Dass wir, die wir ganz und gar begrenzt sind, etwas geschafft haben, das uns übersteigt. Das uns, wie M. sagt, wenn alles gut geht, überdauert, das haut mich immer wieder um. Dreißig Winter habe ich hinter mich bringen müssen, um etwas derartiges zu fühlen. Möge immer alles gut gehen — dies ist ab jetzt meine größte Hoffnung.
1. April 2013
21. Februar 2013
Frau Strick
Ende März 2009. Dies mein Schicksaljahr. Wie sich die Dinge schon ein halbes Jahr später wenden. Die Katastrophe, in die wir stürzen werden. Nichts davon ist an diesem Punkt meines Lebens absehbar. Alles unbeschwert und heil; so raunt die Sprache der Fotos, die mir seit langer Zeit heute wieder in die Hände gefallen sind. Das, die heutige, vielleicht etwas verklärte Sicht auf die Dinge.
26.3.2009: Wir, das sind der Meister - den ich 2008 eines späten Winternachmittages im morbiden Hauptgebäude der Technischen Universität auf einer Steintreppe, auf der wir unerlaubterweise nach den Seminaren regelmäßig rauchten, auflas, so begann unsere Freundschaft - M. und ich, stehen im Colosseum, den Audioguide am Ohr. Die Sonne scheint schon kräftig hier. Der Frühling ist längst angekommen in der ewigen Stadt. Als der Flieger in Berlin abhob, versank dort alles noch im Einheitsgrau eines langen Winters.
Im Seitenprofil entdecke ich sie dann ganz deutlich, meine heißgeliebte Sonnenbrille, die der Meister im Nachgang, da hatte der M. sich am Petersplatz in einem Moment der Unaufmerksamkeit, zudem leicht vom Weine benebelt, schon darauf gesetzt und daraufhin war ein Glas aus dem Gestell herausgebrochen, nicht ohne ein bißchen Ironie, wie es so seine Art ist, Frau Strick getauft hatte. Nach jener durchgeknallten älteren Dame aus seinen Zivildiensttagen in der Psychatrie, die nicht nur pausenlos herumphantasierte und ihre verworrenen Narrationen zum Besten gab, sondern augenscheinlich ähnliche Modelle präferierte. Ihre im Gegensatz zu meiner damaligen Flohmarktentdeckung wahrscheinlich eher hornbrillenartig und hochwertig. Die nächtlichen Fotos zeigen uns kurz nach dem Vorfall lächelnd und weintrinkend vor der Petersbasilika. Ich, die lädierte Frau Strick auf der Nase, einglasig, dennoch in die Kamera feixend. Seit diesem Tag nun, dem Tag der zerstörten Brille, bin ich unentwegt auf der Suche nach einer neuen Frau Strick, die der alten annähernd das Wasser reichen könnte und scheitere mit diesem Anliegen Sommer um Sommer. Immer wieder sehe ich mich nach ihr um, besser: nach einer, die ihr auch nur ein bißchen ähnelte, und immer wieder kaufe ich Brillen. Ob auf dem Flohmarkt, bei Mango oder online, ich werde immer wieder enttäuscht. Nie, nie, nie war auch nur eine dabei, die nur halb so hinreißend ist wie sie es war. Ob ich sie wohl jemals finden werde, jene Schöne, die ich so lange schon begehre?
16. Januar 2013
Resteitelkeiten
Man muss schon sagen, auch wenn die einzelnen Abläufe immer wieder mal durcheinandergeraten und jeden Tag an einer neuen Stelle etwas nachjustiert wird, verschlägt es mir angesichts der pendantischen Regelmäßigkeit, mit der unsere Kleine nach Nahrung, Schlaf, Nähe und Beschäftigung verlangt, manchmal den Atem. Die Berechenbarkeit ihrer Schlafpausen und ihre Tendenz zum Langschläfertum mit ausgedehnten Döseeinlagen am Vormittag machen mir nicht nur eine tägliche Morgendusche möglich, sondern mehr noch erlaubt es die glückliche Eintaktung, dass ich mich allmorgentlich vernünftig kleiden - und das meint nicht etwa Jogginghose und ausgewaschenes Top - und, Obacht!, sogar schminken kann. Überhaupt schätze ich die Vernachlässigung aller Äußerlichkeiten von jeher nicht besonders. Dieser resignativ hingenommene Verfall trägt nämlich den fahlen Beigeschmack der Auflösung und Zersetzung jeglicher Struktur, auf die ich von jeher angewiesen bin. Auch wenn es sich dabei nur um einen schnell geschwungenen Lidstrich handelt oder ein Kapitelchen Nietzsche, das mir vergönnt ist. So staunen wir über dieses Kind und seine ausgelassene, meist heitere Art - woher sie die hat, ein Rätsel! Wenn nun nur noch die Schlaf-, Trink- und zugleich Schreipause zwischen 3-4 Uhr nachts wegfiele, wäre fast schon von paradiesischen Zuständen die Rede.
