möbiusbandartige intellektuelle Kaprizieren auf diese unabwendbaren Tatsachen davon einmal ausgenommen – schätzen zu lernen, und Nebensächlichkeiten und Animositäten angesichts der Kostbarkeit der Tage darin insgesamt weniger Stellenwert einzuräumen. Stets mutig sein und würdig altern, müsste man, plätschern die Gedanken so vor sich hin, während ich, das Gesicht dem Fahrtwind ausgesetzt, den Kragen noch etwas höher schlage, denn heute morgen liegt bereits ein erster Hauch von herannahendem Winter in der Luft.

15. August 2014

Nonum prematur in annum (ma querelle des Anciens et des Moderne)

Die Sinne zu stimulieren und zu sensibilisieren für die Erhabenheit der antiken Literatur, eine ästhetische Differenzerfahrung spürbar zu machen, auch dies Kerngeschäft des altsprachlichen Unterrichts. Und mal ehrlich, wie viele Welten liegen zwischen der geschmeidigen Eleganz eines Ciceros oder eines Vergilianischen Einbruches der Nacht – nox ruit et fuscis tellurem amplectitur alis (unsauber: Nacht stürzt herein und umfasst die Erde mit ihren dunklen Schwingen) – und den zahlreichen Belanglosigkeiten, die von der gegenwärtigen Literatur, zumal ohne Kenntnis, ohne (souveränes) Beherrschen eines Handwerkes, einer Technik, eines Stils, aufgefahren werden (besonders gruselt mich die Digital-Bohémiens-produzieren-große-Literatur-Sparte). Die in ihrer Beiläufigkeit, während sie sich nebenbei noch schnell eine Wurstbemme geschmiert hat und nun pausbäckig-schmatzend vor sich hin fabuliert, eines Gespürs für die Höhe des Gegenstandes oder seiner sprachlichen Vermittlung ermangelt. Nur am Rande zuständig fühlt sie sich für die Erbauung, gar Erhöhung, ihres Lesers (na gut: Kalauerei und Klamauk mal ausgenommen!), nicht dem minutiösen Dokumentieren, der Konfrontation mit dem Unerhörten, des Zelebrierens der Existenz noch einem wie auch immer gearteten (ästhetischen) Programm sich verpflichtet.

12. August 2014

Hebt die Gläser auf John Keating!

O Captain my Captain! our fearful trip is done; The ship has weather’d every rack, the prize we sought is won; The port is near, the bells I hear, the people all exulting, While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring:
But O heart! heart! heart!
O the bleeding drops of red,
Where on the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.
O Captain! my Captain! rise up and hear the bells; Rise up—for you the flag is flung—for you the bugle trills; For you bouquets and ribbon’d wreaths—for you the shores a-crowding; For you they call, the swaying mass, their eager faces turning;
Here Captain! dear father!
This arm beneath your head;
It is some dream that on the deck,
You’ve fallen cold and dead.
My Captain does not answer, his lips are pale and still; My father does not feel my arm, he has no pulse nor will; The ship is anchor’d safe and sound, its voyage closed and done; From fearful trip, the victor ship, comes in with object won;
Exult, O shores, and ring, O bells!
But I, with mournful tread,
Walk the deck my Captain lies,
Fallen cold and dead.
 
Walt Whitman

11. August 2014

Unter der Oberfläche

Neulich saßen der M., ein treuer Begleiter aus meinem ersten akademischen Leben, und ich in einer lauen Sommernacht auf seinem kleinen, aber minder feinen Balkon mit Blick auf die Yorckstraße. Das letzte Sonnenlicht über der Stadt fast verglommen, die Nacht zwischen den verwischten Hufschlägen von Phoebus' Feuerrössern beinahe eingebrochen am Horizont, sprach er, orchestriert von dem dramatischen Leuchten, so luzide und bewegend über eine unglückliche Liebe, dass mir ein Bild ganz besonders in Erinnerung blieb. Sie, jene Geliebte, hätte für ihn vor allem deswegen eine derart begehrenswerte Ausstrahlung gehabt, der er unverzüglich verfallen war und die ihn schließlich um den Verstand brachte, weil ihre gesamte Erscheinung eine Emotionalität durchscheinnen ließ, die nur unter einer hauchdünnen Oberfläche verborgen lag. Dann – und in meiner Vorstellung – unvermeidlich auf ihn übergriff, ihn in Brand setzte, auflodern und verbrennen ließ...Das fand ich auf eine ziemlich verwegene Art und angestachelt von diesem Sommernachtsrausch, der vom Berliner Asphalt in die Lüfte dampft, dann doch ziemlich romantisch.

