27. August 2012

Frühsport

Das Thermometer kratzt haarscharf an der 20°-Marke. Der Himmel ist von einem solchem spätsommerlichen, einem frühherbstlichen Azur, auf dem weiße Wolken dahinschwimmen. Heute bin ich die Zweite in der Schlange vor dem Freibad Humboldthain. Vor mir eine Schwimmerin, die ich hier öfter treffe, immer um die gleiche Uhrzeit. Die ich wegen ihres kraftvollen Delfinschwimmens und ihres technisch saubersten Kraulens still bewundere. Als Erste - den Bikini habe ich nämlich immer schon unter der Kleidung und spare mir dadurch den Gang in die Garderobe - ziehe im Becken meine Bahnen und wirbele das vom Wind zart gekräuselte Wasser durcheinander, denke dabei kurzzeitig an Merleau-Pontys Meditationen über Hockney und schon packt mich der Flow, löse ich mich ganz in der Bewegung auf, atme tief. Der ganze Körper eine Oszillation der Bewegung, ein Wechselspiel von Spannung und Entspannung. Die kinästhetische Monotonie nur zeitweilig unterbrochen von kuriosen Fragen, beispielsweise warum soviele der Bloggerinnen, deren Leben ich regelmäßig lesend verfolge, eindeutig dazu neigen, ihre Füße zu einem präferierten Motiv ihrer über soziale Netzwerke veröffentlichten Fotos zu machen (hier, hier, hier, hier und auch hier). Bei 1500m falle ich durch die Gleichmäßigkeit der Bewegung - ich schwimme immer ohne Pause, in gleichbleibender Frequenz und Lage - regelmäßig in einen derart meditativen Zustand, dass es mich nicht wundern würde, wenn die Weltenformel mir plötzlich zufiele. Gelingt es mir zu diesem Zeitpunkt hingegen über 500m Brust schwimmend mit einem schnellen Krauler mitzuhalten, der mir vor der Seitenwende verwundert Blicke herüberwirft, gerate ich in Hinblick auf den sportlichen Wettbewerb zwischen uns sogar nahezu in einen Zustand der Ekstase. 
Folgt man den Kritikern der Olympischen Spiele in ihren (jenseits von Argumenten, die die Kommerzialisierung des Sports betreffen) geltend gemachten Punkten, nimmt man die Paradigmen unserer Pädagogik (insbesondere der (Klein-)Kindpädagogik), zudem die Programmatik moderner Politik unter die Lupe, die aus Angst vor gesellschaftlicher Spaltung durch die Bekräftigung von Diversitäten lieber auf Ausgleich und Nivellierung setzt, reflektiert man darüberhinaus das in unser Gesellschaft verankerte Frauenbild, demnach Frauen zwar in pucto körperlicher Ästhetik eifrig konkurrieren dürfen, das gegenseitige Messen sich jedoch keinesfalls, das sage ich aus persönlicher Erfahrung, auf das Terrain von Wissen, Spiel, Laien- und Extremsport ausbreiten soll, ist der Wettbewerb zwischen Individuen, der auf kontinuierlicher Leistung(ssteigerung) beruht, per se des Teufels. Ich, für meinen Teil, habe unter Bedingungen des Wettbewerbs, im Messen der Kräfte, immer gute bis sehr gute Leistungen gezeigt, dabei einen starken und auch befriedigenden Antrieb entwickelt, der ohne die Hintergrundsituation des Kräftemessen nicht entstanden wäre, und konnte so das ganze Gezeter um die Anstachelung zu Feindseeligkeiten und die böse, menschenzerfleischende Konkurrenzsituation noch nie ganz nachvollziehen. Ja, und zugegeben, ich bin schon immer in eine innere Hochstimmung geraten, wenn ein Duell zu meinen Gunsten ausfiel. Ich gehöre demenstprechend auch zu den eher (sehr) schlechten Verlierern, denen Niederlagen und Unterlegensein verhasst sind. 
Als ich nach 2500m und 60 Minuten aus dem Becken steige, fühle ich mich als körperlich-geistige Einheit jedenfalls mehr als erfrischt.