4. Januar 2013
2012: What a year it has been...
2012 war atemberaubend, ungemein schnelllebig und in jeglicher Richtung weichenstellend. Nachdem mich 2009 niederriss, ich 2010 verzweifelt und ohne Halt vor mich hin delirierte und ich erst Mitte 2011 ersten Boden unter den Füßen spürte, veränderte 2012 schlagartig mein Leben.
Als ich im Frühling und nach durchzechter Nacht erfuhr, dass ich schwanger bin, lag alles noch in derart weiter Ferne, dass ich mir den Wandel nur schwerlich vorstellen konnte. Im September gaben M. und ich uns das Ja-Wort. Die Fotos verraten erst bei genauestem Hinschauen, dass wir zu diesem Zeitpunkt schon zu dritt sind (auch wenn alle Anwesenden es längst wissen). Am vorweihnachtlichen Sonntag wird unsere Tochter geboren, während meine Eltern die letzte Kerze des Adventskranzes anzünden. Als der M. meinen Vater anruft, spielt das Radio gerade Christmas lights von Coldplay. In Berlin bedeckt eine zarte Schneedecke die Dächer des Campus Charité.
Alles läuft seltsam unkompliziert, beinahe unaufgeregt. Ganz anders als ich es von meinem Leben gewohnt bin. Die gesamte Schwangerschaft nur ein anderer Zustand von mir: Ich, in gewohnter Mobilität, und ein kleiner Bauch, in dem mein Kind freudig strampelt. Ich bin jeden Tag viel auf den Beinen, ständig in Bewegung, besuche Konzerte, Lesungen, Theater, fahre bis zum ersten (Tief-)schnee auf meinem Herrenrad durch die Gegend. Noch einen Tag vor der Entbindung schwimme ich 3000m im Stadtbad Mitte in einer passablen Zeit. Ich nehme 10 kg zu, die ich kurz nach der Geburt schon wieder los bin (Victoria Secrets darf sich melden!), deswegen esse ich wie ein Mähdrescher, damit die Energie für uns beide reicht. Ich erkenne hin und herschwankend mal M., mal meinen Vater, mal meine Mom, meinen Opa, mal mich in dem Kind und hoffe, dass sie grüne Augen bekommt frage mich, welche Augenfarbe sie wohl haben wird. Nach einer kurzen, schnellen, aber schmerzhaften Geburt ohne den Einsatz nennenswerter Seditiva - die Zeit reicht nicht - ist es Liebe auf den ersten Blick. Nachts liege ich da und bestaune im Zwielicht der Station das kleine Wesen neben mir. Immer wieder stehe ich in den Tagen danach fassungslos und wie dort angewurzelt an ihrem kleinen Bettchen, um zu schauen, jede kleinste Regung zu betrachten. Ein schlafloser Seismograph bin ich und von einer eigenartig pergamentartigen Haut, durch die man ohne Hindernis ins Innere hindurchblickt. Alles ist anders jetzt, einfach alles. Als hätte meine Welt sich ohne mein Zutun einen neuen Sinn erschlossen, weiß ich das erste Mal seit langem, dass ich ganz fest zu jemandem gehöre, der mir alles bedeutet.
Ich bin versucht zu sagen: es ist das Beste, dieses 2012, was mir je passieren konnte.
Ich bin versucht zu sagen: es ist das Beste, dieses 2012, was mir je passieren konnte.
5. Dezember 2012
"Es ist das Nutzloseste auf der Welt"
Sternstunden im deutschen TV. Kurz nach
Mitternacht. Reinhold Messner beim bundesrepublikanischen Traumschwiegersohn zu
Gast. Ich überlege kurz wegzuschalten. Von minutiöser philologischer Arbeit
gänzlich ermattet, beugen sich prompt alle inneren Widerstände dem Versprechen
vermeintlich seichtester Unterhaltung. Jene, die mich lange kennen, wissen
zudem von meiner Schwäche für Extremsportler (Huber-Brüder, Baumgartner,
McNamara), schrullige Intellektuelle und traumwandlerische Musiker,
Komponisten, Kunstschaffende im Allgemeinen.
