9. November 2011

Eleven Nine



Herbst 1989. Mauerfall. 22 Jahre her, das.
Im selben Jahr, nur ein halbes Jahr zuvor, verließen meine Eltern mit ihrer fünfjährigen Tochter (ich) auf illegalem Weg über die Tschechoslowakei und Ungarn die DDR. Nach vier abgewiesenen Ausreiseanträgen und politischen Schikanen war ihnen das Leben in unfreiwilliger Gefangenheit in einem Land, mit dem sie sich nicht die Spur (mehr) identifizierten, zu einer untragbaren Last geworden, aus dem sie nur einen Ausweg sahen, schließlich den Entschluss zur Republikflucht fassten. Drei kleine Körnchen in einem entfesselten Flüchtlingsstrom waren wir. Drei Flüchtlinge von tausenden in den Bettenlagern des Roten Kreuzes in Budapest. 
Im Sommer des nämlichen Jahres wurde ich sechs Jahre alt und auf der anderen Seite der Mauer in Berlin-West eingeschult. Erst jetzt wird mir klar, dass mein Vater kurz darauf und nur wenige Tage vor dem historischen Ereignis, Freunde und Familie auf der anderen Seite der Welt, 30 Jahre alt geworden ist.Wie sie sich wohl gefühlt haben, die beiden, und wie mutig diese Entscheidung in all ihrer Radikalität und Konsequenz, alles hinter sich zu lassen, doch gewesen ist, wird mir jetzt erst bewusst. Heute, wo ich selbst in einem Teil der Stadt wohne, der früher (noch 1989) zu einem anderen Land gehörte, steht mir auch die Tragweite ihrer Entscheidung vor Augen. Ein wenig stolz und heute sehr bewegt bin ich von dieser, jenes Wagnis der Freiheit auf sich genommen zu haben (pathetisch formuliert). Am von-Matt-Haus vorbeilaufend, um kurz danach in die eigene Haustür abzubiegen, finde ich an dem Entschluss nicht nur etwas ungeheur Risikobereites, sondern fast schon etwas Visionäres. Und auch heute bin ich mir ganz sicher, beide haben sie bei allen anfänglichen Schwierigkeiten diesen Schritt nie bereut.
Menschlicher Wille kann alles versetzen.

6. November 2011

Kinematik


Mit dem Fahrrad allein losziehen und mit Burt-Reynolds-Sonnenbrille vom Flohmarkt in der Gegend rumfahren, während Gedanken durch die Blutbahn pulsieren, sich in grauer Gehirnmasse agglutinieren. Von Mitte aus durch die Straßen, die ich wie meine Westentasche kenne, weil ich dort aufwuchs. Vorbei an meinem alten Gymnasium, dann zwei U-Bahnstationen später kurz hinterm Kutschi an der Straße, in dem der beste Freund damals wohnte. Sein Auszug nun fast 12 Jahre her, sein Tod in diesem Herbst bereits zwei. Alles, beinahe jeden Grashalm hier kenne ich. Dort, wo sich die Straße hinter der Endstation in Tegel gabelt, links bleiben und wieder links abbiegen in den orange leuchtenden Wald. Viele Radler sind unterwegs. Nur wenige Menschen zieht es allein in den Wald, zumeist bewegen sie sich paarweise durch das raschelnde Laub. Wenn ein Partner fehlt, läuft ein treuer Vierbeiner bei Fuss. 
Ich hingegen bin allein, eine vom Herbststrahlen bewegte Singulärität in ruheloser Bewegung mittels schneller Reifen. Wie sich nichts geändert hat über die Jahre, dieser beständige Bewegungsdrang, der seinerseits einen ungemeinen Rausch des Denkens auslöst. Stockt die Bewegung oder kommt sie gar zum Stillstand: Leere manchmal, das dann Erinnerte nur ein defizitäres Substitut des geistig Unmittelbaren, das nur die Bewegung erschafft. Schon immer war das so, denke ich bei mir. Wie immer werde ich nachher vom Rad heruntersteigen, der Gedankenstrom jeh unterbrochen und werde alles nur halb so formulieren können wie es mir unter dem Eindruck einer Präsenz des Laufes schwerelos möglich ist. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn alles ringsherum dem steten Wandel preisgegeben ist. Viele Orte von früher gibt es noch, ich erkenne sie ohne Anstrengung wieder und frage mich, wie lange das her ist, dass wir im Sommer immer hier an diesen Ort radelten, um auf den See rauszufahren. Fünfzehn Jahre muss das her sein, als mein Vater den Einmaster verkaufte, als wir an einem lauen Sonntagmorgen zum letzten Mal gemeinsam hierher kamen.
Das Auskosten des Gefühls, allein zu sein, ist hingegen eher neueren Datums. Jene permanente Umgebenheit mit anderen, auch mit diesen, die man sehr schätzt und überaus gern hat, die mir im Übrigen früher auch auf engstem Raum (Zelt, WG, Wohnwagen) keine größeren Probleme bereitet hat, ist es, die ich inzwischen regelmäßig unterbrechen muss. Der Spiegelflächen der andern nur solange bedürftig bis diese am Ende der Nacht stumpf werden, das eigene Spiegelbild um die Leuchtkraft gebracht. Dieser entsetzliche Herdentrieb (Nietzsche), jene verbrauchte Luft, die sie hinterlassen, wenn sie zu viert, fünft oder sechst in einem Zimmer schlafend gleichzeitig atmen. (Schon immer froh, dass M., genau wie ich, immer das Fenster nachts öffnet, egal wie kalt es draußen ist).
Hier nun (jetzt retrospektiv), fahrend und nur den eigenen Gedanken überlassen, Fragmente der letzten Nacht wendend. Immer ein Schmunzeln bei der Rückbesinnung auf die eigenen Antworten. Das Wissen ganz allgemein, so pathetisch oder so ähnlich hatte ich von den Mojitos schon erheblich berauscht, erwidert, sei es, was mich immer schon glücklich machte. Viel zu theoretisch befand mein Gesprächpartner, hätte sich wahrscheinlich eher etwas sexuell Konnotiertes erwünscht. Und überhaupt dieses populärphilosophische Schleifenfliegen, diese Thekengespräche, die um Sexualität und Kalkül, um die Ökonomie der Begierden kreisten und die unabänderliche Gewissenheit (und durch Blicke verifizierte Bestätigung), dass das Trinken und provokative Debattieren (manchmal auch Pöbeln) an Berliner Thesen eine atemberaubende Inszenierung der eigenen Vorteile darstellen kann. Eine Vollpräsentation von Schokoladenseiten ohne unterm-Tisch-Versteckspiel, im Gegenteil: fast gänzlich Exposition, körperliche Überpräsenz im Hochstand. Und nur hier kommen 180 Zentimeter im Spitzenkleid zu ihrer vollen Geltung, denn hier werden neben vielerlei Worten die wesentlichen Blicke ausgetauscht.

5. November 2011

Formidable Zeitgeistanalysen, Vol. I: Cowboy sein


ich mein ich bin sehr gern allein
denn es ist so schön, so schön, so schön
ein cowboy zu sein, ein cowboy zu sein
ich will ein cowboy sein
so richtig mit pferd und lasso
und cowboystiefeln und allem drum und dran

4. November 2011

In the end we lie awake

Heute, sechseinhalb Jahre später, erwacht und sonderbar milde gestimmt. Ein schnelles Match Squash nimmt mir kurzzeitig den Atem. Begleitet vom leuchtenden Herbst laufe ich von dort über die Landsberger Allee am Klinikum Friedrichshain entlang durch den goldenen Park über die Greifswalder, Prenzlauer und Schönhauser nach Hause. Die Blätter an Linde und Pappel vom Wind derart durcheinandergewirbelt, dass das schnelle und stete Wenden von hellgelber Oberseite und  dunklerer Unterseite mich an die Pailettenplättchen auf einem Kleid erinnert, das ich schon lange nicht mehr getragen habe.

3. November 2011

Fini


Angeblich wächst die Sentimentalität mit dem Alter, aber das ist Unsinn. Mein Blick war von Anfang an auf die Vergangenheit gerichtet. Dämmerung -Wolfgang Herrndorf

'Und, bist Du traurig?', fragt mich eine Kollegin kurz nachdem ich meine Tasche gepackt habe, bereit von hier aufzubrechen, und ich antworte ungewohnt kurzatmig: 'Ja, schon ein bißchen'. Sechseinhalb Jahre lang bin ich diesen Weg früh morgens gegangen, in den letzten zwei Jahren dann immer öfter auch mit dem Fahrrad gekommen. Zuerst immer um Punkt halb sieben aufgestanden, dann um Viertel vor, in den letzten Wochen erst um sieben. Je besser jeder Handgriff, je routinemäßiger der Ablauf, desto verträumter waren die Morgengedanken auf dem Weg dorthin. Äußerlich all das ohne größere Abweichungen in ewiger Wiederkehr, die innere Bewegtheit dabei beinahe unsichtbar. Jede kleinste Variation des immer gleichen Themas, befürchte ich, hätte mich mit meinen fragilen Gefühlsgebilden, im Laufe des Tages wie von unsichtbarer Hand in Luft auflöst, blitzschnell aus der Bahn werfen können. Ob verzweifelt, restbetrunken von Nacht und Rausch, in Studienliteratur vertieft:  immer waren es dieselben Treppen, dieselben Wege und Bäume, unter denen ich entlang lief. Nur die Zigarette fehlte am Ende. Viel ist passiert in diesen sechseinhalb Jahren. Beinahe das ganze Erwachsenwerden findet darin Platz. Die Dummheiten, die Enttäsuchungen, die Entscheidungen, die Verzweiflung über den Tod eines geliebten Menschen, zuletzt der Entschluss, das Studium nach vielen Tellerrandüberquerungen und inspirativen Eskapaden nun schnell und entschlossen doch noch zu beenden. All die Probleme mit den Schulden, die Parties, die an den Texten wundgestoßenen Nächte und all der noch fast jugendliche Weltschmerzkram. Etwas verwirrt bin ich heute als ich diesen Weg zum letzten Mal von dieser, meiner Arbeit der letzten sechseinhalb nach Hause gehe. Derart verwirrt gar, dass ich unkontrolliert in den Bus steige und nach einer Station Fahrt verwundert und fast reglos wieder hinausfalle. Alles derart vertraut, dass ich benommen bin von der Erkenntnis, dass auch dieser Abschnitt, die Arbeit hier, genauso zuende gegangen ist wie die letzten Jahre. Wie sich alles verändert, denke ich, gerade eben - auch das wird heute etwas schmerzlich klar - bin ich doch erst einundzwanzig gewesen. Dieser Abend riecht nach spätherbstlicher Abendluft und gefallenen Blättern, schmeckt ganz nach einer Flasche gekühltem Pils und fühlt sich an wie Bon Iver in Endlosschleifen. Und bald schon werde ich mir meine Magisterurkunde abholen können und wieder einen Schritt weg von der Einundzwanzig getan haben. Einundzwanzig. Das fühlt sich heute wie gestern und gleichzeitig wie in einem anderen Leben an. 'Bist Du traurig?' Ja, schon ein bißchen. Heute auch ein bißchen mehr, insbesondere wegen der schönen, besonderen, berührenden Zeit, die (wieder mal) unwiderruflich vergangen ist.

