31. Dezember 2011

M. und ich diskutieren beim Frühstück mit Prosecco-Kopfschmerz (bei mir) und Augenringen (bei uns beiden) über das ins Land gegangene Jahr, um das meine Gedanken in den letzten Tagen kreisen. M. legt mit seinem naturgegebenen Pragmatismus mal wieder den Finger exakt in die Wunde (hat nun schließlich auch schon 5 Jahre Übung). Mein ständiges Zerstreutsein - buchstäblich - diese meine absolute Unfähigkeit, den Geist über lange Strecken auf dieselbe Stelle zu fokussieren. Dabei gleichzeitig der quälende Eindruck, beständig hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben. Voilà, das maßgebliche Spannungsfeld, in dem mein Leben so seine Bahnen zieht.
Wie ein Gelangweiltsein vom Tapetenmuster, während das Zimmer endlich wieder einen Boden hat, auf dem ich stehe, finally. Auch das für 2012: ein wenig mehr Demut vielleicht.

2011 - over...

Wäre dieses Jahr der Entwurf eines Roman gewesen, gehörte er geradewegs zerknüllt, in Stücke gerissen oder gar in den Müll geworfen. Bar jeder Vision, ein hochfunktionabler Mechanismus aneinandergereihter Automatismen zwar, aber alles in allem nur wenig mehr als dies (bis auf die wunderbaren Bücher, die ich las und die Landschaften, die an mir vorbeizogen, an denen ich vorbeizog). Mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber der Symbolkraft von Jahreswechseln wünsche ich mir insgeheim, das würde endlich anders werden, bei aller Melancholie würde die Unmittelbarkeit des Leben wieder Oberhand gewinnen über die Gedanken an Vergänglichkeit und Tod. Der passionierte Zug ist es, der mir irgendwie abhanden kam, an dessen Stelle ein stagnatives Element trat, das mich seitdem lähmt. Auch hierin bietet dieses Jahr eine fade Spiegelung von 2010 ergänzt um wenige luzide Momente der Selbsterkenntnis und die Absicht, zurückzufinden zu einem Modus der Entschlossenheit, einer Tiefe der Überzeugung. Vita activa et contemplativa.

29. Dezember 2011

Kleine Abschiede

Einem neunjährigen Mädchen und ein fünfjährigen Jungen werde ich diesen Schatz aus Plastik, Pseudostrass und lackiertem Metall morgen darreichen. Gestern beim Aussortieren etwas Wehmut im Angesicht der vielen temps perdu, ihrer in Neonfarben materialisierten Reliquien. Und ich erinnere mich, wie ich damals, vor über einer halben Dekade, mit jenen kolossalen Metallsternen in den Ohrläppchen immer donnerstags in den Sage Club radelte, während diese die Ohren im Gegenwind zum Flattern brachten. Vorher hatte ich Psalmi et orationes gelesen - ich habe viel Petrarca gelesen seinerzeit, auch Dante, Montaigne und Erasmus von Rotterdam und kam für gewöhnlich zu spät zu jeglichen Verabredungen, weil ich zuhause immer noch lange Zeit herumtrödelte, Musik hörte oder las. Daher galt die stillschweigende Abmachung, Freunde direkt auf der Tanzfläche zu treffen, damit sie sich schon mal warm machten. Später dann, draußen dämmerte schon der graue Morgen herauf, kam ich auf dem Dragon Floor bei Industrial und Hardcore richtg in Fahrt und manchmal blieb in meiner Entfesselung ein armer, unbeteiligter, in sich selbst versunkener Tänzer an riesigen Sternen, Kugeln, Creolen hängen oder wurde unsanft daran aufgespießt. Einmal, in der Erinnerung inzwischen umdunkelt, war die Tanzfläche derart überfüllt und ich, wegen irgendeiner Kleinigkeit verärgert, daher innerlich auf 180 und bereit zu allem, verlor bei Take a look around (musikalisch leichteste Crossover-Kost) irgendwie die Fassung und schlug einem hinter mir Tanzendem eine blutige Nase, ein anderer riss mir kräftig am Ohrläppchenschmuck und verpasste mir fast ein Schlitzohr. Seit diesem Ereignis trage ich im Übrigen keine überdimensionale Ohrringe mehr, die schwer, spitz und metallisch sind und verschenke sie inzwischen an Mädchen, die meine Töchter sein könnten. Crossover-Platten lege ich auch nur noch dann auf, wenn ein immenser Alkoholgenuss mich dazu nötigt. Die Tasche mit den Rockabella-Accessoires, dem Schmuck, den Sonnenbrillen, Buttons und Tüchern, ist mit dem Klimperkram derart schwer beladen, dass ich sie wohl kaum mit dem Fahrrad zu den Kindern transportieren werde. Jedenfalls habe ich jetzt derart viel Platz, dass ich mich jedes Mal erschrecke, wenn ich betreffendes Zimmer betrete.

28. Dezember 2011

Zwischen den Jahren

Die absolute Undefiniertheit der Zeit. Ihre unbemerkte Ausdehnung und Raffung. Nach ein paar Stunden Licht versinkt der fahle Tag  glutrot zwischen kahlen Pappeln über den Feldern von Malchow. Dabei hatte er gerade erst begonnen - vor einer Minute erst oder vor einer Dekade. Ich, eingeklemmt in der Zeitlosigkeit, ein bißchen orientierungslos, ganz und gar ortlos zwischen vielen Gedanken schwebend dieser Tage. Eine Zeit, in der noch nichts abgeschlossen, noch nichts Neues begonnen hat. Und im Hintergrund allen Grübelns die leise Ahnung, dass 2011 eine Wiederkunft von 2010 war und die bittere Hoffnung, dass 2012 befreiungsschlagartig endlich anders werden könnte. Wunsch nach einer inneren Bewegung also, einer Wendung. Ein wildes Ummichschlagen. Dabei alles in Scherben legen und aus der Gebrechlichkeit der Welt vielleicht einen neues Fundament ableiten.

17. Dezember 2011

about music II: Last night Feist saved my life.

Dass ich dieses Album im Jahr 2007 in einer Dauerschleife gehört habe, jede Zeile heute immer noch auswendig kann, kein bißchen verwunderlich. Seit Donnerstag nämlich befindet sich die Repeat-Taste wieder im Anschlag. Und, dass ich mich an das erste Hörgefühl, überlagert von tausend späteren Eindrücken, noch ganz genau erinnern kann. Diese pure Intensität des Überwältigt(gewesen)sein.


15. Dezember 2011

about music

Als ich nach Hause kam, war sie tot. Das war der Abend, an dem im Fernsehen zum ersten Mal eine Sendung über den Selbstmord der Monroe lief. Die Wochen und Monate danach habe ich fast pausenlos das "Wohltemperierte Klavier" gehört. Ich habe mir Schlaftabletten gekauft, aber keine genommen. Es war schon schwierig.
Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht

Wie viele Male mir dieses Lied schon das Leben gerettet hat, keine Ahnung...



How could I say no?

14. Dezember 2011

Facebook-Müdigkeit

Während ich noch über die Korrektheit der Schreibweise sinniere, jubelt eine Stimme in mir lauthals. Deutschlandradio Wissen, vom Moderator Konstantin Zurawski kokettierend "Klugscheißerradio" genannt, beschäftigt sich mit einer von Bloggern wie Richard Gutjahr und Michael Umlandt konstatieren Facebook Fatigue (wunderschöner alliterativer Neologismus), mit einem gar generellen Überdruss, mit Schwachsinnspostings von nervenden Mitmenschen rund um die Uhr traktiert zu werden. Zitat: „Es nervt, 70 bis 80 Prozent, von dem, was meine ‚Freunde’ dort posten, ist mehr oder weniger sinnbefreit. Das will ich nicht mehr lesen.“ Musste auch nicht, denke ich mir, hat Dich ja keiner gezwungen!
Schön, dass man über die Frage eines Danachs nicht nachdenken muss, wenn es ein Dabei nie gegeben hat. So ist das mit Lieblingsthemen. Der Absolutheitsanspruch meiner Intoleranz - wir wollen ja den Untergang des Abendlandes noch etwas verzögern - ist sowieso das Bestgelungenste an mir. Kinder, wenn ihr ohne Facebook nichts mehr zu tun habt, lest mehr Cicero und Cioran, baut den Kölner Dom aus Streichhölzern oder lauft den Ironman! Könnte eurem Teint guttun.

12. Dezember 2011

boring room

In der fünften Klasse lernte ich von meiner Englischlehrerin Mrs. Westbury, dass die Briten ihr Wohnzimmer mit diesem Begriff betitelten. Irgendwie merkwürdig klang das in meinen Kinderohren, wo doch gerade jenes Zimmer vor allem eines zu sein versprach: Raum für kreative Abende, für ausgedehntes Speisen mit Freunden, den ein oder anderen Rotweinexzess, bei dem die Dielen spontan zur Tanzfläche werden, für Spiele, für das Versinken in Lesewelten und dergleichen. Zum Glück ist mir im Laufe meines Studentinnenlebens mein geschätzter Kommilitone über in Weg gelaufen, der die von mir seit Kindheitstagen gefürchtete Langeweile selbst für mich nachvollziehbar und endlich philosophisch aufzuwerten sich aufmachte. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit in ihr sogar subversive Schichten freizulegen wusste. Chapeau! 
Ja, so ist das mit den Heimkehrerinnen von ausgedehnten Nilkreuzfahrten! Dass sie schnell und ohne Durchatmen die nächste Baustelle eröffnen, an die sie all ihre Kräfte, die auch anderswo gut untergebracht wären, heften, um sich nur ja in Bewegung zu halten. Das dialektische Prinzip von Langeweilevertrieb (nicht kaufmännisch konotiert) bei der Entstehung langweiliger Räume, das hat schon was für sich - beinahe charismatisch. Und während ich mich vor lauter Vorfreude fast überschlage, denke ich in Einzelmomenten, aber in einer erstaunlichen Beständigkeit, so bei mir: Alles wird gut. Eine Gemütslage, von der ich lange nicht mehr so deutlich durchdrungen war.

18. November 2011

Und weil heute mein Glückstag ist...


hebe ich nachher im Astra die Gläser auf John Keating. Und auf Nicholas Müller und auf Sascha Eigner und auf Andreas Becker und auch auf Marco Hontheim und werde tanzen, was das Zeug hält.
Auf das Leben!