Aller Anfangsskepsis zum Trotz schreitet das
Gespräch fruchtbar fort, beginnt vor dem Hintergrund der luziden Schilderungen physischer und
psychischer Grenzerfahrungen des 68-jährigen Bergsteigers, der mich schon als
Kind, vermutlich wegen seiner Frisur, an eine ältere Version meines eigenen Vater
erinnerte, um die großen existentiellen Fragen zu kreisen: Balanceakte über
Abgründen und das Genie des Wegsuchens, Haben und Sein, Sinnhaftigkeit und
Zweck, Abenteuer, Herausforderung und Überwindung, Intensität und
Selbsterhaltung.
Mein Zuschreibungsapparat funktioniert trotz der
fortgeschrittenen Tageszeit noch ausgezeichnet, das beweisen jene wilden
Assoziationsketten, die mein Hirn Messners Antworten kommentierend angedeihen lässt. Immer wieder rumort es im Hinterstübchen: Nietzsche, Nietzsche,
Nietzsche (Und wer über sich hinaus
schaffen will, der hat mir den reinsten Willen, Za II, KSA 4, S. 157)...und
ein wenig Bataille natürlich. Bergsteigen als riskantes Aussetzen des Lebens
"an den Rand der Möglichkeiten", um es mit gesteigerter Empfindung
wiederzuerlangen. Das bewusste Sich-Begeben in das nicht länger Kalkulierbare
verstehe nicht nur ich, so wird es im Laufe von Messners Ausführungen immer
deutlicher, als Affront gegen bürgerlichen Mäßigungswahn und
Optimierungslogiken sondern als (ästhetisches) Konzept der Verausgabung und Selbstüberschreitung,
auch wenn er die gedankliche Essenz auf eine andere Sprache stützt als ich,
andere Worte für dasjenige findet, das auch ich zu meinen glaube: "Ich
will, dass sich junge Menschen ausdrücken...die Arbeit ist sekundär, sich
ausdrücken ist viel wichtiger. Seinen Weg finden ist die Kunst...Und diese
Fähigkeit, etwas ganz zu machen, bis zur letzten Konsequenz zu machen, habe ich
auch beim Bergsteigen gelernt und nicht in der Schule.“
Als ich nach dem einstündigen Interview angeregt, inzwischen aber mit einer
gewissen Bettschwere ausgestattet, ins Schlafzimmer wanke, bin ich innerlich
von den mitgeteilten Erfahrungen noch derart bewegt, dass ich M., der mal
wieder Nachtschicht schiebt, noch schnell eine SMS schreibe: "Gerade ein
äußerst beeindruckendes Interview von Reinhold Messner gesehen und seitdem
überlegt, ob Nietzsche sich seinen Übermenschen in etwa so vorgestellt haben
könnte..." Eine morgendliche Lektüre des Zarathustra bestätigt meinen Eindruck:
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, — ein Seil über einem Abgrunde.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.
24. Oktober 2012
Der Blick von außen
Wie die Wahrnehmung der 27-jährigen Litauerin Alge, diese kleine Irriation bei der Konfrontation mit der als "deutsch" erlebten Daseinsform, ganz wunderbar mit meiner eigenen Empfindung zur Deckung kommt, gerade dann, wenn ich mir meine sportelnden Mitmenschen (ganz gleich ob schwimmend, bergwandernd, joggend, fahrradfahrend) lebendig vor Augen rufe. Und ob die auf dem Sektor der Freizeitgestaltung grassierende Spezialisierung, die gleichermaßen auch unser Verwaltungswesen mit seinen operativen Behörden erfasst, in struktureller Korrelation mit dem Abbau und der Verflachung anderer Gebiete, der Ausdünnung des umfangreichen Katalogs humanistischer Bildung etwa, stehen könnte, darüber sollte ich in einem weniger kulturpessimistischen Augenblick mal etwas systematischer nachdenken. Dann etwa, wenn die Gefahr, den Adornitisch-Horkheimerschen Platitüden argumentativ vorschnell auf den Leim zu gehen, vielleicht weniger groß wäre als heute. Vorerst aber bleibt mir nichts anderes übrig als unreflektiert zu meinem Punksein zu stehen.
9. Oktober 2012
Dillon
Während draußen die Stadt in die kühle Oktobernacht stürzt, vereint drinnen im Saal eine Stimme Singularitäten zu einer schweigenden, gebannt lauschenden Einheit. Verschmelzen Individuen zu einer rezeptiven Masse. Eine Stunde lang ist alles aufgelöst in Klang, Bass, Licht und im Nebel, bevor die Zuhörer auf dem Vorplatz der Volksbühne in die Berliner Dunkelheit auseinandersprengen — Tip tapping / I was tip tapping / tip tapping / in the dark.
8. Oktober 2012
Maieutik
Daß man, wenn es einem im Wahrheit gelingen soll, einen Menschen an einen bestimmten Ort zu führen, vor allen Dingen darauf achten muß, ihn dort zu finden, wo er ist, und allda zu beginnen hat.
