6:15 Uhr: Wir plauschen noch ein bißchen an der Ecke, an der wir schon zu Schulzeiten so standen, dann ein Kuss und unter einem wolkendurchsetztem Himmel laufe ich durch die wunderbar frische Vorfrühlingsluft nach Hause, während eine sanfte Morgendämmerung aufzieht. Dass wir beste Freunde sind und das schon fast so lange ich denken kann und mein Herzschlag präzise dem Takt der Musik folgt in diesem Augenblick, ein Gefühl überströmender Lebendigkeit. Eigentlich habe ich mindestens drei Gläser Rotwein und zwei Bier zuviel im Blut. Eigenartig beschwipst und von den Morgenvögeln begleitet, hüpfe ich auf den letzten Metern fast schwerelos voran bis ich die Haustür erreiche.
26. Februar 2012
23. Februar 2012
Über Helme und Haare
Ich könnte nicht mal annähernd sagen, wie oft ich in meinem Leben den immergleichen Spruch in Bezug auf meine flachshaarige Mähne gehört habe. Immer und immer wieder wurde da (meist etwas schadenfreudig, was ich bei Glatzen viel eher verstanden hätte) konstatiert, dass die Miss stets einen keratinen Helm mit sich führe. Manchmal bin ich, aus mir unerfindlichen Gründen, sogar gefragt worden, ob ich gar Perücke trüge. Schienen mir die Fragenden ihrem Wesen nach grundsätzlich angenehm, durften sie sich durch einen packenden Griff an meinem Schopfe von der Tatsache überzeugen, dass das störrische Gewusel aus den körpereigenen Papillen gesprossen kam. Die immer gleiche Leier also. Unaufgefordert konnte ich sie da aus allen Windrichtungen heransäuselnd vernehmen, die Tipps und Tricks, nach denen ich an keiner Stelle verlangt hatte: Von A wie Ausdünnung über G wie den richtigen Gebrauch von Glätteisen bis hin zu Z wie angemessene Zopfbändigungen. Und immer blieb ich, um ehrlich zu sein, etwas ratlos zurück, weil mir selbst stets die Damen besonders leid getan hatten, deren flaumartiger Haarwuchs, die Kopfhaut durchschimmern ließ, oder deren Haar wie strähnige Spaghetti am Kopf festzukleben schien. Ich war mir also keines äußeren Makels bewusst, daher immer sehr erstaunt und auch etwas belustigt im Angesicht des entgegenschlagenden Haarhohns. Doch seit Amy Winehouse das endlose Auftoupieren zur olympischen Disziplin auserkor (und Unzählige ihr nacheilten), Extensions zum Standardprogramm eines jeden Friseurs gehören und selbst die Models in den Katalogen sich zu bardotartigen Helmen bekannten, für die ihr feines Haar zuvor bestimmt stundenlange Torturen litt, während ich nur aus dem Bett steige und auf das Kämmen verzichte, atme ich auf und fühle mich, wenn selbst Kulturzeit im Abspann ein solch prächtiges Musikvideo der bezaubernden The Kills und der noch bezaubernderen Alison Mosshart zeigt, auf das Beste bestätigt. Derangement (bei aller Äquivokation!) is very attractive. Indeed it is.
Schon erstaunlich (bei aller Hyperprojektion), die subtile Ähnlichkeit der Fotos mit uns, dem Gefährten und mir.
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18. Februar 2012
Auf! Währt's?
Ein großes Aufraffen und Zusammennehmen. Welch ein Selbstantrieb! Um halb neun frisch und munter aus dem Bett und ohne Umwege an den Schreibtisch. Seitdem dort, bis auf ein Stündchen, in dem ich frische Luft draußen schnappen ging - ja, die deutsche Nation und ihr Verhältnis zur Natur, überhaupt ihr apriorischer Drang, das Fenster zu öffnen, sich die Beine zu vertreten und draußen (egal bei welchem Wetter übrigens) spazieren zu gehen, wenn die Gedanken sich drinnen verheddert haben, darüber hörte ich neulich die hinreißende Gayle Tufts berichten. Nun fester Hoffnung, nicht gleich wieder ins nächste Trägheitsloch zu stürzen, das sich da auftut.