21. Oktober 2011

Καιρός

Endlich bezwungen von Dir, oh Kairos, bin ich! Und habe, von Deinem Schopfe, den ich gerade noch rechtzeitig ergriff, - zwei Sitzungen hatte ich schon verpasst - mitgerissen, nun endlich dasjenige begonnen, was ich mir seit Jahren vorgenommen habe und zu dem ich nie kam. Seit ich meinen Namen in die Teilnehmerliste eintrug - die Gesichter zwar nicht unwesentlich jünger als meins, einige eindeutig älter, mancher weißhaarig, meine Matrikelnummer jedoch die viertälteste auf der Liste - ist es amtlich: Ich lerne endlich Altgriechisch und zwar zwischen durch Studienordnungen der Altertumswissenschaften und Klassischen Philologien dazu Verpflichteten und einer Handvoll Gasthöher. In raschem Tempo geht es voran, werden Deklinationen und erste Konjugationen abgeprüft, Akzente und Betonungen korrigiert, vorsokratische Lehrsätze vorgetragen und übersetzt. Schnell ist die Sitzung vorbei, das Lernpensum groß, die Studierenden vom Stoff gar erschlagen. 
Ganz freiwillig fertige ich zuhause Karteikarten mit neuestem Vokabular an und übe mich im Vortrag der mir noch so unvertrauten Sprache. Eine neue, wieder mal freiwillig auserwählte, intellektuelle Herausforderung, dabei hatte ich geglaubt, alles was zu wissen sei, hätte ich längst abgeschöpft, denke ich mir, während ich jene neuartigen Buchstaben in konzentrierter Schreibschrift mit verkrampften Fingern zwischen die Hilflinien in einem Schreibheft für Erstklässler mit kleinen Verzögerungen zu Papier bringe.

14. Oktober 2011

Bis auf den letzten Euro

Erstaunlich wie sehr sich die eigene Einstellung zum Geld verändert. Habe ich vor noch drei, vier Jahren die Augen umso fester verschlossen, desto bunter (und damit gefährlicher) die Briefumschläge gestaltet waren, die ich, ihren Inhalt ignorierend, nachlässig aus dem Postkasten zog, um sie oben angekommen in irgendeine dunkle Ecke zu schmettern, von der ich hoffte, sie würde den Haufen Altpapier wie ein schwarzes Loch verschlingen, führe ich auf dem eisernen Fundament akribischster Ordnerführung und Zahlungsüberwachung inzwischen einen unerbittlichen Kampf mit schlipstragenden Herren und kostümierten Damen, die wahrscheinlich nicht nur äußerst mittelmäßige juristische Examina vorweisen, sondern weder mündlich noch schriftlich einen ordentlichen Satz geradeaus formulieren können, um die wirklich letzten Schuldeneuros - minimale Kleinstbeträge, Forderungen überdies, die meines Erachtens inklusive Inkassoaufschlag und Zinseszins längst abgegolten sind - und fühle mich dabei manchmal wie das marode Griechenland.

11. Oktober 2011

Wissensdurst

Durch herbstliche Dunkelheit laufen. Das erste Laub unter den Schuhen und ab und zu eine einsame Kastanie. Dort auf der stillen Straße, schon tausendmal in meinem Leben entlang gegangen und von hohen Bäumen gesäumt, zieht im schnellen Gang auf meiner Rechten das Institut für Philosophie vorbei. Wärmendes Licht fällt von innen durch die riesige Fensterfront sich pfützenspiegelnd auf die dampfende Straße und die ordentlich aufgereihten Stühle im Foyer, auf denen gerade noch Erstsemesterstudierende Platz nahmen, bedeuten mir, dass schon wieder Oktober ist, das Semester bald anfängt. Wie auch ich auf diesen Stühlen dort drinnen gesessen habe vor einer gefühlt langen Zeit und wie sehr ich gebrannt habe für die Themen und Bücher, die Paradoxien des Denkens und die Fragen. Innerlich gänzlich zerwühlt bin manchmal hier herausgefahren aus der lauten Stadt, aber gebrannt habe ich immer für diese abstrakten Dinge. Beim Einschlafen zu Hause dann, als der Regen nachts stürmisch auf den Asphalt im Hof niederprasselt, bete ich es mir nochmals selbstvergewissernd vor: Ich habe gebrannt. Im Vollzug meiner Liturgie, die Augen schon zugefallen und nur noch hörend auf das monotone Prasseln, weiß ich wieder, ich brenne immer noch.

8. Oktober 2011

Die Krankheit zum Tode

Der Herbst trifft mich mit einem Schlag. Die frische, regengesättigte Luft macht den Kopf frei und das Herz ungleich schwerer. Den ersten Schnupfen des Jahres hat sie mir auch beschert. Heute beim Zusammenkramen der letzten Belege für die Steuererklärung 2010 fiel sie mir seit langer Zeit mal wieder in die Hand, die Einladung zu Deiner Beerdigung am 12.11.2009, darin ein paar Fotos verstaut, auf denen Du allesamt lächelst. Anders und ganz verwandelt ist diese Bindung zwischen mir und Dir heute, ganz und gar innerlich, still und allgegenwärtig. In drei Wochen jährt sich der Tag Deines Todes zum zweiten Mal, Deine Mom sprach es mir mit brüchiger Stimme vorhin aufs Band - als könnte ich das vergessen. Doch dieses Jahr wird es alles ein bißchen anders sein, denke ich, während ich Äpfel aus dem Garten meines Opas stückele, dieses Jahr werde ich an der Kaffeetafel der Großeltern sitzen, vor einer riesigen Geburtstagtorte hoffentlich. In drei Wochen vor 75 Jahren kam mein geliebter Opa, der Empfänger der Torte, zur Welt. "Ja, man muss auch die Lebenden feiern", sagt M., dem ich von den Geburtstagsplänen, der unglücklichen Überschneidung und meinen Gewissensbissen erzähle, gerade zur Tür hereingekommen. Und ein bißchen klingen noch die philosophischen Gespräche der Nacht nach; wie wir alle dem Tod preisgegeben - ein Dasein zum Tode - in der Intensität der Lebensvollzüge beginnen eigentlich zu leben. All jenem hast Du die kalte Schulter gezeigt. Dein Tod, die absolute Entschlossenheit zwar, nicht aber zum Leben, sondern zum Zerfall. Die Unterbrechung jener Vollzüge.

27. September 2011

Über Bücher in Büchern, Vol. 1

Nie, wirklich niemals könnte ich bei Verstand über mich bringen, was Chip, besessener Tittenfetischist und Protagonist in Franzens corrections, anrichtet. Jenen besagten Brüsten, zunächst noch angekleidet, nämlich derart häufig kulinarische Genüsse zu verschaffen, in der festen Hoffnung, die lästige Kleidung darüber würde sich vermöge der befriedigten Sättigung in Luft auflösen, dass die Liquidität irgendwann so sehr eingeschränkt ist, dass er Buch für Buch aus seinem Bücherregal zu eliminieren beginnt, um Julia, die Angebetete, die bis zu dieser Stelle des Romans außer Brüsten nicht viel auszeichnet, nur weiter ausführen zu können:
 
Dass er geglaubt hatte, seine Bücher würden ihm Hunderte von Dollar einbringen, war erbärmlich offenkundig. Er wandte sich von ihrem vorwurfsvollen Rücken ab und erinnerte sich, wie jedes einzelne von ihnen damals, in den Buchhandlungen, eine radikale Kritik der spätkapitalistischen Gesellschaft verheißen hatte und wie glücklich er gewesen war, sie nach Hause zu tragen. Aber Jürgen Habermas hatte nicht Julias lange, kühle Birnbaumbeine, Theodor Adorno nicht Julias traubigen Duft lüsterner Geschmeidigkeit, Fred Jameson nicht Julias geschickte Zunge. Bis Anfang Oktober, als Chip sein fertiges Drehbuch an Eden Procuro schickte, hatte er seine Feministen, seine Formalisten, seine Strukturalisten, seine Poststrukturalisten, seine Freudianer und seine Schwulen samt und sonders verkauft. Alles, was ihm noch blieb, um das Geld für ein Mittagessen mit seinen Eltern und Denise aufzubringen, waren seine geliebten Kulturhistoriker und seine gebundene Arden-Shakespeare-Gesamtausgabe, und da dem Shakespeare eine Art Zauber innewohnte - die uniformen Bände in ihren hellblauen Schutzumschlägen glichen einem Archipel sicherer Zufluchtsorte -, stapelte seine Foucaults, Greenblatts, Hooks und Pooveys in Einkaufstüten und verscherbelte sie komplett für 115 Dollar.
 
Ich weiß nicht, ob der Anzugträger, mir in der Bahn gegenüber sitzend, gemerkt hatte, dass ich mir auf die Zunge biss als meine Augen diese Stelle gestreift hatten. Er lächelte jedenfalls komplizenhaft. Vielleicht hatte ich vor lauter Erregung auch spontan vor mich hin gemurmelt, vielleicht sogar ganze Sätze meines Unglaubens artikuliert. Und all das für ein paar Brüste, unverständlich! Ich selbst würde, wäre ich derart versessen auf die Dinger, auf den minimalsten Auswuchs an Luxus verzichten, damit ich sie, meine über junge Jahre gesammelten Schätze, behalten kann: diese Gesamtausgaben von Nietzsche, Foucault, Cioran, Alexander von Humboldt, Kant, Barthes, Deleuze, Schopenhauer, Leibniz und Benjamin, diese monumentale Sammlung an philosophischen Einzelausgaben, die Schmuckausgabe der Essais von Montaigne sowie die zahlreichen Romane, Lyrikbände, Monographien, mindestens tausend an der Zahl. Ich würde meine elektrische Zahnbürste, meine WMF-Pfanne, meine teuersten Lederstiefel hergeben, um nur diese meine Zufluchtsorte unangetastet zu belassen. Sollte auch all dies nichts nützen, würde ich mich, freilich mit erheblicher Gegenwehr, in ähnlicher Reihenfolge trennen wie Chip. Vor den Marxisten würden jedoch die Freudianer daran glauben müssen und die Poststrukturalisten kämen genau wie die Kulturhistoriker erst am Ende zum Zuge.

24. September 2011

enlightened

Den eigenen Forschungsbericht für ein von der DFG eingestrichenes Stipendium mit Platon eröffnen und mit ordentlich Pathos folgendermaßen beschließen:
 
Vielmehr erstreckten sich jene Einsichten bis in die entlegensten Winkel der thematischen Schwerpunktsetzung im Kontext meines Studienabschlusses – im Fach Literaturwissenschaft etwa in Form einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem Benjaminschen Konzept der Allegorie und ihrem schriftbildlichen Gehalt als errettendes Transformationsgefüge, in der alles „Geschriebene zum Bild drängt“. Ihr Einfluss wirkt infolgedessen bis in die gegenwärtige Konzeption meines Dissertationsprojekts, die unter dem vorläufigen Arbeitstitel Exzess und Exorzismus, den Fokus auf Lehre vom Zerfall legend, mit Blick auf das Gesamtwerk Émile Ciorans – ein poetischer Paroxysmus par excellence – in den exaltierten Aphorismen und Essays eine fragile ‚Metaphysik‘ freizulegen sucht. 
 
Danach: das Überwinden des Schweinehundes satyrhaft genießen. Fabelhafte Kreuzberger Jungs mit Fünftagebart auf ihren Rennrädern, vom Altweibersommerlicht schmeichelnd ausgeleuchtet, im Vorbeirauschen kurz anschmachten, ihnen kess entgegenzwinkern und ob der futuristischen Architektur ihres Sportgerätes bewundern. Eine Lenkergabel, die aussieht als wäre sie einem Klempner oder Rohrverleger entwendet worden.

22. September 2011

Das Sterben der Anderen

Ein leiser umso verheerender Schmerz als Gradmesser der Intensität einer Bindung. Ich bin erstaunt, welche kranken Nachtträume mein Hirn sich gegenwärtig zusammenreimt, welche Todesszenarien es ersinnt, um mir jenen Kausalzusammenhang dämmernd erfahrbar zu machen. Gleichzeitig bin ich verwundert über den krampfhaften Versuch, das Weinen zu unterdrücken, aus Angst es könnte bemerkt werden. Seit Montag andauernd, das.