Kierkegaard, 1859
...und vielleicht zeichnen sich darüberhinaus - und vor dem Hintergrund sich überstürzender Ereignisse der Frage und Entscheidung neu überantwortet, welchen Weg die nächsten Jahre beschreiten - immer stärkere Konturen einer Fiktion ab, wie ich mich ausgehend von dem Glauben an eine wirkliche Berufung jenseits geisteswissenschaftlicher Sklavendienste (Lektorat, PR, Redaktion und Presse, Projektarbeit in Medien und Kultur im weitesten Sinne) beruflich entwickeln könnte. Erst halb ausgegoren und doch ganz erhebend die Vorstellung, es könnte dort einen Platz geben, der mir vorbehalten ist und von dem aus mein Wunsch nach Vermittlung von nicht bloß faktischen Sinngehalten und (existentiell verstandener) Betroffenheit wirken kann.
7. Oktober 2012
Individuation
Der September stand im Zeichen der Veränderung wie überhaupt das ganze Jahr mir einen Kosmos vor die Füße geschmettert hat, in dem ich beginne mich langsam und staunend zu orientieren. Der ganze Monat überdies randvoll mit Gedanken und Gefühlen. Einige tiefgreifender und größer als ich je angenommen hätte, dachte ich in Momenten, in denen ich die Stille zurückhatte und das übliche Maß an Handlungssouveränität.
Das Ineinandergreifen widerstrebener Momente, das Zusammenwachsen zu einer familiären Einheit, und dies nicht nur im rechtlichen Sinne, und gleichzeitig die Teilnahme an der Geschichte einer Individuation, die bisher ausschließlich auf sinnlicher Wahrnehmung fußt, sich durch Tritte und Schläge bemerkbar macht und doch mehr ist. Wie die Verinnerlichung eines Inneren, das sich, zwar ganz umfangen von mir, diesem gedanklichen Selbst doch beständig entzieht. Dieses in mir, das ganz individuell ist und bereits geschieden von all dem, was ich bin und doch momentan (noch) ich ist. All das, dieses Auseinanderdriften von dem, was ich und was Du genannt wird, vollzieht sich im Unsichtbaren und versetzt mich immer wieder in derartiges Staunen, dass ich kurz innehalte, das es mich trifft, rührt und mich beglückt zur gleichen Zeit. Und diese Tatsache: Dass Du als feste Instanz inzwischen existierst in den Gesprächen über die Zukunft, vielleicht auch, weil Du seit Monaten schon einen Namen trägst, und alle Gedanken dann doch ganz verschwommen und verworren um das kreisen, was und wie Du sein wirst. Die Spannung steigt mit jedem Tag; zwei Monate noch...
27. August 2012
Frühsport
Das Thermometer kratzt haarscharf an der 20°-Marke. Der Himmel ist von einem solchem spätsommerlichen, einem frühherbstlichen Azur, auf dem weiße Wolken dahinschwimmen. Heute bin ich die Zweite in der Schlange vor dem Freibad Humboldthain. Vor mir eine Schwimmerin, die ich hier öfter treffe, immer um die gleiche Uhrzeit. Die ich wegen ihres kraftvollen Delfinschwimmens und ihres technisch saubersten Kraulens still bewundere. Als Erste - den Bikini habe ich nämlich immer schon unter der Kleidung und spare mir dadurch den Gang in die Garderobe - ziehe im Becken meine Bahnen und wirbele das vom Wind zart gekräuselte Wasser durcheinander, denke dabei kurzzeitig an Merleau-Pontys Meditationen über Hockney und schon packt mich der Flow, löse ich mich ganz in der Bewegung auf, atme tief. Der ganze Körper eine Oszillation der Bewegung, ein Wechselspiel von Spannung und Entspannung. Die kinästhetische Monotonie nur zeitweilig unterbrochen von kuriosen Fragen, beispielsweise warum soviele der Bloggerinnen, deren Leben ich regelmäßig lesend verfolge, eindeutig dazu neigen, ihre Füße zu einem präferierten Motiv ihrer über soziale Netzwerke veröffentlichten Fotos zu machen (hier, hier, hier, hier und auch hier). Bei 1500m falle ich durch die Gleichmäßigkeit der Bewegung - ich schwimme immer ohne Pause, in gleichbleibender Frequenz und Lage - regelmäßig in einen derart meditativen Zustand, dass es mich nicht wundern würde, wenn die Weltenformel mir plötzlich zufiele. Gelingt es mir zu diesem Zeitpunkt hingegen über 500m Brust schwimmend mit einem schnellen Krauler mitzuhalten, der mir vor der Seitenwende verwundert Blicke herüberwirft, gerate ich in Hinblick auf den sportlichen Wettbewerb zwischen uns sogar nahezu in einen Zustand der Ekstase.