16. Februar 2012
Bataille
Ich gehe von einer elementaren Tatsache aus: der lebende Organismus erhält, dank dem Kräftespiel auf der Erdoberfläche, grundsätzlich mehr Energie als zur Erhaltung des Lebens notwendig ist. Die überschüssige Energie (der Reichtum) kann zum Wachstum eines Systems (zum Beispiel eines Organismus) verwendet werden. Wenn aber das System nicht mehr wachsen und der Überschuß nicht gänzlich vom Wachstum absorbiert werden kann, muß er notwendig ohne Gewinn verloren gehen und verschwendet werden, willentlich oder nicht, in glorioser oder katastrophischer Form.
Wie konnte ich nur so lange Zeit derart unachtsam an Dir vorbeischauen, während mein (philosophisches) Nachdenken doch beständig um Überschreitung, Verausgabung, Rausch und Exzess zu kreisen gewohnt war? Wie Dich ignorieren, bei meinem Hang zum Nicht-Identischen, höchstens noch als verstiegenen Spinner Dich abtun?
Und das, obwohl Dein Name in ein Verb verwandelt batailler, zu deutsch also kämpfen, heißt und Du den Mut hattest, in die Nachkommenschaft von Nietzsche und Artaud Dich einzureihen ohne von ihrem übermächtigen Schatten verschluckt zu werden. Ich habe nun viel vor mit Dir und greife begierig nach jeder Zeile, die das Blut, mit dem sie geschrieben, sichtbar macht, denn hierin bin ich gewiss kein Müßiggänger. (Zarathustra: Vom Lesen und Schreiben)
13. Februar 2012
Verschleudern von Vermögenswerten (Art. 165, Schweiz. StGB)
Dieses raumgreifende Misswirtschaften als Dauersymptom! Geld, Zeit, Konzentration. Alles rauscht einfach so ziel- und steuerlos dahin. Die Nächte werden gerade überlang. Morgens dann liege ich ab halb sieben hellwach, gleichzeitig bleischwer, untätig manchmal bis elf unter der Bettdecke und starre Schlaglöcher in die eintönige Decke. Dabei konnte ich noch nie so unbeschwert (und das war wirklich harte Arbeit) dem nachgehen, was ich nun, da es machbar wäre, täglich schmähe. Grausames Paradoxon. Und weil ich mich selbst darin beständig allzu wichtig nehme, zieht sich alles Angefangene bei mir immer bis ins Endlose und wird nur mit viel Anstrengung gegen innere Widerstände - wie die Ansprüche bis zur Decke aufgestapelt - zum Abschluss gebracht. Durchhalten, das gehörte wahrlich noch nie meinen Generaltugenden an. Demgegenüber die Omnipotenz des Erfindungsgeistes, während er täglich allerlei Vermeidungsstrategien ersinnt.