10. August 2014

Seifenblasen über Prenzlauer Berg

Vielleicht sind wir uns – vor allem, wenn Sie Spielplätze im zentralen Osten der Stadt zwar nicht zu Ihren favorisierten, aber häufig angesteuerten Aufenthaltsorten zählen – schon einmal begegnet; Sie haben mich kritisch aus dem Augenwinkel gemustert und sich gedacht: Oha! Unter einem makellos gespannten Himmelblau springe ich, das Sommerkleid lässig oberhalb der Taille gegürtet und mit immer leicht lädierten, dafür sonnengebräunten Knien, an guten Tagen von mannshohen Gerüsten, schlage im Buddelsand ein Rad oder schaukle bis zu dem Punkt, an dem sofortiger Überschlag droht, die Region rund um den Magen aber am meisten in Wallung gerät. Wenngleich mein Kind beherzt zu den Förmchen Ihres Sprosses griff und sie mit einem resoluten "Meine, meine!" und kleinen Schubsern lange zu verteidigen wusste oder ich, wie Sie meinen, die Schaukel ewig blockierte, um dann Ihrem Goldstück mit einem großen Satz artistisch vor die Füße zu springen, schenken Sie mir vielleicht kurz bevor Sie den Vorhof zur Hölle verlassen, doch noch schnell Ihr mildestes Lächeln!? Wenn ich nämlich derweil die großen Seifenblasen aus dem Jutebeutel gezaubert habe und ich, eine fürstliche Rattenfängerin, Ihre Kinder bereits in meinen Bann gezogen habe und sie sich nun, wie an der Kasse im Supermarkt brav hintereinander aufgereiht, nacheinander an den magischen Gerätschaften erproben dürfen, ja dann, entspannen Sie einfach noch zehn, fünfzehn Minuten! Atmen Sie durch, wählen Sie ein schattiges Plätzchen unter der riesigen Kastanie dort, wo immer ein zartes Lüftchen geht, und lesen Sie endlich Ihre Süddeutsche vom Wochenende, die Monopol 07/2014 oder den Stanišić, den Sie doch nach der letzten Buchmesse so unbedingt lesen wollten, weil Dennis Scheck und Max Moor Ihnen dessen Lektüre mit rührender Inbrunst so dringlich ans Herz gelegt hatten.

