19. April 2011

Ballaststoffe

Von den Jahren des existenzgefährenden Konsums, der Gier, des degenerierten Begehrens nach Objekten, die man unüberlegt und manisch beständig gegen Geld eintauscht, das man selbst nie besessen hat, von dieser Zeit der Entfesselung des Verstandes legen drei, ab dem point of no return gut gefüllte und sorgsam geführte Leitz-Ringordner ein stilles doch umso deutlicheres Zeugnis ab. Darin: hunderte Mahnschreiben, Zahlungsaufforderungen, Gerichtsbeschlüsse, Aufforderungen zu Offenbarungseiden, Ankündigungen von Gerichtsvollziehern und all das in regenbogenfarbenen Briefumschlägen übermittelt . Nun, nachdem ich die letzten Euros mühsam abgestottert habe und im Freundeskreis wohl die einzige bin, die jetzt am Ende eines auch manchmal aus der finanziellen Not heraus, aber zum Glück hauptsächlich aus Interesse in die Länge gezogenen Studiums, von sich behaupten kann, die Untiefen des Schuldensumpfes erstmal hinter mir zu haben. Ein populärer Auserkorener des Unterschichtenfernsehens wäre stolz auf mich.
Was bleibt: Die feste Gewissheit, dass aller Konsum, so ereignisreich und beglückend er sich anfänglich anfühlt, weder gute Freunde noch das Gefühl von Anerkennung ersetzen kann, dass die Beziehung zu den Eltern (nicht nur räumlichen) Abstands und gleichzeitig mutiger Konfrontationen bedarf, um danach umso befriedigender und ehrlicher zu sein, dass die Auseinandersetzung mit der existentiellen Bedrohung, die jede Sucht mit sich bringt und der man sich anfangs noch wehrlos ausgeliefert sah, einen schneller erwachsen werden lässt als andere Mitzwanziger. Von den angehäuften Massen an inzwischen immer bedeutungslos werdenen Objekten ganz zu schweigen. Der monatliche Verkauf dieser Kleidungsstücke und Accessoires (die inzwischen durch Flohmärkte reduzierte Masse schockt immer noch die meisten meiner Freunde) über Ebay spült im Austausch gegen fast immer Ungetragenes mit Etikett zumindest den einen oder anderen Euro in die marodierte Kasse zurück. Aber das Gefühl dies alles, den ganzen Ballast, nun endlich loslassen zu können, ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. 21 000 € verprasst, verschenkt, verloren. Was ich davon hätte reisen können mit Mitte zwanzig. Aber denken wir nicht weiter drüber nach.