17. November 2011

when you were young

Da beginnt man, vom Fleiße und Disziplin förmlich angestachelt, frühmorgentlich, also noch vor halb neun, den unter Gedankenfragmenten, Exzerpten, aus den einschlägigen Periodika kopierten Forschungsaufsätzen, Büchern und freien Schnipselradikalen vergrabenen Schreibtisch, im Schliemann-Prinzip Schicht für Schicht abtragend, freizulegen, stößt dabei, das Vorhaben auch auf das auf jenen Schreibtisch montierte Regal ausdehnend, auf Schätze einer weit entfernten Vergangenheit und muss erstmal die Killers (Hot Fuss erschien kurz nach meinem 21. Geburtstag, ist sowas wie die Begleitmusik meines Erwachsenwerdens) anmachen, um placeboartig beruhigt weiter zu graben. 
Dabei tauchen Dinge auf, gelangen derart aberplötzlich ins Blickfeld, dass sie mich kurzzeitig sprachlos machen, weil ich mich ihres Daseins trotz meines Vergangenheitsfetischs nicht mehr erinnerte:

Ein Kontoauszug der Citibank vom 8.8.2003, der auf den Klarnamen der Miss eine gut verzinste Festgeldanlage von 4.164,48€ ausweist (für eine 20jährige, die neben der Schule, seit sie 15 war, gearbeitet hat, ein stolzes, gespartes Sümmchen). Was soll ich sagen, das Geld wurde am 06.11. desselben Jahres frei. Es passierte, was passieren musste (mit damals noch nicht diagnostizierter Zwangsstörung). Aber das das so viel war, das schmerzt im Nachhinein doch gewaltig.

und andere, die mir sehr gut in Erinnerung sind, Allbekanntes sozusagen:

Dutzende Kontoauszüge, die die Radikalisierung des Konsums anzeigen. Zwar noch ohne Inkasso, gerichtlichen Mahn- und Vollstreckungstitel und Gerichtsvollzieher (das kam alles später), jedoch erste Mahnungen dazwischen, stufenweise Erhöhungen des Kreditrahmens für das Girokonto, übertriebene und unangemessene Kreditkartenabrechnungen. Die Kontoauszüge eines Monats im Umfang steigend, dann irgendwann derart dick werdend, dass der Überblick gänzlich verloren geht. Am Ende gibt es jeden Tag Abbuchungen von den einschlägigen Einzelhändlern. Immer hemmungsloser die Höhe und Häufigkeit der Abgänge, manchmal von zwanzig Geschäften an einem Tag. Dass ich 1000€, die mir meine Eltern damals zum Abitur schenken innerhalb weniger Tage plattmachte statt etwas Sinnvolles (Reisen) damit zu finanzieren, schrecklich dumm, im Nachhinein. 
Überhaupt die Sinnlosigkeit des Konsums, der Anhäufung von (für sich bedeutungslosen) Objekten bei gleichzeitiger Sinnhaftigkeit und symbolischem Gehalt der Geste. Dieser verfickte Verweisungscharakter: bis ich die Allgegenwart der Referenz geschnallt hatte, gingen schon einige therapeutische Jährchen ins Land.
Die 4.164,48€ und 1000€ werde ich meiner imaginären Bilanz dennoch zuschlagen müssen, um den späteren Enkeln die Dimension von Entgleisungen zu verdeutlichen.

Daneben natürlich Unmengen studienrelevanten Materials und Studienbescheinigungen, jedes Semester ein anderes, neues Fach darauf. Und zur Belustigung der lesenden Aufräumerin, aus einem sozialistischen Notizbuch mit Sitzungsprotokollen (von ihrem Onkel geerbt): Neben spezifisch landwirtschaftlichen Maßnahmen im Rahmen der LPG findet sich an der ein oder anderen Stelle Linkshegelianisches (aus dem Jahr 1971), was die Miss, die ja eigentlich Philosophin ist, enthusiasmiert und äußerst delektiert zur Kenntnis nimmt:

Beim Durchblättern alter Gedichte, ja ich habe mich tatsächlich einmal an der Lyrik versucht, in allem dieser (sich manchmal verselbständigende, manchmal übertriebene) sentimentalische Zug, dessen Quelle mir gänzlich schleierhaft ist in einer Familie der Pragmatiker, Eingerichteten und Ausgeglichenen.

And sometimes you close your eyes
and see the place where you used to live
When you were young

16. November 2011

Von sterbenden Worten

Wenn ich versuche, Dich aus meinen Erinnerungen heraus heute zu beschreiben und vor mir auszubreiten, was Du für mich gewesen bist, verschlägt mir Dein junges Sterben, bei dem ich Dir nicht die Hand hielt, auch heute noch die Sprache.

15. November 2011

Man ist ja immer auch ein Anderer (vielleicht schon jede Zehntel Sekunde)

Ich habe zum Beispiel ein Mädchen sehr lange geliebt. Wir waren sieben Jahre zusammen. Die hat mich auch erfunden, da komm ich auch her. Die Bücher, die die gelesen hat, waren mir vorher fremd. Wie die so Eierkuchen gemacht hat, das habe ich noch nie gesehen. Was die so für Musik gehört hat, wie sie sich bewegt, wie die riecht, das sind so Dinge, das macht ja auch was mit einem, das verändert einen ja auch. [...]. Wenn man sieben Jahre lang nicht nur Körperflüssigkeiten, sondern alles Mögliche austauscht, in einem Alter, wo man schon reif, aber vielleicht noch nicht ganz reif ist, dann ist das vielleicht auch meine Herkunft.
Als ich Dich, 90 Minuten nach Pollesch allein auf der Bühne agierend, vor einem Jahr im Großen Haus der Berliner Volksbühne zum ersten Mal bewusst wahrnahm, fühlte das sich fast wie eine Erleuchtung an.

14. November 2011

Das Leben der Anderen

Wenn sich die Novembernacht mit dunstiger Sanftheit über Berlin wölbt und ich über die kleine Brücke am Bodemuseum den Blick auf das Wasser und in Richtung Alex gerichtet mit eiskalten Händen heimwärts hinüber radele, erwachen inmitten des flimmernden Dämmerns die Gedanken an die anderen Leben. Wie sich das wohl anfühlte, jenes sensible-pour-soi unter der fremden Haut erfahren.

13. November 2011

in circles


All that lives must die,
Passing through nature to eternity. 
Hamlet, I.2.72f.






















12. November 2011

Überholzwang

Mon Dieu, ich habe Muskelkater an Stellen, die ich niemals meinem Körper zugerechnet hätte. Dass ich mir, brustschwimmend und den Kopf stets über der Wasseroberfläche (ohne hässliche Plastikbrille: eine Beleidigung meiner Ästhetik), auf den 2000m zwischenzeitlich immer wieder ein Wettschwimmen mit einzelnen männlichen Kraulern bieten muss, das zu 50%  zu meinen Gunsten ausfällt - Ja, viele Männer kraulen wie adipöse Sechsjährige, wählen dennoch nie eine andere Lage - und dass mich das irgendwie kickt, sie dann lässig einzuholen oder gar zu überholen, zeugt von der Ubiquität eines verbissenen Ehrgeizes, der sich nicht nur auf intellektuelle Gebiete ersteckt. Dass immer Männer angemessene Gegner darstellen, mich der sportliche und geistige Wettstreit mit (den meisten) Frauen eher langweilt, darüber wäre nochmals gesondert nachzudenken...

10. November 2011

Inventur des Verlustes

10.11.2011. 7:32 Uhr.
Sie: 'Juten Morjen, Stadtbad Mitte.'
Ich (räuspernd): 'Guten Morgen, ich war gestern bei Ihnen schwimmen und vermisse seitdem meine EC-Karte und dachte vielleicht...'
Sie (unterbricht feixend): 'Zinntja, wa?' Nee, hab ick hier, liecht hier, hat mir eene Kundin jestern jebracht.'
Ich (erleichtert): 'Ein Glück! Wissen'Se jestern war echt so'n Tach, da hab ick überall wat liejen lassen.'
Sie: lacht
Als ich die verloren geglaubte Karte abhole, muss ich kurz Bericht erstatten, was seit gestern noch alles vermisst wird und sich seitdem nicht mehr angefunden hat und danach feierlich vor den Bademeistern schwören, dass ich ab heute besser auf meinen Kram aufpasse:
10er-Schwimmkarte
USB-Stick
Handcreme
Kopfhörerapplikationen
Franzens Korrekturen

9. November 2011

Mutmaßungen eines Insassen

Diese Mauer umstellte uns mit Vergeblichkeit. Abgesperrt hat sie uns von allem Möglichen, vor allem aber von uns selbst. Die Normalität hinter der Mauer war ein von sich selbst abgesperrtes Leben, abgesperrt von menschlichen Strebungen, die so essenziell waren, dass man dafür alles, was man dort hatte, im Stich zu lassen bereit war. Dass man dafür sogar das Leben riskierte. Ebenso mächtig wie diese Strebungen musste das Stauwerk sein.
Martin Ahrends: "Die Mauer schweigt." Großartiger Artikel anlässlich des Gedenkens 50 Jahre Mauerbau (Zeit Online). Das berührte und bejahende Nicken meiner Eltern, als ich Ihnen den Artikel im Sommer vorlas, ist mir noch überaus lebendig in Erinnerung.

Eleven Nine



Herbst 1989. Mauerfall. 22 Jahre her, das.
Im selben Jahr, nur ein halbes Jahr zuvor, verließen meine Eltern mit ihrer fünfjährigen Tochter (ich) auf illegalem Weg über die Tschechoslowakei und Ungarn die DDR. Nach vier abgewiesenen Ausreiseanträgen und politischen Schikanen war ihnen das Leben in unfreiwilliger Gefangenheit in einem Land, mit dem sie sich nicht die Spur (mehr) identifizierten, zu einer untragbaren Last geworden, aus dem sie nur einen Ausweg sahen, schließlich den Entschluss zur Republikflucht fassten. Drei kleine Körnchen in einem entfesselten Flüchtlingsstrom waren wir. Drei Flüchtlinge von tausenden in den Bettenlagern des Roten Kreuzes in Budapest. 
Im Sommer des nämlichen Jahres wurde ich sechs Jahre alt und auf der anderen Seite der Mauer in Berlin-West eingeschult. Erst jetzt wird mir klar, dass mein Vater kurz darauf und nur wenige Tage vor dem historischen Ereignis, Freunde und Familie auf der anderen Seite der Welt, 30 Jahre alt geworden ist.Wie sie sich wohl gefühlt haben, die beiden, und wie mutig diese Entscheidung in all ihrer Radikalität und Konsequenz, alles hinter sich zu lassen, doch gewesen ist, wird mir jetzt erst bewusst. Heute, wo ich selbst in einem Teil der Stadt wohne, der früher (noch 1989) zu einem anderen Land gehörte, steht mir auch die Tragweite ihrer Entscheidung vor Augen. Ein wenig stolz und heute sehr bewegt bin ich von dieser, jenes Wagnis der Freiheit auf sich genommen zu haben (pathetisch formuliert). Am von-Matt-Haus vorbeilaufend, um kurz danach in die eigene Haustür abzubiegen, finde ich an dem Entschluss nicht nur etwas ungeheur Risikobereites, sondern fast schon etwas Visionäres. Und auch heute bin ich mir ganz sicher, beide haben sie bei allen anfänglichen Schwierigkeiten diesen Schritt nie bereut.
Menschlicher Wille kann alles versetzen.