Folgt man den Kritikern der Olympischen Spiele in ihren (jenseits von Argumenten, die die Kommerzialisierung des Sports betreffen) geltend gemachten Punkten, nimmt man die Paradigmen unserer Pädagogik (insbesondere der (Klein-)Kindpädagogik), zudem die Programmatik moderner Politik unter die Lupe, die aus Angst vor gesellschaftlicher Spaltung durch die Bekräftigung von Diversitäten lieber auf Ausgleich und Nivellierung setzt, reflektiert man darüberhinaus das in unser Gesellschaft verankerte Frauenbild, demnach Frauen zwar in pucto körperlicher Ästhetik eifrig konkurrieren dürfen, das gegenseitige Messen sich jedoch keinesfalls, das sage ich aus persönlicher Erfahrung, auf das Terrain von Wissen, Spiel, Laien- und Extremsport ausbreiten soll, ist der Wettbewerb zwischen Individuen, der auf kontinuierlicher Leistung(ssteigerung) beruht, per se des Teufels. Ich, für meinen Teil, habe unter Bedingungen des Wettbewerbs, im Messen der Kräfte, immer gute bis sehr gute Leistungen gezeigt, dabei einen starken und auch befriedigenden Antrieb entwickelt, der ohne die Hintergrundsituation des Kräftemessen nicht entstanden wäre, und konnte so das ganze Gezeter um die Anstachelung zu Feindseeligkeiten und die böse, menschenzerfleischende Konkurrenzsituation noch nie ganz nachvollziehen. Ja, und zugegeben, ich bin schon immer in eine innere Hochstimmung geraten, wenn ein Duell zu meinen Gunsten ausfiel. Ich gehöre demenstprechend auch zu den eher (sehr) schlechten Verlierern, denen Niederlagen und Unterlegensein verhasst sind.
Als ich nach 2500m und 60 Minuten aus dem Becken steige, fühle ich mich als körperlich-geistige Einheit jedenfalls mehr als erfrischt.
26. August 2012
Wie das wohl werden wird,
überlege ich. Im nächsten Jahr und in den vielen darauf folgenden Jahren. Wie die Fragen und die Gedanken beständig um Dich kreisen und mit dem Bäuchlein allmählich heranwachsen. Vor allem: Wie Du wohl sein wirst, wenn Du erst auf der Welt bist? Von impulsiver Wesensart, doch gleichzeitig der Melancholie so nah wie ich, oder eher tiefenentspannt und unkompliziert wie Dein Papa? Unsere innere Ausgeglichenheit steht im Bündnis mit ganz viel Neugier und dem anhaltenden Erstaunen, dass wir in absehbarer Zeit Eltern sein werden. Eine Familie. Unfassbar. Langsam bekommt auch der Bauch eine unübersehbare Gestalt, auch wenn er sich noch in außergewöhnlicher Zurückhaltung (selbst die Ärztin war im Angesicht der fortgeschrittenen Zeit verwundert) nach außen wölbt. Innerlich schließe ich indes täglich Wetten mit mir ab, ob ich die Kurve der Vermeidung scheußlicher Maxi-(Brust/Bauch/Po)-Umstandsmode, die mich nach Betreten eines einschlägigen Geschäfts neulich derart schockiert hat, dass sie, die unerträgliche Geschmacklosigkeit, mich panikartig in die Flucht schlug, doch noch kriegen werde. Noch jedenfalls bin ich optimistisch.
14. August 2012
Ein Traum von Sommer
Dieses wunderbare Wetter. Ein weiter, klarer, tiefblauer Himmel, der sich nachts wie ein sanftes Tuch über die Stadt legt. Ich schlafe wie ein Baby dieser Tage. Träume abwechselnd, ich wäre Leistungssportlerin im Olympia-Kader (am brennensten Dreispringerin oder Siebenkämpferin) oder Surferin auf Hawaii, würde in Vorderasien graben oder Renaissance-Kirchen restaurieren. Morgens fahre ich auf meinem goldenen Hercules von derlei nächtlichen Phantastereien erfrischt und trotz des Nachferienansturms radelnder Eltern-Kind-Gemeinschaften durch Mitte an die Alma Mater Berolinensis, meinen Arbeitgeber, und werde ob des mittelmäßigen Verkehrschaos beim Überqueren der Torstraße kein wenig unruhig. Dabei liegt mir das verbale Entgleisen im Straßenverkehr leider allzu nah, habe ich viel zu oft und zu schnell die Fassung verloren, mich in rüden Beschimpfungen ergossen und an dem ein oder anderen Taxifahrer versündigt. Überhaupt lebt es sich gerade nahezu schwerelos. Eine eigentümlich paradoxe Leib-Seele-Dialektik.