6. Februar 2012
Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Laufen
Das Quecksilber bezeugt zweistellige Werte unter dem Gefrierpunkt. Nach zehn Stunden intellektuellen Dauerbetriebs zieht es mich dennoch - die Kälte, die andere gar beklagen, ich genieße sie förmlich - mit doppelter Lage Thermoleggings und XL-Strickschal an die frische Luft. Am alten Mauerstreifen der Bernauer Straße entlang laufend und dann über das Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs wölbt sich über mich und den Schauplatz ein Himmel von furioser Luzidität. Gerade so transparent, so lichtern gar, als könne man direkt in das All schauen. In dieser klaren und eisigen Luft, die belebte Natur erstarrt, bin ich ganz unmittelbare Bewegung. Die schnellen Schritte lösen die Gedanken aus ihrer bleiernen Trägheit und versetzen sie in immer lebendigeren Fluss. Schritt für Schritt wuchert Gedanke um Gedanke, Imagination um Imagination. Abstraktiv schließe ich Kulturhistorie und Ontogenese, Barock und Pubertät kurz. Entgegen Nietzsches Einschätzung, der Barockstil entstünde unweigerlich inmitten des "Abblühens jeder grossen Kunst" zeigt sich mir das vitalistische Konzept der Epoche als ein agonales, sprich kompromissloses und strotzendes Aufblühen und nicht als Degeneration überreifen, totgeweihten Lebens. Unterwegs schleife ich mit der begrifflichen Nagelfeile immer beständiger an der Engführung der Phänomene. Überhaupt dieser, mein Hang zum Abseitigen, dem ich mit einer rohen Systematik Herr zu werden versuche, die angestrebte Verdichtung des Denkens, während alle Wärme des Körpers in seine Mitte sich zusammenzieht. Das Concentrare: ein psychophysischer Parallelismus; Leibniz' prästabilierte Harmonie, das eine Spiegelung des anderen. Durch das Laufen kommen die Überlegungen immer leichter über die ungegenständlichen Lippen des Hirns. Und als ich von dort hier hin zurücklaufe, weicht letztes fahles Scheinen einer gradiosen, alles überschattenden Opazität. Zuhause werde ich mir und dem Gefährten gefüllte Blätterteigtaschen mit Oliven, Basilikum und Feta kredenzen, sinniere ich bei bester Winterlaune. Doch zuvor werde ich mit Zettel und Stift noch schnell die reifen Früchte der im Laufen mit Nietzscheanischer Orthodoxie verfertigten Gedanken zu ernten versuchen, in der Hoffnung, bis dahin zumindest noch ein oder zwei Kerne aus dem Inneren ihres halbvergorenen Gehäuses aufgefangen zu haben.
4. Februar 2012
guttenborgen oder: Von der Erfindung neuer Verben
Nie werde ich jene Mitmenschen verstehen, die sich anschicken, pausenlos gegen die momentane Wetterlage zu protestieren. Für mich bietet das Berlinische Sibirien, das täglich im nicht enden wollenden Sonnenschein versinkt, ein Traum von einem Winter! Wer, zum Henker, frage ich mich insgeheim, sehnt sich unter diesen blendenden Voraussetzungen bloß nach minimalen Plusgraden und Fitzelniesel, der in die kleinste Pore kriecht? Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch den Prenzl' Berg nach Pankow (und froh, die letzten Wochen keinen Schirm benötigt zu haben), weil das Hirn von philosophischer Lektüre bereits rauchte, die feinen Neuronennetze unter Dauerfeuer fast explodierten, mit Lolli im Mundwinkel, schaffte ich begleitet von frischem Minztee mehr als die halbe ZEIT und fand, um ein besonderes Fundstück reicher, nicht mehr zu meiner eigentlichen Arbeit zurück (Ach, Samstage!).
2. Februar 2012
Datenträgernostalgiker
Es ist Weihnachten 1996. Ich werde, gerade dreizehnjährig und freilich hochgradig pubertierend, von meinem Opa für ein festliches Foto auf die großelterliche Eckcouch dirigiert, zu Mutter, Vater, der Oma, Tante und Onkel, die dort bereits sitzen. Eilig arrangiert und akurat drapiert wird das Motiv, die kleine Familie. Schließlich wird dreimalig der Auslöser des Apparats im Plastikgehäuse betätigt. Ein seitdem nahezu deterministisches Ritual, weihnachtsstrukturierend.
Und, da, wie Christian Stöcker in seinem höchst unterhaltsamen Buch Nerd-Attack!, das die Kaltmamsell ob seines spritzigen Faktenreichtums kürzlich nebenan anpries, konstatiert, dass die Fähigkeit zur "Nostalgie eine der Eigenschaften [ist], die den Menschen vom Tier unterscheidet, weil er ein Bewusstsein seiner selbst und seiner Geschichte besitzt", bietet die Erinnerung an den ratternden Kasten auch meinem Leben einen unermesslichen, oft allzu unterschätzen Halt im Getose des 21. Jahrhunderts. In einem Zeitalter nämlich, das vom beständigen "Verschwinden des Analogen" gekennzeichnet ist, ertönt mit dem knirschend knatternden Mechanismus gleichzeitig der Schwanengesang einer längst überholten Technik. Da meine überstarke Datenträgernostalgie, (insbesondere das Medium Buch betreffend) jedoch meist ohne die monierten "agressiven Züge" auskommt, sondern sich eher mit der Melancholie zu paaren gesellt, frage ich mich jedes Jahr auf's Neue, ob mein armer Opa im Jahre 2012 für die Abzüge erst mühsam in das Auto oder den Bus steigen muss, in die nächste größere Stadt zu gelangen, um die paar geknipsten Weihnachtsbildchen zu entwickeln, weil ja alle Fotogeschäfte in der Kleinstadt bereits seit Jahren geschlossen sind. Der alljährlichen Betätigung des alten Kastens tun jene Unwägbarkeiten jedoch bisher keinen Abbruch.