26. August 2012

Wie das wohl werden wird,

überlege ich. Im nächsten Jahr und in den vielen darauf folgenden Jahren. Wie die Fragen und die Gedanken  beständig um Dich kreisen und mit dem Bäuchlein allmählich heranwachsen. Vor allem: Wie Du wohl sein wirst, wenn Du erst auf der Welt bist? Von impulsiver Wesensart, doch gleichzeitig der Melancholie so nah wie ich, oder eher tiefenentspannt und unkompliziert wie Dein Papa? Unsere innere Ausgeglichenheit steht im Bündnis mit ganz viel Neugier und dem anhaltenden Erstaunen, dass wir in absehbarer Zeit Eltern sein werden. Eine Familie. Unfassbar. Langsam bekommt auch der Bauch eine unübersehbare Gestalt, auch wenn er sich noch in außergewöhnlicher Zurückhaltung (selbst die Ärztin war im Angesicht der fortgeschrittenen Zeit verwundert) nach außen wölbt. Innerlich schließe ich indes täglich Wetten mit mir ab, ob ich die Kurve der Vermeidung scheußlicher Maxi-(Brust/Bauch/Po)-Umstandsmode, die mich nach Betreten eines einschlägigen Geschäfts neulich derart schockiert hat, dass sie, die unerträgliche Geschmacklosigkeit, mich panikartig in die Flucht schlug, doch noch kriegen werde. Noch jedenfalls bin ich optimistisch.

14. August 2012

Ein Traum von Sommer

Dieses wunderbare Wetter. Ein weiter, klarer, tiefblauer Himmel, der sich nachts wie ein sanftes Tuch über die Stadt legt. Ich schlafe wie ein Baby dieser Tage. Träume abwechselnd, ich wäre Leistungssportlerin im Olympia-Kader (am brennensten Dreispringerin oder Siebenkämpferin) oder Surferin auf Hawaii, würde in Vorderasien graben oder Renaissance-Kirchen restaurieren. Morgens fahre ich auf meinem goldenen Hercules von derlei nächtlichen Phantastereien erfrischt und trotz des Nachferienansturms radelnder Eltern-Kind-Gemeinschaften durch Mitte an die Alma Mater Berolinensis, meinen Arbeitgeber, und werde ob des mittelmäßigen Verkehrschaos beim Überqueren der Torstraße kein wenig unruhig. Dabei liegt mir das verbale Entgleisen im Straßenverkehr leider allzu nah, habe ich viel zu oft und zu schnell die Fassung verloren, mich in rüden Beschimpfungen ergossen und an dem ein oder anderen Taxifahrer versündigt. Überhaupt lebt es sich gerade nahezu schwerelos. Eine eigentümlich paradoxe Leib-Seele-Dialektik.

6. August 2012

Die Magie des Moments

London, 5. August 2012, 21:50 Uhr GMT. Das ewige Nationenduell auf Bahn 3-8: Jamaika gegen die USA. Powell, Gay, Blake, Gatlin, Bolt, Bailey; die Sprintkönige nebeneinander aufgereiht. Die letzten virilen Gesten ausgetauscht, Tonnen des Testosterons versprüht, Adrenalin im Blutkreislauf von Läufer und Zuschauer. "On your marks!", letzte Korrekturen am Block, Waden lockern, komplizenhafter Blick zum Himmel, Bekreuzigung. "Get set-", 80.000 schweigen gebannt, Totenstille, "-go!". Powell und Gay kommen ausgezeichnet aus dem Block, Bolt rennt zunächst etwas hinterher, Gatlin und Blake schließen an die Spitze auf, Bolt dahinter. Auf der 60er-Linie wirft Bolt wie gewohnt den Turbo an, kassiert nacheinander alle Rivalen und geht deutlich vor ihnen ins Ziel. 9,63 am Ende: Olympischer Rekord und Bolt "back in business". Es sind nicht einmal zehn Sekunden und trotzdem brauche ich heute Nacht ein tausendfaches dieser Zeit bis die inneren Erregungszustände nachgelassen haben und ich endlich einschlafen kann.

