4. Mai 2023

Unangepasst leben; Ästhetik der Existenz I

Man nennt Den einen Freigeist, welcher anders denkt, als man von ihm auf Grund seiner Herkunft, Umgebung, seines Standes und Amtes oder auf Grund der herrschenden Zeitansichten erwartet.  
F. Nietzsche: MA §225, 1878


Leichte Irritationen, die sich noch heute beizeiten offenbaren. Obwohl das hier, mein Leben und Alltag, die Überzeugungen schon lange Teil eines Erwachsenenlebens sind, mit seinen Abständen zum Herkömmlichen.

Spürbar, mitunter, als kleine Nachbeben von Mustern und Logiken, einer Art Prägung, die ich hinter mir gelassen glaubte, die mir aber immer wieder unerwartet vor die Füße fallen.

Da kracht dann die Absolutheit der Struktur (Tagesplan, frühes Aufstehen, Orientierung an Mahlzeiten, Wert- und Überschätzung von Erwerbsarbeit, feste Fernsehzeiten, Aufräumen, Mine machen, unauffällig und bescheiden durchs Leben gehen) gegen das innere Bedürfnis (lange im Bett liegen, auf der Bettdecke Wochenendzeitung und Romane und Frühstück, fabulieren, Sensualismus, Genuss, Treibenlassen, lange schon kein Fernseher mehr, niemals nach der Uhr sehen müssen). Lange Zeit war das unter den Schichten von Idealvorstellungen von mir, Ehrgeiz und Leistungsdruck gar nicht greifbar.

Vielleicht darf mir deshalb heute nur selten jemand hineinreden. Mein Reich, meine Regeln; manchmal ertrage ich nicht mal die Kleidung des Liebsten auf meiner Stuhllehne. Sage natürlich nichts, weil das wiederum wirklich affig wäre. Vielleicht bin ich deshalb so resolut was meinen eigenen (Frei-)Raum betrifft, bin in vielerlei Hinsicht und auf meine Art – bei aller vermeintlichen Extraversion nicht immer gleich offen heraus und mit Aushängeschild "Do not disturb!" – energisch, bestimmt, verbohrt.

Vielleicht habe ich mich deshalb im Philosophiestudium besonders zu Denkern hingezogen gefühlt, deren Existenz, die eigene Familie, Klasse, Herkunft zumindest durchkreuzte, um ihre eingefleischten Abläufe in sich selbst langsam zu zersetzen. Ein Zustand, für den die die Römer einen treffenden, wenn auch gewaltsamen Ausdruck gebrauchten, den sie schon den Griechen ablauschten: lacerare (zu λακίς, der Fetzen; λακίζω, zerreißen). Nietzsche, Cioran, Bataille, auch Foucault und Bourdieu.

1. Mai 2023

Bücher, jederzeit

Eine der entscheidenden Stellen, an denen mir immer wieder bewusst wird, dass ich es in einem – wenngleich relativ überschaubaren, für mich umso gewichtigeren – Rahmen "geschafft" habe und nichts befürchten muss, keinen Absturz, kein Prekariat, keine Geldsorgen:

Ich kann mir jederzeit Bücher kaufen, neuerschienene, Hardcover, Schmuckausgaben, Wälzer, Kataloge, bibliophile Berzbachs und Schalanskys. Wann immer mir danach ist. Das vormals strenge Bilanzieren ist einem Genuss des inspirierten Lebens gewichen. Frei von Angst.

5. April 2023

Ciel

Während wir am Strand entlang spazieren, breiten wir unser Leben voreinander aus. 
Eine kräftige Frühlingssonne wärmt mein Gesicht. Meine Sonnenbrille habe ich letzte Woche in Berlin liegen lassen. Das Licht ist so gleißend, dass ich, während wir sprechen, andauernd blinzeln muss. Als läge dieser lange Winter gerade weit hinter uns.
Über uns wölbt sich ein unendlicher Himmel: blau und unfassbar hoch.
Wie leicht sich das Leben manchmal anfühlt, wie groß und erhebend.