9. August 2014

Transzendenz

"Und wo bleibt da in deinem Leben die Transzendenz?", hatte der Ch. mich neulich nach dem Abendessen bei ihm zu Hause scharf zurechtgewiesen, nachdem ich sein nächtliches Bekenntnis zum Göttlichen, während der S. ihm argumentativ nicht von der Seite wich, mit dem ein oder anderen flapsigen Kommentar gewürdigt hatte. Der Ch. versteht sich nämlich ausdrücklich nicht als ein Anhänger einer Konfession, hält ein Leben ohne ein übergeordnetes Prinzip aber schlichtweg für allzu trostlos.
Wie also leben ohne diese Vorstellung? Als Relativistin, Skeptikerin? Schon manches Mal nächtens wachgelegen und oft diese Angst verspürt, die an der Wurzel der Existenz rührt. Schmerzlich immer wieder konfrontiert mit dem Blick auf das unausweichliche Ende: "le repos entier est la mort". Empfänglich für letzte Fragen war ich immer, eines rettenden Gottesbeweises entbehre ich allerdings bis heute, wahrscheinlich für immer. Der Mensch – ach, Pascal! – nur ein fragiles Schilfrohr, das denkt: "L'homme n'est qu'un roseau, le plus faible de la nature; mais c'est un roseau pensant. Il ne faut pas que l'univers entier s'arme pour l'écraser: une vapeur, une goutte d'eau, suffit pour le tuer."
So bleibt einzig abgezählte Lebenszeit und ein Drittel, vielleicht auch die Hälfte davon schon rum. Meine Mutter spricht seit ein paar Jahren (ihrem fünfzigsten Geburtstag etwa) von ihrem Lebenskalender, der Tag auf Tag weniger Blätter bereithält bis schließlich irgendwann das letzte Blatt abgerissen wird und auch mein Vater, in Bezug auf den eigenen Tod immer mit einer erstaunlichen Abgeklärtheit gesegnet, gibt zu: "Wenn es soweit ist, werde ich heulen wie ein Schlosshund."
Werde ich weinen, schreien, ruhig sein?
Vorerst nichts als leere Taschen, was die Überfahrt ins gottlose Jenseits, ins Dunkel, ins Nichts betrifft, und die Gewissheit, dass alles abgefackelt werden muss im Hier und Jetzt, bevor das Licht ausgeht. Intensität, mein Elysium! Vielleicht daher der Hang zu pathetischem Wort, zu langen Nächten, Verzweiflung, Verausgabung, Exzess. Das leise Atmen der kleinen L., der ich in der Kühle der Nacht schnell noch die Decke um die Beine schlage bis ich selbst in die Kissen falle. Die, in ruhige Träume gefallen, noch nichts ahnt von Ausgeliefertsein und Sterben.

8. August 2014

Selbstbetrachtungen: Meine Gretchenfrage

In meinen mittleren Zwanzigern habe ich mich auf dem Umweg über Foucault und Derrida zeitweilig sehr intensiv mit dem philosophischen Feminismus auseinandergesetzt, habe Beauvoir, Cixous, Irigaray und Butler gelesen. Stets kreisten meine Gedanken dabei um Fragen von Identität und Differenz, um die Beschaffenheit symbolischer (mythischer) Ordnungen in Hinblick auf Geschlechtsdiskurse und -praktiken, die genuine Kulturbezogenheit und Historizität von sozialen Rollen und Körperlichkeit sowie ihre Verschleierung, Zurichtung und Naturalisierung – die Frankfurter Schule und auch Jelinek lässt grüßen – durch Politik, Wissenschaft, Massenmedien und Werbung. Abseits dieser Kopfgeburten unter akademischer Federführung gestaltete sich mein praktisches Engagement zugegeben eher mager, beschränkte sich meist nur auf das (manchmal kopfschüttelnde Verfolgen) von aktuellen Debatten in Feuilleton, Bundestag, im Rundfunk und Fernsehen; zumindest von dieser Pflicht, mich thematisch up to date zu halten, wollte ich mich dann nicht auch noch entbinden. Nie jedoch unterschrieb ich auch nur irgendeine Petition, besuchte ich Demonstrationen, die für Frauenrechte mobil machten, gesellschaftlichen Sexismus monierten oder für die Gleichstellung der Geschlechter eintraten. Auch heute findet meine Auseinandersetzung mit feministischen Themen in schmalem Radius statt, dreht sich im allerkleinsten Kreise in beflissenen und klugen Gesprächen (mit regem Büchertausch) mit der V. und der E.; vollzieht sich auch im Austausch mit vielen mir bekannten und befreundeten Herren, die sich hierin oft sehr offen und kritisch zeigen und die mit ihren Perspektiven meine Denkweisen allzu oft bereichert haben. Bis heute fühle ich mich keinem eindeutigen Lager zugehörig, bin am Ende vielleicht mehr von einem phänomenologischen Interesse an den gesellschaftlichen Zuständen geleitet und als wirklich betroffen von Unterdrückung und Diskriminierung, diese Peripherie meiner subjektiven Wahrnehmung; zumal in einer Familie von Frauen (Großmüttern, (Schwieger-)müttern, Tanten, Cousinen) situiert, die ich immer als nicht nur ökonomisch selbstbestimmt, lebensklug und pragmatisch erlebt habe, zudem von früher Kindheit an – im unreflektierten Sprech – eher am männlichen Tugendkatalog, zumindest jener im Alltagsdiskurs verwurzelten gesellschaftlichen Konstruktion dessen, geeicht: selbst wettkampforientiert, kämpferisch, aktiv erzogen, als Mutter einer Tochter vielleicht auch ähnlich erziehend?
Seit einiger Zeit aber fällt mir etwas auf an den Gesprächen, die ich besonders mit mir lang bekannten Männerfreunden führe. Schwierig die gemachten Beobachtungen auf den Punkt zu bringen: Eine Art verschmitzter Zug, der sich um Mundwinkel und Stirn des Gegenübers legt, wenn die besagten Themen angeschlagen werden. Ein amüsiertes Abwinken, sobald das Gespräch meine Erfahrungswelt berührt. Und wie aus der Pistole geschossen: die Revision der Notwendigkeit einer feministisch orientierten Lebensform in meinem Falle, wenn das begrifflich trifft. Im Hintergrund – das sagt mein neuerlich aus dem Dornröschenschlaf erwachter Seismograph – jene subtilen Schwingungen: die Vorstellung vom Feminismus als einer Art Wappenschild für eine Gruppe Bemitleidenswerter und (zurecht) Ausgegrenzter, die das nötig haben, sich mit Frauenquote, Sonderantrag und Gruppenstricken an den Qualifizierten vorbeizumogeln oder dem Patriachat für lang erlittenes Unrecht endlich mal straffrei den Stinkefinger zeigen zu können – beleidigte Leberwürste, mardy bums. Ganz und gar unnötig, nahezu widersinnig, so das Urteil, sei das, mich auf so etwas zu berufen, das vor allem Frauen gebührte, die weder auf der Skala der Klugheit, des Charmes, der Tatkraft noch auf jener der Attraktivität mithalten könnten. Weibliche Wesen, die schon immer irgendwie den Kürzeren gezogen hätten. Und mit diesen, mit Verlaub, wäre ich ja nun wirklich in keiner Beziehung zu vergleichen.