5. August 2012

Alles nach Plan

Die Nachricht ist inzwischen in alle Lebensbereiche, Freundes- und Familienkreise gesickert und schon lange halten sich die Anflüge von Panik (bis auf den anstehenden Geburtsakt) in Grenzen. Der weihnachtliche Geburtstermin ist inzwischen ebenso verdaut wie die Angst vorm Fett- und vor allem Unsportlichwerden. Keine der angedrohten Szenarien bewahrheitet sich: Keine Wassereinlagerungen, keine Fettpolster, stattdessen immer wieder von außen an mich herangetragene Verwunderung: "Was bitte? Ende fünfter Monat soll das sein? Willst Du mich verarschen, so sieht mein Bauch nicht mal unschwanger aus". Selbst die Aufschläge und Hetzjagden beim Speedminton noch keine größere Hürde, wenig Kurzatmigkeit, Joggen funktioniert ausgezeichnet, Schwimmen sowieso. Manchen Rennradfahrer muss ich trotz innerer Widerstände zwar ziehen lassen, aber die schwerfälligen Prenzl'-Bergerinnen stecke ich locker noch in die Tasche. Dass mir nie schlecht war und jegliche Nahrung weiterhin schmeckt, ein Geschenk des gnädigen Gottes in der besten aller möglichen Umstandswelten. Überhaupt, durch die regelmäßigen Spaziergänge durch den Kiez im Angesicht der vielen Väter mit kreisrundem Haarausfall und ältlicher Mütter (by the way: Ob unsere Mamas wohl für die Mutter unseres Kindes gehalten werden, sobald sie den Wagen alleine durch die Straßen schieben, wenn es dann soweit ist? Diese Frage amüsiert M. und mich nachhaltig und seit Wochen), die die besten Zeiten bereits hinter sich haben, bestätigt, steht eines immer deutlicher vor Augen: 29 scheint ein gutes Alter, nicht nur in Bezug auf Rückbildung, berufliche Flexibilität und zu erwartendem, gemeinsamen Zeithorizont mit dem Kinde, sondern vor allem, weil wir kraft unseres Alters (zu Zeiten meiner Eltern wären wir schräg beäugte Spätgebärende gewesen) vielleicht die Klippen der nervigsten Debatten, die sich um allerhand Materielles drehen (Eigentumswohnung hier im Kiez, Erbschaft, Familienkutsche, Ehevertrag, Lebensversicherung und der ganze Kram, der uns nicht allzu viel bedeutet), galant umschiffen könnten, da man uns als Gesprächspartner schlichtweg nicht auf eigener Augenhöhe wahrnimmt, hoffentlich!
Der Facharzt für Pränataldiagnostik dann sichtlich amüsiert über unser Auftreten. Drei Spätgebärende wären vor uns im Sprechzimmer gewesen, weit über vierzig, etwas verkrampft, auf jeden Fall mit hypochondrischen Tendenzen. Niemand Anfang dreißig, geschweige denn in den Zwanzigern, manchmal eine ganze Woche lang! Einfach deprimierend sei dies, diese immergleichen Pärchen mit den immergleichen Fragen. Das Panorama des Wartezimmers bestätigt die Aussage: Zwischen fleißigen Verwaltungsbeamten und Unternehmesberatern, Juristen und Wirtschaftsprüfern in schlecht sitzenden, aber mit Verlaub teuren Anzügen, schwitzend und mit Bauchansatz neben ihren früh ergrauten etwas aus der Form gegangenen Partnerinnen in Stefanel, Strenesse und Feinstrumpf M. und ich. Er in knielangen Cargos und Punk-Shirt, ich im gepunkteten Sommermini mit Keilwedges. Beide sommerlich ungekämmt, mit Mückenstichen an den Beinen und zwischen schlechter, aber großformatiger Kunst herrlich deplaziert. So wird einem zumindest nicht langweilig in dem ganzen Schwangerschaftskosmos mit seinen eisernen Regeln, seiner Deutungshermetik, seinen Vorschriften, Vorsichtsmaßnahmen und dem ganzen Schabernack, so bleibt immer noch ein wenig Lästerwertes übrig, denke ich mir und kaufe mir im Späti eine Club Mate, dieses Koffein-Teufelszeug, das weisen Müttern zufolge (wie Haarefärben, Kaffee und zuviel Sport und Stress natürlich)  Fehl- wenigstens aber Frühgeburten auslösen soll. Das Kind schlägt in meinen Bauch ausgelassene Purzelbäume und freut sich.