4. April 2023

Anfänge

Als hätten wir am Anfang gemeinsam in einer Monade gewohnt und nichts gebraucht außer uns selbst…
In jenem ersten Jahr hatte ich nicht das Bedürfnis, jemandem von uns zu erzählen. Ich schrieb nichts auf. Ich war vorsichtig. Noch ist es nicht dran, das Erzählen, sagte ich mir. Das Erzählen war in meinen Augen etwas, das erst am Schluss kommt.

3. April 2023

Horten

Vor einiger Zeit habe ich im Deutschlandfunk einen Beitrag über das Aufräumen gehört, in dem auch Marie Kondo eine prominente Rolle spielte.
Ich erinnere mich nur noch dunkel, dass neben den geläufigen Strategien auch ein Psychotherapeut zu Wort kam, der darin kurz auf die Gründe für das übermäßige Ansammeln von Dingen zu sprechen kam. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir seine Einschätzung, dass eine lieblose Kindheit oft mit dem späteren Anhäufen und Festhalten von unnötigem Besitz einhergeht — im Gegensatz zur Ansammlung von Statussymbolen der sozialen Aufwertung. Horten als eine Art emotionaler Hyperkompensation der Zukurzgekommenen. 
Als das Kind einer exzessiv hortenden Mutter mit einem Kleiderschrank, von dem mein Vater meint, dass er wegen seiner stattlichen Größe und seines immensen Gewichts jederzeit durch die Decke in die darunterliegende Wohnung zu stürzen droht, wurde ich sofort hellhörig.
Wie sie leide ich an einer manischen Obsession des Anhäufens, einer übertriebenen Akkumulation jenseits produktiver Sammelleidenschaft. Wie sie kapriziere ich mich seit Jahren auf den Konsum von Kleidung und Kosmetik. Dabei geht es nie um Hochpreisiges oder gar Exquisites aus Designerhand. Es ist die schiere Masse, die zählt. Auf fünf parallelen Webseiten überquellende Warenkörbe, digitalisierte Listen mit angestrebten Konsumwünschen, wiederkehrende Verzweiflung beim Umstellen der Garderobe von Sommer auf Winter, von Winter auf Sommer, zwischenzeitlich: Befreiungsschläge und spontanes Loslassen von einer Kofferraumladung Kleidung, dann erneute Jagd und spätere Anbetung der Beute.
Es ist absurd. Ein großer Teil meines Lebens besteht aus einer absoluten Verausgabung im/an den Konsum, einer Dauerbeschäftigung mit der Beschaffung von Dingen, an denen man sich kurz festhalten kann, die man dann festhält und verteidigt.
Dabei kann niemand all das jemals anziehen. Auch in zehn Leben nicht…

31. März 2023

Dinner für eine

Festtagsstimmung. Ferienvorfreude. Lange Wochen, hohe Stapel, Prüfungsvorbereitungen und erste Abschiede (Adieu, geliebte 13.3!). Heute gönne ich mir etwas. Als ich zwischen den Kollegen Platz genommen habe, ordere ich den ersten Apérol Spritz, dem bald weitere folgen werden. Eine Caprese zu Beginn: San Marzano, Mozzarella di Bufala, Olivenöl, Basilikum. Primo piatto: Penne all’Arrabiata. Secondo: Salmone alla griglia. Espresso und Tiramisu. Ich proste nach links und rechts und gegenüber. Gebe Anekdoten mit ausladenden Gesten zum Besten, sodass die Gläser zu vibrieren beginnen. Beim Lachen liegt mein Kopf wahlweise auf der Tischplatte oder an der Schulter meines Nachbarn.

60€ in für ein Dinner for one auszugeben, hätte in meiner Herkunftsfamilie wohl nur ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst. Heute gönne ich mir etwas. Heute lasse ich es krachen. Heute fühle ich mich wie Kroísos aus Lydien.