1. Februar 2012
Ach, Jänner...
Der zweite Teil des Januars bescherte mir einen nahezu kolossalen grippalen Infekt, der mich seit eineinhalb Wochen psychophysisch lahmlegt. Es war der dritte seiner Art infolge weniger Monate und rechnet man den Fahrradunfall auf der Torstraße im Dezember zur Ausfallsbilanz hinzu, so kommt man nicht umhin anzuerkennen, dass ich im letzten halben Jahr mehr krank oder beeinträchtigt war als gesund und vor allen Dingen häufiger out of order als irgendwann sonst in meinem Leben. Und obwohl das allerschönste Winterwetter mit einer klaren, eisigen Sonne zum Laufen in den Park lockt, bleibe ich diesmal, mit Hoffnung auf nachhaltige Besserung standhaft, wo ich die letzten Male doch längst schon wieder in den Laufschuhen gesteckt hätte. Länger als eine Woche keine vernüftige Bewegung, das grenzt schon fast an Höllenqual und führt mir beständig vor Augen wie schnell auch mein Körper - literally- an Form verliert. Nein, kein Sport im Moment - leider! Stattdessen strampele ich nachts im eigenen Schweiß badend unter der Bettdecke und murmele, von zusammenhangslosen Bilderketten angetrieben, wirres Zeug vor mich hin, kämme mir morgens kurz das in der Nacht wellig geschlagene Haar und laufe eine Runde wie paralysisert durch den Volkspark. Einmal trinke ich zu verstopfter Nase auch sechs Vodka, ayurvedischen Tee und zwei Becks und gewinne unverhofft das Kreml-Match, liege danach erst gegen vier Uhr etwas desorientiert im Bett. Zwei Tage darauf nach der Inszenierung des Gastspiels Also sprach Zarathustra im Gorki, meinem heimlichen Wohnzimmer, vergesse ich bei reichlich Rotwein fast meinen Namen, formuliere, von dieser ganzen Nietzsche-Maschinerie subtil angepiekst, unterirdische Sätze mit unkonventionell flektierten Verben und spreche sprachliche Rätsel wie die Delphische Pythia. Die Nacht und der darauffolgende Morgen bescheren mir die altbekannten Ängste um den Gesundheitszustand meines Mentalen, allzu sehr verworren das Ganze oder doch erste Zeichen neurodegenerativer Erkrankung. Am Montag habe ich dann ein erträgliches Maß der Ruhe zurück; Placeboeffekt: es gebe ja im Fall der Fälle schließlich auch noch dignitas. Ansonsten sind diese letzten Wochen randvoll von Max Frisch und Lichtenberg, von Max Prosa, Leonard Cohen, William Fitzsimmons und den Sternen, die ich Jahre nicht gehört, aber stimmlich immer noch auswendig begleiten kann. Ja, endlich ganz gesund wieder werden, das wäre was! Andererseits ist jene Zeitlosigkeit des Denkens und jeder Bewegung nicht ausschließlich beunruhigend (produktiv schafft man eben viel zu wenig), sondern an diesen Tage mit ihren abgezählten lichten Stunden manchmal überaus erfüllend. Überdies sind auf den lange Zeit unterbrochenen Wegen Menschen zu mir zurückgekehrt, die ich sehr lange Zeit sehr schmerzlich vermisst habe, jedoch vorher sehr, sehr lange brüsk weggeschoben habe.