7. Juni 2012

Wie schön es ist,


einer Band schon seit Jahren die Treue zu halten. Eine fast kindliche Freude als ihre Reunion kurz bevorstand: I want my band back, and my songs, and my dream. In this desire I feel I have come home again. Und das, nachdem ich am 16.9.2000 in der Berliner Arena ihr letztes Konzert sah, ganz verweint; damals bin ich noch nicht einmal volljährig gewesen. Ihre Musik, ihre unglaublichen Texte, überhaupt diese sanfte Melancholie, mit Corgan'schem Näseln manchmal einfach so dahingerotzt, sprechen mir jetzt noch genauso aus der Seele wie damals.

3. Juni 2012

Große Veränderungen

Die letzten Wochen haben mich schlagartig aller Worte beraubt, um die ich sonst beständig ringe. Sprachlos bin ich seitdem gewesen. Und doch innerlich derart bewegt, aufgeregt, angsterfüllt und neugierig. Alle Regungen zappeln zur gleichen Zeit in mir, während M. mir schon seit Wochen komplizenhaft zuzwinkert. Keinerlei Befürchtung liegt in seinem Grinsen, bloß strahlende Zuversicht, die aus seinen Augen blinzelt. Noch in diesem Jahr also, noch bevor die furchterregende 30 Mitte 2013 mein Alter zieren wird. Nicht übel, denke ich, wenigstens etwas. Mein kleines, bescheidenes Sedativum.

9. April 2012

Was bleibt

ist ein Hauch von innerlicher Erschütterung. Wenn ich an die Worte meiner letzten Mail an Dich denke, die ich nie wieder fand, auch als das erste, das schlimmste, Jahr vorüber und der Boden wieder spürbar  unter meinen Füßen war. Du seist nicht der Mittelpunkt meiner Welt und dass ich nicht immer um Dich kreisen kann oder so ähnlich hatte ich geschrieben. Eine Ahnung Deines Allein(gelassen)seins als Du den entscheidenden Schritt wagtest, der Dich auslöschte. Und meine Worte der Hauch der Dich, verlassen und balancierend auf dem Tightrope, vielleicht ins Wanken brachte, schließlich umwarf und stürzen ließ. Zwei Wochen zuvor, es war bereits zu kalt, um draußen zu sitzen, hatte ich Dich an einer Kreuzberger Bar an einen alten Songtext eines Liedes einer Band erinnert, die damals wie keine andere im Stande war, unserem jugendlichen Weltschmerz Ausdruck zu verleihen: My words are weapons, in which I murder you with/Please don't be scared, please do not turn your head. Damals, bei Erscheinen von Infest, bist Du 17 und ich 16 gewesen.
April 2012: Ich jetzt hier und Du irgendwo in der Ferne, während die Sonnen glühend über den einsamen Feldern untergeht. Es ist der inständige Wunsch, ich hätte, wenn ich doch die Zeit nicht mehr zurückdrehen kann, diese Worte nie zu Dir gesagt oder hätte sie revidieren können, das einzige, was mir bleibt.

3. April 2012

Unerreichbar

Dass ich ausgerechnet durch SPON in die Hände von Tina Solimann falle und wie ich dieses Buch, das verborgene Psychogramme freilegt, erst jetzt entdecken konnte. Ich, hinter einer Mauer aus Schweigen, die Meisterin des Verschwindens und des Abbruchs, das sich wie eine Konstante durch mein Leben zieht:
"Der Begriff Funkstille kommt aus der Schifffahrt. Er beschreibt die Einstellung des Funkverkehrs, damit Notsignale durchdringen können. Und nichts anderes bedeutet es auch in den Beziehungen von Menschen: Jemand schweigt, damit der andere hört, was er nicht sagt. Wie etwa: Lass mir Ruhe, Zeit zum Nachdenken. In unserer Beziehung stimmt etwas nicht. Vielleicht brauche ich auch für immer Ruhe, das weiß ich aber jetzt noch nicht. Ich muss erstmal zu mir kommen und gib mir bitte die Zeit."
'Treffend!', denkt sie sich und löste sich in Luft auf.