29. März 2023

A tunnel under Ocean Blvd

Welche Magazine, Feuilletons und Podcast ich in den Tagen nach der Veröffentlichung auch konsultiere, die Musikkritik deliriert sich mal wieder in Rage, salbadert selbstverliebt vor sich hin, radebrecht mit platten Deutungsansätzen (ein Eifersuchtsdrama, c'mon!) und verwechselt amateurhaft Urheberin und Kunstfigur, kunstschaffende Instanz und künstlerischen Entwurf, sodass mir nach fünf Rezensionen der Kopf raucht.

Offenbar verspürt niemand einen Hauch der Selbstreferentialität, die in den Texten angelegt ist. Niemand bemerkt den feinen Humor, die Kunst der Pose, das Spiel mit Bedeutung, die Taschenspielertricks mitgelieferter Lesarten.

Nur der F. hat mal wieder ein Ohr für das, für Lana, für mich.

Eilig schreibe ich ihm mit ungeduldigen Fingern von dem Eindruck, der sich mir schon seit Freitag aufdrängt und erst allmählich verbalisieren lässt... 

Der achte Track des furiosen Albums (zahlenmystisch genau die Mitte markierend) heißt "Kintsugi" (japanisch: 金継ぎ), was, wie eine schnelle Recherche ergibt, mit „Goldflicken“ übersetzt werden kann.

Etwas Zerbrochenes wieder zu kitten, ohne dabei den Bruch zu verschleiern, ihn im Gegenteil bewusst sichtbar zu machen und — golden! — zu affirmieren. Wow! Von dort aus ist der Schritt zu Wabi Sabi (侘寂) schnell getan: als ästhetisches Prinzip mit dem Schlüsselgedanken, Schönheit in jedem Aspekt der Unvollkommenheit zu finden. Lana ist sehr klug, vermag der auf den ersten Blick beiläufige Titel doch veritable Ansätze zur Interpretation ihres aphoristischen Ansatzes liefern. Die kompositorischen Kunstgriffe und die gloriose Stimme sind der Urushi-Lack, der die verstreuten Fragmente zusammenbindet. Wow!


Auf meiner Stirn klebt groß und gut lesbar "Viva la gaya scienza!" und "Nieder mit der Anbetung des Positivismus!"

Dem Dichter und Weisen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Erlebnisse nützlich, alle Tage heilig, alle Menschen göttlich.

27. März 2023

janusköpfig – Manie, vol. I

 "Immer, wenn ich auf den Fotos nicht mehr den Unterschied zwischen deinen Schüler*innen und dir als ihrer Lehrerin erkennen kann, weiß ich, was los ist, wollte als deine Freundin aber nicht sofort den mahnenden Zeigefinger erheben", schreibt mir die V. mit ein wenig Verzögerung von der Insel, nachdem sie offensichtlich meine Gruppenbilder der Mottowoche gesichtet hat. 

Ich: täglich kostümiert, wahlweise in Mermaidpose, Huckepack, von meinem Leistungskurs auf Händen getragen, Standwaage, Vrksasana, Plank, springend, liegend, posend, Zunge raus, Sonnenbrille, Victory-Zeichen, breite Schultern. My gosh!

Wenn alle Grenzen verschwimmen und der manische Teufel mich reitet, dann hat der eine Kopf des Ianus die Überhand gewonnen und flieht ungestüm voraus, die Existenz des zweiten annullierend.

Exzessive Ausgelassenheit und intensive Emotionen erscheinen bei mir stets als trügerisches Vexierbild, tragen sie doch schon immer einen pathologischen Keim in sich. Echte, unzweifelhafte, gesunde Freude: ein unsicheres, ungesichertes Terrain. 

Beim allmählichen Runterkommen in den letzten Tagen mehrmals darüber geweint. 

Meine unbändige, gefährliche, illusorische, vergiftete Freude.

19. März 2023

δαίμων

Schon seit Wochen fliegen die Sprachnachrichten zwischen V. und mir zwischen Sylt und Berlin wild hin und her. Wir sind im Flow, blicken uns gegenseitig in die Seelen. Finden viele Gemeinsamkeiten. Im Mittelpunkt unserer Mixtur aus Text- und Sprachnachrichten steht zuletzt die Beschäftigung mit dem inneren Kritiker, wie es in der marketingaffinen Awareness-und Selfcare-Psychologie heute so heißt.