6. August 2012
Die Magie des Moments
London, 5. August 2012, 21:50 Uhr GMT. Das ewige Nationenduell auf Bahn 3-8: Jamaika gegen die USA. Powell, Gay, Blake, Gatlin, Bolt, Bailey; die Sprintkönige nebeneinander aufgereiht. Die letzten virilen Gesten ausgetauscht, Tonnen des Testosterons versprüht, Adrenalin im Blutkreislauf von Läufer und Zuschauer. "On your marks!", letzte Korrekturen am Block, Waden lockern, komplizenhafter Blick zum Himmel, Bekreuzigung. "Get set-", 80.000 schweigen gebannt, Totenstille, "-go!". Powell und Gay kommen ausgezeichnet aus dem Block, Bolt rennt zunächst etwas hinterher, Gatlin und Blake schließen an die Spitze auf, Bolt dahinter. Auf der 60er-Linie wirft Bolt wie gewohnt den Turbo an, kassiert nacheinander alle Rivalen und geht deutlich vor ihnen ins Ziel. 9,63 am Ende: Olympischer Rekord und Bolt "back in business". Es sind nicht einmal zehn Sekunden und trotzdem brauche ich heute Nacht ein tausendfaches dieser Zeit bis die inneren Erregungszustände nachgelassen haben und ich endlich einschlafen kann.
5. August 2012
Alles nach Plan
Die Nachricht ist inzwischen in alle Lebensbereiche, Freundes- und Familienkreise gesickert und schon lange halten sich die Anflüge von Panik (bis auf den anstehenden Geburtsakt) in Grenzen. Der weihnachtliche Geburtstermin ist inzwischen ebenso verdaut wie die Angst vorm Fett- und vor allem Unsportlichwerden. Keine der angedrohten Szenarien bewahrheitet sich: Keine Wassereinlagerungen, keine Fettpolster, stattdessen immer wieder von außen an mich herangetragene Verwunderung: "Was bitte? Ende fünfter Monat soll das sein? Willst Du mich verarschen, so sieht mein Bauch nicht mal unschwanger aus". Selbst die Aufschläge und Hetzjagden beim Speedminton noch keine größere Hürde, wenig Kurzatmigkeit, Joggen funktioniert ausgezeichnet, Schwimmen sowieso. Manchen Rennradfahrer muss ich trotz innerer Widerstände zwar ziehen lassen, aber die schwerfälligen Prenzl'-Bergerinnen stecke ich locker noch in die Tasche. Dass mir nie schlecht war und jegliche Nahrung weiterhin schmeckt, ein Geschenk des gnädigen Gottes in der besten aller möglichen Umstandswelten. Überhaupt, durch die regelmäßigen Spaziergänge durch den Kiez im Angesicht der vielen Väter mit kreisrundem Haarausfall und ältlicher Mütter (by the way: Ob unsere Mamas wohl für die Mutter unseres Kindes gehalten werden,
sobald sie den Wagen alleine durch die Straßen schieben, wenn es dann soweit ist? Diese Frage
amüsiert M. und mich nachhaltig und seit Wochen), die die besten Zeiten bereits hinter sich haben, bestätigt, steht eines immer deutlicher vor Augen: 29 scheint ein gutes Alter, nicht nur in Bezug auf Rückbildung, berufliche Flexibilität und zu erwartendem, gemeinsamen Zeithorizont mit dem Kinde, sondern vor allem, weil wir kraft unseres Alters (zu Zeiten meiner Eltern wären wir schräg beäugte Spätgebärende gewesen) vielleicht die Klippen der nervigsten Debatten, die sich um allerhand Materielles drehen (Eigentumswohnung hier im Kiez, Erbschaft, Familienkutsche, Ehevertrag, Lebensversicherung und der ganze Kram, der uns nicht allzu viel bedeutet), galant umschiffen könnten, da man uns als Gesprächspartner schlichtweg nicht auf eigener Augenhöhe wahrnimmt, hoffentlich!