17. September 2011

Wake me up when September ends - oder von der Kälte des Morgens

Über Nacht scheint klamm und heimlich der Herbst durch alle Ritzen gekrochen zu sein. Die Dielen unter den nackten Füßen fühlen sich kälter an als noch gestern. Ein Tuch um den Hals geschlungen und innerlich noch ein wenig zitternd steht der frsich gebrühte Pfefferminztee beim Schreiben aufgeschoebner Mails in meiner Reichweite. Und wieder einmal steht es mir vor Augen, der stille Startschuss ist gefallen. Wie jedes Jahr beginnt nun erneut die Zeit konzentrierter Arbeit, der letzten Schritte zum akademischen Titel, endet die Agilität, das sommerliche Aufbegehren, die Zerstreutheit. Dass ich das letzte halbe Jahr eigens dazu genutzt habe, dem Begehren des Leibes nach Herumtollen auf Rasenflächen zugunsten eines harten Broterwerbs zu opfern, sichert mir nun das Überleben - bei üppigem Leben vier Monate, bei karger Lebensform mindestens ein halbes Jahr. Und all dies theoretisch, ohne einen Finger zu rühren, auf eiserne Reserven zurückzugreifen oder gar ein Bankdarlehen in Anspruch zu nehmen. Dass es eine solche Zeit in meinem Studium je gegeben hat, in der ich weniger als 20 Stunden - meistens 30, zuletzt mindestens 40 - in der Woche gearbeitet hätte, dafür finde ich keine Anhaltspunkte in meiner Erinnerung. Dass ich daher lassen könnte, nebenbei noch etwas gegen Bezahlung zu tun, kann ich mir jetzt noch schwierig vorstellen. Dennoch habe ich alle Aufträge ab November strategisch ausgeschlagen, ermahne mich beim Blick in die Jobbörse des Career Service und tröste mich mit lockenderen Vorstellungen: Ich werde wieder bis die Nächte über Berlin hereinbrechen in Bibliotheken sitzen und all die ebenso lang studierenden Kommilitonen wiedertreffen, die ich im letzten Jahr so sehr vermisst habe, ich werde gleich zwei Squash-Kurse buchen, mich auf den Staffelmarathon auf dem Tempfelhofer Flugfeld vorbereiten, ich werde wieder mehr lesen, zwei hoffentlich drei Bücher die Woche und postmodern verstiegene Essayistik dazwischen. Ich werde mir einen lang gehegten Wunsch erfüllen und endlich Altgriechisch an der Universität lernen, bald darauf die Sophistes im Original lesen können und das Beste daran: Ich werde nur dann arbeiten müssen, wenn das Verlangen nach teurem Luxus es wirklich von mit verlangen sollte und dann selbst mit einem Minijob meine Bedürfnisse stillen können. Mit kindlicher Vorfreude warte ich nun nur noch auf die ersten bunten Blätter.

16. September 2011

Die kleinen Dinge

Statt wie früher ungedeckte Kreditkarten glühen zu lassen und immer mehr an und unter Klamottenbergen zu ersticken, während der Briefkasten Tag für Tag bunte Briefe aus seinem Inneren hervorzaubert, gehe ich momentan an den zahlreichen Konsumversprechen vorbei als hätte ich es nie anders gemacht. Ich bin erstaunt über diese in den letzten Jahren nie gefühlte Genügsamkeit und eine Gemütsverfassung, die ihre ehemalige Ventillosigkeit nicht mehr über die Sprache des Konsums austrägt und überhaupt neues Vokabular kennt: viel leichter loslassen statt krampfhaft besitzen wollen, rausschmeißen statt horten, Erleichterung statt Beschwerung. Wie wenig ich momentan ausgebe und wie einfach das eigentlich ist, sich in einer derartigen Askese zu üben. Um die Erfahrung gebracht, auf der impulskontrollgestörten Suche nach einem Schmerzenskompensator mit bis zum Hals pochender Sucht und von dem beklommenen Gefühl unter der Haut begleitet, das eigene Leben von der Wurzel an zu zerstören. Wie merkwürdig es sich anfühlt, wenn die Schulden plötzlich getilgt sind, für die seit Jahren nicht mehr genutzte Barclay-Card letztmalig 25€ abgebucht, die von 3000€ übrig sind, mich so wenig Post erreicht wie nie - nur noch Urlaubkarten, Wahlkampfflyer und IKEA-Kataloge. Welche Genugtuung  hingegen angesichts des Zaubers der kleinen Dinge: Zwei Stück Duftseife von Lush zum Beispiel oder eine in Leinen gebundene Ausgabe von David Copperfield für nur wenige Euro vom Bücherstand vor der HU. Wirkungsvoller, um Bedeutung geschwängerter Minimalluxus.

15. September 2011

Ästhetisierung der Armut

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Statt das Unvermögen großer Bevölkerungsanteile an gesellschaftlichen und ökonomischen Prozessen teilzuhaben endlich mal auf den Tisch zu bringen, wird Berliner Armut im Wahlkampf ständig ästhetisiert, verharmlost und veralternativisiert. So viel Sexyness, die sich bald nur noch ein Bruchteil zu leisten vermag.
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Heute dann dem Sommer endgültig Goodbye gesagt. Dies trotz prognostizierter 23° C am Wochenende durchgezogen. Kein Pardon. Dazu massenhaft Miniröcke, Babydolls, Hotpants, Wedges, Römersandalen und Fesselriemchen in Kisten gehievt, verstaut und jedes Mal tief melancholisch geseufzt beim Verschließen. Früheste anzunehmende Öffnung: April 2012.
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Heute morgen im Bett im SPON-Forum und parallel im Tagesspiegel fast zwei Stunden hitzige Debatten zwischen Autofahrern und Radlern verfolgt. Erstaunt über die Militanz der Streithähne. Kräftig genickt bei den folgenden Ausführungen

Das Grundproblem in den Großstädten ist sicher das Auto. Neben dem unglaublichen Dreck, Lärm und Gestank verursacht es vor allem einen gigantischen Flächenfraß, so dass für alle anderen Verkehrsteilnehmer nur noch ein kleiner Rest übrig bleibt, um den sie sich dann prügeln – weil er viel zu klein ist. Ein wenig rotes Pflaster, auf den Gehweg gezwängt, meistens zudem von Autos zugeparkt – so ist es in deutschen Großsstädten üblich – soll ein "Fahrradweg" sein... lachhaft. Da bleibt als Fahrradfahrer nur eins: man weicht auf die Straße aus. Wer ein wenig schneller als Schrittempo fährt, bringt auf diesen "Fahrradwegen" nur Fußgänger und sich selbst in Gefahr.


Autofahrer hingegen... oh je. Zunächst kann man im Berufsverkehr schön beobachten, dass in fast allen Autos nur eine Person sitzt, die sich darüber wundert / ärgert, dass die Straße zu voll ist – weil andere dasselbe tun. Dementsprechend hilflos und aggressiv wird auf die Fahrradfahrer losgegangen, die an den endlosen Blechlawinen vorbeiradeln: man wird rausgedrängt, geschnitten, ausgebremst, angehupt, angepöbelt. Dass man als Fahrradfahrer dabei nicht selten in Lebensgefahr gebracht wird, weil man kein schützendes Blech um sich herum hat, scheint den durchschnittlichen Autofahrer nicht zu interessieren.


Die Verkehrspolitik in Deutschland ist immer noch von vorgestern, in erster Linie auf Autos ausgerichtet. Fast schon traumhaft kommen einem da Städte wir Amsterdam mit ihren weitaus fortschrittlicheren Verkehrskonzepten vor. In Berlin oder Hamburg oder München hingegen: eine einzige Katastrophe.


und dann doch in leise Zweifel verstrickt. Was wäre, wenn sich bei unveränderter Verkehrspolitik und städtebaulichen Gegebenheiten noch mehr Personen entscheiden, morgens das Rad für den Arbeitsweg zu nutzen? Schon in diesem Sommer war mir das ständige Rumgeeiere der Vordermänner/-frauen - besonders bei mittelalten Prenz'l Bergerinnen gern gesehen - wirklich unerträglich. Verlangsamte es nicht nur meine Fahrt erheblich, sondern schlug mir auch überaus heftig aufs Gemüt.
***
Zu allem Überfluss hat sich irgendein Witzbold meiner Laufschuhe bemächtigt, die ich zum Auslüften vor der Haustür parkte. Seitdem schmiede ich perfide Mordpläne.

11. September 2011

Noch einmal leben...


In einem Land vor unserer Zeit trägt mein Opa meine kleine Mama durch die Gartenanlage spazieren. An einem sonnigen Tag in sehr ferner Vergangenheit schreitet er durch Schattenspiel und Herbstlicht über den Boden eines Land, das längst nicht mehr existiert.
Den Kopf voller Gedanken springe ich am Bahnhof Friedrichstraße aus dem Regionalzug in die Straßenbahn nach Hause. Ich kenne jeden Abschnitt, jede Kurve entlang der Strecke. Selbst mit geschlossenen Augen wüsste ich jederzeit, wo ich mich gerade befinde. Eingelullt von einem monotonen Geschaukel, während die warm beleuchtete, regennasse Großstadt gemächlich vorbeizieht, legt sich eine sanfte Schwere über die müden Lider. Und während ich das Wochenende innerlich Revue passieren lasse, fallen mir dutzende gewechselter Sätze wieder ein. Wie ich meine Mutter in etwas rührigem Tonfall in der Nacht auf dem Rückweg in den Garten der Großeltern unter einem fahlen Septembermond gefragt habe, wie und ob sie sich noch gut an ihre Kindheit erinnern könnte, sie mir daraufhin Bericht erstattete und sich in meiner Gegenwart selbst an vergangene Zeiten erinnerte. Auf ihre Gegenfrage hingegen antwortete ich, aus Angst meine Stimme könne den Grad meiner Bewegtheit preisgeben, eher kurzatmig. An vieles erinnere ich mich jedoch sehr genau, insbesondere wie beschützt und abgeschottet meine Kindheit verlief und nicht wie die ZEIT in einem ihrer Leitartikel diese Woche konstatiert, mit spätestens zehn Jahren endete. Gehörte ich doch zu denjenigen, die auch im höheren Alter noch mit einem Teddy erwischt worden wäre und wirklich sehr lange noch kindlich spielte. An die absolute Versunkensein in diese reiche Welt der Phantasie, die damals absolut nichts trüben konnte, an die radikale Selbstverlorenheit erinnere ich mich mit einer nahezu mikroskopischen Präzision. 
Nachts dann schlief ich in der Wohnung der Großeltern zum ersten Mal seit anderthalb Jahrzehnten wieder mit meiner Mom in einem Bett. In der Morgendämmerung erwacht und im anschließenden Halbschlaf etwas gefürchtet davor, dass dieser Mensch, da neben mir liegend, atmend, einmal sterben wird, noch lange hin aber unausweichlich. Und auf dem letzten Stück Heimweg, beim Durchqueren des Weinbergparks im strömenden Regen, die flüsternden Worte meines Opas beim Betrachten alter Fotos, dem Archiv familiärer Erinnerungen, im Ohr: "Noch einmal leben".
Eine Melancholie, die mich auf einmal intensiv erfasst, mich an unzählige Heidegger-Lektüren denken lässt, wie mich, zwanzigjährig, der zweite Teil von Sein und Zeit - das Sein zum Tode, die Zeitlichkeit des Daseins und seine Entschlossenheit - nicht nur intellektuell zum Erbeben brachte. 
Und, die Allgegenwärtigkeit des Todes im Leben, das Eingedenksein des Endes im Anfang, immer wieder an Hesse: Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

6. September 2011

Whose woods

Henry James in einem Brief an seine Söhne: "Einem jeden, der zumindest den geistigen Kinderschuhen entwachsen ist, dämmert der Verdacht, daß das Leben keine Farce ist, daß es nicht einmal eine elegante Komödie, daß es im Gegenteil aus den tiefsten tragischen Tiefen des essentiellen Mangels erblüht und Frucht trägt, jenes Mangels, in den die Wurzeln seines Gegenstandes versenkt sind. Das natürliche Erbe eines jeden, der eines geistigen Lebens fähig ist, ist ein ungezähmter Wald, in dem der Wolf heult und der obszöne Vogel der Nacht plappert."
Von dort, wo des Waldes Dickicht einem glanzlosen, ganz und gar gezähmten Eden weicht, von dorther bin ich gekommen, ein wenig vergiftet inzwischen von den bitteren Äpfeln, die ich als Reiseproviant von den Ästen gepflückt hatte und deren Gehäuse ich achtlos in das Gras warf. Des geistigen Lebens fähig, gebäre ich seitdem täglich hundertköpfige Schimären. Degenerierte Surrogate eines Geistes, der Wurzeln im Diffusen des Unterholzes schlägt anstatt dem Licht der Krone entgegenzuwuchern.