7. August 2014

Selbstbetrachtungen: Über das Durchatmen

Von meinen Mitmenschen immer wieder mit der gleichen umsorgenden Geste bedacht: Kaum steige ich etwas verschwitzt vom Fahrrad, bin ich schnellen Schrittes irgendwo angelangt, auf den letzten Metern mit der schweren Tasche voll Cicero, Vergil, dem Burkhard/Schauer und dem alten Menge vielleicht auch etwas gesprintet, falls die Zeit mir davonlief, konfrontiert mit der Bitte, doch erst einmal Platz zu nehmen und etwas durchzuatmen. Nie verstanden, dieses gezwungene Einhaltgebieten der Kräfte. In meiner Vorstellung ganz und gar unnötig, als bedurften Geist und Körper eingehender Schonung, nur weil sie ein wenig in (sowieso) gewohnter Bewegung waren. Ohne Verzögerung könnte es indes, und wenn es nach mir ginge, weitergehen. Schon immer zu lebendig für das: Hinsetzen und zur Ruhe kommen, um nach Minuten des verschnaufenden Schweigens bedächtig ein paar unbedeutende Sätze aus dem Ärmel zu schütteln. Mein Wesen, dieser überbordende Zug meines Charakters, beizeiten der Mitwelt sicher etwas grotesk anmutend, bisweilen ein strapaziöses Unterfangen für zurückhaltend oder gar gemütliche Geister, macht mir da schon immer irgendwie einen Strich durch die Rechnung. Dieses permanente Dauerfeuer an Worten, Gesten und Bewegung nicht umsonst wurde mir schon in den ersten Semestern des ersten Studiums, wie ich erst Jahre später und eher etwas zufällig erfuhr, der Beiname Maschinengewehr zu eigen, der hinter meinem Rücken kursierte, aber, wie man mir beteuerte, äußerst liebevoll mir zugedacht war —vielleicht der Grund für die Bitte: Dem Gegenüber die Möglichkeit einzuräumen, etwas durchzuatmen im Angesicht dieser wuchtbrummenhaften Dauerpräsenz. Im Bezug auf mein künftiges Studienratsdasein immerhin bedenkenswert. Gemeinschaftliche Übereinkunft der Kommilitionen im Rahmen eines erziehungswissenschaftlichen Coachings: "das könnte aus Sicht des Schülers gerade in der ersten Stunde montags oder in der achten in Latein ziemlich anstrengend werden, sein Dasein im kontinuierlichen Standby zu fristen, um jederzeit ansprechbar zu sein." Immerhin keine Befürchtungen, nicht in den hinterletzten Winkel des Raumes zu reichen, bis hierin auszustrahlen mit mentaler und leiblicher Agilität. Jetzt nur noch irgendwie lernen, dem Gegenüber mehr Verschnaufspausen zu gönnen: ganz oben auf der Agenda!