6. November 2011

Kinematik


Mit dem Fahrrad allein losziehen und mit Burt-Reynolds-Sonnenbrille vom Flohmarkt in der Gegend rumfahren, während Gedanken durch die Blutbahn pulsieren, sich in grauer Gehirnmasse agglutinieren. Von Mitte aus durch die Straßen, die ich wie meine Westentasche kenne, weil ich dort aufwuchs. Vorbei an meinem alten Gymnasium, dann zwei U-Bahnstationen später kurz hinterm Kutschi an der Straße, in dem der beste Freund damals wohnte. Sein Auszug nun fast 12 Jahre her, sein Tod in diesem Herbst bereits zwei. Alles, beinahe jeden Grashalm hier kenne ich. Dort, wo sich die Straße hinter der Endstation in Tegel gabelt, links bleiben und wieder links abbiegen in den orange leuchtenden Wald. Viele Radler sind unterwegs. Nur wenige Menschen zieht es allein in den Wald, zumeist bewegen sie sich paarweise durch das raschelnde Laub. Wenn ein Partner fehlt, läuft ein treuer Vierbeiner bei Fuss. 
Ich hingegen bin allein, eine vom Herbststrahlen bewegte Singulärität in ruheloser Bewegung mittels schneller Reifen. Wie sich nichts geändert hat über die Jahre, dieser beständige Bewegungsdrang, der seinerseits einen ungemeinen Rausch des Denkens auslöst. Stockt die Bewegung oder kommt sie gar zum Stillstand: Leere manchmal, das dann Erinnerte nur ein defizitäres Substitut des geistig Unmittelbaren, das nur die Bewegung erschafft. Schon immer war das so, denke ich bei mir. Wie immer werde ich nachher vom Rad heruntersteigen, der Gedankenstrom jeh unterbrochen und werde alles nur halb so formulieren können wie es mir unter dem Eindruck einer Präsenz des Laufes schwerelos möglich ist. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn alles ringsherum dem steten Wandel preisgegeben ist. Viele Orte von früher gibt es noch, ich erkenne sie ohne Anstrengung wieder und frage mich, wie lange das her ist, dass wir im Sommer immer hier an diesen Ort radelten, um auf den See rauszufahren. Fünfzehn Jahre muss das her sein, als mein Vater den Einmaster verkaufte, als wir an einem lauen Sonntagmorgen zum letzten Mal gemeinsam hierher kamen.
Das Auskosten des Gefühls, allein zu sein, ist hingegen eher neueren Datums. Jene permanente Umgebenheit mit anderen, auch mit diesen, die man sehr schätzt und überaus gern hat, die mir im Übrigen früher auch auf engstem Raum (Zelt, WG, Wohnwagen) keine größeren Probleme bereitet hat, ist es, die ich inzwischen regelmäßig unterbrechen muss. Der Spiegelflächen der andern nur solange bedürftig bis diese am Ende der Nacht stumpf werden, das eigene Spiegelbild um die Leuchtkraft gebracht. Dieser entsetzliche Herdentrieb (Nietzsche), jene verbrauchte Luft, die sie hinterlassen, wenn sie zu viert, fünft oder sechst in einem Zimmer schlafend gleichzeitig atmen. (Schon immer froh, dass M., genau wie ich, immer das Fenster nachts öffnet, egal wie kalt es draußen ist).
Hier nun (jetzt retrospektiv), fahrend und nur den eigenen Gedanken überlassen, Fragmente der letzten Nacht wendend. Immer ein Schmunzeln bei der Rückbesinnung auf die eigenen Antworten. Das Wissen ganz allgemein, so pathetisch oder so ähnlich hatte ich von den Mojitos schon erheblich berauscht, erwidert, sei es, was mich immer schon glücklich machte. Viel zu theoretisch befand mein Gesprächpartner, hätte sich wahrscheinlich eher etwas sexuell Konnotiertes erwünscht. Und überhaupt dieses populärphilosophische Schleifenfliegen, diese Thekengespräche, die um Sexualität und Kalkül, um die Ökonomie der Begierden kreisten und die unabänderliche Gewissenheit (und durch Blicke verifizierte Bestätigung), dass das Trinken und provokative Debattieren (manchmal auch Pöbeln) an Berliner Thesen eine atemberaubende Inszenierung der eigenen Vorteile darstellen kann. Eine Vollpräsentation von Schokoladenseiten ohne unterm-Tisch-Versteckspiel, im Gegenteil: fast gänzlich Exposition, körperliche Überpräsenz im Hochstand. Und nur hier kommen 180 Zentimeter im Spitzenkleid zu ihrer vollen Geltung, denn hier werden neben vielerlei Worten die wesentlichen Blicke ausgetauscht.

5. November 2011

Formidable Zeitgeistanalysen, Vol. I: Cowboy sein


ich mein ich bin sehr gern allein
denn es ist so schön, so schön, so schön
ein cowboy zu sein, ein cowboy zu sein
ich will ein cowboy sein
so richtig mit pferd und lasso
und cowboystiefeln und allem drum und dran

4. November 2011

In the end we lie awake

Heute, sechseinhalb Jahre später, erwacht und sonderbar milde gestimmt. Ein schnelles Match Squash nimmt mir kurzzeitig den Atem. Begleitet vom leuchtenden Herbst laufe ich von dort über die Landsberger Allee am Klinikum Friedrichshain entlang durch den goldenen Park über die Greifswalder, Prenzlauer und Schönhauser nach Hause. Die Blätter an Linde und Pappel vom Wind derart durcheinandergewirbelt, dass das schnelle und stete Wenden von hellgelber Oberseite und  dunklerer Unterseite mich an die Pailettenplättchen auf einem Kleid erinnert, das ich schon lange nicht mehr getragen habe.

3. November 2011

Fini


Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet. Dämmerung -Wolfgang Herrndorf

'Und, bist Du traurig?', fragt mich eine Kollegin kurz nachdem ich meine Tasche gepackt habe, bereit von hier aufzubrechen, und ich antworte ungewohnt kurzatmig: 'Ja, schon ein bißchen'. Sechseinhalb Jahre lang bin ich diesen Weg früh morgens gegangen, in den letzten zwei Jahren dann immer öfter auch mit dem Fahrrad gekommen. Zuerst immer um Punkt halb sieben aufgestanden, dann um Viertel vor, in den letzten Wochen erst um sieben. Je besser jeder Handgriff, je routinemäßiger der Ablauf, desto verträumter waren die Morgengedanken auf dem Weg dorthin. Äußerlich all das ohne größere Abweichungen in ewiger Wiederkehr, die innere Bewegtheit dabei beinahe unsichtbar. Jede kleinste Variation des immer gleichen Themas, befürchte ich, hätte mich mit meinen fragilen Gefühlsgebilden, im Laufe des Tages wie von unsichtbarer Hand in Luft auflöst, blitzschnell aus der Bahn werfen können. Ob verzweifelt, restbetrunken von Nacht und Rausch, in Studienliteratur vertieft:  immer waren es dieselben Treppen, dieselben Wege und Bäume, unter denen ich entlang lief. Nur die Zigarette fehlte am Ende. Viel ist passiert in diesen sechseinhalb Jahren. Beinahe das ganze Erwachsenwerden findet darin Platz. Die Dummheiten, die Enttäsuchungen, die Entscheidungen, die Verzweiflung über den Tod eines geliebten Menschen, zuletzt der Entschluss, das Studium nach vielen Tellerrandüberquerungen und inspirativen Eskapaden nun schnell und entschlossen doch noch zu beenden. All die Probleme mit den Schulden, die Parties, die an den Texten wundgestoßenen Nächte und all der noch fast jugendliche Weltschmerzkram. Etwas verwirrt bin ich heute als ich diesen Weg zum letzten Mal von dieser, meiner Arbeit der letzten sechseinhalb nach Hause gehe. Derart verwirrt gar, dass ich unkontrolliert in den Bus steige und nach einer Station Fahrt verwundert und fast reglos wieder hinausfalle. Alles derart vertraut, dass ich benommen bin von der Erkenntnis, dass auch dieser Abschnitt, die Arbeit hier, genauso zuende gegangen ist wie die letzten Jahre. Wie sich alles verändert, denke ich, gerade eben - auch das wird heute etwas schmerzlich klar - bin ich doch erst einundzwanzig gewesen. Dieser Abend riecht nach spätherbstlicher Abendluft und gefallenen Blättern, schmeckt ganz nach einer Flasche gekühltem Pils und fühlt sich an wie Bon Iver in Endlosschleifen. Und bald schon werde ich mir meine Magisterurkunde abholen können und wieder einen Schritt weg von der Einundzwanzig getan haben. Einundzwanzig. Das fühlt sich heute wie gestern und gleichzeitig wie in einem anderen Leben an. 'Bist Du traurig?' Ja, schon ein bißchen. Heute auch ein bißchen mehr, insbesondere wegen der schönen, besonderen, berührenden Zeit, die (wieder mal) unwiderruflich vergangen ist.

21. Oktober 2011

Καιρός

Endlich bezwungen von Dir, oh Kairos, bin ich! Und habe, von Deinem Schopfe, den ich gerade noch rechtzeitig ergriff, - zwei Sitzungen hatte ich schon verpasst - mitgerissen, nun endlich dasjenige begonnen, was ich mir seit Jahren vorgenommen habe und zu dem ich nie kam. Seit ich meinen Namen in die Teilnehmerliste eintrug - die Gesichter zwar nicht unwesentlich jünger als meins, einige eindeutig älter, mancher weißhaarig, meine Matrikelnummer jedoch die viertälteste auf der Liste - ist es amtlich: Ich lerne endlich Altgriechisch und zwar zwischen durch Studienordnungen der Altertumswissenschaften und Klassischen Philologien dazu Verpflichteten und einer Handvoll Gasthöher. In raschem Tempo geht es voran, werden Deklinationen und erste Konjugationen abgeprüft, Akzente und Betonungen korrigiert, vorsokratische Lehrsätze vorgetragen und übersetzt. Schnell ist die Sitzung vorbei, das Lernpensum groß, die Studierenden vom Stoff gar erschlagen. 
Ganz freiwillig fertige ich zuhause Karteikarten mit neuestem Vokabular an und übe mich im Vortrag der mir noch so unvertrauten Sprache. Eine neue, wieder mal freiwillig auserwählte, intellektuelle Herausforderung, dabei hatte ich geglaubt, alles was zu wissen sei, hätte ich längst abgeschöpft, denke ich mir, während ich jene neuartigen Buchstaben in konzentrierter Schreibschrift mit verkrampften Fingern zwischen die Hilflinien in einem Schreibheft für Erstklässler mit kleinen Verzögerungen zu Papier bringe.

14. Oktober 2011

Bis auf den letzten Euro

Erstaunlich wie sehr sich die eigene Einstellung zum Geld verändert. Habe ich vor noch drei, vier Jahren die Augen umso fester verschlossen, desto bunter (und damit gefährlicher) die Briefumschläge gestaltet waren, die ich, ihren Inhalt ignorierend, nachlässig aus dem Postkasten zog, um sie oben angekommen in irgendeine dunkle Ecke zu schmettern, von der ich hoffte, sie würde den Haufen Altpapier wie ein schwarzes Loch verschlingen, führe ich auf dem eisernen Fundament akribischster Ordnerführung und Zahlungsüberwachung inzwischen einen unerbittlichen Kampf mit schlipstragenden Herren und kostümierten Damen, die wahrscheinlich nicht nur äußerst mittelmäßige juristische Examina vorweisen, sondern weder mündlich noch schriftlich einen ordentlichen Satz geradeaus formulieren können, um die wirklich letzten Schuldeneuros - minimale Kleinstbeträge, Forderungen überdies, die meines Erachtens inklusive Inkassoaufschlag und Zinseszins längst abgegolten sind - und fühle mich dabei manchmal wie das marode Griechenland.

11. Oktober 2011

Wissensdurst

Durch herbstliche Dunkelheit laufen. Das erste Laub unter den Schuhen und ab und zu eine einsame Kastanie. Dort auf der stillen Straße, schon tausendmal in meinem Leben entlang gegangen und von hohen Bäumen gesäumt, zieht im schnellen Gang auf meiner Rechten das Institut für Philosophie vorbei. Wärmendes Licht fällt von innen durch die riesige Fensterfront sich pfützenspiegelnd auf die dampfende Straße und die ordentlich aufgereihten Stühle im Foyer, auf denen gerade noch Erstsemesterstudierende Platz nahmen, bedeuten mir, dass schon wieder Oktober ist, das Semester bald anfängt. Wie auch ich auf diesen Stühlen dort drinnen gesessen habe vor einer gefühlt langen Zeit und wie sehr ich gebrannt habe für die Themen und Bücher, die Paradoxien des Denkens und die Fragen. Innerlich gänzlich zerwühlt bin manchmal hier herausgefahren aus der lauten Stadt, aber gebrannt habe ich immer für diese abstrakten Dinge. Beim Einschlafen zu Hause dann, als der Regen nachts stürmisch auf den Asphalt im Hof niederprasselt, bete ich es mir nochmals selbstvergewissernd vor: Ich habe gebrannt. Im Vollzug meiner Liturgie, die Augen schon zugefallen und nur noch hörend auf das monotone Prasseln, weiß ich wieder, ich brenne immer noch.