3. September 2011

Beyond facebook

Bisher lief die Kommunikation zwischen mir und den vielen Menschen in meinem Leben immer reibungslos. Ich besitze ein Mobiltelefon aus der Belle Époque (kein Smartphone), eine private und vier dienstliche Mailadressen und ein Festnetztelefon, auf dem man mich zwar nienienie erreicht, auf dem aber ein Band alle Beteuerungen und Rügen artig aufnimmt und für den späteren Konsum bereitstellt. Auch ohne facebook glückten Kontaktaufnahmen, Einladungen und kurze Grüße bisher. Zugegeben, manchmal musste der Adressant in Hinblick auf meine facebook-Totalverweigerung minimalen Mehraufwand betreiben, musste den Mail-Client öffnen, meine Adresse eintippen und einen kurzen Text erzeugen bzw. per Strg+C-Strg+V aus dem Gesichterverzeichnis transferieren. Das klappte ohne größere Reibungen. Zwar wurde die Namensfülle des Adressfeldes (sofern nicht BCC) in jenen Mails über die Monate und Jahre immer stärker dezimiert, da alle Skeptiker freilich aus pragmatischen Erwägungen (Kontakte schnell und einfach halten, besonders aus dem Ausland und man kann alles auch anonym stellen, blablabla) inzwischen in den Antlitzverein übergetreten waren, ich, jene von den kostbarsten Plapper-Strömen Abgeschnittene, erhielt ohne viel Federlesens dennoch immer Kunde, welche Events unbedingt anzusteuern waren und welches Paar heiratete oder Kinder bekam. Manchmal per Mail, oft jedoch durch einen Anruf oder eine SMS. Das Leben der übrigen Klassenkameraden, langweiligen Kollegen oder einstigen Affären interessiert mich ehrlich gesagt nicht, ich will mich mit diesen weder vernetzen, noch austauschen, weder auf deren Hochzeiten erscheinen, weil sie keine anderen Freunde haben, noch mit ihnen 30 werden. Das ist mir irgendwie zu doof. Mit den geliebten Mitstreitern in meinem Leben gestaltet sich die regelmäßige, aber wirklich interessierte Kontaktaufnahme eh schon schwierig genug. Und wie mein Leben beweist, hatten mehr als 15 Freunde (nicht Bekannte) gleichzeitig nie wirklich Platz darin. Auch bei dieser übersichtlichen Zahl fühlte sich immer schon einer unter ihnen zu kurz gekommen und forderte Aufmerksamkeiten ein, die ich nicht bereit war zusätzlich aufzubringen. Alles darüber, bei dem Pensum an Sport, Akademie und Broterwerb, eine Entäußerung von Kräften, reine Selbstausbeutung und dies alles bei meinem dringenden Bedürfnis in den Atempausen auch mal den schweren Gedanken nachzuhängen, ohne dass ständig einer stört.
Doch gestern abend schlichen sich kleinste Zweifel in das holde Abstinenzlerglück als ein guter und alter Freund von M. und mir seinen Geburtstag im Kreuzbergischen begoss und wir abends durch die anwesenden, freilich vernetzten Freunde unseres Fehlens gescholten, erst Wind von der Sache bekamen, die uns facebook vorenthielt. Da weder M. noch ich dieses Opfer der Anmeldung zum Zwecke künftiger Vernetzung unverzüglich auf sich nehmen wollten und weil uns die Arbeitswoche dermaßen gefickt hatte (Berliner Idiom), nahmen wir rentnergleich vorlieb mit Süßem und Bett.

31. August 2011

These boots

Diese cognacfarbenen Cowboystiefel aus butterweichem Leder mit den filigranen Ziernähten, die ich immer so mochte, waren nicht nur zum Laufen gemacht, sondern ließen mich jahrelang über die Dancefloors etlicher Berliner Clubs nur so schweben. Heute nun habe ich mich schweren Herzens von den treuen Begleitern getrennt. Das Leder war an einigen Stellen derart ruppig von der Sohle gerissen, dass selbst mein Schuhmacher unserer Scheidung nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Weil ich den Gang nicht eigens über das Herz brachte, musste M. sie, behutsam mit einer Tüte umwickelt und mit einem larmoyanten "Lebt wohl" behaucht, das letzte Stück auf den Hof begleiten. Da liegen sie nun, die Guten, artig zusammengefercht mit Filtertüten, Joghurtbechern und Apfelgriebschen. Hach!

27. August 2011

Adieu

3. Person Singular, Imperfekt, Indikativ, Aktiv.
Gestern noch rot lackierte Zehen in Riemchensandaletten, heute nasse Jeans bis zum Knie und schwimmende Zehen in durchnässten Asics.

26. August 2011

Vom Spieltriebe

Ein Nachmittag im Volkspark am Weinberg. Eine Hochsommersonne brennt sich in die Haut der entkleideten Leiber. Sonnenanbeter gesellen sich zu Sonnenanbetern. Sardinendosenhaft liegen ihre Handtücher nah aneinander ausgebreitet wie auf spanischen Inseln zu Ferienbeginn. Inmitten des stillen aber geschäftigen Treibens hat sich ein Grüppchen junger Männer gebildet. Von der Sonne beschienen strotzen ihre athletischen Anfang-Zwanzig-Körper prächtig vor Virilität. In Windeseile sind je ein Paar Sneakers zu einem Tor umfunktioniert, ist ein kleiner Ball aufgetrieben, das Spiel begonnen. Ein anhaltendes Gestürme und Gerangel bietet sich der amüsierten Betrachterin dar. Rennend und in permanenter Bewegung haben sie, die selbstvergessenen Spielenden, rasch eine fesselnde Geräuschkulisse um sich aufgebaut: Triumphales Gejohle löst wüste Beschimpfung ab und dazwischen immer wieder ein kindlich-amüsiertes Lachen. Als der Ball dann im Seerosentümpel landet - beliebte Badestelle für die Hunde Berliner Punker- wird nicht lange gezögert, eine Münze geworfen und der Verlierer stimmlich mit Beleidsbekundungen und Gelächter durch die Brühe zum Ball geleitet. Zur Belohnung gibt es für diesen, am Ufer angelangt, eine Sternburg-Dusche und das Spiel wird unverzüglich und mit gleichem Elan aufgenommen als wäre nichts gewesen. Ich selbst hetze, die braunen Füße längst schon wieder in den Fesselriemchen-Sandalen, auf meinem Fahrrad zum nächsten Termin und denke, von jener Szene innerlich verzückt, so bei mir, dass ich das schon immer sehr gemocht habe, die Verlorenheit im Spiele, die mir so selten bei Frauen begegnet. Jene Versunkenheit im Wollen, meine lautstarken Anflüge jugendlichen Überschwangs, für die ich selbst von diesen, im spielerischen Sinne absolut Unambitionierten, manchmal spitzlippig gerügt und fast immer kritisch beäugt worden bin. Für diese körperbetonte, sportive, manchmal auch agressive Art des direkten Miteinandermessens, für das sie einfach keine Empathie aufbringen können.

24. August 2011

On the run

Würde mein Leben verfilmt, dann als Aneinanderreihung von Laufepisoden. Was das Laufen (nicht Joggen) angeht, bin ich nämlich irgendwie besessen, wenn man so sagen kann. Ich liebe es abgöttisch, nahezu manisch, dieses ziellose, aber dynamische Flanieren mit Musik im Ohr. Besonders in warmen Nächten; wie diese eine ist. Da ich,  auf dem Arbeitsweg vom Regenschauer kalt erwischt, mein Fahrrad heute morgen am Bahnhof Friedrichstraße genervt stehen ließ und meine Fahrt mit der S-Bahn fortsetzte, kam ich durch einen Umweg über eine Berliner Weiße mit Waldmeister in der Kreuzberger mokkabar zum Feierabend in den Genuß eines unvergleichlichen Sommernachtsspaziergangs. Von dort aus lief ich am prächtigen Jüdischen Museum vorbei zum Gendarmenmarkt, die Nase kurz am Schaufenster der Chocolatiers Fassbender&Rausch (buchstäblich!) plattgedrückt, dann widerwillig losgerissen, an Lutter&Wegener vorbei, gut gefüllt wie eh und je, Unter den Linden gekreuzt. Das Grimm-Zentrum leuchtet, mein Fahrrad habe ich da schon beinahe erreicht, vorwurfsvoll auf mich herab und mahnt mich wie ein zärtlicher Vater, meine akademischen Verpflichtungen ob der sentimentalen Verwirrungen, die dieses Wetter mit sich bringt, nicht allzu sehr zu vernachlässigen. Und überhaupt überall entlang des Weges, den ich zurücklasse, Massen von Menschen, fast lautlos durch die Nacht gleitend. Die bei Kerzenlicht die Köpfe zusammenstecken, lachen, flüstern. Die schwüle Luft rieht nach Motoröl, Hundekot und Pizza. Schweißperlen, die den Rücken hinunterlaufen und trotzdem Gänsehaut bei den alten Springsteen-Platten, die mein Vater an fast dem gleichen Ort in einer anderen Zeit schon hörte. River - I'm on fire - Radio Nowhere. Und noch schwingt die schmeichelhafte Bemerkung eines blinden Kollegen in mir nach, meine eigene, diese viel zu laute, auf dem AB derart verzerrte, manchmal unkontrollierbare Stimme, würde sich ideal für Hörspiele eignen. Auch ein bißchen Stolz und Verlegenheit. Später auf dem Fahrrad dann, nur noch ein minimaler Heimweg vor mir, in großem beschwingten, vielleicht etwas nachttrunkenen Slalom durch die Ackerstraße. Fast so als könne man abheben in den Nachthimmel hinauf. Und während ich dies hier schreibe, feiert die Welt draußen mal wieder ihren nächsten Untergang.

21. August 2011

Der Sommer ist noch lang...


...hofft die Möwendomteuse und hat dabei, den Ostsee-Kontrollettis und 25.000€ Bußgeld für die unerlaubte Fütterung mit durchschwitzter Wurstbemme gerade noch von der Schippe gesprungen, eine alte Platte der Helden im Ohr - die Repeat-Taste den ganzen Tag eingerastet:

Vielleicht wärst du Seetang
Ich wäre Krill
Wir wären der Seegang
Und dann wären wir still

Über uns Möwen
Hungrig und schrill
Aber uns wär egal
Ob die Möwe was will

Soll sie doch fragen: „Wo sind sie hin?“
Ich werd niemandem sagen, wo ich bin

Lass uns verschwinden, lass uns verschwinden
Wir lösen uns auf, wir lösen uns auf
Lass uns verschwinden, lass uns verschwinden
Wir lösen uns auf, da kommt keiner drauf

18. August 2011

1993

Beim Immatrikulieren der neuen FU-Studierenden zum Wintersemester steigt beim Geburtsjahrgang 1993 in mir permanent ein Gefühl der Beklommenheit hoch, das M., als wir nach getaner Arbeit im Weinbergspark liegen von mir zaghaft erwähnt, mit einem süffisanten "Wir sind halt alt geworden" kommentiert. 1993, unvorstellbar das! Zehn Jahre nach meiner eigenen Geburt. 10 Jahre, mein Gott! Da konnte ich bereits schreiben, rechnen und alle 16 Bundesländer inklusive ihrer Hauptstädte auswendig. Da entwickelte ich langsam einen gesunden Skeptizismus den Erzählungen der Erwachsenen gegenüber, während die da, die jungen Nachfolger, noch in die Windel schissen. Die Pubertät lag zu diesem Zeitpunkt zwar noch lange vor mir, dennoch war ich der Volljährigkeit schon um Jahre näher als insgesamt noch vor jenen lagen bis sie selbst so alt würden wie ich es damals war. 1993 lässt mich seitdem den ganzen Tag nicht mehr richtig los, macht mich irgendwie wehmütig. In den Gedankenpausen dazwischen muss ich immer wieder auch ein bißchen selbstironisch über mich schmunzeln.