Der Facharzt für Pränataldiagnostik dann sichtlich amüsiert über unser Auftreten. Drei Spätgebärende wären vor uns im Sprechzimmer gewesen, weit über vierzig, etwas verkrampft, auf jeden Fall mit hypochondrischen Tendenzen. Niemand Anfang dreißig, geschweige denn in den Zwanzigern, manchmal eine ganze Woche lang! Einfach deprimierend sei dies, diese immergleichen Pärchen mit den immergleichen Fragen. Das Panorama des Wartezimmers bestätigt die Aussage: Zwischen fleißigen Verwaltungsbeamten und Unternehmesberatern, Juristen und Wirtschaftsprüfern in schlecht sitzenden, aber mit Verlaub teuren Anzügen, schwitzend und mit Bauchansatz neben ihren früh ergrauten etwas aus der Form gegangenen Partnerinnen in Stefanel, Strenesse und Feinstrumpf M. und ich. Er in knielangen Cargos und Punk-Shirt, ich im gepunkteten Sommermini mit Keilwedges. Beide sommerlich ungekämmt, mit Mückenstichen an den Beinen und zwischen schlechter, aber großformatiger Kunst herrlich deplaziert. So wird einem zumindest nicht langweilig in dem ganzen Schwangerschaftskosmos mit seinen eisernen Regeln, seiner Deutungshermetik, seinen Vorschriften, Vorsichtsmaßnahmen und dem ganzen Schabernack, so bleibt immer noch ein wenig Lästerwertes übrig, denke ich mir und kaufe mir im Späti eine Club Mate, dieses Koffein-Teufelszeug, das weisen Müttern zufolge (wie Haarefärben, Kaffee und zuviel Sport und Stress natürlich) Fehl- wenigstens aber Frühgeburten auslösen soll. Das Kind schlägt in meinen Bauch ausgelassene Purzelbäume und freut sich.
7. Juni 2012
Wie schön es ist,
einer Band schon seit Jahren die Treue zu halten. Eine fast kindliche Freude als ihre Reunion kurz bevorstand: I want my band back, and my songs, and my dream. In this desire I feel I have come home again. Und das, nachdem ich am 16.9.2000 in der Berliner Arena ihr letztes Konzert sah, ganz verweint; damals bin ich noch nicht einmal volljährig gewesen. Ihre Musik, ihre unglaublichen Texte, überhaupt diese sanfte Melancholie, mit Corgan'schem Näseln manchmal einfach so dahingerotzt, sprechen mir jetzt noch genauso aus der Seele wie damals.
3. Juni 2012
Große Veränderungen
Die letzten Wochen haben mich schlagartig aller Worte beraubt, um die ich sonst beständig ringe. Sprachlos bin ich seitdem gewesen. Und doch innerlich derart bewegt, aufgeregt, angsterfüllt und neugierig. Alle Regungen zappeln zur gleichen Zeit in mir, während M. mir schon seit Wochen komplizenhaft zuzwinkert. Keinerlei Befürchtung liegt in seinem Grinsen, bloß strahlende Zuversicht, die aus seinen Augen blinzelt. Noch in diesem Jahr also, noch bevor die furchterregende 30 Mitte 2013 mein Alter zieren wird. Nicht übel, denke ich, wenigstens etwas. Mein kleines, bescheidenes Sedativum.
9. April 2012
Was bleibt
ist ein Hauch von innerlicher Erschütterung. Wenn ich an die Worte meiner letzten Mail an Dich denke, die ich nie wieder fand, auch als das erste, das schlimmste, Jahr vorüber und der Boden wieder spürbar unter meinen Füßen war. Du seist nicht der Mittelpunkt meiner Welt und dass ich nicht immer um Dich kreisen kann oder so ähnlich hatte ich geschrieben. Eine Ahnung Deines Allein(gelassen)seins als Du den entscheidenden Schritt wagtest, der Dich auslöschte. Und meine Worte der Hauch der Dich, verlassen und balancierend auf dem Tightrope, vielleicht ins Wanken brachte, schließlich umwarf und stürzen ließ. Zwei Wochen zuvor, es war bereits zu kalt, um draußen zu sitzen, hatte ich Dich an einer Kreuzberger Bar an einen alten Songtext eines Liedes einer Band erinnert, die damals wie keine andere im Stande war, unserem jugendlichen Weltschmerz Ausdruck zu verleihen: My words are weapons, in which I murder you with/Please don't be scared, please do not turn your head. Damals, bei Erscheinen von Infest, bist Du 17 und ich 16 gewesen.
April 2012: Ich jetzt hier und Du irgendwo in der Ferne, während die Sonnen glühend über den einsamen Feldern untergeht. Es ist der inständige Wunsch, ich hätte, wenn ich doch die Zeit nicht mehr zurückdrehen kann, diese Worte nie zu Dir gesagt oder hätte sie revidieren können, das einzige, was mir bleibt.