8. Oktober 2011

Die Krankheit zum Tode

Der Herbst trifft mich mit einem Schlag. Die frische, regengesättigte Luft macht den Kopf frei und das Herz ungleich schwerer. Den ersten Schnupfen des Jahres hat sie mir auch beschert. Heute beim Zusammenkramen der letzten Belege für die Steuererklärung 2010 fiel sie mir seit langer Zeit mal wieder in die Hand, die Einladung zu Deiner Beerdigung am 12.11.2009, darin ein paar Fotos verstaut, auf denen Du allesamt lächelst. Anders und ganz verwandelt ist diese Bindung zwischen mir und Dir heute, ganz und gar innerlich, still und allgegenwärtig. In drei Wochen jährt sich der Tag Deines Todes zum zweiten Mal, Deine Mom sprach es mir mit brüchiger Stimme vorhin aufs Band - als könnte ich das vergessen. Doch dieses Jahr wird es alles ein bißchen anders sein, denke ich, während ich Äpfel aus dem Garten meines Opas stückele, dieses Jahr werde ich an der Kaffeetafel der Großeltern sitzen, vor einer riesigen Geburtstagtorte hoffentlich. In drei Wochen vor 75 Jahren kam mein geliebter Opa, der Empfänger der Torte, zur Welt. "Ja, man muss auch die Lebenden feiern", sagt M., dem ich von den Geburtstagsplänen, der unglücklichen Überschneidung und meinen Gewissensbissen erzähle, gerade zur Tür hereingekommen. Und ein bißchen klingen noch die philosophischen Gespräche der Nacht nach; wie wir alle dem Tod preisgegeben - ein Dasein zum Tode - in der Intensität der Lebensvollzüge beginnen eigentlich zu leben. All jenem hast Du die kalte Schulter gezeigt. Dein Tod, die absolute Entschlossenheit zwar, nicht aber zum Leben, sondern zum Zerfall. Die Unterbrechung jener Vollzüge.

27. September 2011

Über Bücher in Büchern, Vol. 1

Nie, wirklich niemals könnte ich bei Verstand über mich bringen, was Chip, besessener Tittenfetischist und Protagonist in Franzens corrections, anrichtet. Jenen besagten Brüsten, zunächst noch angekleidet, nämlich derart häufig kulinarische Genüsse zu verschaffen, in der festen Hoffnung, die lästige Kleidung darüber würde sich vermöge der befriedigten Sättigung in Luft auflösen, dass die Liquidität irgendwann so sehr eingeschränkt ist, dass er Buch für Buch aus seinem Bücherregal zu eliminieren beginnt, um Julia, die Angebetete, die bis zu dieser Stelle des Romans außer Brüsten nicht viel auszeichnet, nur weiter ausführen zu können:
 
Dass er geglaubt hatte, seine Bücher würden ihm Hunderte von Dollar einbringen, war erbärmlich offenkundig. Er wandte sich von ihrem vorwurfsvollen Rücken ab und erinnerte sich, wie jedes einzelne von ihnen damals, in den Buchhandlungen, eine radikale Kritik der spätkapitalistischen Gesellschaft verheißen hatte und wie glücklich er gewesen war, sie nach Hause zu tragen. Aber Jürgen Habermas hatte nicht Julias lange, kühle Birnbaumbeine, Theodor Adorno nicht Julias traubigen Duft lüsterner Geschmeidigkeit, Fred Jameson nicht Julias geschickte Zunge. Bis Anfang Oktober, als Chip sein fertiges Drehbuch an Eden Procuro schickte, hatte er seine Feministen, seine Formalisten, seine Strukturalisten, seine Poststrukturalisten, seine Freudianer und seine Schwulen samt und sonders verkauft. Alles, was ihm noch blieb, um das Geld für ein Mittagessen mit seinen Eltern und Denise aufzubringen, waren seine geliebten Kulturhistoriker und seine gebundene Arden-Shakespeare-Gesamtausgabe, und da dem Shakespeare eine Art Zauber innewohnte - die uniformen Bände in ihren hellblauen Schutzumschlägen glichen einem Archipel sicherer Zufluchtsorte -, stapelte seine Foucaults, Greenblatts, Hooks und Pooveys in Einkaufstüten und verscherbelte sie komplett für 115 Dollar.
 
Ich weiß nicht, ob der Anzugträger, mir in der Bahn gegenüber sitzend, gemerkt hatte, dass ich mir auf die Zunge biss als meine Augen diese Stelle gestreift hatten. Er lächelte jedenfalls komplizenhaft. Vielleicht hatte ich vor lauter Erregung auch spontan vor mich hin gemurmelt, vielleicht sogar ganze Sätze meines Unglaubens artikuliert. Und all das für ein paar Brüste, unverständlich! Ich selbst würde, wäre ich derart versessen auf die Dinger, auf den minimalsten Auswuchs an Luxus verzichten, damit ich sie, meine über junge Jahre gesammelten Schätze, behalten kann: diese Gesamtausgaben von Nietzsche, Foucault, Cioran, Alexander von Humboldt, Kant, Barthes, Deleuze, Schopenhauer, Leibniz und Benjamin, diese monumentale Sammlung an philosophischen Einzelausgaben, die Schmuckausgabe der Essais von Montaigne sowie die zahlreichen Romane, Lyrikbände, Monographien, mindestens tausend an der Zahl. Ich würde meine elektrische Zahnbürste, meine WMF-Pfanne, meine teuersten Lederstiefel hergeben, um nur diese meine Zufluchtsorte unangetastet zu belassen. Sollte auch all dies nichts nützen, würde ich mich, freilich mit erheblicher Gegenwehr, in ähnlicher Reihenfolge trennen wie Chip. Vor den Marxisten würden jedoch die Freudianer daran glauben müssen und die Poststrukturalisten kämen genau wie die Kulturhistoriker erst am Ende zum Zuge.

24. September 2011

enlightened

Den eigenen Forschungsbericht für ein von der DFG eingestrichenes Stipendium mit Platon eröffnen und mit ordentlich Pathos folgendermaßen beschließen:
 
Vielmehr erstreckten sich jene Einsichten bis in die entlegensten Winkel der thematischen Schwerpunktsetzung im Kontext meines Studienabschlusses – im Fach Literaturwissenschaft etwa in Form einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem Benjaminschen Konzept der Allegorie und ihrem schriftbildlichen Gehalt als errettendes Transformationsgefüge, in der alles „Geschriebene zum Bild drängt“. Ihr Einfluss wirkt infolgedessen bis in die gegenwärtige Konzeption meines Dissertationsprojekts, die unter dem vorläufigen Arbeitstitel Exzess und Exorzismus, den Fokus auf Lehre vom Zerfall legend, mit Blick auf das Gesamtwerk Émile Ciorans – ein poetischer Paroxysmus par excellence – in den exaltierten Aphorismen und Essays eine fragile ‚Metaphysik‘ freizulegen sucht. 
 
Danach: das Überwinden des Schweinehundes satyrhaft genießen. Fabelhafte Kreuzberger Jungs mit Fünftagebart auf ihren Rennrädern, vom Altweibersommerlicht schmeichelnd ausgeleuchtet, im Vorbeirauschen kurz anschmachten, ihnen kess entgegenzwinkern und ob der futuristischen Architektur ihres Sportgerätes bewundern. Eine Lenkergabel, die aussieht als wäre sie einem Klempner oder Rohrverleger entwendet worden.

22. September 2011

Das Sterben der Anderen

Ein leiser umso verheerender Schmerz als Gradmesser der Intensität einer Bindung. Ich bin erstaunt, welche kranken Nachtträume mein Hirn sich gegenwärtig zusammenreimt, welche Todesszenarien es ersinnt, um mir jenen Kausalzusammenhang dämmernd erfahrbar zu machen. Gleichzeitig bin ich verwundert über den krampfhaften Versuch, das Weinen zu unterdrücken, aus Angst es könnte bemerkt werden. Seit Montag andauernd, das.

17. September 2011

Wake me up when September ends - oder von der Kälte des Morgens

Über Nacht scheint klamm und heimlich der Herbst durch alle Ritzen gekrochen zu sein. Die Dielen unter den nackten Füßen fühlen sich kälter an als noch gestern. Ein Tuch um den Hals geschlungen und innerlich noch ein wenig zitternd steht der frsich gebrühte Pfefferminztee beim Schreiben aufgeschoebner Mails in meiner Reichweite. Und wieder einmal steht es mir vor Augen, der stille Startschuss ist gefallen. Wie jedes Jahr beginnt nun erneut die Zeit konzentrierter Arbeit, der letzten Schritte zum akademischen Titel, endet die Agilität, das sommerliche Aufbegehren, die Zerstreutheit. Dass ich das letzte halbe Jahr eigens dazu genutzt habe, dem Begehren des Leibes nach Herumtollen auf Rasenflächen zugunsten eines harten Broterwerbs zu opfern, sichert mir nun das Überleben - bei üppigem Leben vier Monate, bei karger Lebensform mindestens ein halbes Jahr. Und all dies theoretisch, ohne einen Finger zu rühren, auf eiserne Reserven zurückzugreifen oder gar ein Bankdarlehen in Anspruch zu nehmen. Dass es eine solche Zeit in meinem Studium je gegeben hat, in der ich weniger als 20 Stunden - meistens 30, zuletzt mindestens 40 - in der Woche gearbeitet hätte, dafür finde ich keine Anhaltspunkte in meiner Erinnerung. Dass ich daher lassen könnte, nebenbei noch etwas gegen Bezahlung zu tun, kann ich mir jetzt noch schwierig vorstellen. Dennoch habe ich alle Aufträge ab November strategisch ausgeschlagen, ermahne mich beim Blick in die Jobbörse des Career Service und tröste mich mit lockenderen Vorstellungen: Ich werde wieder bis die Nächte über Berlin hereinbrechen in Bibliotheken sitzen und all die ebenso lang studierenden Kommilitonen wiedertreffen, die ich im letzten Jahr so sehr vermisst habe, ich werde gleich zwei Squash-Kurse buchen, mich auf den Staffelmarathon auf dem Tempfelhofer Flugfeld vorbereiten, ich werde wieder mehr lesen, zwei hoffentlich drei Bücher die Woche und postmodern verstiegene Essayistik dazwischen. Ich werde mir einen lang gehegten Wunsch erfüllen und endlich Altgriechisch an der Universität lernen, bald darauf die Sophistes im Original lesen können und das Beste daran: Ich werde nur dann arbeiten müssen, wenn das Verlangen nach teurem Luxus es wirklich von mit verlangen sollte und dann selbst mit einem Minijob meine Bedürfnisse stillen können. Mit kindlicher Vorfreude warte ich nun nur noch auf die ersten bunten Blätter.