11. Januar 2014

Dauerstrom ( I ♥ it, but it's killing me...)


Ab Oktober dann neigt sich der intellektuelle Leerlauf, den die Elternzeit mit sich brachte und wie ich im rückblickendem Vergleich inzwischen guten Gewissens behaupten kann: endlich dem Ende zu und die Kleine geht, mancherorts kritisch beäugt, mit zarten neun Monaten in die Kita. Zuerst weint sie dort viel, schläft erst nach zweieinhalb Wochen das erste Mal dort zu Mittag, davor nur halbe Tage Aufenthalt. An jenen Tagen quält mich meine gewohnte Ungeduld, erwäge ich Szenarien des Scheiterns dieser Eingewöhnungsnummer, um sie kurz danach wieder zu verwerfen. Das muss klappen, es gibt keine Alternative beschwöre ich mich. Indes studiere ich exklusive nächtlicher Vokabellernsessions in Altgriechisch und Latein, wenn die Kleine schläft, wieder Vollzeit; arbeite insgesamt konstant über der 50-Stunden-Marke, während M. eine 12-Stunden-Nachtschicht nach der anderen abreißt, damit die Staffelstabübergabe täglich glückt. Auch mit Omis und Opis stehen wir im engen organisatorischen Bunde; allesamt ostdeutsch sozialisiert, daher keinerlei Irritation über den Wunsch, wieder mit anderen Dingen betraut zu sein als der Kindesversorgung, ihnen ging es da vor drei Jahrzehnten auch nicht anders. Einziger Wermutstropfen: sie selbst haben alle noch mindestens 10 Jahre Berufsleben vor sich, sonst lägen die Dinge wahrlich noch unkomplizierter.
Antiproportional zu meinen Augenringen wächst wöchentlich die Begeisterung, dass das Hirn endlich wieder Fahrt aufnehmen darf. Am Anfang sind meine Hypotaxen zwar wie üblich philosophisch angereichert, aber irgendwie holprig, fragmentarisch, breiig. Von Woche zu Woche und mit steigendem (Arbeits-)Pensum werde ich produktiver, werden Gedankengänge luzider, Argumentationen sicherer und zunehmend subtiler. Ich mache Fortschritte bei der Lektüre altsprachlicher Originaltexte, lerne 600 Vokabeln seit Mitte Oktober, verinnerliche Phänomene lateinischer Syntax und Stilistik. Die Welt der Antike öffnet sich meinem ungestillten Wissensdurst.  Es ist ein Zustand aufmerksamer Spannung. Wie ein römisches Heer in Schlachtordnung agmen et stare paratum et sequi, nec turba, nec sarcinis praegrave, intentum ad ducis non signum modo, sed etiam nutum... Ein Zustand gesteigerter Wachheit ganz gleich wie kurz die Nächte sind. So fit habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Was meine Universalthese stützt, dass mehr Bewegung im Alltagsleben mit quasi-kausaler Zwangsläufigkeit auch eine Steigerung von Kraft, Konzentration und Ausdauer impliziert. Trainingseffekte des (sich) regen(den) Geistes, auf den Körper konnte ich mich da schon immer besser verlassen. In meinen Vorstellungen wechseln sich Bilder von mir vor einer 30-köpfigen Klasse über den Unterschied von Gerundivum und Gerundium, den Gebrauch von Irrealis, Potentiales, Hortativ und Prohibitiv fabulierend mit jenen ab, die mich vor dem Hintergrund eines Lehrergehaltes durch die Welt reisend zeichnen: Island, Kanada, Südafrika, Réunion, Neuseeland; Rocky Mountains, Anden, Himalaya (jeweils nach Sehnsucht geordnet).