11. August 2011

Amnesiophobie

Diese mentalen Selbstüberprüfungen momentan. Morgens, mittags, abends und vor allem direkt vor dem Einschlafen. Und selbst in den Schlaf schleichen sich dann die Befürchtungen des Tages ein. Heute Nacht von wildesten Träumen unterbrochen, kocht immer wieder die Angst hoch, dass da eventuell nicht alles richtig läuft im Oberstübchen. M. berichtet, wie ich anscheinend begleitend dazu, kräftig das Bett durchwühlt habe und scheinbar dabei sogar Zähne geknirscht. Fehlt nur noch, dass ich demnächst anfange, schlafzuwandeln und wirre Disputationen abzuhalten. Dabei kann ich mich noch gut erinnern, dass mich diese unspezifische Angst vor Gedächtnisverlust, Amnesie, Demenz, dem Abbau geistiger Fähigkeiten, Einbußen in Formulierungsgeschick und sprachlichem Stil, ganz allgemein die Befürchtung eines zumindest partiellen Wahrnehmungsausfalls schon als Kind in so mancher Nacht in Schrecken versetzt hat und nicht richtig schlafen ließ. Und heute tagsüber geht das schon die ganze Zeit so weiter mit meinen merkwürdigen Phantasmen: Sobald mir ein Fremdwort oder Synonym nicht auf der Stelle einfallen will, helle Aufruhr und ein bißchen Panik. Sofortige Beruhigung dann, wenn die gedankliche Rückversicherung Früchte trägt und artig memorierte Ergebnisse abwirft. Zumindest profitiert mein Plan, Gedichte zu lernen, von der sorgfältigen Kontrolle und ständigen Selbstvergewisserung.

8. August 2011

Lebenssinne

Ich bin ein Mann, für den bestimmte Dinge von Bedeutung sind: Härte, Selbstdiszplin, Vernunft, das Streben nach allem, was edel ist, ohne auf die Krücke Gott zurückzugreifen. Das Ideal von Schönheit, die Aussicht auf Erhabenheit, der Geist. Ich bin: ein verheirateter Mann. Saladin Chamcha

Ich bin eine Frau, die vielen Dingen große Bedeutung beimisst: Selbstbestimmung, Hingabe, Ehrgeiz, Zerstreuung und im gleichen Maße Verstand sowie dem Streben nach allem, was edel ist und frei macht. Gott habe ich dafür argumentativ nie in Anspruch nehmen müssen. Das Ideal von Schönheit, Erhabenheit, der Geist. Ich bin: mir manchmal glücklicherweise etwas entledigt.

7. August 2011

Reisen






Während Regenlandschaft draußen vorbeizieht, die im Laufe der langen Zugstunden irgendwann von imposanten Kumulusformationen abgelöst wird, lerne ich, die mich sonderbar verwirrenden Satanischen Verse im Schoß, das Lesen immer wieder unterbrechend, Nietzsches Wanderer auswendig aufzusagen. Anlässlich eines selbstauferlegten Projektes, mir bis zum Ende des Jahres wieder ein einer Geisteswissenschaftlerin halbwegs angemessenes lyrisches Repertoire raufzuschaffen, werde ich das gute Dutzend dann zu Silvester hoffentlich jukeboxartig abspielen können.
Zwischendurch, in den Konzentrations- und Lesepausen, derweil Hot Chip süffisant in mein Ohr plärrt und Landschaft undefiniert vorbeischwebt, steht es mal wieder hell und klar vor Augen - ein fast schon Cartesianisches clara et distrincta -, die beständige Affirmation des Ichs durch rigide selbstdisziplinatorische Praxis in Bewegung gehalten, all das selbstverständlich stets gemischt mit ein wenig Sadomasochismus.

Und immer wieder diese Erinnerungsfragmente an die zu Beginn des Jahres gelesenen Reisejournale Willemsens. Heimgekehrt, dann normal nachgeschlagen und die betreffende Stelle gleich gefunden:
In der Nacht schwoll mein Knie so weit an, dass ich am nächsten Tag das Zimmer nicht verlassen konnte und an den folgenden Tagen auch nicht [...]. Die meiste Zeit lernte ich Gedichte auswendig oder blickte an die Decke [...]. Reisen, so kam es mir in diesem Moment vor, das war wie die Projektion der Heimat auf fremde Tapete. Dort findet man das Haus, das man verlässt und auslöscht, fühlt die Verankerung, die man vergessen machen wollte.


5. August 2011

Arm? Um Gottes willen! Sexy? Naja, geht so...

Woran erkennt man, dass man sich in Regionen mit hohem Lebensstandard bewegt? In Gegenden vorgestoßen ist, in denen Menschen zu Hause sind, die je mehr Geld sie besitzen, desto unauffälligerer Erscheinung sind. Man braucht nur die örtliche Sparkasse zu betreten und der Stückelungsstandard bei der Auszahlung des Bargeldes am Automaten spricht Bände. In Berlin wären Studenten, Hartz-IV-ler und sonstige Angehörige des Prekariats längst auf brennende Barrikaden gegangen, hätten sie sich mit einer Mindestauszahlung von 50€ konfrontiert gesehen. Dort, in meiner Heimat nämlich, habe ich mir in besonders knappen Monaten schon oft einen noch geringeren Mindestauszahlbetrag erträumt, weil das Konto keinen Zehner mehr für mich abwerfen wollte, einen Fünfer aber gerade so noch entbehren konnte. Hier, im wohlhabenden Vorort der bayerischen Hauptstadt, weiß der gemeine Bürger längst schon nicht mehr, wie der denn eigentlich aussah, dieser Belangloseste aller Scheine.

3. August 2011

Oder ists nur phantasey, die den müden geist betrübet?

Beim Versuch das Wesen des Melancholischen intellektuell aufzuspießen, führt Benjamin der Weg zu den Kontemplationen Aegidius Albertinus: Denn mit dem Melancholischen ist es "zu Anfang als mit Einem, den der tolle Hund gebissen hat: es kommen ihm erschreckliche Träume, er fürchtet sich ohn' Ursach. [...] Also vergehen ihm bei lebendigem Leibe die Sinnen, denn er siehet und höret manchmal nicht mehr die Welt, so um ihn her lebet und webet, sondern allein die Lügen, so der Teufel ihm ins Gehirn malet und in die Ohren bläst, bis er am letzten Ende anhebt zu rasen und in Verzweiflung vergeht.
Im konspirativen Bund stehe auch ich, seit ich denken kann, mit der Schwermut. Sie, die gedankenversunkene und so sehr abgewandte Seite der Bipolarität, die durch das Schreiben und die Grübelei hervorgerufen wird.

31. Juli 2011

"Das grösste Schwergewicht. - ...alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen" - Fröhliche Wissenschaft, Aph. 341

Selbstrezitation: 
"Vor einem Jahr bin ich im strömenden Regen durch die Stadt gefahren, frierend, weinend und  hoffnungslos. Heute gehe ich nach draußen in die wärmende Sonne und weiß, was immer auch passiert, dass nichts umsonst gewesen ist." - 22.09.2006

30. Juli 2011

Feels like end of summer

Draußen

*Dauerregen und eine novembereske Gräue
*eine kurze Regenpause genutzt und mit Robert Ullrey im Ohr (Danke an Caro!) ein paar Runden im Weinbergspark gedreht. Für den ernsthaften Wiedereinstieg nach einem halben Jahr Abstinenz größenwahnsinnig gleich mit Podcast Week 9 angefangen, eine halbe Stunde relativ zügig durchgerannt, nichts bereut, sogar erstaunt gewesen, dass es sich hier direkt vor der Tür so gut rennen lässt und beschlossen selbiges jetzt auch mal ganz früh vor der Arbeit auszuprobieren.
*nur ein paar Kids in quietschbunten Gummistiefeln und ein paar Hundebesitzer im Park gesichtet, sonst nur beimitleidenswerte Touristen, denen man während ihres Aufenthalts in der Hauptstadt besseres Wetter gegönnt hatte

Drinnen

*heiße Zitrone, Kaffee und literweise Pfefferminztee, Honig-Ingwer-Möhrensuppe und Naturjoghurt mit Erdbeeren und Haferflocken
*eine warme Dusche nach dem Lauf
*seit dem frühen Morgen dann konzentrierte Lektüre des Benjamin und Verwunderung über die eigensinnige und äußerst unorthodoxe Kulturanalyse, mit der der beharrliche Leser, hat er die behäbige Einleitung, von einem historisch-dialektischen Materialismus triefend, erst überstanden, im Folgendem reich belohnt wird

Innendrin

*kreatives Gedankenchaos und wieder ein bißchen Zuversicht, dass das alles doch noch irgendwie zu schaffen ist
*sehnsuchtsvolle Erinnerung an einen herrlichen Sommerabend am Pfingstwochenende

29. Juli 2011

Wet sand

Plötzlich Stadium Arcadium Disk 1, Track No. 13 bei der Auswahl des Klingeltons. Für einen kurzen Moment lang bin ich in Deinen Hausflur zurückversetzt, an dem Tag als Du amtlich besiegelt starbst. Wie mir schwarz vor Augen wurde und ich dann ohne Halt die Stufen bei Dir im Haus hinunter wankte ohne Dich nochmal anzusehen. Nach einer halben Minute ist alles wieder normal, alles gut. Tony singt immer noch.

I shall be too late!

Das muss mindestens 15 Jahre her sein, dass ich zuletzt eine Armbanduhr besaß; fast mein halbes Leben lang. Ihr beständiges Ticken in der Nacht fühlt sich gegenwärtig ganz und gar irritierend an nach den Jahren. Diese durchbohrende Präsenz, die zwischen finsteren Träumen eine anhaltende Absicherung der Realität bietet. 
Durch die neuartige Erfahrung bin ich im morgendlichen Dämmerschlaf sofort zurückversetzt in das Schlafzimmer meiner Großeltern. Zur Rechten ihres Ehebettes aufgebarrt, lag ich, vor dem Einschlafen mit offenen Augen einer absoluten Dunkelheit ausgesetzt, da auf einer aufklappbaren Liege, während der kleine Plastikwecker auf dem Nachtisch meines Opas mit seiner klanglichen Präzision ausdauernd Zeichen der Persistenz und Zuverlässigkeit meiner kindlichen Welt lieferte. Diese vergängliche Vorstellung vor Augen bin ich von dieser beim Aufwachen an einem grauen Morgen behaglich eingelullt und traurig berührt gleichermaßen.


28. Juli 2011

Aus dem Takt

Dass ich nach langer, anhaltender Anstrengung und immensem Arbeitsaufwand immer wieder aus dem Tritt komme auf der zähen Zielgerade des Studiums. Zurückfalle hinter das, was längst überwunden schien, das bißchen Erkenntnis, hart errungen. Wie er mir in geistigen Umnachtungszuständen immer wieder aus der Hand fällt, der Faden, beinahe vorsätzlich fallen gelassen. Immer wieder aus der Bahn geworfen und alle Pläne selbstbetrügerisch nach hinten korrigiert. Und dass ich dabei stetig das mit Füßen trete und anfange zu verachten, für das ich seinerzeit alle Zukunftchancen hab sausen lassen, und stattdessen schlaflose Nächte gebrannt. In der momentanen Ohnmacht, der Stagnation im Angesicht des Endes fast wertlos, das alles. 

"Du hast keinen Biss" hat mir der Mensch, dessen Wort mir alles bedeutet, heute im Wortgefecht entgegen geschleudert und damit alles gesagt. Und nichts ausgelassen, was mich in meinem Selbstbild hätte härter treffen können. Ich trete von Schattenhaftem gelähmt längst wieder auf der Stelle, hartnäckig.