16. September 2011

Die kleinen Dinge

Statt wie früher ungedeckte Kreditkarten glühen zu lassen und immer mehr an und unter Klamottenbergen zu ersticken, während der Briefkasten Tag für Tag bunte Briefe aus seinem Inneren hervorzaubert, gehe ich momentan an den zahlreichen Konsumversprechen vorbei als hätte ich es nie anders gemacht. Ich bin erstaunt über diese in den letzten Jahren nie gefühlte Genügsamkeit und eine Gemütsverfassung, die ihre ehemalige Ventillosigkeit nicht mehr über die Sprache des Konsums austrägt und überhaupt neues Vokabular kennt: viel leichter loslassen statt krampfhaft besitzen wollen, rausschmeißen statt horten, Erleichterung statt Beschwerung. Wie wenig ich momentan ausgebe und wie einfach das eigentlich ist, sich in einer derartigen Askese zu üben. Um die Erfahrung gebracht, auf der impulskontrollgestörten Suche nach einem Schmerzenskompensator mit bis zum Hals pochender Sucht und von dem beklommenen Gefühl unter der Haut begleitet, das eigene Leben von der Wurzel an zu zerstören. Wie merkwürdig es sich anfühlt, wenn die Schulden plötzlich getilgt sind, für die seit Jahren nicht mehr genutzte Barclay-Card letztmalig 25€ abgebucht, die von 3000€ übrig sind, mich so wenig Post erreicht wie nie - nur noch Urlaubkarten, Wahlkampfflyer und IKEA-Kataloge. Welche Genugtuung  hingegen angesichts des Zaubers der kleinen Dinge: Zwei Stück Duftseife von Lush zum Beispiel oder eine in Leinen gebundene Ausgabe von David Copperfield für nur wenige Euro vom Bücherstand vor der HU. Wirkungsvoller, um Bedeutung geschwängerter Minimalluxus.

15. September 2011

Ästhetisierung der Armut

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Statt das Unvermögen großer Bevölkerungsanteile an gesellschaftlichen und ökonomischen Prozessen teilzuhaben endlich mal auf den Tisch zu bringen, wird Berliner Armut im Wahlkampf ständig ästhetisiert, verharmlost und veralternativisiert. So viel Sexyness, die sich bald nur noch ein Bruchteil zu leisten vermag.
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Heute dann dem Sommer endgültig Goodbye gesagt. Dies trotz prognostizierter 23° C am Wochenende durchgezogen. Kein Pardon. Dazu massenhaft Miniröcke, Babydolls, Hotpants, Wedges, Römersandalen und Fesselriemchen in Kisten gehievt, verstaut und jedes Mal tief melancholisch geseufzt beim Verschließen. Früheste anzunehmende Öffnung: April 2012.
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Heute morgen im Bett im SPON-Forum und parallel im Tagesspiegel fast zwei Stunden hitzige Debatten zwischen Autofahrern und Radlern verfolgt. Erstaunt über die Militanz der Streithähne. Kräftig genickt bei den folgenden Ausführungen

Das Grundproblem in den Großstädten ist sicher das Auto. Neben dem unglaublichen Dreck, Lärm und Gestank verursacht es vor allem einen gigantischen Flächenfraß, so dass für alle anderen Verkehrsteilnehmer nur noch ein kleiner Rest übrig bleibt, um den sie sich dann prügeln – weil er viel zu klein ist. Ein wenig rotes Pflaster, auf den Gehweg gezwängt, meistens zudem von Autos zugeparkt – so ist es in deutschen Großsstädten üblich – soll ein "Fahrradweg" sein... lachhaft. Da bleibt als Fahrradfahrer nur eins: man weicht auf die Straße aus. Wer ein wenig schneller als Schrittempo fährt, bringt auf diesen "Fahrradwegen" nur Fußgänger und sich selbst in Gefahr.


Autofahrer hingegen... oh je. Zunächst kann man im Berufsverkehr schön beobachten, dass in fast allen Autos nur eine Person sitzt, die sich darüber wundert / ärgert, dass die Straße zu voll ist – weil andere dasselbe tun. Dementsprechend hilflos und aggressiv wird auf die Fahrradfahrer losgegangen, die an den endlosen Blechlawinen vorbeiradeln: man wird rausgedrängt, geschnitten, ausgebremst, angehupt, angepöbelt. Dass man als Fahrradfahrer dabei nicht selten in Lebensgefahr gebracht wird, weil man kein schützendes Blech um sich herum hat, scheint den durchschnittlichen Autofahrer nicht zu interessieren.


Die Verkehrspolitik in Deutschland ist immer noch von vorgestern, in erster Linie auf Autos ausgerichtet. Fast schon traumhaft kommen einem da Städte wir Amsterdam mit ihren weitaus fortschrittlicheren Verkehrskonzepten vor. In Berlin oder Hamburg oder München hingegen: eine einzige Katastrophe.


und dann doch in leise Zweifel verstrickt. Was wäre, wenn sich bei unveränderter Verkehrspolitik und städtebaulichen Gegebenheiten noch mehr Personen entscheiden, morgens das Rad für den Arbeitsweg zu nutzen? Schon in diesem Sommer war mir das ständige Rumgeeiere der Vordermänner/-frauen - besonders bei mittelalten Prenz'l Bergerinnen gern gesehen - wirklich unerträglich. Verlangsamte es nicht nur meine Fahrt erheblich, sondern schlug mir auch überaus heftig aufs Gemüt.
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Zu allem Überfluss hat sich irgendein Witzbold meiner Laufschuhe bemächtigt, die ich zum Auslüften vor der Haustür parkte. Seitdem schmiede ich perfide Mordpläne.

11. September 2011

Noch einmal leben...


In einem Land vor unserer Zeit trägt mein Opa meine kleine Mama durch die Gartenanlage spazieren. An einem sonnigen Tag in sehr ferner Vergangenheit schreitet er durch Schattenspiel und Herbstlicht über den Boden eines Land, das längst nicht mehr existiert.
Den Kopf voller Gedanken springe ich am Bahnhof Friedrichstraße aus dem Regionalzug in die Straßenbahn nach Hause. Ich kenne jeden Abschnitt, jede Kurve entlang der Strecke. Selbst mit geschlossenen Augen wüsste ich jederzeit, wo ich mich gerade befinde. Eingelullt von einem monotonen Geschaukel, während die warm beleuchtete, regennasse Großstadt gemächlich vorbeizieht, legt sich eine sanfte Schwere über die müden Lider. Und während ich das Wochenende innerlich Revue passieren lasse, fallen mir dutzende gewechselter Sätze wieder ein. Wie ich meine Mutter in etwas rührigem Tonfall in der Nacht auf dem Rückweg in den Garten der Großeltern unter einem fahlen Septembermond gefragt habe, wie und ob sie sich noch gut an ihre Kindheit erinnern könnte, sie mir daraufhin Bericht erstattete und sich in meiner Gegenwart selbst an vergangene Zeiten erinnerte. Auf ihre Gegenfrage hingegen antwortete ich, aus Angst meine Stimme könne den Grad meiner Bewegtheit preisgeben, eher kurzatmig. An vieles erinnere ich mich jedoch sehr genau, insbesondere wie beschützt und abgeschottet meine Kindheit verlief und nicht wie die ZEIT in einem ihrer Leitartikel diese Woche konstatiert, mit spätestens zehn Jahren endete. Gehörte ich doch zu denjenigen, die auch im höheren Alter noch mit einem Teddy erwischt worden wäre und wirklich sehr lange noch kindlich spielte. An die absolute Versunkensein in diese reiche Welt der Phantasie, die damals absolut nichts trüben konnte, an die radikale Selbstverlorenheit erinnere ich mich mit einer nahezu mikroskopischen Präzision. 
Nachts dann schlief ich in der Wohnung der Großeltern zum ersten Mal seit anderthalb Jahrzehnten wieder mit meiner Mom in einem Bett. In der Morgendämmerung erwacht und im anschließenden Halbschlaf etwas gefürchtet davor, dass dieser Mensch, da neben mir liegend, atmend, einmal sterben wird, noch lange hin aber unausweichlich. Und auf dem letzten Stück Heimweg, beim Durchqueren des Weinbergparks im strömenden Regen, die flüsternden Worte meines Opas beim Betrachten alter Fotos, dem Archiv familiärer Erinnerungen, im Ohr: "Noch einmal leben".
Eine Melancholie, die mich auf einmal intensiv erfasst, mich an unzählige Heidegger-Lektüren denken lässt, wie mich, zwanzigjährig, der zweite Teil von Sein und Zeit - das Sein zum Tode, die Zeitlichkeit des Daseins und seine Entschlossenheit - nicht nur intellektuell zum Erbeben brachte. 
Und, die Allgegenwärtigkeit des Todes im Leben, das Eingedenksein des Endes im Anfang, immer wieder an Hesse: Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

6. September 2011

Whose woods

Henry James in einem Brief an seine Söhne: "Einem jeden, der zumindest den geistigen Kinderschuhen entwachsen ist, dämmert der Verdacht, daß das Leben keine Farce ist, daß es nicht einmal eine elegante Komödie, daß es im Gegenteil aus den tiefsten tragischen Tiefen des essentiellen Mangels erblüht und Frucht trägt, jenes Mangels, in den die Wurzeln seines Gegenstandes versenkt sind. Das natürliche Erbe eines jeden, der eines geistigen Lebens fähig ist, ist ein ungezähmter Wald, in dem der Wolf heult und der obszöne Vogel der Nacht plappert."
Von dort, wo des Waldes Dickicht einem glanzlosen, ganz und gar gezähmten Eden weicht, von dorther bin ich gekommen, ein wenig vergiftet inzwischen von den bitteren Äpfeln, die ich als Reiseproviant von den Ästen gepflückt hatte und deren Gehäuse ich achtlos in das Gras warf. Des geistigen Lebens fähig, gebäre ich seitdem täglich hundertköpfige Schimären. Degenerierte Surrogate eines Geistes, der Wurzeln im Diffusen des Unterholzes schlägt anstatt dem Licht der Krone entgegenzuwuchern.

3. September 2011

Beyond facebook

Bisher lief die Kommunikation zwischen mir und den vielen Menschen in meinem Leben immer reibungslos. Ich besitze ein Mobiltelefon aus der Belle Époque (kein Smartphone), eine private und vier dienstliche Mailadressen und ein Festnetztelefon, auf dem man mich zwar nienienie erreicht, auf dem aber ein Band alle Beteuerungen und Rügen artig aufnimmt und für den späteren Konsum bereitstellt. Auch ohne facebook glückten Kontaktaufnahmen, Einladungen und kurze Grüße bisher. Zugegeben, manchmal musste der Adressant in Hinblick auf meine facebook-Totalverweigerung minimalen Mehraufwand betreiben, musste den Mail-Client öffnen, meine Adresse eintippen und einen kurzen Text erzeugen bzw. per Strg+C-Strg+V aus dem Gesichterverzeichnis transferieren. Das klappte ohne größere Reibungen. Zwar wurde die Namensfülle des Adressfeldes (sofern nicht BCC) in jenen Mails über die Monate und Jahre immer stärker dezimiert, da alle Skeptiker freilich aus pragmatischen Erwägungen (Kontakte schnell und einfach halten, besonders aus dem Ausland und man kann alles auch anonym stellen, blablabla) inzwischen in den Antlitzverein übergetreten waren, ich, jene von den kostbarsten Plapper-Strömen Abgeschnittene, erhielt ohne viel Federlesens dennoch immer Kunde, welche Events unbedingt anzusteuern waren und welches Paar heiratete oder Kinder bekam. Manchmal per Mail, oft jedoch durch einen Anruf oder eine SMS. Das Leben der übrigen Klassenkameraden, langweiligen Kollegen oder einstigen Affären interessiert mich ehrlich gesagt nicht, ich will mich mit diesen weder vernetzen, noch austauschen, weder auf deren Hochzeiten erscheinen, weil sie keine anderen Freunde haben, noch mit ihnen 30 werden. Das ist mir irgendwie zu doof. Mit den geliebten Mitstreitern in meinem Leben gestaltet sich die regelmäßige, aber wirklich interessierte Kontaktaufnahme eh schon schwierig genug. Und wie mein Leben beweist, hatten mehr als 15 Freunde (nicht Bekannte) gleichzeitig nie wirklich Platz darin. Auch bei dieser übersichtlichen Zahl fühlte sich immer schon einer unter ihnen zu kurz gekommen und forderte Aufmerksamkeiten ein, die ich nicht bereit war zusätzlich aufzubringen. Alles darüber, bei dem Pensum an Sport, Akademie und Broterwerb, eine Entäußerung von Kräften, reine Selbstausbeutung und dies alles bei meinem dringenden Bedürfnis in den Atempausen auch mal den schweren Gedanken nachzuhängen, ohne dass ständig einer stört.
Doch gestern abend schlichen sich kleinste Zweifel in das holde Abstinenzlerglück als ein guter und alter Freund von M. und mir seinen Geburtstag im Kreuzbergischen begoss und wir abends durch die anwesenden, freilich vernetzten Freunde unseres Fehlens gescholten, erst Wind von der Sache bekamen, die uns facebook vorenthielt. Da weder M. noch ich dieses Opfer der Anmeldung zum Zwecke künftiger Vernetzung unverzüglich auf sich nehmen wollten und weil uns die Arbeitswoche dermaßen gefickt hatte (Berliner Idiom), nahmen wir rentnergleich vorlieb mit Süßem und Bett.