23. Januar 2012
Only substitutions
Mit dem Vorsatz nur flüchtig in Theresas Blog herüberzulinsen gerate ich angesichts der schönen Arragements von (bilingualem) Text, Bild und Illustration mal wieder in blogosphärentypisches Verweilen. Dabei von nebenan betrachten zu können, welche Pläne die jeweils andere inspirativ leiten.
Von der vereinnahmenden Ästhetik des Schlussmachens schlagartig getroffen als ich bei den Bildern und erläuternden Texten des Eintrages Bookbinding: my dissertation angekommen bin, fühlt es sich kurz wie ein Stich ins Herz an, bevor ich wieder normal atmen kann - wenn das mit der momentanen Schnupfnase überhaupt möglich ist. Nicht nur befreiend also, sondern auch noch originell und so stilvoll kann das sein, Dinge endlich abzuschließen. Ich hingegen zerpflücke in Gewaltexzessen gerade wieder mein nun neun Ausgaben umfassendes Machwerk, finde allerorts aneinandergereihte Spitzfindigkeiten poststruktuaralistischer Provenienz, Schachtelsätze, die alle Sonderzeichen in sich aufnehmen wollen und derer nicht satt werden, umschweifige, dafür nichtssagende Satzgirladen, Worthülsen, wo man auch hinsieht. Eine einzige Hyperästhetisierung, eine theoretische Spielerei allenfalls, aber weit und breit keine universelle Sinnhaftigkeit, an die ich mich in der Nachfolge von Foucault, Deleuze und Kittler dennoch klammere wie ein flennendes Kind. Und, quelle surprise: eine bedenkenswerte Konsumbilanz im Januar mit etwas mehr als 350€ für Kleidung (bei der Vorgeschichte für mich freilich alarmierende Zahlen), die mein Taschenrechner da ausspuckt. Wie man doch beständig hinter sich zurückfällt. Noch immer also nicht für ungültig erklärt: das Verhältnis, bei dem Unzufriedenheit, Trauer, Wut und Angst streng und unmittelbar mit Konsum korreliert.
22. Januar 2012
Soulmate
...dazu besingt Perry O'Parson, dieser wunderschöne Mann, über den Dächern von Dublin eingängig und in epischen Wendungen das Leben - eine Nacht könnte indes schöner kaum sein.
21. Januar 2012
Enthusiasmiert
Mit der innerlichen Aufregung eines Kindes in der Vorweihnachtszeit, zudem auch ein bißchen verwirrt durch allerhand bunte Bilder, surfe ich seit beinahe drei Stunden und über beide Ohren euphorisiert in der Welt von kleiderkreisel.de und kann mein Glück über das, was es hier alles zu sehen, tauschen und zu ganz kleinen Preisen zu kaufen gibt, kaum fassen. Wahrlich, ein Vintage-Himmel, der locker mit Mauerpark-und Simon-Dach-Flohmarkt mithalten kann, diese preislich jedoch meilenweit unterbietet. Für einen violetten Schlauchschal mit Polka Dots und Troddeln habe ich soeben für 2€ den Zuschlag erhalten. Einfach großartig!
17. Januar 2012
Vorboten
Keine, wirklich keine einzige der mir auf der Torstraße entgegen kommenden Frauen meines Alters und ohne Kinderwagen, stelle ich entsetzt fest, hat annähernd so dicke trainierte Beine wie ich. Neben diesen grazilen Elfen, deren kranichhafte Stelzen auf zehn Zentimeter Absatz über das holprige Kopfsteinpflaster nur so dahinschweben, fühle ich mich in meinen flachen Westernstiefeln und einem schnell auf dem Handy errechnetem BMI von 20 (65:1,8²) wie eine weißrussische Kugelstoßerin zwischen Schwanensee probenden Ballerinen des Bolschoi. Ja, die gute alte Fashion Week lässt mich ernsthaft zweifeln, ob es sie hier tatsächlich noch gibt, jene Normalgewichtigen oder vielleicht sogar ein paar Dicke hinter den Fassaden und in den Hinterhöfen von Mitte.
