1. April 2013

Dreißig Winter

Dass wir, die wir ganz und gar begrenzt sind, etwas geschafft haben, das uns übersteigt. Das uns, wie M. sagt, wenn alles gut geht, überdauert, das haut mich immer wieder um. Dreißig Winter habe ich hinter mich bringen müssen, um etwas derartiges zu fühlen. Möge immer alles gut gehen dies ist ab jetzt meine größte Hoffnung.

21. Februar 2013

Frau Strick

Ende März 2009. Dies mein Schicksaljahr. Wie sich die Dinge schon ein halbes Jahr später wenden. Die Katastrophe, in die wir stürzen werden. Nichts davon ist an diesem Punkt meines Lebens absehbar. Alles unbeschwert und heil; so raunt die Sprache der Fotos, die mir seit langer Zeit heute wieder in die Hände gefallen sind. Das, die heutige, vielleicht etwas verklärte Sicht auf die Dinge.
26.3.2009: Wir, das sind der Meister - den ich 2008 eines späten Winternachmittages im morbiden Hauptgebäude der Technischen Universität auf einer Steintreppe, auf der wir unerlaubterweise nach den Seminaren regelmäßig rauchten, auflas, so begann unsere Freundschaft -  M. und ich, stehen im Colosseum, den Audioguide am Ohr. Die Sonne scheint schon kräftig hier. Der Frühling ist längst angekommen in der ewigen Stadt. Als der Flieger in Berlin abhob, versank dort alles noch im Einheitsgrau eines langen Winters. 
Im Seitenprofil entdecke ich sie dann ganz deutlich, meine heißgeliebte Sonnenbrille, die der Meister im Nachgang, da hatte der M. sich am Petersplatz in einem Moment der Unaufmerksamkeit, zudem leicht vom Weine benebelt, schon darauf gesetzt und daraufhin war ein Glas aus dem Gestell herausgebrochen, nicht ohne ein bißchen Ironie, wie es so seine Art ist, Frau Strick getauft hatte. Nach jener durchgeknallten älteren Dame aus seinen Zivildiensttagen in der Psychatrie, die nicht nur pausenlos herumphantasierte und ihre verworrenen Narrationen zum Besten gab, sondern augenscheinlich ähnliche Modelle präferierte. Ihre im Gegensatz zu meiner damaligen Flohmarktentdeckung wahrscheinlich eher hornbrillenartig und hochwertig. Die nächtlichen Fotos zeigen uns kurz nach dem Vorfall lächelnd und weintrinkend vor der Petersbasilika. Ich, die lädierte Frau Strick auf der Nase, einglasig, dennoch in die Kamera feixend. Seit diesem Tag nun, dem Tag der zerstörten Brille, bin ich unentwegt auf der Suche nach einer neuen Frau Strick, die der alten annähernd das Wasser reichen könnte und scheitere mit diesem Anliegen Sommer um Sommer. Immer wieder sehe ich mich nach ihr um, besser: nach einer, die ihr auch nur ein bißchen ähnelte, und immer wieder kaufe ich Brillen. Ob auf dem Flohmarkt, bei Mango oder online, ich werde immer wieder enttäuscht. Nie, nie, nie war auch nur eine dabei, die nur halb so hinreißend ist wie sie es war. Ob ich sie wohl jemals finden werde, jene Schöne, die ich so lange schon begehre?

16. Januar 2013

Resteitelkeiten

Man muss schon sagen, auch wenn die einzelnen Abläufe immer wieder mal durcheinandergeraten und jeden Tag an einer neuen Stelle etwas nachjustiert wird, verschlägt es mir angesichts der pendantischen Regelmäßigkeit, mit der unsere Kleine nach Nahrung, Schlaf, Nähe und Beschäftigung verlangt, manchmal den Atem. Die Berechenbarkeit ihrer Schlafpausen und ihre Tendenz zum Langschläfertum mit ausgedehnten Döseeinlagen am Vormittag machen mir nicht nur eine tägliche Morgendusche möglich, sondern mehr noch erlaubt es die glückliche Eintaktung, dass ich mich allmorgentlich vernünftig kleiden - und das meint nicht etwa Jogginghose und ausgewaschenes Top - und, Obacht!, sogar schminken kann. Überhaupt schätze ich die Vernachlässigung aller Äußerlichkeiten von jeher nicht besonders. Dieser resignativ hingenommene Verfall trägt nämlich den fahlen Beigeschmack der Auflösung und Zersetzung jeglicher Struktur, auf die ich von jeher angewiesen bin. Auch wenn es sich dabei nur um einen schnell geschwungenen Lidstrich handelt oder ein Kapitelchen Nietzsche, das mir vergönnt ist. So staunen wir über dieses Kind und seine ausgelassene, meist heitere Art - woher sie die hat, ein Rätsel! Wenn nun nur noch die Schlaf-, Trink- und zugleich Schreipause zwischen 3-4 Uhr nachts wegfiele, wäre fast schon von paradiesischen Zuständen die Rede.