31. August 2011

These boots

Diese cognacfarbenen Cowboystiefel aus butterweichem Leder mit den filigranen Ziernähten, die ich immer so mochte, waren nicht nur zum Laufen gemacht, sondern ließen mich jahrelang über die Dancefloors etlicher Berliner Clubs nur so schweben. Heute nun habe ich mich schweren Herzens von den treuen Begleitern getrennt. Das Leder war an einigen Stellen derart ruppig von der Sohle gerissen, dass selbst mein Schuhmacher unserer Scheidung nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Weil ich den Gang nicht eigens über das Herz brachte, musste M. sie, behutsam mit einer Tüte umwickelt und mit einem larmoyanten "Lebt wohl" behaucht, das letzte Stück auf den Hof begleiten. Da liegen sie nun, die Guten, artig zusammengefercht mit Filtertüten, Joghurtbechern und Apfelgriebschen. Hach!

27. August 2011

Adieu

3. Person Singular, Imperfekt, Indikativ, Aktiv.
Gestern noch rot lackierte Zehen in Riemchensandaletten, heute nasse Jeans bis zum Knie und schwimmende Zehen in durchnässten Asics.

26. August 2011

Vom Spieltriebe

Ein Nachmittag im Volkspark am Weinberg. Eine Hochsommersonne brennt sich in die Haut der entkleideten Leiber. Sonnenanbeter gesellen sich zu Sonnenanbetern. Sardinendosenhaft liegen ihre Handtücher nah aneinander ausgebreitet wie auf spanischen Inseln zu Ferienbeginn. Inmitten des stillen aber geschäftigen Treibens hat sich ein Grüppchen junger Männer gebildet. Von der Sonne beschienen strotzen ihre athletischen Anfang-Zwanzig-Körper prächtig vor Virilität. In Windeseile sind je ein Paar Sneakers zu einem Tor umfunktioniert, ist ein kleiner Ball aufgetrieben, das Spiel begonnen. Ein anhaltendes Gestürme und Gerangel bietet sich der amüsierten Betrachterin dar. Rennend und in permanenter Bewegung haben sie, die selbstvergessenen Spielenden, rasch eine fesselnde Geräuschkulisse um sich aufgebaut: Triumphales Gejohle löst wüste Beschimpfung ab und dazwischen immer wieder ein kindlich-amüsiertes Lachen. Als der Ball dann im Seerosentümpel landet - beliebte Badestelle für die Hunde Berliner Punker- wird nicht lange gezögert, eine Münze geworfen und der Verlierer stimmlich mit Beleidsbekundungen und Gelächter durch die Brühe zum Ball geleitet. Zur Belohnung gibt es für diesen, am Ufer angelangt, eine Sternburg-Dusche und das Spiel wird unverzüglich und mit gleichem Elan aufgenommen als wäre nichts gewesen. Ich selbst hetze, die braunen Füße längst schon wieder in den Fesselriemchen-Sandalen, auf meinem Fahrrad zum nächsten Termin und denke, von jener Szene innerlich verzückt, so bei mir, dass ich das schon immer sehr gemocht habe, die Verlorenheit im Spiele, die mir so selten bei Frauen begegnet. Jene Versunkenheit im Wollen, meine lautstarken Anflüge jugendlichen Überschwangs, für die ich selbst von diesen, im spielerischen Sinne absolut Unambitionierten, manchmal spitzlippig gerügt und fast immer kritisch beäugt worden bin. Für diese körperbetonte, sportive, manchmal auch agressive Art des direkten Miteinandermessens, für das sie einfach keine Empathie aufbringen können.

24. August 2011

On the run

Würde mein Leben verfilmt, dann als Aneinanderreihung von Laufepisoden. Was das Laufen (nicht Joggen) angeht, bin ich nämlich irgendwie besessen, wenn man so sagen kann. Ich liebe es abgöttisch, nahezu manisch, dieses ziellose, aber dynamische Flanieren mit Musik im Ohr. Besonders in warmen Nächten; wie diese eine ist. Da ich,  auf dem Arbeitsweg vom Regenschauer kalt erwischt, mein Fahrrad heute morgen am Bahnhof Friedrichstraße genervt stehen ließ und meine Fahrt mit der S-Bahn fortsetzte, kam ich durch einen Umweg über eine Berliner Weiße mit Waldmeister in der Kreuzberger mokkabar zum Feierabend in den Genuß eines unvergleichlichen Sommernachtsspaziergangs. Von dort aus lief ich am prächtigen Jüdischen Museum vorbei zum Gendarmenmarkt, die Nase kurz am Schaufenster der Chocolatiers Fassbender&Rausch (buchstäblich!) plattgedrückt, dann widerwillig losgerissen, an Lutter&Wegener vorbei, gut gefüllt wie eh und je, Unter den Linden gekreuzt. Das Grimm-Zentrum leuchtet, mein Fahrrad habe ich da schon beinahe erreicht, vorwurfsvoll auf mich herab und mahnt mich wie ein zärtlicher Vater, meine akademischen Verpflichtungen ob der sentimentalen Verwirrungen, die dieses Wetter mit sich bringt, nicht allzu sehr zu vernachlässigen. Und überhaupt überall entlang des Weges, den ich zurücklasse, Massen von Menschen, fast lautlos durch die Nacht gleitend. Die bei Kerzenlicht die Köpfe zusammenstecken, lachen, flüstern. Die schwüle Luft rieht nach Motoröl, Hundekot und Pizza. Schweißperlen, die den Rücken hinunterlaufen und trotzdem Gänsehaut bei den alten Springsteen-Platten, die mein Vater an fast dem gleichen Ort in einer anderen Zeit schon hörte. River - I'm on fire - Radio Nowhere. Und noch schwingt die schmeichelhafte Bemerkung eines blinden Kollegen in mir nach, meine eigene, diese viel zu laute, auf dem AB derart verzerrte, manchmal unkontrollierbare Stimme, würde sich ideal für Hörspiele eignen. Auch ein bißchen Stolz und Verlegenheit. Später auf dem Fahrrad dann, nur noch ein minimaler Heimweg vor mir, in großem beschwingten, vielleicht etwas nachttrunkenen Slalom durch die Ackerstraße. Fast so als könne man abheben in den Nachthimmel hinauf. Und während ich dies hier schreibe, feiert die Welt draußen mal wieder ihren nächsten Untergang.

21. August 2011

Der Sommer ist noch lang...


...hofft die Möwendomteuse und hat dabei, den Ostsee-Kontrollettis und 25.000€ Bußgeld für die unerlaubte Fütterung mit durchschwitzter Wurstbemme gerade noch von der Schippe gesprungen, eine alte Platte der Helden im Ohr - die Repeat-Taste den ganzen Tag eingerastet:

Vielleicht wärst du Seetang
Ich wäre Krill
Wir wären der Seegang
Und dann wären wir still

Über uns Möwen
Hungrig und schrill
Aber uns wär egal
Ob die Möwe was will

Soll sie doch fragen: „Wo sind sie hin?“
Ich werd niemandem sagen, wo ich bin

Lass uns verschwinden, lass uns verschwinden
Wir lösen uns auf, wir lösen uns auf
Lass uns verschwinden, lass uns verschwinden
Wir lösen uns auf, da kommt keiner drauf

18. August 2011

1993

Beim Immatrikulieren der neuen FU-Studierenden zum Wintersemester steigt beim Geburtsjahrgang 1993 in mir permanent ein Gefühl der Beklommenheit hoch, das M., als wir nach getaner Arbeit im Weinbergspark liegen von mir zaghaft erwähnt, mit einem süffisanten "Wir sind halt alt geworden" kommentiert. 1993, unvorstellbar das! Zehn Jahre nach meiner eigenen Geburt. 10 Jahre, mein Gott! Da konnte ich bereits schreiben, rechnen und alle 16 Bundesländer inklusive ihrer Hauptstädte auswendig. Da entwickelte ich langsam einen gesunden Skeptizismus den Erzählungen der Erwachsenen gegenüber, während die da, die jungen Nachfolger, noch in die Windel schissen. Die Pubertät lag zu diesem Zeitpunkt zwar noch lange vor mir, dennoch war ich der Volljährigkeit schon um Jahre näher als insgesamt noch vor jenen lagen bis sie selbst so alt würden wie ich es damals war. 1993 lässt mich seitdem den ganzen Tag nicht mehr richtig los, macht mich irgendwie wehmütig. In den Gedankenpausen dazwischen muss ich immer wieder auch ein bißchen selbstironisch über mich schmunzeln.

11. August 2011

Amnesiophobie

Diese mentalen Selbstüberprüfungen momentan. Morgens, mittags, abends und vor allem direkt vor dem Einschlafen. Und selbst in den Schlaf schleichen sich dann die Befürchtungen des Tages ein. Heute Nacht von wildesten Träumen unterbrochen, kocht immer wieder die Angst hoch, dass da eventuell nicht alles richtig läuft im Oberstübchen. M. berichtet, wie ich anscheinend begleitend dazu, kräftig das Bett durchwühlt habe und scheinbar dabei sogar Zähne geknirscht. Fehlt nur noch, dass ich demnächst anfange, schlafzuwandeln und wirre Disputationen abzuhalten. Dabei kann ich mich noch gut erinnern, dass mich diese unspezifische Angst vor Gedächtnisverlust, Amnesie, Demenz, dem Abbau geistiger Fähigkeiten, Einbußen in Formulierungsgeschick und sprachlichem Stil, ganz allgemein die Befürchtung eines zumindest partiellen Wahrnehmungsausfalls schon als Kind in so mancher Nacht in Schrecken versetzt hat und nicht richtig schlafen ließ. Und heute tagsüber geht das schon die ganze Zeit so weiter mit meinen merkwürdigen Phantasmen: Sobald mir ein Fremdwort oder Synonym nicht auf der Stelle einfallen will, helle Aufruhr und ein bißchen Panik. Sofortige Beruhigung dann, wenn die gedankliche Rückversicherung Früchte trägt und artig memorierte Ergebnisse abwirft. Zumindest profitiert mein Plan, Gedichte zu lernen, von der sorgfältigen Kontrolle und ständigen Selbstvergewisserung.

8. August 2011

Lebenssinne

Ich bin ein Mann, für den bestimmte Dinge von Bedeutung sind: Härte, Selbstdiszplin, Vernunft, das Streben nach allem, was edel ist, ohne auf die Krücke Gott zurückzugreifen. Das Ideal von Schönheit, die Aussicht auf Erhabenheit, der Geist. Ich bin: ein verheirateter Mann. Saladin Chamcha

Ich bin eine Frau, die vielen Dingen große Bedeutung beimisst: Selbstbestimmung, Hingabe, Ehrgeiz, Zerstreuung und im gleichen Maße Verstand sowie dem Streben nach allem, was edel ist und frei macht. Gott habe ich dafür argumentativ nie in Anspruch nehmen müssen. Das Ideal von Schönheit, Erhabenheit, der Geist. Ich bin: mir manchmal glücklicherweise etwas entledigt.