16. Januar 2012
Vom Alkoholgenusse und seinen Folgen
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wann immer ich in der Vergangenheit zu tief ins Fläschchen geschaut habe, erhielt ich am nächsten Tag oft eine bittere Quittung. Nein, in der Regel konsumiere ich nicht (übermäßig) viel Alkohol. In den eigenen vier Wänden trinken M. und ich nämlich eigentlich nie. Zumeist haben wir nur dann einen guten Roten zuhause, wenn wir Freunde zum gemeinsamen Essen laden. Ansonsten kein Bier, kein Likör, kein Sekt weit und breit.
Mein Alkoholkonsum spielt sich daher fast ausschließlich draußen ab, inzwischen selten in der Woche, meist freitags oder sonnabends in irgendeiner Berliner Bar oder in einem Club.
Ich weiß daher nicht, ob es am zunehmenden Alter, vielmehr dem allmählichen Abbau der körpereigenen Regenerationsfähigkeit liegt, dass ich die am Vorabend und in der Nacht flüssig zu mir genommenen Genussmittel schlechter vertrage und der schwindelige Organismus dies wesentlich, so scheint es jedenfalls, langsamer abbauen kann - und das obwohl ich zu später Stunde jetzt, in der Hoffnung auf ein mildes Erwachen, immer große Gläser Wasser dazwischen schiebe. Mittlerweile fällt das Aufstehen, zu weit früherer Stunde als noch vor fünf Jahren, im ersten Moment zwar leichter, die Kopfschmerzen und die allgemeine Mattigkeit halten aber meist noch bis zum Mittag des Folgetags an und machen einen weiteren berauschten Abend nahezu unmöglich. Von dem milchigem Blick und der fahlen Gesichtsfarbe ganz zu schweigen. Und überhaupt, während ich mir beim morgendlichen Blick in den Spiegel gänzlich zerfurcht, fleckig, aufgedunsen, unzureichend durchblutet und verlebt entgegenblicke, sitzt meine liebste Freundin C. mit ihrem fast makellosen Porzellanteint ohne den Einsatz von Kosmetika (mit Deckkraft) beim Frühstück neben mir und ich staune jedesmal. In der Regel liegt sie erfahrungsgemäß noch eine Stunde später im Bett als ich. Erstaunlich denke ich mir und irgendwie auch ein bißchen ungerecht, ihre jugendliche Frische mit etwas verlaufener Mascara vom Vorabend, während mir, neben ihr auf dem Beifahrersitz, die Ereignisse der Nacht kaum deutlicher ins Gesicht geschrieben stehen könnten. Ich jedenfalls muss nun mindestens zehn Stunden schlafen bis ich mir den größten Teil meiner Endzwanziger-Jugendlichkeit zurückerkämpft habe.
9. Januar 2012
Über die nahezu universelle Geschmacklosigkeit von Sportbekleidung
Die in mir lodernde Abneigung gegen Winterbekleidung einschlägiger Marken (Jack Wolfskin, The North Face und Vaude) - wie sie gerade in meinem Heimatbezirk in Berlin allerorts getragen wird - ist all jenen, die mich (lange) kennen, altbekannt. Warum jene Bekleidungssünden derart verabscheuungswürdig sind, darüber hat die folgende Stilkritik unter dem vielversprechenden und zustimmungswürdigen Titel Outdoorkleidung gehört nicht in die Innenstadt im Berliner Tagesspiegel bereits alles gesagt, was ich ebenfalls vorbringen würde: Dem ist absolut nichts hinzuzufügen!