30. März 2012

Über Disziplin

Wenn ich all die fliehenden, freien und radikalen Kräfte, oft wegen dieser bestaunt worden, - wie zähflüssige Lava im feurigen Kessel, glühend und bis unter den Rand des Kegels gefüllt - endlich in eine Richtung lenken lernen würde; im Dreischritt: kanalisieren, bündeln, konzentrieren, dann wäre mein Leben derart um Sinn bereichert, wäre längst eine Diss geschrieben, drei Seminare geschmissen, ein Marathon absolviert, wäre endlich die Angst abgestellt, dass unkontrollierte Intensitäten, die mich vereinnahmen, mich auf ewig wegschwemmen und zurücktreiben ließen. Stattdessen könnte ich ihnen ernsthaft etwas entgegenstellen. Unter der Feinkörnigkeit des Schlicks würde ein solider Grund freigelegt, der meinen Ankern standhält. Lethargie, fehlende Inspiration oder mangelnde Struktur waren nie ein Problem gewesen, meine Endlosbaustelle: Diszplinlosigkeit bei stets aufgedrehtem Regler. Meine persönliche A 100: vielbefahren, insgesamt marode. Kaum sind die gröbsten Reparaturen an einer unbefahrbar gewordenen Spur halbherzig ausgebessert, reißt das nächste Schlagloch an anderer Stelle auf. Alles ein einziges Flickwerk, unter dem Druck von Schnelligkeit und Dringlichkeit notdürftig verarztet, in Ermangelung eines Gesamtkonzepts ewig unsaniert das Ganze.

26. März 2012

Eine Sprache finden

für all das, was die Grenze des Fassbaren überschritten hat, für dasjenige, was sich nicht sagen lässt. Eine Sprache, die die Worte von all der verlorenen Zeit sprechen lässt, die hinter uns liegt, die auf ewig vorüber ist. Eine Sprache meine ich, die das Innere transzendiert, sodass es vielleicht auch für Dich hörbar ist an Deinen verborgenen Orten, um dann etwas auszudrücken, das ich Dir schon lange nicht mehr von Gesicht zu Gesicht gesagt habe - seit dem Moment, an dem Dich Wille und Mut verlassen hat. Eine Sprache, von der ich spreche, die ich nicht greifen kann, ist es, um die ich ringe, die ich begehre. Sie, so meine Hoffnung, weil sie all dem Vergänglichen um uns herum etwas entgegenzusetzen hätte, das bleibend wäre, auch wenn wir am Ende des Tages wieder etwas mehr gestorben sind. Mehr habe ich nicht als die paar Worte, die ich zusammenklaube und die doch immer vorbeigehen müssen an der Art wie Du gelacht hast, wir wir tanzten in Berliner Sommernächten oder auf Decken lagen, unten wir und oben die Sterne. Damit erinnern wie wir die Lieder sangen, die vom Leben lieben handeln, Tequila tranken, machten Jägermeister platt, in den Mond schrien: "Verdammt, wir sind die geilste Gang der Stadt!". Einen kurzen Moment bin ich von den Songs dieser Platte derart getroffen (Ich weiß noch wie du sagtest:"Nie werd ich 27"), haben mich die Worte eines Anderen sprachlos gemacht (Mitten im offenarmigen Tanz auf brennenden Brücken/Wir waren: Auf ins Leben /doch ein Haufen Elend/Vielleicht liegt der Sieg darin einfach aufzugeben/Lass Tanzen und fliehn/Synchronisieren, funken Momente zum Takt der Musik/Stampfen im Beat, klatschen zum Lied/drängen und zieh'n/Klammern uns an süße Melancholie). Derart desorientiert, dass ich ruckartig vom Schreibtisch aufstehen muss und mich drei Minuten später, von der Sonne blind, vor meiner Haustür wiederfinde. Schwindelig: Bin immer noch da, wenigstens alles taub gemacht. 
  