Ich funke also präzisierend auf die Insel:
Irmela (aus einer traumatischen Erfahrung Anfang 20 an der Uni hervorgegangen), hart und wenig herzlich, leistungsorientiert, traditionalistisch, erfolgshungrig, ehrgeizig, belastbar, perfektionistisch, immer fordernd, ganz und gar ungnädig, die mir in variierender Stärke und Frequenz mit folgenden Tiraden ihre vergifteten Stachel ins Fleisch bohrt:

"Mit fünf Prädikatsexamina hätte wirklich mehr aus dir werden können und sollen!"
"Du wirst es nie schaffen, dir eine bürgerliche Existenz aufzubauen!"
"Du hattest einfach nicht den Mut und das Format für eine wissenschaftliche Karriere!"
"Dein Lebensstil ist nicht wild, sondern einfach nur altersunangemessen und peinlich!"
"Gib nicht dauernd Geld aus!"
"Spare 1500€ im Monat!"
"Deine Leidenschaften werden sich nie befriedigen lassen und du wirst immer weitersuchen, jedoch nichts finden!"
"Du bist eine selbstverliebte Narzisstin!"
"Dein Unterricht könnte noch viel innovativer sein!"
"Du musst die Arschbacken zusammenkneifen und durchhalten!"
"Langsam sind alle Züge in deinem Leben abgefahren!"
"Du solltest den nächsten Karriereschritt erwägen! Einfach nur Lehrerin sein, kann jede Loserin!"
To be continued...

Mein Daimon rät niemals ab, sondern immer nur zu. Es ist kein Sokratischer Daimon der Apologie, des Phaidros oder Euthydemos. Vielmehr scheint sein Wesen dem letzten Höllenkreis aus Dantes Inferno zu entstammen.

12. März 2023

Die Leere fetischisieren

Pläne, die per se zum Scheitern verurteilt sind: den Schreibtisch vollständig leeren, i. e. ihn im umfassenden Sinne vom Ballast der Arbeit befreien. Und damit meine ich nicht etwa, ein wenig Ordnung schaffen, den ein oder anderen Zettel oder Stift in wohlsortierten Schubladen wie von Zauberhand verschwinden lassen, sondern die Herstellung einer Leere im absoluteren Sinne. Das resultative Bewältigthaben von Korrekturbedürftigem, materialisierten Ansprüchen, papiernen Massen. Kurz: Abstinenz, Negation, Freiheit.

In meinem Alltag tobt ein steter Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Es grenzt an Donquichotterie, die Stapel bezwingen zu wollen, statt ihrer Präsenz mit radikaler Akzeptanz zu begegnen und sich gelassen und gelöst wie ein Zenmönch den diktierten Arbeitsrhythmen hinzugeben. 

Wäre da nicht mein obsessives Verhältnis zur Ordnung, dem austarierten Verhältnis der Teile zu einem Ganzen. Ich brauche die freie Fläche, das tadellose Weiß, die geräumte Ebene. Klarheit. Obsiegen der Kontrolle über das Chaos.

11. März 2023

Unser Decamerone

Man muß im Zu­stand der HYS­TE­RIE sein, um Tex­te schrei­ben zu kön­nen, die das wirk­lich sa­gen, was ei­nem vor­schwebt. Völ­lig über­wer­tig be­ses­sen von Ide­en, Wor­ten, Kon­zep­ten, De­tails des Sprach­li­chen, den Fein­st­ab­wä­gun­gen von Ober- und Un­ter­tö­nen des Ge­schrie­be­nen, nein, es klingt noch nicht ge­nau so, wie es klin­gen soll­te, ir­gend­et­was fehlt noch, was ist falsch, wo wird zu dick auf­ge­tra­gen, zu pe­ne­trant in­sis­tiert, zu lan­ge ab­ge­schweift, wo wird zu poe­tisch ver­kürzt ge­spro­chen, wo zu com­mon­sens­ehaft all­täg­lich. 

Im Traum hörst Du nie wieder auf, mir vorzulesen.

Das Knistern der Zeitung, forever. Dust swirls in strange light.