7. August 2011

Reisen






Während Regenlandschaft draußen vorbeizieht, die im Laufe der langen Zugstunden irgendwann von imposanten Kumulusformationen abgelöst wird, lerne ich, die mich sonderbar verwirrenden Satanischen Verse im Schoß, das Lesen immer wieder unterbrechend, Nietzsches Wanderer auswendig aufzusagen. Anlässlich eines selbstauferlegten Projektes, mir bis zum Ende des Jahres wieder ein einer Geisteswissenschaftlerin halbwegs angemessenes lyrisches Repertoire raufzuschaffen, werde ich das gute Dutzend dann zu Silvester hoffentlich jukeboxartig abspielen können.
Zwischendurch, in den Konzentrations- und Lesepausen, derweil Hot Chip süffisant in mein Ohr plärrt und Landschaft undefiniert vorbeischwebt, steht es mal wieder hell und klar vor Augen - ein fast schon Cartesianisches clara et distrincta -, die beständige Affirmation des Ichs durch rigide selbstdisziplinatorische Praxis in Bewegung gehalten, all das selbstverständlich stets gemischt mit ein wenig Sadomasochismus.

Und immer wieder diese Erinnerungsfragmente an die zu Beginn des Jahres gelesenen Reisejournale Willemsens. Heimgekehrt, dann normal nachgeschlagen und die betreffende Stelle gleich gefunden:
In der Nacht schwoll mein Knie so weit an, dass ich am nächsten Tag das Zimmer nicht verlassen konnte und an den folgenden Tagen auch nicht [...]. Die meiste Zeit lernte ich Gedichte auswendig oder blickte an die Decke [...]. Reisen, so kam es mir in diesem Moment vor, das war wie die Projektion der Heimat auf fremde Tapete. Dort findet man das Haus, das man verlässt und auslöscht, fühlt die Verankerung, die man vergessen machen wollte.


5. August 2011

Arm? Um Gottes willen! Sexy? Naja, geht so...

Woran erkennt man, dass man sich in Regionen mit hohem Lebensstandard bewegt? In Gegenden vorgestoßen ist, in denen Menschen zu Hause sind, die je mehr Geld sie besitzen, desto unauffälligerer Erscheinung sind. Man braucht nur die örtliche Sparkasse zu betreten und der Stückelungsstandard bei der Auszahlung des Bargeldes am Automaten spricht Bände. In Berlin wären Studenten, Hartz-IV-ler und sonstige Angehörige des Prekariats längst auf brennende Barrikaden gegangen, hätten sie sich mit einer Mindestauszahlung von 50€ konfrontiert gesehen. Dort, in meiner Heimat nämlich, habe ich mir in besonders knappen Monaten schon oft einen noch geringeren Mindestauszahlbetrag erträumt, weil das Konto keinen Zehner mehr für mich abwerfen wollte, einen Fünfer aber gerade so noch entbehren konnte. Hier, im wohlhabenden Vorort der bayerischen Hauptstadt, weiß der gemeine Bürger längst schon nicht mehr, wie der denn eigentlich aussah, dieser Belangloseste aller Scheine.

3. August 2011

Oder ists nur phantasey, die den müden geist betrübet?

Beim Versuch das Wesen des Melancholischen intellektuell aufzuspießen, führt Benjamin der Weg zu den Kontemplationen Aegidius Albertinus: Denn mit dem Melancholischen ist es "zu Anfang als mit Einem, den der tolle Hund gebissen hat: es kommen ihm erschreckliche Träume, er fürchtet sich ohn' Ursach. [...] Also vergehen ihm bei lebendigem Leibe die Sinnen, denn er siehet und höret manchmal nicht mehr die Welt, so um ihn her lebet und webet, sondern allein die Lügen, so der Teufel ihm ins Gehirn malet und in die Ohren bläst, bis er am letzten Ende anhebt zu rasen und in Verzweiflung vergeht.
Im konspirativen Bund stehe auch ich, seit ich denken kann, mit der Schwermut. Sie, die gedankenversunkene und so sehr abgewandte Seite der Bipolarität, die durch das Schreiben und die Grübelei hervorgerufen wird.

31. Juli 2011

"Das grösste Schwergewicht. - ...alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen" - Fröhliche Wissenschaft, Aph. 341

Selbstrezitation: 
"Vor einem Jahr bin ich im strömenden Regen durch die Stadt gefahren, frierend, weinend und  hoffnungslos. Heute gehe ich nach draußen in die wärmende Sonne und weiß, was immer auch passiert, dass nichts umsonst gewesen ist." - 22.09.2006

30. Juli 2011

Feels like end of summer

Draußen

*Dauerregen und eine novembereske Gräue
*eine kurze Regenpause genutzt und mit Robert Ullrey im Ohr (Danke an Caro!) ein paar Runden im Weinbergspark gedreht. Für den ernsthaften Wiedereinstieg nach einem halben Jahr Abstinenz größenwahnsinnig gleich mit Podcast Week 9 angefangen, eine halbe Stunde relativ zügig durchgerannt, nichts bereut, sogar erstaunt gewesen, dass es sich hier direkt vor der Tür so gut rennen lässt und beschlossen selbiges jetzt auch mal ganz früh vor der Arbeit auszuprobieren.
*nur ein paar Kids in quietschbunten Gummistiefeln und ein paar Hundebesitzer im Park gesichtet, sonst nur beimitleidenswerte Touristen, denen man während ihres Aufenthalts in der Hauptstadt besseres Wetter gegönnt hatte

Drinnen

*heiße Zitrone, Kaffee und literweise Pfefferminztee, Honig-Ingwer-Möhrensuppe und Naturjoghurt mit Erdbeeren und Haferflocken
*eine warme Dusche nach dem Lauf
*seit dem frühen Morgen dann konzentrierte Lektüre des Benjamin und Verwunderung über die eigensinnige und äußerst unorthodoxe Kulturanalyse, mit der der beharrliche Leser, hat er die behäbige Einleitung, von einem historisch-dialektischen Materialismus triefend, erst überstanden, im Folgendem reich belohnt wird

Innendrin

*kreatives Gedankenchaos und wieder ein bißchen Zuversicht, dass das alles doch noch irgendwie zu schaffen ist
*sehnsuchtsvolle Erinnerung an einen herrlichen Sommerabend am Pfingstwochenende

29. Juli 2011

Wet sand

Plötzlich Stadium Arcadium Disk 1, Track No. 13 bei der Auswahl des Klingeltons. Für einen kurzen Moment lang bin ich in Deinen Hausflur zurückversetzt, an dem Tag als Du amtlich besiegelt starbst. Wie mir schwarz vor Augen wurde und ich dann ohne Halt die Stufen bei Dir im Haus hinunter wankte ohne Dich nochmal anzusehen. Nach einer halben Minute ist alles wieder normal, alles gut. Tony singt immer noch.

I shall be too late!

Das muss mindestens 15 Jahre her sein, dass ich zuletzt eine Armbanduhr besaß; fast mein halbes Leben lang. Ihr beständiges Ticken in der Nacht fühlt sich gegenwärtig ganz und gar irritierend an nach den Jahren. Diese durchbohrende Präsenz, die zwischen finsteren Träumen eine anhaltende Absicherung der Realität bietet. 
Durch die neuartige Erfahrung bin ich im morgendlichen Dämmerschlaf sofort zurückversetzt in das Schlafzimmer meiner Großeltern. Zur Rechten ihres Ehebettes aufgebarrt, lag ich, vor dem Einschlafen mit offenen Augen einer absoluten Dunkelheit ausgesetzt, da auf einer aufklappbaren Liege, während der kleine Plastikwecker auf dem Nachtisch meines Opas mit seiner klanglichen Präzision ausdauernd Zeichen der Persistenz und Zuverlässigkeit meiner kindlichen Welt lieferte. Diese vergängliche Vorstellung vor Augen bin ich von dieser beim Aufwachen an einem grauen Morgen behaglich eingelullt und traurig berührt gleichermaßen.


28. Juli 2011

Aus dem Takt

Dass ich nach langer, anhaltender Anstrengung und immensem Arbeitsaufwand immer wieder aus dem Tritt komme auf der zähen Zielgerade des Studiums. Zurückfalle hinter das, was längst überwunden schien, das bißchen Erkenntnis, hart errungen. Wie er mir in geistigen Umnachtungszuständen immer wieder aus der Hand fällt, der Faden, beinahe vorsätzlich fallen gelassen. Immer wieder aus der Bahn geworfen und alle Pläne selbstbetrügerisch nach hinten korrigiert. Und dass ich dabei stetig das mit Füßen trete und anfange zu verachten, für das ich seinerzeit alle Zukunftchancen hab sausen lassen, und stattdessen schlaflose Nächte gebrannt. In der momentanen Ohnmacht, der Stagnation im Angesicht des Endes fast wertlos, das alles. 

"Du hast keinen Biss" hat mir der Mensch, dessen Wort mir alles bedeutet, heute im Wortgefecht entgegen geschleudert und damit alles gesagt. Und nichts ausgelassen, was mich in meinem Selbstbild hätte härter treffen können. Ich trete von Schattenhaftem gelähmt längst wieder auf der Stelle, hartnäckig.

27. Juli 2011

De superbia

superbia, superbiae, femininum - schüchternes Kopfnicken, geräuschloses Hinsetzen, Durchatmen. Nicht ohne perfiden Genuss erinnere ich mich an meine strahlende Ära als discipula linguae Latinae zurück. Inmitten von AcI, Gerundivum, Hortativ und Abl. abs. den Blick unbeirrt und äußerst strebsam auf das große Latinum geheftet, bestand ich dieses dank der sechs Jahre eisernen Vorlaufs, ein martialischer Trimm-Dich-Pfad, über den uns die bereits damals pensionierte Magistra Schneppelina mit Gouvernantendutt peitschte, durch einen unerwarteten Lehrerwechsel in der Oberprima mit Bravour (s.c.l.). Die harte stilistische Schule schärfte mein jugendliches Gefühl für Wesen und Struktur der Sprache. Doch damit nicht genug: Seit jener Zeit des unnachgiebigen Unterrichts nämlich gehe ich der Welt antiker Geschichte und Philosophie so unbefangen und selbstverständlich spazieren und kann noch immer alle römischen Kaiser (früher sogar mit Regierungszeiten) der Reihe nach aufzählen, dass ich ob dieser Reliquien meiner Schulzeit manchmal sehr verwundert bin. Caesar, Cicero - freilich mit k gesprochen - und auch Sallust lese ich als Zeichen meiner rückblickenden Anerkennung und in geheimer Komplizenschaft noch heute im Original. Bei den Ovidschen Metamorphosen hingegen schleichen sich vor allem durch mangelnde Gelegenheit der Erprobung und da ich mich seinerzeit nicht für ein Studium der klassischen Philologie erwärmen konnte, Jahr für Jahr ernsthafte Probleme beim Transfer des rhythmisierten Lateins ins Deutsche ein. Hier erschließe ich entgegen meines Gebots, Eleganz und Perfektion bei der Übersetzung eines solchen Autors müssen universal und ohne Ausnahme walten,  mittlerweile nur noch aus dem Kontext der mir bekannten Mythen. Ganz und gar gräßlich, die Talente von einst einfach vor die Hunde gehen zu sehen.