17. November 2013

Über Verantwortung

"Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemandem die Neugierde ab, und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt."
Große Aufgaben und das beständige Nachsinnen, wie man diese bewältigen könnte. Dazwischen: immer wieder Fünkchen eines längst verloren geglaubten Idealismus, dass die Möglichkeit zu gestalten vielleicht doch keine bloße Fiktion bliebe. Zudem: ein Schmulzen darüber, an dieser Stelle meines Lebens erneut mit einem Lehrer eines früheren Lebens konfrontiert zu werden, bevor dieser sich nach der Annagelung seiner letzten Thesen an die FU-Bürotüre für immer in schöngeistige(re) Sphären zurückzog. Einführung in die Epistemologie diese Initialzündung meines ersten akademischen Lebens als Philosophin. Und jene bis heute andauernde Neugierde.

8. November 2013

Präsenz

Diese beständige Selbstvergegenwärtigung beim Denken, Nachsinnen, Forschen. Wenn die Gedankenflut sich über mich walzt. — Eins ganz gewiss: Hier und jetzt bin ich! Unmittelbar und vermittelt zugleich. Absolutheit der Präsenz ohne Bruch. Vielleicht auch eine Form  – neben allerlei alltäglichen Zerstreuungen – das Sterbenmüssen in die Ferne rücken, ja vor der Lebendigkeit der Gedanken verschwinden zu lassen. Dürftige Ablenkungsmanöver vielleicht. Aberwitzige Taschenspielertricks des Bewusstseins. Eingelullt in diffuses Leselicht sitze ich zwischen jenen, die sich versenken. Draußen haben die Bäume bereits alle Blätter von sich geworfen, dräut Novemberfinsternis und Herbststurm. Die Luft auf dem Nachhauseweg riecht beinahe schon nach Winternächten.

19. Oktober 2013

529

Schicksalsjahr. Synchronität von Ereignissen. Nach über 900 Jahren ihres Bestehens schließt die Platonische Akademie in Athen. Zeitgleich gründet San Benedetto di Norcia ein Kloster auf dem Monte Cassino. Zeitenwende — Übergang von Spätantike zum Frühmittelalter.
Ein Sog zieht mich. Mehr wissen, mehr lesen, mehr Zusammenhänge. Zurückhalten muss ich mich. Mir unaufhörlich zurufen: "Ruhig bleiben! Contenance!" Bevor das Wissen mit mir durchgeht, die drängende Neugier zurückpfeifen, ihr Einhalt gebieten mit einer gehörigen Portion epikureischer ἀταραξία. Die größte Herausforderung, das wird von Tag zu Tag klarer: das Aufrechthalten von Empathie und Geduld. Die Nachrangigkeit all dieser bewegenden Dinge außerhalb jener für die Beschäftigung mit ihnen vorgesehener Zeiträume. Schließlich immer zu wenig Zeit, weil ein kleiner Mensch unserer vollen Aufmerksamkeit bedarf. Ziemlich kraftzehrend könnte das werden, diese geistige Diätetik das aus Gründen eines effektiven Zeitmanagment beständige Fahren mit angezogener Handbremse aus Furcht vor dem Flächenbrand.

17. Oktober 2013

Anstelle eines Nachrufes

Eine enthusiastische Meldung für die Übernahme des "Tschick"-Referats im Januar in der ersten Sitzung des Didaktik-Seminars. Vielleicht meine Art einer posthumen Ehrerbietung. Auf diese Weise einer subversiven Kraft der Sprache zu huldigen.