10. März 2023

Entfachung, sag für Amore...

Wenn ich von heute aus den Weg rückwärts abschreite, um an den Punkt zu gelangen, an dem ich Hals über Kopf in die Liebe zur Dir fiel, um eine so treffende englische Phrase unbeholfen und pathetisch ins Deutsche zu bringen, das die Wendung nicht kennt, denke ich immer zuerst an Deine Art zu schreiben. 
Gedanken, nah an der Wahrnehmung formuliert, sinnlich und überaus fein. Wie Du in den ausufernden Texten, die zwischen uns im Minutentakt hin- und herflogen, auf Rothko und Benjamin, auf Farbe und Rhythmus zu sprechen kamst. Eine Sprache der Intensität und Zartheit. Speaking into the blackbox.

Wie mein Begehren damals zuerst durch das Schreiben entfacht wurde, wie schnell ich Feuer fing und dann heftig brannte.

Weil wir wussten, dass sich diese Gefühle des Belebtwerdens und Lebendigfühlens mit Worten nicht festhalten lassen, verknüpften wir unsere Nachrichten später selbstironisch mit Hashtags, die beim Aussprechen und Schreiben verborgene Regionen in meinem Hirn noch heute zum Flackern bringen.


#endlesssummer
#fromthetreshold
#niejemalszuvor
#sensualismus

9. März 2023

Epistulae ex Ponto: Geistige Heimat

Was ich insgeheim betrauere, ist nicht die Entscheidung selbst. Den Weg in eine andere Richtung eingeschlagen zu sein damals. In eine weniger akademische, lebensweltlichere, pragmatische. 

Es geht mir alles recht leicht von der Hand. Ich habe Zauberkräfte, wird gesagt. Man hängt an mir und braucht mich. Ich kann begeistern. Ich bin überzeugt: Niemand merkt etwas. Ich habe eine zweite Familie gefunden. Einen Beruf, eine neue Berufung.

Nur manchmal, im Schein der Schreibtischlampe am Abend, über die Abikorrekturen gebeugt, beim Aufschlagen der Essais, wenn der SWR Reiner Niehoffs Versuche über den Schatten ausstrahlt, Melanie Möller in der NZZ wortreich über die Metamorphosen und die Heroen der Aeneis fabuliert, mir eine vor Jahren verfasste Notiz zu Batailles Begriff des Verfemten in die Hände fällt oder zu Nietzsches Fatalismen, dann sticht es kurz. Dann wiegt der Verlust der alten Heimat kurz schwer, dann erheben sich Tristia in mir.

Noch lange nach der Zweiten Staatsprüfung, längst im Beruf angekommen, täglich im Klassenzimmer, mit einigen Funktionen betraut, ein stets voller Schreibtisch daheim und fest eingespannt in das schulische Hamsterrad, war mir die Vorstellung ganz und gar unheimlich, nicht gleichzeitig, parallel zur Vollzeitexistenz, an einer Berliner Hochschule immatrikuliert zu sein. Der akademischen Welt von nun an nicht mehr zuzugehören, von meiner alma mater entbunden worden zu sein...


hic ego, finitimis quamvis circumsoner armis,

tristia, quo possum, carmine fata levo.

quod, quamvis nemo est, cuius referatur ad aures,

sic tamen absumo decipioque diem.