4. Januar 2013

2012: What a year it has been...

2012 war atemberaubend, ungemein schnelllebig und in jeglicher Richtung weichenstellend. Nachdem mich 2009 niederriss, ich 2010 verzweifelt und ohne Halt vor mich hin delirierte und ich erst Mitte 2011 ersten Boden unter den Füßen spürte, veränderte 2012 schlagartig mein Leben.
Als ich im Frühling und nach durchzechter Nacht erfuhr, dass ich schwanger bin, lag alles noch in derart weiter Ferne, dass ich mir den Wandel nur schwerlich vorstellen konnte. Im September gaben M. und ich uns das Ja-Wort. Die Fotos verraten erst bei genauestem Hinschauen, dass wir zu diesem Zeitpunkt schon zu dritt sind (auch wenn alle Anwesenden es längst wissen). Am vorweihnachtlichen Sonntag wird unsere Tochter geboren, während meine Eltern die letzte Kerze des Adventskranzes anzünden. Als der M. meinen Vater anruft, spielt das Radio gerade Christmas lights von Coldplay. In Berlin bedeckt eine zarte Schneedecke die Dächer des Campus Charité.
Alles läuft seltsam unkompliziert, beinahe unaufgeregt. Ganz anders als ich es von meinem Leben gewohnt bin. Die gesamte Schwangerschaft nur ein anderer Zustand von mir: Ich, in gewohnter Mobilität, und ein kleiner Bauch, in dem mein Kind freudig strampelt. Ich bin jeden Tag viel auf den Beinen, ständig in Bewegung, besuche Konzerte, Lesungen, Theater, fahre bis zum ersten (Tief-)schnee auf meinem Herrenrad durch die Gegend. Noch einen Tag vor der Entbindung schwimme ich 3000m im Stadtbad Mitte in einer passablen Zeit. Ich nehme 10 kg zu, die ich kurz nach der Geburt schon wieder los bin (Victoria Secrets darf sich melden!), deswegen esse ich wie ein Mähdrescher, damit die Energie für uns beide reicht. Ich erkenne hin und herschwankend mal M., mal meinen Vater, mal meine Mom, meinen Opa, mal mich in dem Kind und hoffe, dass sie grüne Augen bekommt frage mich, welche Augenfarbe sie wohl haben wird. Nach einer kurzen, schnellen, aber schmerzhaften Geburt ohne den Einsatz nennenswerter Seditiva - die Zeit reicht nicht - ist es Liebe auf den ersten Blick. Nachts liege ich da und bestaune im Zwielicht der Station das kleine Wesen neben mir. Immer wieder stehe ich in den Tagen danach fassungslos und wie dort angewurzelt an ihrem kleinen Bettchen, um zu schauen, jede kleinste Regung zu betrachten. Ein schlafloser Seismograph bin ich und von einer eigenartig pergamentartigen Haut, durch die man ohne Hindernis ins Innere hindurchblickt. Alles ist anders jetzt, einfach alles. Als hätte meine Welt sich ohne mein Zutun einen neuen Sinn erschlossen, weiß ich das erste Mal seit langem, dass ich ganz fest zu jemandem gehöre, der mir alles bedeutet.
Ich bin versucht zu sagen: es ist das Beste, dieses 2012, was mir je passieren konnte.

5. Dezember 2012

"Es ist das Nutzloseste auf der Welt"