Seien Sie daher versichert, was neben Outdoorkleidung die rechte Klamotte beim Sport betrifft, so würde ich wirklich nie-, nie-, niemals in pellwurstartige Tights gepresst meine wöchentlichen Läufe absolvieren, ganz egal mit welcher penetranten Begeisterung sportive Freunde und Bekannte ihre Praktikabilität (bequem, pflegeleicht, atmungsaktiv) anpreisen - und das obwohl ich jede Woche in aller Regelmäßigkeit mindestens 3x5km, oft etwas mehr, hinter mich bringe. Selbiges gilt im Übrigen für meine Fahrradfahrten zur Arbeit (einfache Fahrt: ca. 16 km). Diese widerlichen Radlerhosen und dazu abgestimmten Funktionsjacken im Polyester-Neon-Chic, wahrlich eine Beleidigung für jedes halbwegs an ästhetischen Maßstäben orientierte Empfinden. Glauben Sie mir, keine zehn Pferde würden mich indes in jene einteiligen Swim-Suits mit Ringerrücken befördern können, in denen sogar zierliche 1,60m-Damen mit 40 Kilogramm Lebendgewicht wie kleine Seekühe aussehen. Von ihren Schwimmbrillen ganz zu schweigen, zumal die meisten unter ihnen in aller Regel weder richtig kraulen noch beherzt brustschwimmen können, derart zappelig, kurzatmig und affektiert nämlich, als gingen diese jungen Welpeninnen gleich unter.
Widerlich, ganz und gar abscheulich, die gestalterischen Auswüchse von Sportbekleidung. Außer bei Yoga, Aerobic (in meinen Augen quasi fast Nicht-Sportarten) und Tanz (mit voller Anerkennung!) vielleicht, welche ich selbst nicht betreibe/nie betrieben habe.
Warum, frage ich mich daher immer wieder, ist das Sportgerät zwar nach für mich nachvollziehbaren Prinzipien gefertigt - meine Rackets für Squash und Badminton beim genaueren Hinsehen durch und durch gestaltet, mit (spiel-)spezifischen Eigenschaften ausgestattet in Hinblick auf Geschwindigkeit, Gewicht, Funktion und Führung - und Sportkleidung dagegen in der Regel ästhetisch derart schmachvoll anzusehen: Kleine, teure synthetische Würdelosigkeiten, die sich meist einer reißenden Nachfrage erfreuen.
Meine Totalverweigerung daher: Ich laufe und squashe meist in alten ausgewaschenen Konzertshirts oder Tops aus Baumwolle, die nicht nach der dritten Wäsche schon so sehr nach Schweiß riechen wie die vergleichsweise teure Garderobe von M.: Nike, Asics, Adidas und Co. - alles in Neon und mit Rennstreifen selbstverständlich. Ich schwimme meine schnellen Runden übrigens immer im Bikini und kann keine Geschwindigkeitseinbußen gegenüber den Mitschwimmern feststellen. Ach, so ist das mit den Versprechen der Industrie: Höher, schneller, weiter, aber den Augen darum leider nicht erträglicher.
5. Januar 2012
Halt auf freier Strecke
Ein konfrontativer, liebevoller, großartiger Film. Und erneut die aufflammende Hoffnung, Wolfgang Herrndorf könnte jener Zwangläufigkeit der Krankheit andauernd von der Schippe springen und einen weiteren Jugendroman schreiben.