16. Oktober 2013

Richtig

Hier bin ich richtig, einen Magisterabschluss, ein ganzes Leben später. Auf eine seltsame Weise aufgehoben mein unstillbarer Wissensdurst. Die Nadel in einem Haufen passionierter Eigenbrötler. Der Lehrkörper vorrangig männlich, ältliche Junggesellen in schweren Tweed-Jackets. Randständige Existenzen. Inselbegabte mit heimischen Kuriositätenkabinetten, ihren Rückzugsorten. Immer ein wenig neben der Spur in Ton, Geste, Ausdruck. Überhaupt neben sich. An der Peripherie alltäglicher Zwischenmenschlichkeiten stehend — ach, was sage ich? — Oberflächlichkeiten! Doch ganz und gar ihrer Sache verschrieben. Von brillianter Scharfsinnigkeit und mit einer wahnwitzigen Klugheit, einem urwüchsigen Humor ausgestattet, wenngleich äußerlich stets etwas derangiert. In den altphilologischen Seminaren glühen meine Wangen heiß vor Begeisterung. Innerlich klatsche ich unentwegt in die Hände und kann mein Glück kaum fassen. Hier bin ich richtig: Zwischen Tacitus und Caesar, Marc Aurel, Seneca und Ovid. Augustinus.

15. Oktober 2013

sunrise 12/24/81 - sunset 10/29/09

Don't think of me as gone away
my journey's just begun,
life holds so many facets
this earth is only one.

Just think of me as resting
from the sorrows and the tears
in a place of warmth and comfort
where there are no days and years.

Think how I must be wishing
that you could know today
how nothing but your sadness
can really pass away.

And think of me as living
in the hearts of those I touched...
for nothing loved is ever lost
and F. was loved so much.


Diese kleinen Erinnerungen an Dich. Ein Lesezeichen, das mir heute Morgen in die Hände fiel. Darauf Dein Foto, der Tag Deiner Geburt und der Deines Todes. Überbleibsel eines Abschiedes, das unter dem verwüstendem Schmerz, dem nie gekannten, nahezu in Vergessenheit geraten war. Schon bald vier Jahre her, dass ich aus der Zeit gefallen bin. So begleitest Du mich auf Schritt und Tritt. Und auch, wenn es ein wenig makaber scheint, zwischen die Seiten altsprachlicher Kompendien, Repetitorien und Lexika geklemmt, hätte es Dir auf (D)eine eigentümliche, verschmitzte Art irgendwie gefallen, da bin ich ganz sicher. Nachdem Du starbst damals, habe ich die Uni lange nicht mehr betreten. Nun studiere ich wieder dort, wo wir noch kurz vorher umringt von Herbstlaub zwischen zwei Seminaren auf einer Bank saßen und scherzten. Ein großer Regentropfen an Deiner Nasenspitze und schwarzer Kaffee in Pappbechern, dies eines der letzten Bilder von Dir. Von uns. Dann lange dunkel. Heute in der Bahn kurz geweint; seit langem. Über die vier Jahre, vor allem aber über diese wunderbare Tochter, die Du nicht mehr kennenlernen konntest. Welcher, wann immer ich ihr von Dir erzählen werde, als Referenz nur ein paar Fotos geblieben sind, die sie mit Dir verbinden wird. Doch noch immer: Alles Bewegtbild, alles lebendig in mir. No days, no years.

11. Oktober 2013

Seelenverwandtschaft

Er liebt Old-School-Rap, aber eben auch gebrochene Rocker wie The Smiths und Joy Division, erfuhr seine »lyrische Sozialisation« (O-Ton Griffey) durch die Texte von Blumfeld oder Tocotronic. Noch heute kann er sich ausdauernd für Bruce Springsteen begeistern, hört aber auch den Düster-Pop von The XX oder den Falsett-Folk von Bon Iver – wenn er nicht gerade nach gutem Rap von Kollegen fahndet.  (ZEIT ONLINE 28/2011)
Und während Berlin langsam in der Herbstdunkelheit versinkt, dreht die neue Platte Endlosschleifen, dabei Endlos-Erinnerugen an eine kurze Kindheit im ostdeutschen waste land, bevor meine Eltern flohen. Und Eliot, immer wieder Eliot und Springsteen.
 