27. Juli 2011

De superbia

superbia, superbiae, femininum - schüchternes Kopfnicken, geräuschloses Hinsetzen, Durchatmen. Nicht ohne perfiden Genuss erinnere ich mich an meine strahlende Ära als discipula linguae Latinae zurück. Inmitten von AcI, Gerundivum, Hortativ und Abl. abs. den Blick unbeirrt und äußerst strebsam auf das große Latinum geheftet, bestand ich dieses dank der sechs Jahre eisernen Vorlaufs, ein martialischer Trimm-Dich-Pfad, über den uns die bereits damals pensionierte Magistra Schneppelina mit Gouvernantendutt peitschte, durch einen unerwarteten Lehrerwechsel in der Oberprima mit Bravour (s.c.l.). Die harte stilistische Schule schärfte mein jugendliches Gefühl für Wesen und Struktur der Sprache. Doch damit nicht genug: Seit jener Zeit des unnachgiebigen Unterrichts nämlich gehe ich der Welt antiker Geschichte und Philosophie so unbefangen und selbstverständlich spazieren und kann noch immer alle römischen Kaiser (früher sogar mit Regierungszeiten) der Reihe nach aufzählen, dass ich ob dieser Reliquien meiner Schulzeit manchmal sehr verwundert bin. Caesar, Cicero - freilich mit k gesprochen - und auch Sallust lese ich als Zeichen meiner rückblickenden Anerkennung und in geheimer Komplizenschaft noch heute im Original. Bei den Ovidschen Metamorphosen hingegen schleichen sich vor allem durch mangelnde Gelegenheit der Erprobung und da ich mich seinerzeit nicht für ein Studium der klassischen Philologie erwärmen konnte, Jahr für Jahr ernsthafte Probleme beim Transfer des rhythmisierten Lateins ins Deutsche ein. Hier erschließe ich entgegen meines Gebots, Eleganz und Perfektion bei der Übersetzung eines solchen Autors müssen universal und ohne Ausnahme walten,  mittlerweile nur noch aus dem Kontext der mir bekannten Mythen. Ganz und gar gräßlich, die Talente von einst einfach vor die Hunde gehen zu sehen.

26. Juli 2011

Freie Tage, vol. 1

Voilà, der schikanöseste Abwasch der letzten Wochen wäre geschafft, die wolkenkratzerhohen Tellerberge mühsam bewältigt. Und ganz nebenbei klingelt DHL an der Haustür und bringt den gradiosesten, sündhaft teuersten Wintermantel, den ich je besessen habe. Schon beim Bestellvorgang: Schwindelerregende  Benommenheit als der Preis schwarz auf weiß nochmals zu sehen war, doch tapfer weitergeklickt. Aus dem unterbewussten Off folgen auf dem Fuße Gewissensqualen im altbekannten Kaufsuchtsblues-Modus. 
Jetzt noch hurtig durch zwei, drei Artikel der ZEIT gefegt, sonst wäre diese auch umsonst gekauft, dann höchst konzentrierte und messerscharfe Walter-Benjamin-Lektüre, kurze Laufrunde durch den Park bei vorhergesagtem Sonnenschein - schon allein, weil die verehrte Kaltmamsell meinen Bewegungshunger durch ihre sehnsuchtsvolle Illustration eines Parkläuferinnenidylls heute morgen so richtig angefeuert hat, quel pittoresque! Danach Kuchen backen für H., schließlich, wenn sich die Dämmerung über die Straßen von Mitte legt, Stammkneipe. 
Die Tagesbegleitung: Bedrohlich starker Kaffee, Apfelmus und Erdbeerkompott für den motivarischen Aspekt.

25. Juli 2011

retrospektiv I

Wie wir fröhlich angeschwipst um die Tischtennisplatte gerannt sind, die die X-berger WG bei jeder Party in M.s Zimmer aufgebaut hatte. Ich im Rüschenkleid mit Punkten, ein Budweiser in der Linken, die Jungs in ausgewaschenen Jeans und Cord. Später dann nicht mehr Mann gegen Mann, sondern ungestümer Wettlauf im Kreis. Die alten Kellen lässig in der Rechten, nur kein kostbares Bier auf die Holzdielen verschütten. Und wie ihr euch über meine Schlagtechnik und die zeitliche Verzögerung lustig gemacht habt damals. Laut ausgelacht habt ihr mich. Spätestens um eins war der Raum von hunderten gerauchten Kippen dann so verqualmt, der Ball derart schwer auszumachen in der Luft, dass wir uns entschlossen, nur noch chinesisch zu spielen. Schön war das. Nah fühlt es sich an, lebendig der Eindruck und doch kommen die Bilder aus einer Zeit, die unwiderruflich vorbei gegangen ist.

Get in touch again

Betörend-intensive Leibeserfahrung überkommt mich dieser Tage wie schon lang nicht mehr. Ein vor allem körperlich ausgelöster Hauch von Selbstpräsenz. Wie anders sich die Beine beim Gehen, Laufen, Springen heute angefühlt haben. Sonderbar gelöst das alles.
Beim Erfinden schriftrollenartiger To-DoBuy-Listen dreht die Traumtänzerei emsige Pirouetten. In der nächsten Zeit werde ich also unbedingt anschaffen müssen:

*endlich Kontaktlinsen (für professionalisiertes Squashen)
*einen pinken Lenkdrachen (damit ich Herrn S. im Herbst beim Abheben auf dem Tempfelhofer Flugfeld tapfer meinen Beistand leiste)
*eine Gymnastikmatte (es wird Zeit an meiner Dehnung zu arbeiten)
*ein Aufpiekser für Rechnungen, Quittungen etc. (Steuererklärung lässt grüßen)
*ein Paar veritable Laufschuhe für ungebremstes Gerenne
*lang und heiß ersehnte Cioran-Gesamtausgabe
*Tickets für Jupiter Jones am 18.11. im Astra (wo doch auf dem Hurricane keine Zeit dafür blieb)

In jene Planungseuphorie mischt sich auch ein ganz klein wenig Melancholie ob des zwar vorhersehbaren, doch nicht derart rasch erwarteten Todes von Amy W. Auch, weil das immer Selbsterlebtes auf den Plan ruft. Unfassbar, dreißig wärst Du dieses Jahr geworden.
In Hinblick auf das Ereignis und seine durchlebten Schatten bleibt mir daher - freilich mit etwas Galgenhumor - nur zu sagen: Club 27, f**k you! Unverbesserlich, gebrochen und verloren, ihr alle!

They tried to make me go to rehab, I said: 'No, no, no!'


24. Juli 2011

What's (y)our age again?

Samstagnacht, kurz vor halb eins. Eigentlich sollten wir irgendwo einen Drink zu uns nehmen, ein kleines bißchen die Kontrolle verlieren, später irgendwo wild tanzen. Wir müssten dazu nur vor die Tür gehen, gar nicht weit fahren. Stattdessen laufen wir wie von LSD-Taranteln gestochen um den heimischen Couchtisch und spielen Fangen, mal in Slowmo, mal mit richtig Tempo. Damit könnten wir uns wahrscheinlich noch stundenlang beschäftigen, bis die Sonne über Berlin aufgeht. Dass M. dieses Jahr noch dreißig wird und ich ihm schneller folgen werde als mir lieb ist - so wie die Jahre momentan rasen -, bleibt äußerst fragwürdig bei genauerer Analyse unserer Abendgestaltung.

23. Juli 2011

Weg vom Nikotin: Me, running

Ein Jahr ist es nun her, seit ich dem blauen Dunst - bei meiner Suchtaffinität bleibt zu hoffen endgültig - abgeschworen habe. Dass den Freunden die neue Lebensweise zunächst und teilweise bis heute nicht aufgefallen ist, beleuchtet die gesellschaftliche Belanglosigkeit jener Selbstdisziplinierung, die bei mir keineswegs in Gestalt einer langen Leidenserfahrung daherkam. Seitdem jedenfalls strafe ich stinkende Kippen mit überheblicher Mißachtung, setze den Fuß nicht mehr gleicher Leidenschaft in Raucherkneipen, wasche und bürste mich zumindest vom Scheitel bis zur Sohle, wenn mich eben jene Etablissments nächtens, mit Penetranz aus den Poren miefend, wieder ausspucken. Mit dem bissigen Geruch, der von Haut und Haar her strömt, kann ich nämlich heutzutage nicht mehr einschlafen.
Insgesamt ein Jahr, das sich viel weniger als Zerreißprobe darbot, so wie ich es in meinen kühnsten Horrorphantasien angenommen hatte. Ein Jahr, in dem ich mich außerordentlich tüchtig bewegt habe. Am intensivsten natürlich nach der unmittelbaren Entledigung des Lasters, also im (Spät-)sommer und Herbst 2010. Ja, einen Heidenschiss hatte ich vor dem Zunehmen, das die meisten Abstinenzler heimsucht! In meiner Vorstellungswelt führt 'dick sein' nämlich konsequent hinter 'dumm sein' die Liste der unerträglichen Lebensplagen an. Und so lief ich mit den denkbar schlechtesten Billiglaufschuhen an den Füßen, da ich meine extreme Flatterhaftigkeit zunächst auf eine Probe der Kontinuität stellen musste, bei Wind und Wetter durch den Park bis der schneereiche Dezember vor der Tür stand. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich die 10 km schon deutlich unter 50 Minuten laufen. Dann kam der Winter und die stressige Vorbereitung der Magisterabschlussprüfungen forderte, auch wenn ich die Bewegung nie gänzlich aufgab - ich schwamm weiterhin, spielte einmal die Woche Squash und fuhr den täglichen Arbeitsweg (Strecke: 16 km) mit dem Rad - ihren Tribut. Das Laufen habe ich trotz Halbmarathonplanung leider seitdem nicht nur vernachlässigt, sondern gänzlich aus den Augen verloren. Ich befürchte gar, die 10 km würden mich momentan ganz bestimmt mehr als eine ganze Stunde kosten, denn leider ist mir das Laufen von jeher, ganz im Gegensatz zum Schwimmen und Radfahren etwa, am Anfang stets eine richtige Herausforderung gewesen. Wahrlich, ein beständiges Malträtieren meinerselbst, fühlt es sich in der Eingewöhnungsphase doch ganz und gar unnatürlich an und erweist sich von außen in diesen ersten Wochen ganz bestimmt nicht als sportive Augenweide. Mein Liebster läuft übrigens ohne sichtliche Kraftanstrengung auch nach längster Abstinenz wie ein junger Gott, während ich wie ein brodelnder Dampfkessel hinterherkriechen müsste, würden wir zusammen unsere Runden drehen. Dabei ist das zeitliche Durchhalten weniger ein Problem. Selbst untrainiert kann ich dank guter Grundkondition locker mindestens 30 Minuten am Stück laufen ohne zwischendurch verschnaufen zu müssen. Doch die eigentümliche Selbsterfahrung, das Keuchen, das gelegentliche Stolpern, das Vorankriechen. Das kann doch nicht im Ernst alles an schlechten Laufschuhen liegen?! Allen Unwägbarkeiten zum Trotz, ist es nun an der Zeit, erneut zu beginnen, finde ich. Diesmal mit guten Schuhen und einer Laufbandanalyse und ohne Ipod, der lenkt mich mit seiner Taktvorgabe nur ab. Jahr 2 verlangt nach neuen, ernstzunehmenden Ritualen und außerdem sehen nach ein paar Wochen regelmäßigen Laufens meine Beine in Pumps und Stiefeln einfach exzellent athletisch aus.