16. März 2012

season's opening

Des Frühlings blaues Band flattert draußen fröhlich durch die Lüfte und zieht selbst den hartnäckigsten Stubenhocker aus dem Prenzl' Berger Haushalt in die übervollen Straßencafés, in denen die Kreativarbeiter, das Macbook lässig auf dem Schoß plaziert, ihr saisonales Sonnenplatz- und Milchkaffeeabonnement angetreten haben und beschaulich über dies uns das plaudern, während dem Bourgeois nach regulärer Arbeitszeit im Büro wie immer nur ein Platz im Schatten oder auf der Wiese bleibt. Er seufzt tief und arbeitsmüde angesichts dieser Ungerechtigkeit, mit der man ihn, diesen Leistungsträger der Gesellschaft, straft: die Verdrängung durch den Bohémien, ist aber zu müde für Konfrontationen und kehrt, gegengentrifiziert und traurig über die mangelnde Anerkennung, wie schon letztes Jahr und die Jahre davor auf der heimischen Terrasse hoch über dem Zionskirch-, Helmholtz- oder Kollwitzplatz zum Espresso ein. 'Merkwürdig', grübele ich und wundere mich nicht zum ersten Mal über die plötzliche Masse an spazierenden Menschen auf den Straßen. Im Sonntag im August vernehme ich keine Berliner Stimme auf den Außenplätzen, die Touristen sind hierher zurückgekehrt, durchstreifen den Mauerpark, sitzen dicht an dicht auf ihren Vintage-Lederjacken am Weinbergshang und linsen hinter überdimensionalen Brillengläsern zwischen ihren geklonten Berliner Geschwistern in die lang ersehnte Sonne. Zum Glück ist die Jack-Wolfskin- und The-North-Face-Synthetik endlich eingemottet, jubele ich innerlich und mit tiefer Befriedigung. Mein Auge hat nun Zeit sich bis zum nächsten Winter zu erholen, gönnt sich eine Pause bevor es in vermutlich sehr naher Zukunft, von Frühlingsluft und Spreeflimmern dann ganz und gar eingelullt und milde gestimmt, schon bald wieder unförmige Pumphosen im Pyjamastil aus alten Lappen zusammengenäht, taillierte Hotpants und die schrecklichen Oversize-Hemden zu sehen bekommt. Schauerlich! Kaum ist die Ortsgrenze zu Pankow überschritten, wandelt sich der Stil von Bohème zu Bodenständigkeit. Nur die Radfahrer sind es, seit wenigen warmen Tagen in Massen ausschwärmend, die das Bild beider Bezirke - vermutlich aller Innenstadtbezirke - eint. Rennräder und Fixies soweit das Auge reicht. Darauf anämische, manchmal etwas feiste, in jedem Fall blasse, im Restalltag oft wenig sportive Hipster oder ihre modischen Mitläufer mit dünnen Beinchen in Slim Cuts auf den zierlichsten Pedalchen. Die Saison ist eröffnet!

12. März 2012

10. März 2012

Alpenverein

Alle jene, die mich im Wasser näher kennen, wissen, dass ich sagenhaft schnell laienschwimme, also ohne professionelle Ambitionen und ohne je in einem Verein trainiert zu haben. Jedoch gilt meine ungeteilte Passion Bergen. Sehr ungünstig mit solchen Vorlieben in dieser Stadt zu wohnen mit ihrer ganzen hässlichen Schutttopographie. Der masochistische Zug ist es, an dem ich Gefallen finde, die Qual des mühsamen Aufstiegs, je steiler, länger und windiger desto besser, jene brachiale Körperlichkeit des Pulsierens und Schwitzens, das versunkene Schweigen bei der Belastung. Bei aller Scheu vor deutscher Vereinsmeierei, Schatzmeisterdünkel, Satzungsbürokratie und basisdemokratischen Stuhlkreisen und Hauptversammlungen, eine Mitgliedschaft im DAV wäre Pflicht, würde ich nur in der Nähe von Bergen wohnen. Wenn nur nicht diese komische Mundart, die ich nicht verstehe, mich so plagen würde, hätte ich bestimmt schon eine kleine Residenz in München oder Garmisch-Patenkirchen, ganz bestimmt.

9. März 2012

Die Weisheit des Silens

Aus altem Kaugummipapier forme ich mir vor dem Schreiben, wenn schon keine Götzen aus alten Klorollen, die ich um himmlische Hilfe bei den Kraftakten des Textringens anbeten kann, denen ich im Übrigen heimlich alle Schuld an meinem irdischen Schicksal zur Last lege, satyrhafte Eselsohren. Immer gedeiht alles Gedankliche in meinen Händen zur montrösen Schwergeburt. 