Sternstunden im deutschen TV. Kurz nach Mitternacht. Reinhold Messner beim bundesrepublikanischen Traumschwiegersohn zu Gast. Ich überlege kurz wegzuschalten. Von minutiöser philologischer Arbeit gänzlich ermattet, beugen sich prompt alle inneren Widerstände dem Versprechen vermeintlich seichtester Unterhaltung. Jene, die mich lange kennen, wissen zudem von meiner Schwäche für Extremsportler (Huber-Brüder, Baumgartner, McNamara), schrullige Intellektuelle und traumwandlerische Musiker, Komponisten, Kunstschaffende im Allgemeinen.
Aller Anfangsskepsis zum Trotz schreitet das Gespräch fruchtbar fort, beginnt vor dem Hintergrund der luziden Schilderungen physischer und psychischer Grenzerfahrungen des 68-jährigen Bergsteigers, der mich schon als Kind, vermutlich wegen seiner Frisur, an eine ältere Version meines eigenen Vater erinnerte, um die großen existentiellen Fragen zu kreisen: Balanceakte über Abgründen und das Genie des Wegsuchens, Haben und Sein, Sinnhaftigkeit und Zweck, Abenteuer, Herausforderung und Überwindung, Intensität und Selbsterhaltung. 
Mein Zuschreibungsapparat funktioniert trotz der fortgeschrittenen Tageszeit noch ausgezeichnet, das beweisen jene wilden Assoziationsketten, die mein Hirn Messners Antworten kommentierend angedeihen lässt. Immer wieder rumort es im Hinterstübchen: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche (Und wer über sich hinaus schaffen will, der hat mir den reinsten Willen, Za II, KSA 4, S. 157)...und ein wenig Bataille natürlich. Bergsteigen als riskantes Aussetzen des Lebens "an den Rand der Möglichkeiten", um es mit gesteigerter Empfindung wiederzuerlangen. Das bewusste Sich-Begeben in das nicht länger Kalkulierbare verstehe nicht nur ich, so wird es im Laufe von Messners Ausführungen immer deutlicher, als Affront gegen bürgerlichen Mäßigungswahn und Optimierungslogiken sondern als (ästhetisches) Konzept der Verausgabung und Selbstüberschreitung, auch wenn er die gedankliche Essenz auf eine andere Sprache stützt als ich, andere Worte für dasjenige findet, das auch ich zu meinen glaube: "Ich will, dass sich junge Menschen ausdrücken...die Arbeit ist sekundär, sich ausdrücken ist viel wichtiger. Seinen Weg finden ist die Kunst...Und diese Fähigkeit, etwas ganz zu machen, bis zur letzten Konsequenz zu machen, habe ich auch beim Bergsteigen gelernt und nicht in der Schule.“
Als ich nach dem einstündigen Interview angeregt, inzwischen aber mit einer gewissen Bettschwere ausgestattet, ins Schlafzimmer wanke, bin ich innerlich von den mitgeteilten Erfahrungen noch derart bewegt, dass ich M., der mal wieder Nachtschicht schiebt, noch schnell eine SMS schreibe: "Gerade ein äußerst beeindruckendes Interview von Reinhold Messner gesehen und seitdem überlegt, ob Nietzsche sich seinen Übermenschen in etwa so vorgestellt haben könnte..." Eine morgendliche Lektüre des Zarathustra bestätigt meinen Eindruck: 
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, — ein Seil über einem Abgrunde.
Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.

24. Oktober 2012

Der Blick von außen


Wie die Wahrnehmung der 27-jährigen Litauerin Alge, diese kleine Irriation bei der Konfrontation mit der als "deutsch" erlebten Daseinsform, ganz wunderbar mit meiner eigenen Empfindung zur Deckung kommt, gerade dann, wenn ich mir meine sportelnden Mitmenschen (ganz gleich ob schwimmend, bergwandernd, joggend, fahrradfahrend) lebendig vor Augen rufe. Und ob die auf dem Sektor der Freizeitgestaltung grassierende Spezialisierung, die gleichermaßen auch unser Verwaltungswesen mit seinen operativen Behörden erfasst, in struktureller Korrelation mit dem Abbau und der Verflachung anderer Gebiete, der Ausdünnung des umfangreichen Katalogs humanistischer Bildung etwa, stehen könnte, darüber sollte ich in einem weniger kulturpessimistischen Augenblick mal etwas systematischer nachdenken. Dann etwa, wenn die Gefahr, den Adornitisch-Horkheimerschen Platitüden argumentativ vorschnell auf den Leim zu gehen, vielleicht weniger groß wäre als heute. Vorerst aber bleibt mir nichts anderes übrig als unreflektiert zu meinem Punksein zu stehen.

9. Oktober 2012

Dillon

Während draußen die Stadt in die kühle Oktobernacht stürzt, vereint drinnen im Saal eine Stimme Singularitäten zu einer schweigenden, gebannt lauschenden Einheit. Verschmelzen Individuen zu einer rezeptiven Masse. Eine Stunde lang ist alles aufgelöst in Klang, Bass, Licht und im Nebel, bevor die Zuhörer auf dem Vorplatz der Volksbühne in die Berliner Dunkelheit auseinandersprengen — Tip tapping / I was tip tapping / tip tapping / in the dark.