22. Juli 2011

Das archivierte Ich

Beständiger Verlust der Überbleibsel eines Selbst, wenn es das überhaupt gibt. Fragmente innerer Erfahrungen, all dies direkt empfundene Intensität und unwiederholbare Singularitäten. Und immer noch sind mir Stift und Papier selbstverständlicher zuhanden als behäbige Tasten. Um das aufzufangen, was sich unmittelbar erlebt da drinnen. Dasjenige nämlich, das bereits verschwindet, wenn die Worte in die stumme Erfahrungswelt einbrechen. Wie Fotos, die an den Rändern langsam verblassen, kann auch meine Hand den Impressionen nur unzureichend folgen, hinkt in ausladenden Bögen hinterher. Doch gehe ich mir, auf solche Art papierern festgehalten, immer wieder verloren zwischen Altpapier und Rechnungen, schmeiße ich wöchentlich missglückte Identitätstiftung in die blaue Tonne. Daher der verwegene Versuch, viel mehr noch hier, genau an dieser Stelle, zum Zwecke späterer Verfügbarkeit festzuhalten. Sprachlich auch noch das abbilden, was der unruhige Verstand als umnachtete Phantasmen gebiert. Verkettete Idiosynkrasien,  Exkremente eines manchmal aus dem Ruder der Normalität gelaufenen, ganz und gar ungeordneten unstofflichen Metabolismus. Oft aber ziemlich profan das Ganze. Innehalten bei dem, was ich mir im Nachhinein nicht mehr zuschreiben kann, abschütteln will, und konfrontatives Atemholen, im Benjaminschen Sinne als Daseinsform der Komtemplation, ist vielleicht dies, was ich lernen will. Zulassen, was sich so mitteilen will und nicht immer gleich alles externalisieren, für das theoretische Besitzergreifen handhabbar gemacht. Und dann stoße ich heute peinlich berührt auf diesen Satz meines 19-jährigen Ichs und muss bei aller Distanzierung unverzüglich schmunzeln: kann keine klaren gedanken mehr formulieren, es fließt einfach alles runter, über, raus, ach keine ahnung. morgen revidiere ich, relativiere, nehme zurück, bereue, verstehe nicht mehr. Als ob es doch möglich wäre, das überzeitliche Zusammenbringen dieser Fäden. Als ob es jenseits aller philosophischer Revisionen einen unverrückbaren Teiler beider Selbst gibt bei allen Diskrepanzen.

21. Juli 2011

Vom Verlust der Fähigkeit zusammenhängend zu denken

Die Gesichtsfeldstudien noch nicht ganz ad acta gelegt, begleitet von Müdigkeit, die sich ins Gesicht frisst, bin ich in den letzten Wochen ganz und gar umschlugen von Gedanken. Jeglicher Versuch, sie zu ordnen, per se zum Scheitern verurteilt. Vollends entrückt, Arcade Fire immer wieder und in einer hypnotischen Dauerschleife. Etwas Zusammenhängendes schreiben? Reiner Utopismus dies. Bevor ich den Dingen Bedeutung anheften kann, sind sie auch schon vorbeigeschwirrt und ich inspiriert und wankend zugleich zurückgelassen: Es zerfiel mir alles in Teile, die Teile wieder in Teile, und nichts mehr ließ sich mit einem Begriff umspannen. Die einzelnen Worte schwammen um mich...

8. Juni 2011

Tägliche Exerzitien

Nach Montaignes Dafürhalten, könnten wir, stürzten wir auf einen Schlag ins Greisenalter, einen solchen Wechsel nicht ertragen. Seine kecken Beteuerungen, die Natur hätte es daher prophylaktisch eingerichtet - uns an ihrer Hand einen sanften Hang zu ihm hinunterführend - mit milder Allmählichkeit doch zugleich mit hartnäckiger Beständigkeit uns Stufe um Stufe, fast unmerklich, mühelos in diesen erbärmlichen Zustand gleiten und uns an ihn gewöhnen zu lassen, verheißen nur unzureihende metaphysische Tröstungen des vom einsetzenden Alter geschlagenen Endzwanzigerseelchens. Seit dem 26sten dann: Der morgendliche Blick in den Spiegel, noch milde verquollen, der abendliche hingegen eine kritische Detailbeobachtung, fast schon eine affektierte Langzeitstudie der sich verändernden Augenpartie. Befürchte, bald drehe ich Videos und lasse sie im Zeitraffer laufen, um mich noch mehr vor Prozessen zu fürchten, derer ich nicht habhaft werde. Die Gesamtkörperfleischmusterung fällt hingegen weniger kritisch aus. Die regelmäßige Bewegung, die jede  Rastlosigkeit mit sich bringt, trägt maßgeblich dazu bei, vermute ich. Alles durch und durch sportiv! Da kann man die argwöhnischen Beobachtungen in Entstehung befindlicher Lachfalten auch mal auf Eis legen und sich drängenderen Problemen widmen, dem Verkauf von im Rausche erstandener Kleidung bei Ebay bespielsweise, um entweder die Urlaubskasse geringfügig aufzubessern oder endlich das heiß ersehnte Specialized-Rad in lang ersehntes Eigentum zu verwandeln.

25. Mai 2011

Somnambules Bilanzieren

Überbleibsel eines Abends. Von den Scheinen meist nur ein paar Münzen übrig. Durch ein paar Hampeleien sonderbar erfrischt. Wenige Stunden verzauberten Dämmerns später dann dunkle Ränder unter den Augen, frühmorgendliches Gedankenchaos, die Hosentaschen voller Kronkorken und immer noch ein Ass im Ärmel.

22. Mai 2011

Semipermeable Wände

Unzählige Tage in dumpfer Intensität zugebracht, die sich in aufwühlenden Nachtträumen zuspitzt. Manchmal unsicher, ob sich nicht schon erste Zeichen von Wahnsinn an mir ausmachen lassen. Überhaupt dort drinnen endlose Verwirrung, pausenlos rastlose Überlegungen, die beim gedanklichen Zugriff sofort wieder zerfallen. Körperliche Unruhe gesellt sich dazu, unruhige Hände, die sich beständig rückversichern, ob es all das auch wirklich gibt, das Außen, die tasten und verloren in der Luft wedeln, die greifen wollen und sich bewegen. Hartnäckige Rückzugsphantasien, während das Lesepensum exponentiell in die Höhe schießt. Dennoch realisiertes Flüchten vor die Tür. Verlangsamt und merkwürdig entschleunigt als das. Beim Radfahren durch die ersten milden Nächte: Studenten auf dem blanken Bordstein vor der Weinerei sitzend, Schulter an Schulter, lachend aneinander angelehnt. Überall ein Flüstern und Raunen, Duft von längst schon verblühenden Kastanienblüten und bereits ein Hauch von Herbst in all dem. Und dann plötzlich spontane Ergriffenheit heute morgen im Morgenlicht auf dem Alex oder allabendlich auf dem Weg heimwärts. Stimmenfragmente aus den Cafés, die unwiderstehlich säuselnd an mein Ohr gelangen und die ich doch vorbeifahrend immer nur Sekunden mit mir trage, die dann schließlich abfallen von mir. So als betrifft mich immer nur ein Teil von dem allem, trifft nur ein kleiner Ausschnitt meinen Wahrnehmungshorizont und durchstößt die Wand der inneren Erfahrungswelt. Selten so deutlich gespürt, das. Diese eigene Opazität. Seltsam in diesem Zusammenhang wie vieles wortlos und unbedacht von mir abfällt, wie gleichzeitig weniges mich derart tief trifft, dass ich vergesse Luft zu holen.

25. April 2011

Halley

Als Kind habe ich mich sehr für Astronomie interessiert. Meinem drängenden Wissensdurst verschafften die unzähligen Sachbücher und Bildbände, Mondkarten und Kalendarien Linderung, die meine Eltern für mich besorgten. Als der Halleysche Komet das letzte Mal am mitteleuropäischen Firmament bestaunt werden konnte, wurde ich noch im selben Jahr drei Jahre alt. Klar, dass ich davon nichts bewusst mitbekam. An den schnell vergangenen frühlingshaften Feiertagen rief mein Vater mir die Leidenschaft nicht nur ins Gedächtnis zurück, sondern konstatierte nüchtern nahezu beiläufig gar, durch meinen in die Sterne guckenden Opa dazu angeregt, dass der Schwiegervater und er selbst den nächsten Besuch des Lichtstarken sicher nicht mehr erleben würden, bis dato sowieso längst verstorben seien, ich hingegen bei guter Lebensführung noch eine gute, wenngleich unsichere Chance hätte, das Spektakel mitzuerleben. 2061- unvorstellbar schon beim Schreiben. Und bis dahin, wenn es gelänge, alle aus denen ich hervorgegangen bin, die mich aufwachsen sahen und mich dabei viele Jahre unterstützt haben, bereits lange verloren zu haben und dennoch vielleicht, hoffentlich, selbst auf jene Kommenden zu blicken, die einen dann selbst bald verlieren werden, in denen das Gewesene lebendige Spuren zeitigt. Jene Kaskade der Gefühle,  jene traurigen Gedanken an das bevorstehende Sterben geliebter Menschen einerseits und an den unwiederruflichen, dadurch unberührten Kreislauf der Natur, von der wir ein Teil sind, andererseits, jene zarte Melancholie, von einer starken, schönen Aprilsonne beschienen, die mein Vater nicht voraussehen konnte, als er das Gespräch zu astronomischen Betrachtungen lenkte, nehme ich vom Land mit nach Hause in die Stadt. Nachdenklich stimmt sie mich, diese meine persönliche Ostergeschichte: Das stete Ineinandergreifen von Leben und Tod, die Gewissheit des Streben als Basis der Lebens, die Existenz und das Dasein jener Menschen genau beobachten, die einen umgeben, und bis in den kleinsten Lebensausdruck hinein studieren, damit eine Erinnerung bleibt, die man dem Tod trotzig entgegensetzen kann: Schau her, alles nimmst Du und doch bleibt immer etwas zurück, das Du nicht an Dich reißen kannst! All dessen eingedenk sein und sich ungeachtet der unvostellbaren Verluste, die mir bevorstehen, oder gerade deswegen freuen über viele noch ungelebte, jedoch bevorstehende Momente. Ab jetzt jeden Tag, jede Stunde nutzen wollen, denkt man sich von der Tatkraft der Frühlings angestachelt: Ja, ich möchte öfter anrufen, Karten schreiben und euch besuchen. Und sollte ich 2061 noch am Leben sein, werde ich vielleicht mit Kindern und Enkeln, in den Ort meiner frühen Kindheit, bevor meine Eltern nach Berlin zogen, zurückkehren, mit Teleskop und Karte. Den Blick an den dann kurzzeitig um eine Erscheinung reicheren Himmel geheftet, werde ich erzählen von Ostern 2011; wie wir alle in die Sterne guckten und schwiegen, nachdem mein Vater das mit dem Halleyschen Kometen erzählt hatte und wir die stillen Minuten in verschiedenen Körpern zwar, von denen nur noch meiner bis dann vielleicht am Leben sein wird, jedoch von ähnlicher Melancholie getragen, so bewusst erlebten. 2061: Antizipativ annehmen, was bis dahin geschehen ist, sich aber nichts davon jetzt, 2011, vorstellen zu können, das ist der Trost, den das Leben bereithält. Alles andere wäre ehrlich gesagt auch unerträglich nüchtern und unromantisch. 2061, das sind nicht nur ich und die Himmelserscheinung, das wäre auch lebendige Erinnerung. Vielleicht und hoffentlich sogar gelebte Erinnerung.

20. April 2011

753

Was wäre, wenn die Zitzen der Kapitolinischen Wölfin anstatt mit schnöder Milch mit saftig-herber Club Mate prall gefüllt gewesen wären damals? schießt es mir - mit 30 km/h durch den dichten Straßenverkehr radelnd - durch die hintersten Hirnwindungen. Hach, wie sie sich wohl entwickelt  hätte, diese verflixte Weltgeschichte, wären die glorreichen R.R.-Twins in diesen Genuss gekommen...