Es geht die alte Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen , dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: „Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich — bald zu sterben“.(Nietzsche, GT 3)

8. März 2012

Über Hypochondrie oder die Abgründe der Selbstbeobachtung

In der Nacht von Montag zu Dienstag dieser Traum. Am Alexanderplatz (oder sonstwo) auf dem Weg von Bahnsteig zu Bahnsteig verliere ich auf der Treppe unerwartet das Gleichgewicht, überschlage mich in der Luft und falle der Länge nach mit dem Gesicht auf die untersten Stufen. Paralysiert spucke ich blutig die letzten zerschmetterten Zähne oder das, was von ihnen übrig blieb. Infolge des Sturzes initiationsartig doch ohne innere Kausalität durchzieht den apathischen Dämmerschlaf eine Variation des gleichen Themas: Ich entgleite mir, verliere die Erinnerung, werde in Gedanken ausgelöscht oder lösche mich selbst. Dann innere Erregung, fast Panik als ich imaginierte Gesichter plötzlich nicht mehr erkenne, alles jemals Gewusste mir seltsam entgleitet und dennoch jemand anwesend ist, der dies zu Protokoll gibt. Seltsamer Streich, denke ich beim Aufwachen und den ganzen Tag über begleitet mich die Angst um das Vergessen. Fünf Wikipedia-Artikel, zwei Paper in Science und ein MMSE, Uhrentest und DemTec mit höchsten anzunehmenden Ergebnissen später finde ich ohne Enge in der Brust ins Alltagsleben zurück. Der Gedanke kriecht nur dann ins umnebelte Bewusstsein zurück, wenn mir besonders entlegene Namen, Daten oder Begriffe drittklassiger oder nebensächlicher Personen, Ereignisse und aus theoretischen Auseiandersetzungen nicht blitzschnell zu Händen sind. Dann kurz aufscheinend die Angst vor dem Selbstverlust, Verlust auch des Kompasses, der stets eisern genordet war: ein untrügliches, bis an den Rand gefülltes, blitzschnelles Gedächtnis
Neben M. an der Spree stehen, während das brackige Wasser, inzwischen gänzlich enteist, diese ersten warmen Strahlen auf die blasse Haut zurückwirft, lässt hingegen beide Teile innerer Aufruhr, den protokollierend-prüfenden und den sich hartnäckig entwindenden Teil, kurzzeitig stumpf und unsichtbar werden.

26. Februar 2012

Über uns die Himmel

6:15 Uhr: Wir plauschen noch ein bißchen an der Ecke, an der wir schon zu Schulzeiten so standen, dann ein Kuss und unter einem wolkendurchsetztem Himmel laufe ich durch die wunderbar frische Vorfrühlingsluft nach Hause, während eine sanfte Morgendämmerung aufzieht. Dass wir beste Freunde sind und das schon fast so lange ich denken kann und mein Herzschlag präzise dem Takt der Musik folgt in diesem Augenblick, ein Gefühl überströmender Lebendigkeit. Eigentlich habe ich mindestens drei Gläser Rotwein und zwei Bier zuviel im Blut. Eigenartig beschwipst und von den Morgenvögeln begleitet, hüpfe ich auf den letzten Metern fast schwerelos voran bis ich die Haustür erreiche.