3. Oktober 2014

Es lag eine seltsame Spannung in der Luft

Den ganzen Tag verfolge ich – nicht ohne innere Bewegung – im Radio und im Öffentlich-Rechtlichen die Berichterstattungen zum Tag der deutschen Einheit, ärgere mich morgens am Küchentisch, während der M. ob der Verbissenheit in meiner Stimme mal wieder die Augen verdreht, kurz über Gysi und seine dummdreisten Faseleien, von Unrechtsstaat könne ja keine Rede sein, und spüre einmal mehr, dass auch ich, so klein ich als im Jahr 83 Geborene auch war, betroffen bin von dem Sog der Ereignisse, der Kraftanstrengung, dem Mut, der Euphorie einer gegen die Verhältnisse aufbegehrenden Generation. Dass sie tief vergraben liegen in der, die ich heute bin. Überwältigend diese Bilder und Stimmen aus dem Herbst 1989 und mitten in dem unaufhörlichen Strom auch meine Eltern und ich auf dem Weg ins Ungewisse. Mitten im Nirgendwo und doch gleichsam Teil einer großen Bewegung. "Ein Moment unverhofften Glücks, der sich nicht abträgt", sagt Ines Geipel in ihrer persönlich Rückschau auf diesen wichtigsten Moment ihres Lebens; sie, die sie wie wir der DDR an der grünen Grenze den Rücken kehrte, nichts ahnend, dass der Staat, in dem sie einst lebte und dem sie sich längst entwachsen fühlte, wenige Monate später für immer Geschichte sein würde.

10. September 2014

Eierlikör

Auch die Nachricht, dass sie am Vorabend ihres Todes mit meinen Tanten in ihrem alten Haus würfelnd beisammensaß, nachdem jene sie auf ihren Wunsch nach Hause geholt hatten, und sich im Laufe des Spieles auch ein Gläschen Eierlikör munden ließ, lässt mich immer wieder schmunzeln, so traurig ich bin. Überhaupt strömen die vielen Bilder und lebendigen Erinnerungen, die ich längst vergessen glaubte, nur so aus mir hervor: Die skurrilen Gruselgeschichten, die sie mir vor dem Einschlafen erzählte und die manchmal solch' grobe narrativen Mängel aufwiesen, dass wir beide lachen mussten, ehe sie auserzählt waren. Das schwere Federbett, in das ich dick eingemummelt neben ihr lag, in dem wir morgens NDR1 hörten und auch der Nachttopf neben dem Bett, damit mir in der Nacht die dunkle Treppe erspart blieb. Unzählige Nachmittage mit meinen Eltern, Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen in ihrem Garten unter einem endlosen Sommerhimmel, das Kohleschippen und ihre stets im ostfälischen Börde-Platt verpackten Erzählungen von der näherrückenden Ostfront, dem Ende des Krieges und dem Wiedersehen mit meinem Opa, der Anfang der 60er-Jahre starb als mein Vater noch ein Kleinkind war. Diese auf den ersten Blick immer etwas konfus wirkenden, verschachtelten Ausfächerungen und Verzweigungen erzählten Lebens, deren Zusammenführung ihr trotz des 90. Lebensjahres bis zum Ende routiniert gelang – vielleicht auch das von ihr geerbt. In den letzten Jahren waren sie immer häufiger mit dem Aufruf gespickt, der liebe Gott möge das Nachsehen haben und sie nach einem derart langem und randvollen Leben endlich zu sich holen, denn genug sei nun einmal genug. 
Vor allem aber ihr aufbrausender Charakter, der cholerische Grundzug, den selbst das Alter nicht abzumildern im Stande war, der sie das Besteck oder Geschirr auf den fast gedeckten Abendbrottisch schmettern ließ, wenn ihr irgendetwas nicht passte, ist es, der sich zweifelsohne sowohl bei meinem Vater als auch bei mir wiedererkennen lässt, der selbst im ungestümen Wesen der kleinen L. durchzuscheinen beginnt und auf eine seltsame Weise und über den Tod hinaus ein unauflösliches Band zwischen uns knüpft.