Vom Gejagtwerden
Ja, ich bin ein halbwegs politischer Mensch. Ich engagiere mich in einer Partei, verfolge die aktuellen Diskurse, Debatten, Sachargumentationen (wenn vorhanden) und kann eine Handvoll Regionalpolitiker aufzählen. Ich kenne die Senatoren Berlins, viele der gewählten Abgeordneten, ihre Zuständigkeiten und die Ausschüsse, Gremien, Verwaltungen, für und in denen sie tätig sind. Ich besorge mir/konsumiere Informationen eher auf klassisch-konservativen Weg (habe keine Anarcho-Antikapitalista-Transgender-Queer-Feeds abonniert). Ich lese den Politikteil der Süddeutschen, des Tagesspiegels, der taz (manchmal mit Ärgernis über soviel Mit-dem-Fuß-Aufgestampfe und zu wenig Sachlichkeit) und der ZEIT oft zuerst, außer ein interessanterer Artikel aus dem Ressort Wissen oder Feuilleton macht diesem Automatismus einen schönen, geistreichen Strich durch die Rechnung. Ich sehe sehr wenig fern und wenn einmal, dann am liebsten 3Sat wegen der schönen Bergsteigerdokumentationen, manchmal arte und ARD (für den sonntäglichen Tatort). Doch die inzwischen auch dort eingestreuten, mir täglich zugemuteten Diskussionen um Kredit und Urlaub, Diekmann-Bedrohung und Sühnertum werden allmählich unzumutbar. Und obwohl ich nie CDU gewählt habe, mein ganzes Leben nie daran denken würde, dies zu tun, Joachim Gauk im Hinblick auf seine Vergangenheit als Bürgerrechtler in der DDR und auch was seine Geisteshaltung angeht, für mich der weitaus geeignetere Kandidat für das Bundespräsidialamt gewesen wäre, finde ich die momentane Hetz- und Hasskampagne von Medien und Politik - qua Selbstverständnis zu selbsternannten Kontrolleuren des politischen Prozesses auserkoren, freilich - einfach nur widerlich. Verabscheuenswürdig jene Destruktion, Entwürdigung und Verachtung von Amt und Person und für mich ganz und gar unangemessen, hier beständig die Kategorien von Privatheit und Öffentlichkeit durcheinanderzuwirbeln. Wundert sich denn im Ernst keiner über diese maßlose Überspitzung der Vorfälle oder halte nur ich das zu günstigen Konditionen kreditfinazierte Eigenheim für eine Lapalie wie sie in den entsprechenden gesellschaftlichen Kreisen gang und gäbe, also als geschäftliches Muster fest etabliert ist. Warum fühlt sich mein Gerechtigkeitsbewusstsein angesichts der erhobenen Vorwürfe gegen Wulff nicht um einen Hauch erschüttert? Warum erwarte ich weder Rücktritt noch sehe ich Anlass zu Sühne, Selbstgeißelung oder gar publikumswirksamer Kreuzigung?
Ich kann mir nicht helfen, all das Vorgebrachte, die Vorwürfe, die Hetze, die Anklagen, das Strickmuster der Kampagne ruft Erinnerungen an meinen Deutschunterricht in der zehnten Klasse wach. Damals lasen wir gerade Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Böll. Ein Buch, das mich derart betroffen zurückließ, dass ich meinen gesamten Hass, die gefühlte Verzweiflung, ausgelöst durch die in der Erzählung von Presse und Öffentlichkeit an den Tag gelegte Menschenverachtung, nur durch bittere Kraftanstrengung herunter schlucken konnte. Der Film gab mir in dieser Hinsicht schließlich den Rest.
Und dieser umstrittene Anruf bei Kai Diekmann, ich bitte Sie! Hätte dieser die Liste meiner 67 Gläubiger, die Männer, mit denen ich schlief, eine Liste meiner Freunde, bei denen ich je übernachten habe, ohne mich finanziell dafür erkenntlich zu zeigen, veröffentlichen wollen, hätte ich es nicht dabei bewenden lassen, ihn auf seinem Band nicht nur infamer Lügen zu zeihen, vielmehr hätte ich ihm im Springer-Haus vor sein Büro gekackt. Einen richtig stinkenden Dreckshaufen hätte ich dagelassen. Aber das Scheißen ähm die Defäkation in der Öffentlichkeit, das steht einem bald scheidenden (?) Bundespräsidenten freilich nicht zu.
3. Januar 2012
Wir sind eine Außenbeziehung unseres Körpers mit sich selbst
Pollesch und Hinrichs in der Volksbühne - one more time:
Bei den identitäts- und subjektkritischen Stellen sprachlos, erneut.
2. Januar 2012
Das Jahrestagsgeschenk
Da mein Geschmack schon immer etwas eigentümlich war, stand kaum zu erwarten, dass M. anlässlich der fünf hinter uns gebrachten Jahre plante, mich mit einem Standardgeschenk (Parfüm, Schmuck, Dessous oder gar Blumen) abzuspeisen. Und obwohl er, mein Schatz, wie das Kinderlied sagt, kein Jägermeister ist, nenne ich von nun an ein restauriertes Geweih, freilich bei Ebay ersteigert, mein eigen: Die perfekte Jägerinnenklause.
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