27. August 2013

Brief an die Mutter



...Wenn ich da ganz ehrlich bin, wird die Philosophie bei den engagiertesten Lehrerplänen insgeheim immer meine heimliche Passion bleiben, sonst hätte ich wohl nicht auf derart abenteuerlichen Umwegen zu ihr gefunden. Bis heute wirkt ihr verführerischer Zauber, dem ich mich nicht entziehen kann. Dennoch bin ich inzwischen immer mehr der Überzeugung, dass ihre akademische Institutionalisierung, der unbedingte Publikationszwang und die damit verbundene Verflachung von Inhalten, ihre Ausrichtung nach intellektuellen Moden und ihre unbeholfenen Anbiederungsversuche mit den faktischen Wissenschaften (Logik, Neurobiologie, Informatik, Linguistik) meine Kreativität dauerhaft abgetötet und mich als wissenschaftliche Mitarbeiterin sehr unglücklich gemacht hätten. Ganz zu schweigen von den prekären Zukunftsaussichten unserer Gattung der "Vollblut-Intellektuellen" (Hartz IV, Befristungen, unbezahlter Lehrzwang) und der Versklavung im Zeichen renommierter Forschungsvorhaben mittels Knebelverträgen, welche die täglichen Frondienste den zweifellos wohl alimentierten Lehrstuhlinhabern gegenüber arbeitsrechtlich rechtfertigen und zementieren. Freie Wissenschaft unter diesen Umständen? Ich geb' mich da keinen Illusionen mehr hin.
Das Fach Ethik (Klasse 7-10) bzw. Philosophie (Klasse 11-12) werde ich wohl im Übrigen (weil es auch hier berlin- und bundesweit an ausgebildetem Personal mangelt) zusätzlich zu den Fächern Deutsch und Latein unterrichten können. Und was spricht, hat sich das ganze Lebensmodell erst einmal eingespielt, bei 76 Urlaubstagen eigentlich gegen das eine oder andere Blockseminar, was man zusätzlich an der Universität anbieten könnte? Ohne den beständigen Druck, den eigenen Lebensunterhalt dadurch bestreiten zu können/müssen. Aus einer derart abgesicherten, ja, privilegierten Position, finanziell von dem System Universität unabhängig zu sein, ließe sich dann ggf. nochmal neu über den Erwerb eines Doktortitels und etwaige Veröffentlichungen nachdenken. Die müssten dann aber unbedingt in die Tiefe gehen und Philosophie als jene Tätigkeit zu profilieren suchen, die sich keinem anderen Interesse als dem aufrührerischen, grenzüberschreitenden und experimentellen Denken selbst verpflichtet sieht.
Du siehst, die Dinge kommen nach einer langen und unerträglichen Phase der Lähmung auf wundersame Weise wieder in Bewegung. Resignation und Stagnation weichen Zuversicht und ungeheurem Tatendrang und dahinter erkenne ich mich selbst endlich wieder und habe allmählich eine Idee davon, wie ich mein Leben von nun an gestalten möchte. Der Grundstein jedenfalls ist längst gelegt. Und dies alles? – Steht es vielleicht in einem geheimen Bund mit der 30, der man schon so manch' magische Kraft nachgesagt hat? Who knows?

Mit Haut und Haar in die lateinische Satz- und Formenlehre vertieft und voller Vorfreude!
C.

Memorandum

Ich liebe dich.
Und ganz egal.
Der Winter kommt.
Ein warmer Schal
Ist besser als ein kalter.
Ich bin zu hässlich für mein Alter.
Du bist zu schön.
Und das vergeht.
Das ist nicht neu.
Nichts bleibt, nichts steht.
Ein Lada steht im Parkverbot.
In hundert Jahren sind wir tot.
Am Montag, den 26. August 2013, ist Wolfgang Herrndorf gestorben (www.wolfgang-herrndorf.de).