9. September 2014

Oma

Vier Schnaps, ein Bier und eine durchwachte Nacht später den ganzen Tag über, auf dem Weg in die Schule und auf dem Heimweg, zwischen den Unterrichtsstunden und der heimischen Vokabelplackerei mal still, mal lauter, mal verzweifelt geweint. Vor allem schmerzt mich, dass ich sie vor fast anderthalb Jahren mit der fast noch frischgeborenen L., ihrer Urenkelin, im Schlepptau das letzte Mal sah und seitdem die Chance nicht mehr ergriffen hab, sie, bevor sie am Samstag gestorben ist, nochmal zu besuchen. Das einzige, was mich ein bisschen tröstet: die Tatsache, dass sie nicht auf harten Liegen und in sterilen Zimmern monate- vielleicht sogar jahrelang herumvegetieren musste, dass ihr zumindest diese letzte Würde geblieben ist, dass zwei ihrer Kinder (mein Onkel und meine Tante) sie in den letzten Stunden begleitet haben und sie nicht alleine gewesen ist. Seit langem auch wieder diesen Schmerz gespürt, der alles zusammenschnürt, diese Enge in der Brust, die mich kaum atmen lässt. Und immer wieder auf dieses Foto geschaut: Sie, lächelnd und den Arm um mich gelegt, ich, fast vierjährig auf einem Geschenkband herumknabbernd neben ihr auf dem Sofa sitzend. Genau beäugt von der Katze, die auf einem Kissen unter dem lamettageschmückten Baum sich platziert hat. Wann immer gerade mein Blick darauf fällt, trotz der unzähligen Stiche im Herzen auch eine unbeschreibliche Wärme bei dem Gedanken verspürt, wie lieb sie mich einmal gehabt hat und wie lieb sie mir war und ist.

4. September 2014

Sentimentalitäten

"Weil ich schon keinen Papa mehr habe", flüstert die 8-jährige A., während ich mit den Korrekturen ihrer Deutschaufgaben beschäftigt bin, halb zu mir, halb zu ihrem Tischnachbarn, dem O., "werde ich ganz allein sein, wenn die Mama mal stirbt. Nur die Zwillinge werden dann noch bei mir sein." Es trifft mich mitten ins Herz. Vier Tage erst her, seit ich das erste Mal ihre Klasse betrat. Vier Tage und schon fängt man an, die so gern zu haben, dass man sich jetzt schon wappnet für den Moment, wenn man sie in naher Zukunft schon wieder verlässt. Welche Stille dann einkehren, wenn der Winter ganz den Büchern vorbehalten sein wird, verglichen mit dem quirligen Kichern, Murmeln, Flüstern, Necken, dem permanenten Bewegtsein von 29 Grundschülern. Bereits die K. und die J. hatten mir in einem gruppentherapeutischen Seminar für angehende Lehrer in weiser Voraussicht prophezeit, dass ich bei jedem Abijahrgang, jeder Klasse, die ich verabschieden muss, weinen würde und ich glaube immer mehr, sie könnten rechtgehabt haben.

3. September 2014

Amor fati

Viel zu viel Lebenszeit verschwendet an vergebliche Wünsche, irgendwie anders zu sein. Ausgeglichen (statt andauernd aufbrausend), zierlich (statt athletisch), ein wenig kleiner (statt in selten getragenen Heels fast 1,90m groß), durchorganisiert (statt chaotisch und impulsiv), mit geschmeidig glattem Haar (statt mit wilder, widerspenstiger Mähne), auch karriereorientierter (statt verliebt und versunken in unzählige Wissensgebiete, die immer nur weiter ausufern). Und doch an dieser Stelle meines Lebens auf eine seltsam ungewohnte Weise ins Reine gekommen, sehr zufrieden mit allem, den früheren Weichenstellung und Entscheidungen, die mich an diesen Punkt führten. Längst verlassen die Sphären des rein Hypothetischen des "Was wäre wenn?". Den theoretischen Erwägungen eine Haltung an die Seite gestellt, die ganz im Handeln verwurzelt ist und das Gegebene nicht nur annimmt, sondern tatkräftig gestalten will. Auf dem Weg jedenfalls.

Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen — aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen —, sondern es lieben
Nietzsche: Ecce Homo – Warum ich so klug bin, § 10