26. Juli 2011

Freie Tage, vol. 1

Voilà, der schikanöseste Abwasch der letzten Wochen wäre geschafft, die wolkenkratzerhohen Tellerberge mühsam bewältigt. Und ganz nebenbei klingelt DHL an der Haustür und bringt den gradiosesten, sündhaft teuersten Wintermantel, den ich je besessen habe. Schon beim Bestellvorgang: Schwindelerregende  Benommenheit als der Preis schwarz auf weiß nochmals zu sehen war, doch tapfer weitergeklickt. Aus dem unterbewussten Off folgen auf dem Fuße Gewissensqualen im altbekannten Kaufsuchtsblues-Modus. 
Jetzt noch hurtig durch zwei, drei Artikel der ZEIT gefegt, sonst wäre diese auch umsonst gekauft, dann höchst konzentrierte und messerscharfe Walter-Benjamin-Lektüre, kurze Laufrunde durch den Park bei vorhergesagtem Sonnenschein - schon allein, weil die verehrte Kaltmamsell meinen Bewegungshunger durch ihre sehnsuchtsvolle Illustration eines Parkläuferinnenidylls heute morgen so richtig angefeuert hat, quel pittoresque! Danach Kuchen backen für H., schließlich, wenn sich die Dämmerung über die Straßen von Mitte legt, Stammkneipe. 
Die Tagesbegleitung: Bedrohlich starker Kaffee, Apfelmus und Erdbeerkompott für den motivarischen Aspekt.

25. Juli 2011

retrospektiv I

Wie wir fröhlich angeschwipst um die Tischtennisplatte gerannt sind, die die X-berger WG bei jeder Party in M.s Zimmer aufgebaut hatte. Ich im Rüschenkleid mit Punkten, ein Budweiser in der Linken, die Jungs in ausgewaschenen Jeans und Cord. Später dann nicht mehr Mann gegen Mann, sondern ungestümer Wettlauf im Kreis. Die alten Kellen lässig in der Rechten, nur kein kostbares Bier auf die Holzdielen verschütten. Und wie ihr euch über meine Schlagtechnik und die zeitliche Verzögerung lustig gemacht habt damals. Laut ausgelacht habt ihr mich. Spätestens um eins war der Raum von hunderten gerauchten Kippen dann so verqualmt, der Ball derart schwer auszumachen in der Luft, dass wir uns entschlossen, nur noch chinesisch zu spielen. Schön war das. Nah fühlt es sich an, lebendig der Eindruck und doch kommen die Bilder aus einer Zeit, die unwiderruflich vorbei gegangen ist.

Get in touch again

Betörend-intensive Leibeserfahrung überkommt mich dieser Tage wie schon lang nicht mehr. Ein vor allem körperlich ausgelöster Hauch von Selbstpräsenz. Wie anders sich die Beine beim Gehen, Laufen, Springen heute angefühlt haben. Sonderbar gelöst das alles.
Beim Erfinden schriftrollenartiger To-DoBuy-Listen dreht die Traumtänzerei emsige Pirouetten. In der nächsten Zeit werde ich also unbedingt anschaffen müssen:

*endlich Kontaktlinsen (für professionalisiertes Squashen)
*einen pinken Lenkdrachen (damit ich Herrn S. im Herbst beim Abheben auf dem Tempfelhofer Flugfeld tapfer meinen Beistand leiste)
*eine Gymnastikmatte (es wird Zeit an meiner Dehnung zu arbeiten)
*ein Aufpiekser für Rechnungen, Quittungen etc. (Steuererklärung lässt grüßen)
*ein Paar veritable Laufschuhe für ungebremstes Gerenne
*lang und heiß ersehnte Cioran-Gesamtausgabe
*Tickets für Jupiter Jones am 18.11. im Astra (wo doch auf dem Hurricane keine Zeit dafür blieb)

In jene Planungseuphorie mischt sich auch ein ganz klein wenig Melancholie ob des zwar vorhersehbaren, doch nicht derart rasch erwarteten Todes von Amy W. Auch, weil das immer Selbsterlebtes auf den Plan ruft. Unfassbar, dreißig wärst Du dieses Jahr geworden.
In Hinblick auf das Ereignis und seine durchlebten Schatten bleibt mir daher - freilich mit etwas Galgenhumor - nur zu sagen: Club 27, f**k you! Unverbesserlich, gebrochen und verloren, ihr alle!

They tried to make me go to rehab, I said: 'No, no, no!'


24. Juli 2011

What's (y)our age again?

Samstagnacht, kurz vor halb eins. Eigentlich sollten wir irgendwo einen Drink zu uns nehmen, ein kleines bißchen die Kontrolle verlieren, später irgendwo wild tanzen. Wir müssten dazu nur vor die Tür gehen, gar nicht weit fahren. Stattdessen laufen wir wie von LSD-Taranteln gestochen um den heimischen Couchtisch und spielen Fangen, mal in Slowmo, mal mit richtig Tempo. Damit könnten wir uns wahrscheinlich noch stundenlang beschäftigen, bis die Sonne über Berlin aufgeht. Dass M. dieses Jahr noch dreißig wird und ich ihm schneller folgen werde als mir lieb ist - so wie die Jahre momentan rasen -, bleibt äußerst fragwürdig bei genauerer Analyse unserer Abendgestaltung.

23. Juli 2011

Weg vom Nikotin: Me, running

Ein Jahr ist es nun her, seit ich dem blauen Dunst - bei meiner Suchtaffinität bleibt zu hoffen endgültig - abgeschworen habe. Dass den Freunden die neue Lebensweise zunächst und teilweise bis heute nicht aufgefallen ist, beleuchtet die gesellschaftliche Belanglosigkeit jener Selbstdisziplinierung, die bei mir keineswegs in Gestalt einer langen Leidenserfahrung daherkam. Seitdem jedenfalls strafe ich stinkende Kippen mit überheblicher Mißachtung, setze den Fuß nicht mehr gleicher Leidenschaft in Raucherkneipen, wasche und bürste mich zumindest vom Scheitel bis zur Sohle, wenn mich eben jene Etablissments nächtens, mit Penetranz aus den Poren miefend, wieder ausspucken. Mit dem bissigen Geruch, der von Haut und Haar her strömt, kann ich nämlich heutzutage nicht mehr einschlafen.
Insgesamt ein Jahr, das sich viel weniger als Zerreißprobe darbot, so wie ich es in meinen kühnsten Horrorphantasien angenommen hatte. Ein Jahr, in dem ich mich außerordentlich tüchtig bewegt habe. Am intensivsten natürlich nach der unmittelbaren Entledigung des Lasters, also im (Spät-)sommer und Herbst 2010. Ja, einen Heidenschiss hatte ich vor dem Zunehmen, das die meisten Abstinenzler heimsucht! In meiner Vorstellungswelt führt 'dick sein' nämlich konsequent hinter 'dumm sein' die Liste der unerträglichen Lebensplagen an. Und so lief ich mit den denkbar schlechtesten Billiglaufschuhen an den Füßen, da ich meine extreme Flatterhaftigkeit zunächst auf eine Probe der Kontinuität stellen musste, bei Wind und Wetter durch den Park bis der schneereiche Dezember vor der Tür stand. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich die 10 km schon deutlich unter 50 Minuten laufen. Dann kam der Winter und die stressige Vorbereitung der Magisterabschlussprüfungen forderte, auch wenn ich die Bewegung nie gänzlich aufgab - ich schwamm weiterhin, spielte einmal die Woche Squash und fuhr den täglichen Arbeitsweg (Strecke: 16 km) mit dem Rad - ihren Tribut. Das Laufen habe ich trotz Halbmarathonplanung leider seitdem nicht nur vernachlässigt, sondern gänzlich aus den Augen verloren. Ich befürchte gar, die 10 km würden mich momentan ganz bestimmt mehr als eine ganze Stunde kosten, denn leider ist mir das Laufen von jeher, ganz im Gegensatz zum Schwimmen und Radfahren etwa, am Anfang stets eine richtige Herausforderung gewesen. Wahrlich, ein beständiges Malträtieren meinerselbst, fühlt es sich in der Eingewöhnungsphase doch ganz und gar unnatürlich an und erweist sich von außen in diesen ersten Wochen ganz bestimmt nicht als sportive Augenweide. Mein Liebster läuft übrigens ohne sichtliche Kraftanstrengung auch nach längster Abstinenz wie ein junger Gott, während ich wie ein brodelnder Dampfkessel hinterherkriechen müsste, würden wir zusammen unsere Runden drehen. Dabei ist das zeitliche Durchhalten weniger ein Problem. Selbst untrainiert kann ich dank guter Grundkondition locker mindestens 30 Minuten am Stück laufen ohne zwischendurch verschnaufen zu müssen. Doch die eigentümliche Selbsterfahrung, das Keuchen, das gelegentliche Stolpern, das Vorankriechen. Das kann doch nicht im Ernst alles an schlechten Laufschuhen liegen?! Allen Unwägbarkeiten zum Trotz, ist es nun an der Zeit, erneut zu beginnen, finde ich. Diesmal mit guten Schuhen und einer Laufbandanalyse und ohne Ipod, der lenkt mich mit seiner Taktvorgabe nur ab. Jahr 2 verlangt nach neuen, ernstzunehmenden Ritualen und außerdem sehen nach ein paar Wochen regelmäßigen Laufens meine Beine in Pumps und Stiefeln einfach exzellent athletisch aus.

22. Juli 2011

Das archivierte Ich

Beständiger Verlust der Überbleibsel eines Selbst, wenn es das überhaupt gibt. Fragmente innerer Erfahrungen, all dies direkt empfundene Intensität und unwiederholbare Singularitäten. Und immer noch sind mir Stift und Papier selbstverständlicher zuhanden als behäbige Tasten. Um das aufzufangen, was sich unmittelbar erlebt da drinnen. Dasjenige nämlich, das bereits verschwindet, wenn die Worte in die stumme Erfahrungswelt einbrechen. Wie Fotos, die an den Rändern langsam verblassen, kann auch meine Hand den Impressionen nur unzureichend folgen, hinkt in ausladenden Bögen hinterher. Doch gehe ich mir, auf solche Art papierern festgehalten, immer wieder verloren zwischen Altpapier und Rechnungen, schmeiße ich wöchentlich missglückte Identitätstiftung in die blaue Tonne. Daher der verwegene Versuch, viel mehr noch hier, genau an dieser Stelle, zum Zwecke späterer Verfügbarkeit festzuhalten. Sprachlich auch noch das abbilden, was der unruhige Verstand als umnachtete Phantasmen gebiert. Verkettete Idiosynkrasien,  Exkremente eines manchmal aus dem Ruder der Normalität gelaufenen, ganz und gar ungeordneten unstofflichen Metabolismus. Oft aber ziemlich profan das Ganze. Innehalten bei dem, was ich mir im Nachhinein nicht mehr zuschreiben kann, abschütteln will, und konfrontatives Atemholen, im Benjaminschen Sinne als Daseinsform der Komtemplation, ist vielleicht dies, was ich lernen will. Zulassen, was sich so mitteilen will und nicht immer gleich alles externalisieren, für das theoretische Besitzergreifen handhabbar gemacht. Und dann stoße ich heute peinlich berührt auf diesen Satz meines 19-jährigen Ichs und muss bei aller Distanzierung unverzüglich schmunzeln: kann keine klaren gedanken mehr formulieren, es fließt einfach alles runter, über, raus, ach keine ahnung. morgen revidiere ich, relativiere, nehme zurück, bereue, verstehe nicht mehr. Als ob es doch möglich wäre, das überzeitliche Zusammenbringen dieser Fäden. Als ob es jenseits aller philosophischer Revisionen einen unverrückbaren Teiler beider Selbst gibt bei allen Diskrepanzen.