19. April 2011

Ballaststoffe

Von den Jahren des existenzgefährenden Konsums, der Gier, des degenerierten Begehrens nach Objekten, die man unüberlegt und manisch beständig gegen Geld eintauscht, das man selbst nie besessen hat, von dieser Zeit der Entfesselung des Verstandes legen drei, ab dem point of no return gut gefüllte und sorgsam geführte Leitz-Ringordner ein stilles doch umso deutlicheres Zeugnis ab. Darin: hunderte Mahnschreiben, Zahlungsaufforderungen, Gerichtsbeschlüsse, Aufforderungen zu Offenbarungseiden, Ankündigungen von Gerichtsvollziehern und all das in regenbogenfarbenen Briefumschlägen übermittelt . Nun, nachdem ich die letzten Euros mühsam abgestottert habe und im Freundeskreis wohl die einzige bin, die jetzt am Ende eines auch manchmal aus der finanziellen Not heraus, aber zum Glück hauptsächlich aus Interesse in die Länge gezogenen Studiums, von sich behaupten kann, die Untiefen des Schuldensumpfes erstmal hinter mir zu haben. Ein populärer Auserkorener des Unterschichtenfernsehens wäre stolz auf mich.
Was bleibt: Die feste Gewissheit, dass aller Konsum, so ereignisreich und beglückend er sich anfänglich anfühlt, weder gute Freunde noch das Gefühl von Anerkennung ersetzen kann, dass die Beziehung zu den Eltern (nicht nur räumlichen) Abstands und gleichzeitig mutiger Konfrontationen bedarf, um danach umso befriedigender und ehrlicher zu sein, dass die Auseinandersetzung mit der existentiellen Bedrohung, die jede Sucht mit sich bringt und der man sich anfangs noch wehrlos ausgeliefert sah, einen schneller erwachsen werden lässt als andere Mitzwanziger. Von den angehäuften Massen an inzwischen immer bedeutungslos werdenen Objekten ganz zu schweigen. Der monatliche Verkauf dieser Kleidungsstücke und Accessoires (die inzwischen durch Flohmärkte reduzierte Masse schockt immer noch die meisten meiner Freunde) über Ebay spült im Austausch gegen fast immer Ungetragenes mit Etikett zumindest den einen oder anderen Euro in die marodierte Kasse zurück. Aber das Gefühl dies alles, den ganzen Ballast, nun endlich loslassen zu können, ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. 21 000 € verprasst, verschenkt, verloren. Was ich davon hätte reisen können mit Mitte zwanzig. Aber denken wir nicht weiter drüber nach.

16. April 2011

Leben=Sehnsucht, die im Körper brennt

Mach Dir bitte keine Sorgen, es geht gut ohne Dich! Entweder heute oder morgen wird's besser und an sich...Hat's schon schlimmer weh getan, hat's schon dunkler ausgesehen...Von dieser Stimme ganz durchdrungen ist mein beständiges Ringen um die Fassung. Unwiederbringliche Rückwärtsdeutung eines Ereignisses und ich durch dieses, was außer meiner Macht stand, für immer getroffen. Doch der Schmerz wandelt sich. Wird heller irgendwie. Haben mich vor einem Jahr noch Stricknadeln durchbohrt, treffen mich jetzt die kleineren Stiche, wenn ich auf der Suche nach ein bißchen von Dir Deine Stimme nicht mehr finden kann. Mich nicht mehr erinnere, wie Du das eine oder andere gesagt hast. Und dann manchmal, ganz unerwartet, sehe ich Dich haargenau vor mir, mit spöttischem Mundwinkelzucken und Filou-Augenzwickern. Dann bin ich von Überraschung, Entzückung und Traurigkeit immer gleichermaßen durchbohrt.

10. April 2011

Abheben

Seit Mittwoch schon: diffus drängender Kaufimpuls, der sich an stündlich wechselnde Objekte der Begierde heftet. Mal Ballerinas von Zalando, mal Foucaults Dits et ecrits. Seither äußerst tapfer widerstanden und nun doch schwach geworden. In ein paar Tagen schon nenne ich die fabulöse Discraft Ultra-Star mein eigen. Möge diese offizielle Ultimate Wettkampfscheibe des Weltverbandes mich mit nackten Füßen im feuchten Gras also oft gen wolkenlosen Frühlingshimmel abheben lassen.

28. März 2011

Hinauf

Der Wanderer im Gebirge zu sich selber. — Es giebt sichere Anzeichen dafür, dass du vorwärts und höher hinauf gekommen bist: es ist jetzt freier und aussichtsreicher um dich als vordem, die Luft weht dich kühler, aber auch milder an, — du hast ja die Thorheit verlernt, Milde und Wärme zu verwechseln —, dein Gang ist lebhafter und fester geworden, Muth und Besonnenheit sind zusammen gewachsen: — aus allen diesen Gründen wird dein Weg jetzt einsamer sein dürfen und jedenfalls gefährlicher sein als dein früherer, wenn auch gewiss nicht in dem Maasse, als Die glauben, welche dich Wanderer vom dunstigen Thale aus auf dem Gebirge schreiten sehen.

Endlich, Urlaub!

27. März 2011

"Selig sind die, die mit ihren Nächsten die Bürde des Lebens tragen."

so Nobody im Italo-Western Il mio nome è Nessuno. Als größste Freundin des Genres schlägt mein Herz anlässlich des 3Sat-24h-Sonderprogramm Wilde Western Purzelbäume. Ich schwing mich dann mit Cowboystiefeln und Revolver bewaffnet mal in den heimischen Saloon.

26. März 2011

Mein obelixer Sturz in den Zaubertrank

Nach 200 Brotserwerbs- und Schöngeisteleifinanzierungsstunden, die ich neben der Dichtung der vorletztern Strophen meines Studienabschlussliedes diesen Monat hinter mich gebracht habe, waren die letzten Kraftreserven aufgebraucht. Alle Akkus endgültig leer, dachte ich als ich nach einem gewohnt langen Tag gestern die Haustür hinter mir schloss. Doch weit gefehlt. Auf dem Weg zur Bar nach einer kurzen Entspannungsrast daheim hatte ich meinem treuen Begleiter M. noch mein geballtes Leid geklagt, Hasstiraden hinsichtlich aller Abendverpflichtungen dargeboten, schlichtweg gequengelt wie ein kleines Kind. Kaum hatten wir die Bar betreten, waren die Freunde in Sicht, war ich verwandelt wie immer, kehrte alle Energie allmählich in Kopf, Glieder und Sinne zurück. Das Feuer loderte noch bis halb sechs und als es schon hell draußen geworden war, fiel ich müde und abgetanzt heimgekehrt, überglücklich in mein Bett.

20. März 2011

Amseln zählen

Der Frühling bringt mich in Bewegung - gedanklich und körperlich. Im Vorübergehen glitzert die Welt wie von feinstem Feenstaub bepudert: Überall Regung, Rascheln, Flüstern. Überall um mich herum ein fragiles Glitzern: Pulverisierte Welt aus tausenden Partikeln Zauberstaub errichtet. Es scheint fast so, als könnte ich mich wieder ein Stück greifen. Von Dir allein gelassen und doch immer begleitet. Deine Ferne mit jedem weiteren Schritt zu spüren und dennoch jetzt sicher zu sein, dass Dein Name und Dein Gesicht, Deine Worte und Deine Wärme mir so tief unter die Haut gingen, dass ich bis an mein eigenes Ende gezeichnet bin. All dies unzweifelbar.
Und wenn beim Laufen durch den Park die Amseln ihr verheißungsvolles Lied im Unterholz anstimmen, wenn M. sich nachts wie ein Katzenjunges an mich schmiegt, wenn ich mich, mit Kopfhörern in den Ohren und ganz in meine Welt versunken, schließlich daran erinnere, wie Deine Stimme bei manchen Liedern geklungen hat damals, dann weiß ich Dich in diesen kleinen Momenten des Glücks immer bei mir. Dann weiß ich, dass keine Minute hier umsonst gewesen ist.

18. März 2011

Vom Gesetz des Vitalen

Als gäbe es in meinem Kopf einen Kausalzusammenhang zwischen der Form sich zu gebärden und dem Grad der Vitaliät einer Person. Schon als Kind konnte ich diese ganz Stillen, Schüchternen und Ängstlichen nie ganz ernst nehmen. Ihre Art, sich vor Autoritäten zu verstecken, sich im schlimmsten Fall devot vor ihnen zu beugen. Das betraf vor allem ihre weitentwickelten Strategien, sich bei Referaten aus der Affäre zu ziehen, bei Parties glotzend und begutachtend, aber nahezu immer schweigend in der Ecke zu sitzen. Später, ihr ungeheurer Mut vom Prof. vor 60 Kommilitonen wiederholt dazu aufgefordert zu werden, endlich lauter zu sprechen, ist mir bis heute ein dunkles Rätsel geblieben. Manchmal paart sich diese ihre Rehkitzhaftigkeit mit gesundheitlicher Schwäche, minderer Entscheidungsfähigkeit und Hypersensibilität. Manchmal kommen diese Mädchenhaften mir vor wie kleine Veilchen am Wegesrand, die wie Silesius sagt blühen, weil sie blühen. Auch die Langsamen, die oft ebenso von zurückhaltender Natur sind, bieten mir offene Fragen. Ihre Bequemlichkeit, die sie ständig dazu veranlasst fernzusehen, lieber auf Taxi/Auto/Bahn zu setzen, statt zu laufen oder Fahrrad zu fahren, ihr Hang zum Fressen und Saufen, ihre intellektuelle Derbheit, ihr Bedürfnis, dass man nicht so schnell läuft, weniger schnell spricht und vor allem leiser. Wie sie im Schwimmbad darauf bedacht sind, mich wenigstens einmal einzuholen, nach vollbrachter Anstrengung aber erstmal am Beckenrand ausruhen, während ich ohne Pause weiterschwimme. Die Langsamen sind oft weder körperlich noch intellektuell wendig, sie schwimmen in den Fahrrinnen des Populären dahin. Gedanklich etwas wagen, das ist ihnen nichts, das spielt in ihrem Leben keine Rolle. Manchmal, wenn einer von ihnen, seine gedanklichen Gänge vor mir entwicklelt, dann ertappe ich mich dabei, wie ich beständig mit den Händen kurbele, in der Hoffnung er würde schneller sprechen oder endlich zum Punkt kommen. Mit einem Gefühl überkommender Ungeduld falle ich ihnen schließlich ins Wort, beende den Gedanken und übernehme die Sprecherrolle. Alles dies also: Diese aus meiner Perspektive in ihrer Vitalität irgendwie Gehemmten und Degenerierten bleiben mir zeitlebens unverständlich. Jene Vorstellung, wenngleich gedanklich verworrenen, demgemäß Aktivität als der Ausdruck und Gradmesser eines Lebens verstanden wird, verleitet mich beständig dazu, mir die immer gleiche Frage zu stellen: Wie (viel) Leben, wenn diese sich lieber verstecken oder ausruhen möchten?

17. März 2011

Falte

im Trockenen angekommen und inzwischen mit Tee versorgt, Papierhüte, weil bisher keine Ratsuchenden den Weg zu mir finden und denke darüber nach, während Herr G. hier mit Perücke vor meiner Nase herumtänzelt, wie gut mir doch eine Allonge barock-leibnizscher Provenienz stehen würde. Bin höchst angetan von dieser Vorstellung.

Winter, verpiss Dich, Du Spast!

Ich bins wirklich leid, echt. Kälte, Feuchte, Gräue, ihr KOTZT mich an! Aber sowas von! Den Leuten in der Bahn kann man inzwischen ansehen wie dünn ihnen die Haut schon geworden ist. Abgeschliffen von winterlicher Mühsal. Von Dunkelheit, Wind und Schnee. Wie Esspapier, das ich als Kind so mochte, sieht die meinige beim Blick in den Spiegel morgens aus. Irgendwie fragil, durchscheinend und anämisch.

16. März 2011

Nerven wie von Seidenraupen gemacht

Nervenstärke, Impulsivität und Kraft bieten den festen Unterbau meines Tugendkatalogs. Als aber gestern bei der Rückfahrt erneut starker Regen einsetzt und ich das Fahrrad mühsam durch die Pfützen nach vorne peitsche, derweil unachtsame Brummi- und Taxifahrer mir die durch ihr beherztes Gasgeben aufgewirbelten Fontänen Straßenschmutz nur so ins Gesicht rauschen lassen, und gerade weil diese Situation wie bei Täglich grüßt das Murmeltier sich ganz genau mit dem am Morgen bereits Durchlittenen deckt, schießen mir spätestens auf der von Berufsverkehr geradezu verstopften Leipziger Straße die Wuttränen in die Augen und ich schluchze und zittere hoch zu Drahtross am ganzen geschundenen Leib , fahre dennoch weiter. Wirklich lang her, dass mich dieses Gefühl zuletzt überkam, denke ich später zu Hause, nachdem ich durchnässte Kleidung und Schuhe endlich losgeworden bin.