1. September 2014

Erster Schultag

Mein erster Schultag ist übervoll von Eindrücken. Das Setting: jahrgangsübergreifendes Lernen von Klasse 1–3. Während sich für mich als Außenstehende sofort erkennbar ost-westdeutsche Gräben durch das Lehrerzimmer ziehen, warten auf dem Hof unter einem grauen Herbsthimmel seit halb acht Erstklässler in gespannter Erwartung auf ihren ersten Schultag, ihre ungeduldigen Eltern zugleich auf eine möglichst baldige reibungslose und vor allem glückende Integration in unser Bildungssystem – der Garant für den späteren beruflichen Erfolg ihrer Schützlinge! Einige von ihnen werden erst in wenigen Monaten sechs Jahre alt, manche sind von derart zarter Statur, das man glauben könnte, sie würden unter ihrem tonnenschweren Tornister noch auf der Stelle zusammenbrechen, wenn der Small-Talk mit ihren engagierten Eltern nur noch wenige Minuten länger andauerte. Viele der insgesamt 27 Kindergesichter sind mir als Mutter einer Anderthalbjährigen von den umliegenden Spielplätzen her bekannt und auch ihre Eltern, so meine ich zu vernehmen, blinzeln mir bei ihrer Übergabe verschwörerisch zu.
Im Hintergrund des Unterrichtsgeschehens liegt, trotz der tatkräftigsten Bemühungen ihrer passionierten Lehrerin, die ich in den kommenden Wochen beobachten und unterstützen darf, eine spürbare Anspannung in der Luft. Ein diffuser Leistungsdruck, der manche nicht so robuste (fast) Sechsjährige, die noch keine adäquate Strategie entwickelt haben, diesen Spannungsgefühlen standzuhalten, am Ende ihres ersten Tages in sich zusammensinken und verzweifelte Tränen weinen lässt. Der von einer quasihomogenen gutbürgerlich-akademischen, ortansässigen Arkonaplatz-Klientel der Ende der 1960er / Anfang der 1970er Geborenen (diesen „Oma-und-Opa-Eltern“, wie meine Schwiegermutter, als junge Mittfünfziger-Omi, etwas despektierlich zu sagen pflegt), mit ökologisch-alternativ orientierter Lebensweise, finanziellen Spielräumen und Montessori-Einschlag, nach Vorbild der eigenen Eltern, denen man früh in ein aufregendes Nach-Wende-Berlin entfloh, in die bereitwilligen Kinder frühzeitig eingesät worden ist, um die eigene  Furcht vor einem unwiderruflichen Scheitern am Leben wenigstens ein bisschen zu betäuben. Machen wir uns nichts vor: Dass alle Formen staatlich institutionalisierter Erziehung und Bildung, um Individuen gesellschaftsfähig zu machen,  zwangsläufig auch mit Zu-(Ab-)richtung verbunden sind, dazu muss man wahrlich nicht Foucault gelesen haben, dass Disziplinartechniken jedoch auf noch viel perfidere Art und Weise – ein angesehener Chirurgenvater züchtigt seine 8-jährige Tochter  bei Lernverweigerungshaltung, indem er sie im Bedarfsfalle kalt abduscht  – schon in den Herkunftsfamilien zum Standard erzieherischer Praxis gehören und die Kinder in der Schule erstmals Freiräume verspüren, die sie von zu Hause nicht kannten, das macht mir schon irgendwie ein wenig Bauchschmerzen. Gerade, wenn ich mir vorstellen muss, dass ich diese Kinder-Eltern-Paare in den nächsten Jahren in meinem unmittelbaren Nahbereich öfter zu sehen bekomme, und, was ebenfalls nicht auszuschließen ist, in höheren Klassenstufen bald selbst in meinem Latein-, Deutsch- oder Philosophieunterricht begrüßen dürfte.

27. August 2014

Tragische Heiterkeit

Nach langer Abstinenz: Neuerliche Lektüre von Nietzsches Unzeitgemäßen Betrachtungen III (Schopenhauer als Erzieher). Die erste Leseerfahrung inzwischen in unendliche Ferne gerückt, immerhin fast 10 Jahre her, kaum noch erinnerlich daher in ihren Einzelheiten. Trotz vermeintlicher Abgeklärtheit noch immer begeistert von der ihnen zugrundeliegenden Konzeption (dem metaphysischen Überbau), der in Szene gesetzten Dialektik von Heiterkeit und Schwermut. Im Subtext läuft freilich meine ganz eigene, triviale Lesart: die vermessene Applikation der philosophischen Begriffe auf das eigene Leben: Aliis laetus, sibi sapiens.