3. April 2012
Unerreichbar
Dass ich ausgerechnet durch SPON in die Hände von Tina Solimann falle und wie ich dieses Buch, das verborgene Psychogramme freilegt, erst jetzt entdecken konnte. Ich, hinter einer Mauer aus Schweigen, die Meisterin des Verschwindens und des Abbruchs, das sich wie eine Konstante durch mein Leben zieht:
"Der Begriff Funkstille kommt aus der Schifffahrt. Er beschreibt die Einstellung des Funkverkehrs, damit Notsignale durchdringen können. Und nichts anderes bedeutet es auch in den Beziehungen von Menschen: Jemand schweigt, damit der andere hört, was er nicht sagt. Wie etwa: Lass mir Ruhe, Zeit zum Nachdenken. In unserer Beziehung stimmt etwas nicht. Vielleicht brauche ich auch für immer Ruhe, das weiß ich aber jetzt noch nicht. Ich muss erstmal zu mir kommen und gib mir bitte die Zeit."
'Treffend!', denkt sie sich und löste sich in Luft auf.
30. März 2012
Über Disziplin
Wenn ich all die fliehenden, freien und radikalen Kräfte, oft wegen dieser bestaunt worden, - wie zähflüssige Lava im feurigen Kessel, glühend und bis unter den Rand des Kegels gefüllt - endlich in eine Richtung lenken lernen würde; im Dreischritt: kanalisieren, bündeln, konzentrieren, dann wäre mein Leben derart um Sinn bereichert, wäre längst eine Diss geschrieben, drei Seminare geschmissen, ein Marathon absolviert, wäre endlich die Angst abgestellt, dass unkontrollierte Intensitäten, die mich vereinnahmen, mich auf ewig wegschwemmen und zurücktreiben ließen. Stattdessen könnte ich ihnen ernsthaft etwas entgegenstellen. Unter der Feinkörnigkeit des Schlicks würde ein solider Grund freigelegt, der meinen Ankern standhält. Lethargie, fehlende Inspiration oder mangelnde Struktur waren nie ein Problem gewesen, meine Endlosbaustelle: Diszplinlosigkeit bei stets aufgedrehtem Regler. Meine persönliche A 100: vielbefahren, insgesamt marode. Kaum sind die gröbsten Reparaturen an einer unbefahrbar gewordenen Spur halbherzig ausgebessert, reißt das nächste Schlagloch an anderer Stelle auf. Alles ein einziges Flickwerk, unter dem Druck von Schnelligkeit und Dringlichkeit notdürftig verarztet, in Ermangelung eines Gesamtkonzepts ewig unsaniert das Ganze.
26. März 2012
Eine Sprache finden
für all das, was die Grenze des Fassbaren überschritten hat, für dasjenige, was sich nicht sagen lässt. Eine Sprache, die die Worte von all der verlorenen Zeit sprechen lässt, die hinter uns liegt, die auf ewig vorüber ist. Eine Sprache meine ich, die das Innere transzendiert, sodass es vielleicht auch für Dich hörbar ist an Deinen verborgenen Orten, um dann etwas auszudrücken, das ich Dir schon lange nicht mehr von Gesicht zu Gesicht gesagt habe - seit dem Moment, an dem Dich Wille und Mut verlassen hat. Eine Sprache, von der ich spreche, die ich nicht greifen kann, ist es, um die ich ringe, die ich begehre. Sie, so meine Hoffnung, weil sie all dem Vergänglichen um uns herum etwas entgegenzusetzen hätte, das bleibend wäre, auch wenn wir am Ende des Tages wieder etwas mehr gestorben sind. Mehr habe ich nicht als die paar Worte, die ich zusammenklaube und die doch immer vorbeigehen müssen an der Art wie Du gelacht hast, wir wir tanzten in Berliner Sommernächten oder auf Decken lagen, unten wir und oben die Sterne. Damit erinnern wie wir die Lieder sangen, die vom Leben lieben handeln, Tequila tranken, machten Jägermeister platt, in den Mond schrien: "Verdammt, wir sind die geilste Gang der Stadt!". Einen kurzen Moment bin ich von den Songs dieser Platte derart getroffen (Ich weiß noch wie du sagtest:"Nie werd ich 27"), haben mich die Worte eines Anderen sprachlos gemacht (Mitten im offenarmigen Tanz auf brennenden Brücken/Wir waren: Auf ins Leben /doch ein Haufen Elend/Vielleicht liegt der Sieg darin einfach aufzugeben/Lass Tanzen und fliehn/Synchronisieren, funken Momente zum Takt der Musik/Stampfen im Beat, klatschen zum Lied/drängen und zieh'n/Klammern uns an süße Melancholie). Derart desorientiert, dass ich ruckartig vom Schreibtisch aufstehen muss und mich drei Minuten später, von der Sonne blind, vor meiner Haustür wiederfinde. Schwindelig: Bin immer noch da, wenigstens alles taub gemacht.
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