23. Februar 2012

Über Helme und Haare

Ich könnte nicht mal annähernd sagen, wie oft ich in meinem Leben den immergleichen Spruch in Bezug auf meine flachshaarige Mähne gehört habe. Immer und immer wieder wurde da (meist etwas schadenfreudig, was ich bei Glatzen viel eher verstanden hätte) konstatiert, dass die Miss stets einen keratinen Helm mit sich führe. Manchmal bin ich, aus mir unerfindlichen Gründen, sogar gefragt worden, ob ich gar Perücke trüge. Schienen mir die Fragenden ihrem Wesen nach grundsätzlich angenehm, durften sie sich durch einen packenden Griff an meinem Schopfe von der Tatsache überzeugen, dass das störrische Gewusel aus den körpereigenen Papillen gesprossen kam. Die immer gleiche Leier also. Unaufgefordert konnte ich sie da aus allen Windrichtungen heransäuselnd vernehmen, die Tipps und Tricks, nach denen ich an keiner Stelle verlangt hatte: Von A wie Ausdünnung über G wie den richtigen Gebrauch von Glätteisen bis hin zu Z wie angemessene Zopfbändigungen. Und immer blieb ich, um ehrlich zu sein, etwas ratlos zurück, weil mir selbst stets die Damen besonders leid getan hatten, deren flaumartiger Haarwuchs, die Kopfhaut durchschimmern ließ, oder deren Haar wie strähnige Spaghetti am Kopf festzukleben schien. Ich war mir also keines äußeren Makels bewusst, daher immer sehr erstaunt und auch etwas belustigt im Angesicht des entgegenschlagenden Haarhohns. Doch seit Amy Winehouse das endlose Auftoupieren zur olympischen Disziplin auserkor (und Unzählige ihr nacheilten), Extensions zum Standardprogramm eines jeden Friseurs gehören und selbst die Models in den Katalogen sich zu bardotartigen Helmen bekannten, für die ihr feines Haar zuvor bestimmt stundenlange Torturen litt, während ich nur aus dem Bett steige und auf das Kämmen verzichte, atme ich auf und fühle mich, wenn selbst Kulturzeit im Abspann ein solch prächtiges Musikvideo der bezaubernden The Kills und der noch bezaubernderen Alison Mosshart zeigt, auf das Beste bestätigt. Derangement (bei aller Äquivokation!) is very attractive. Indeed it is. 
Schon erstaunlich (bei aller Hyperprojektion), die subtile Ähnlichkeit der Fotos mit uns, dem Gefährten und mir.





18. Februar 2012

Auf! Währt's?


Ein großes Aufraffen und Zusammennehmen. Welch ein Selbstantrieb! Um halb neun frisch und munter aus dem Bett und ohne Umwege an den Schreibtisch. Seitdem dort, bis auf ein Stündchen, in dem ich frische Luft draußen schnappen ging - ja, die deutsche Nation und ihr Verhältnis zur Natur, überhaupt ihr apriorischer Drang, das Fenster zu öffnen, sich die Beine zu vertreten und draußen (egal bei welchem Wetter übrigens) spazieren zu gehen, wenn die Gedanken sich drinnen verheddert haben, darüber hörte ich neulich die hinreißende Gayle Tufts berichten. Nun fester Hoffnung, nicht gleich wieder ins nächste Trägheitsloch zu stürzen, das sich da auftut.

16. Februar 2012

Bataille

Ich gehe von einer elementaren Tatsache aus: der lebende Organismus erhält, dank dem Kräftespiel auf der Erdoberfläche, grundsätzlich mehr Energie als zur Erhaltung des Lebens notwendig ist. Die überschüssige Energie (der Reichtum) kann zum Wachstum eines Systems (zum Beispiel eines Organismus) verwendet werden. Wenn aber das System nicht mehr wachsen und der Überschuß nicht gänzlich vom Wachstum absorbiert werden kann, muß er notwendig ohne Gewinn verloren gehen und verschwendet werden, willentlich oder nicht, in glorioser oder katastrophischer Form.

Wie konnte ich nur so lange Zeit derart unachtsam an Dir vorbeischauen, während mein (philosophisches) Nachdenken doch beständig um Überschreitung, Verausgabung, Rausch und Exzess zu kreisen gewohnt war? Wie Dich ignorieren, bei meinem Hang zum Nicht-Identischen, höchstens noch als verstiegenen Spinner Dich abtun?
Und das, obwohl Dein Name in ein Verb verwandelt batailler, zu deutsch also kämpfen, heißt und Du den Mut hattest, in die Nachkommenschaft von Nietzsche und Artaud Dich einzureihen ohne von ihrem übermächtigen Schatten verschluckt zu werden. Ich habe nun viel vor mit Dir und greife begierig nach jeder Zeile, die das Blut, mit dem sie geschrieben, sichtbar macht, denn hierin bin ich gewiss kein Müßiggänger. (Zarathustra: Vom Lesen und Schreiben)